Im eiskalten Nirgendwo

Polen/Belarus Die Kinder waren nach Tagen ohne Essen und Wasser kaum noch ansprechbar, die Großmutter konnte nicht mehr laufen: Was eine neunköpfige irakische Familie auf ihrer Flucht gen Europa erleben musste
Im eiskalten Nirgendwo
Die Grenzer verbergen ihre Gesichter hinter Sturmmasken oder haben versteinerte Mienen

Foto: Oskana Manchuk/BELTA/AFP

Curmi Abu kann nicht mehr gehen. Die alte Frau sitzt auf einer vom Regen durchweichten Plane im Wald unweit des Ortes Narewka. Der liegt außerhalb der von Polens Armee abgeriegelten Sperrzone an der Grenze zu Belarus. