Im eigenen Spinnennetz

Pädophilie Etwa 30 Jahre lang missbraucht Bernd Kinder, ohne dass jemand Anzeige erstattet. Dabei kennt in seinem Heimatdorf jeder jeden. Teil 10 der "Berichte aus dem Dunklen"

Es beginnt alles mit dem Mofa, das Bernd sich von dem Geld kauft, das er Mitte der siebziger Jahre von der Verwandtschaft zur Konfirmation geschenkt bekommen hat. Der Erwerb eines Mofas ist in ländlichen Regionen so etwas wie ein Mannbarkeitsritual und erweitert die Bewegungsspielräume der Jugendlichen. Stolz dreht Bernd seine Runden durchs Dorf, das in den Ausläufern eines hessischen Mittelgebirges liegt. Einige seiner Bewohner sind noch Bauern, andere pendeln in die nächstgrößeren Städte, manche sind arbeitslos oder werden es bald sein. Noch kennt jeder jeden. Mitten im Ort liegen der Minigolf- und der Spielplatz, wo sich Kinder und Jugendliche treffen. Die kleineren Jungen beneiden Bernd um sein Mofa und sind begierig, mal eine Runde mitfahren zu dürfen. Sie steigen hinter ihm auf und schlingen ihre Arme um seine Hüften. Bei einer dieser Gelegenheiten merkt Bernd, dass ihm das gefällt.

Er bekommt eine Erektion. Bald bietet er den Jungen an, selbst fahren zu dürfen und steigt seinerseits hinten auf. Nun kann er sein Geschlecht an ihnen reiben und seine Hände über die Körper der Jungen wandern lassen. Immer öfter gleiten sie über ihre Oberschenkel und zwischen ihre Beine. Wehrt sich einer nicht, schlägt Bernd vor, zu einem Gartenhäuschen zu fahren, das auf dem Grundstück der Eltern eines Freundes steht. Dort zieht er den Jungen zu sich auf die Couch und beginnt ihn zu streicheln. Er versucht, mit seinen Händen unter das T-Shirt zu kommen, massiert den Rücken und tastet sich Richtung Po vor. Er wundert sich, wie bereitwillig sich die Jungen das gefallen lassen. Er selbst bleibt anfangs angezogen und onaniert später, wenn er zu Hause ist.

Sein Vater ist Beamter bei der Post und verschafft seinem Sohn nach dem Hauptschulabschluss dort eine Lehrstelle. Bernd pendelt zwischen Dorf und Stadt und arbeitet nach dem Ende der Ausbildung als Postschaffner und Sortierer im Schichtdienst. Das lässt ihm Möglichkeiten, seinen Neigungen nachzugehen und Kinder zu treffen. Er ist keineswegs nur auf Jungen festgelegt und fragt sich, ob sich auch Mädchen auf seine Annäherungen einlassen. Er merkt, dass das schwieriger ist. Die Geschlechterspannung zwischen ihm und den Mädchen bewirkt, dass sie in der Regel vorsichtiger sind und seine Berührungen abwehren.

Er leistet seinen Wehrdienst, dann ist alles wieder wie bisher

Anfangs macht er sich über all das kaum Gedanken, aber mit der Zeit wird ihm bewusst, dass er anders ist und dass das, was er tut, nicht nur moralisch fragwürdig, sondern auch ein Unrecht ist. Es beunruhigt ihn phasenweise sehr: ein Wurm sitzt in der Frucht seiner Normalität und droht sie auszuhöhlen. Es braucht ja nur eines seiner Opfer zu Hause etwas zu sagen, es kennen ihn ja alle. Da ist niemand, mit dem er reden, an den er sich wenden kann. „Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn es damals in meiner Umgebung ein Projekt gegeben hätte wie heute an der Berliner Charité, das Kein Täter werden heißt und sich an Männer mit pädophilen Neigungen wendet“, sagt Bernd rückblickend. Vielleicht hätte man ihm, als seine Pädophilie sich noch weitgehend im Bereich der Vorstellung abgespielt hat, beibringen können, wie er mit seinem Begehren umgehen und vermeiden kann, dass aus seinen Fantasien Taten werden.

Als bei seiner Musterung festgestellt wird, dass er einen Leistenbruch, eine Vorhautverengung und einen verkümmerten Hoden hat, sucht er seinen Hausarzt auf, um mit ihm die fällige Operation vorzubereiten. Er beschließt, sich dem Arzt anzuvertrauen und erzählt ihm, dass er sich zu Kindern, besonders zu Jungen hingezogen fühlt. „Das ist nichts Ungewöhnliches in deinem Alter, das geht vorüber“, sagt der Arzt, und weist ihn zur Operation ins Krankenhaus ein.

