Im Dunkel unserer Kanalisation wächst Großes

Umwelt Sogenannte Fettberge werden zum Problem für moderne Kanalisationen. In Großbritannien wurden kürzlich 40 Tonnen geborgen
Ausgabe 45/2019
Ein britischer Berg-, äh, Kanalarbeiter
Ein britischer Berg-, äh, Kanalarbeiter

Foto: Adrian Dennis/AFP/Getty Images

Zugeben, um die Natur ist es nicht allzu gut bestellt: Der Amazonas-Regenwald verbrennt, die Gletscher schmelzen, die Meere versauern, die Korallenriffe bleichen, Weideland verwüstet. Alles irgendwie unsere Schuld. Aber wir machen nicht alles kaputt, wir können auch erschaffen, und zwar Großes. Wir Menschen verstehen uns nämlich aufs Bergebauen. Ja wirklich, richtig schöne große Berge lassen wir entstehen, und das sogar mitten in den Städten. Dafür spülen findige Stadtbewohner das Konstruktionsmaterial einfach den Abfluss runter, das Wunder der Berg-Geburten geschieht dann vor neugierigen Augen geschützt in der Dunkelheit der Kanalisation. Dort verklumpen sich in die Finsternis hinabgesandte Frittierfette, Binden, Windeln, Feuchttücher und Kondome nämlich zu sogenannten Fettbergen. Zunächst sind sie ganz klein, aber gefüttert von ihren heimlichen Konstrukteuren wachsen sie auf stattliche Größen heran.

Gerade hat Thames Water, der private Betreiber der Londoner Kanalisation, wieder so einen Fettberg aus den Abwasserrohren der britischen Hauptstadt abgetragen. Stattliche 40 Tonnen soll er gewogen haben, und weil er auf britischem Boden gewachsen war, wurde der rote Doppeldecker-Bus als Vergleichsgröße herangezogen: Der Fettberg entsprach dem Gewicht dreier solcher Busse. Erstaunlich oft sind es britische und US-amerikanische Städte, die mit solchen Fettbergen Schlagzeilen machen, Anfang des Jahres etwa das südenglische Dorf Sidmouth mit einem Berg so lang wie sechs Doppeldecker-Busse. Zum einen wird in diesen Ländern das geeignete Konstruktionsmaterial massenhaft verwendet – und runtergespült –, zum anderen sind die Kanalisationssysteme dort alt und überlastet. So ein Fettberg verstopft dann schnell mal das Rohr oder lässt es sogar zerbersten. Kanalarbeiter müssen ihn deswegen abtragen, oft mühsam per Hand.

Ich will das jetzt einfach mal als Idee in den Raum stellen: Was wäre, wenn wir die Fettberge wachsen ließen?

Irgendwann hätten sie sich ihren Weg an die Oberfläche gebahnt, wo sie die doch allseits kritisierten Betonwüsten aufbrechen würden. Berge mitten in der Stadt! Kinder könnten auf ihnen spielen, beim Stürzen stets sanft vom Fett aufgefangen. Und wer weiß, vielleicht ließe sich ja sogar auf ihnen Ski fahren, ganz ohne Schnee?

Das Museum of London hat ein Stück Fettberg immerhin bereits in seine permanente Ausstellung aufgenommen, per Fatcam-Livestream im Internet sogar weltweit beobachtbar. Mit zusammengekniffenen Augen sieht es fast aus wie Schnee.

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