Bernd leistet seinen Wehrdienst ab und alles geht weiter wie bisher. Er wohnt zu Hause bei den Eltern und arbeitet bei der Post. Seine Freunde und Arbeitskollegen besuchen Diskotheken, haben Freundinnen und beginnen sich zu fragen, was mit Bernd los ist. Ist er bloß schüchtern oder am Ende gar schwul? Auch die Mutter registriert, dass mit Bernd etwas nicht stimmt. Gelegentlich fragt sie ihn, was er mit den Kindern macht, mit denen er seine Zeit verbringt? Er unternehme etwas mit ihnen, kümmere sich um sie, helfe ihnen bei den Schularbeiten, sonst sei da nichts. Die Mutter gibt sich mit seinen Erklärungen zufrieden.

Wer annimmt, es sei alles in Ordnung, obwohl nichts in Ordnung ist, der will glauben, dass alles in Ordnung ist. Die Eltern führen eine dieser Ehen, in denen die Männer die materielle Versorgung sicherstellen und mit ihren Emotionen sparsam umgehen. Die Frauen wenden sich, um ihrer sozialen und emotionalen Verkümmerung zu entgehen, mit ihren brachliegenden Bedürfnissen an eines ihrer Kinder. Die Mutter kocht für Bernd und macht seine Wäsche; er erledigt Einkäufe, chauffiert sie umher, fährt mit ihr in Urlaub. Ob bewusst oder nicht – dass sich Bernds Trieb in der Pubertät auf Kinder fixiert, ist für die Mutter der Garant dafür, dass er bei ihr bleiben und sie ihn nicht, wie seine beiden Brüder, an eine andere Frau verlieren wird.

Die Mutter kommt in die Klinik, er kümmert sich um die Kinder

Die Freunde nehmen Bernd auf ihre Touren mit und versuchen ihn mit Mädchen zu verkuppeln. Eine Party wird eigens zu dem Zweck organisiert, ihn mit einer bestimmten Frau zusammenzubringen. Die Sache scheint zu funktionieren, Bernd und Petra werden ein Paar. Alle atmen auf, aber in Wirklichkeit ist alles nur Tarnung. Petra hat gerade eine Scheidung hinter sich und vorerst nur Interesse an einer platonischen Beziehung, ihm liefert die Partnerschaft die gewünschte Fassade, hinter der er seinen Neigungen weiter nachgehen kann. Mehr noch: Sie eröffnet ihm neue Möglichkeiten und Handlungsfelder.

Petra hat zwei Kinder, mit denen er etwas unternimmt und über die er andere Kinder und deren Familien kennenlernt. Bernd geht mit den Kindern, die ihm die Eltern gutgläubig anvertrauen, ins Schwimmbad. Hier ergeben sich in der Umkleidekabine und unter der Dusche jede Menge Gelegenheiten, die Kinder nackt zu sehen und sich ihnen zu nähern. In der Umkleidekabine kommt es auch zum ersten intimen Kontakt mit einem Mädchen.

Er vergrößert seinen Aktionsradius und wird mit seinen Praktiken mutiger. Er mastubiert mit Jungen und Mädchen, es kommt zu Schenkel- und Oralverkehr. Er kauft sich einen Wohnwagen, später ein Wohnmobil, in die er Kinder nun auch manchmal über Nacht oder übers Wochenende einlädt. Er hat inzwischen eine neue Pseudopartnerin, die ihm den Zugang zu anderen Familien mit Kindern ermöglicht. Ende der achtziger Jahre schafft er sich eine Video-Kamera an und beginnt, versteckt und offen zu filmen, was er mit den Kindern anstellt. Sechs Filme entstehen im Laufe der Zeit, die ihm in Zeiten der „Flaute“ als Erinnerungsvorrat und Masturbationshilfe dienen.

Er gilt als netter Kerl und manche Eltern fühlen sich entlastet, wenn er etwas mit ihren Kindern unternimmt. Er profitiert davon, dass viele Eltern sich wenig um ihre Kinder kümmern und froh sind, wenn sie sich ihrer entledigen können. Die meisten seiner Opfer entstammen zerbrochenen oder verwahrlosten Familien und suchen regelrecht seine Nähe.

Er scheint den Kindern zu geben, was ihnen ihre Eltern vorenthalten: Zuwendung, Zeit und Aufmerksamkeit. Das Ganze basiert auf einer für die Kinder nicht durchschaubaren Sprachverwirrung: Das Kind wünscht sich, in der Sprache der Zärtlichkeit angesprochen zu werden, sehnt sich nach Aufmerksamkeit und Nähe. Bernd trägt seine Erregung in die Begegnung hinein und antwortet in der Sprache der sexuellen Leidenschaft. Aufmerksamkeit, Zuwendung und Sexualisierung verfilzen sich so zu einer Art Spinnennetz, in dem die Kinder sich verfangen.

Als eine alleinerziehende Mutter für sechs Wochen ins Krankenhaus muss, zieht Bernd bei ihr ein und „kümmert“ sich um ihre Kinder. Im Laufe der Zeit ist er dreifacher Patenonkel geworden. Die Patenkinder – zwei Mädchen und ein Junge – verbringen Wochenenden bei ihm und fahren mit ihm in Urlaub. Sie und ihre Geschwister werden seine Opfer.

Zwischendurch unternimmt er immer mal wieder Versuche, aufzuhören und sich erwachsenen Frauen zuzuwenden. Er gibt Bekanntschaftsanzeigen auf. Aber er kommt nicht los von seinem verhängnisvollen Begehren. Wie ein Junkie ständig seine Dosierung erhöht, so steigert Bernd die Frequenz seiner sexuellen Übergriffe. In den Anfangsjahren geschieht es ein Mal im Monat, später mehrmals pro Woche, am Ende beinahe täglich. Über 30 Jahre erstrecken sich seine Taten, ohne dass jemals Anzeige erstattet wird. Er schätzt, dass zwischen 120 und 150 Kinder zwischen drei und zwölf Jahren ihm insgesamt rund 1.000 Mal zum Opfer gefallen sind.

Manche Kinder missbraucht er über einen Zeitraum von sechs bis sieben Jahren, bis sie sich ihm an der Schwelle zur Pubertät entziehen oder er das Interesse an ihnen verliert, weil sie nun keine Kinder mehr sind. 2005 schickt ihn die Post, die sich ihrer verbeamteten Mitarbeiter entledigen möchte, in die Frühpensionierung, und er vertreibt die sich ausbreitende Leere, indem er seine Übergriffe intensiviert.

Er beginnt zu hoffen, dass ihn jemand aufhält

2006 stößt man auf ihn im Rahmen einer Fahndung, bei der nach Konsumenten von Internet-Kinderpornografie gesucht wird. Er erhält eine Geldstrafe, bleibt ansonsten aber unbehelligt. Er beginnt zu hoffen, dass irgendjemand seinem Treiben ein Ende setzen wird, den Schritt zur Selbstanzeige macht er aber nicht.

Stattdessen verleiht er eines Tages seinen Laptop an ein Mädchen aus der Nachbarschaft, das er Jahre zuvor ebenfalls missbraucht hat. Sie stößt im elektronischen Papierkorb auf das Foto eines nackten Mädchens, das sie kennt – und zieht das Bild auf ihren MP3-Player. Das Foto wird herumgereicht wie eine heiße Kartoffel, bis endlich die Tante des Kindes Anzeige erstattet.

Jetzt erst kommen umfangreiche Ermittlungen in Gang, die Behörden nehmen Bernd in Untersuchungshaft. Ein Gutachten stuft ihn als „Kernpädophilen“ ein und prognostiziert eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass er auch künftig Kinder sexuell missbrauchen wird. Gleichwohl sei er seinen sexuellen Regungen nicht hilflos ausgeliefert und deshalb schuldfähig. Im Jahr 2008 wird er zu einer Freiheitsstrafe von 13 Jahren und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Das Urteil zieht mehrere Zivilklagen auf Schmerzensgeld und Schadensersatz nach sich. Bernd akzeptiert das und ist erleichtert, „dass nun alles vorbei ist“.

Die Serie Berichte aus dem Dunklen versammelt in loser Folge Porträts von Menschen, die ein Verbrechen begangen haben. Die Geschichten versuchen zeitgenössische Antworten auf die alte Büchnersche Frage zu geben: Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?Der Autor Götz Eisenberg arbeitet beim psychologischen Dienst einer Haftanstalt in Butzbach. Namen, Orte und Jahreszahlen wurden vom Autor verändert. Der Erlös der Artikel wird zur Finanzierung von Kulturprojekten im Butzbacher Gefängnis verwendet

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Ihre Freitag-Redaktion

11:00 15.11.2010

Ausgabe 39/2020

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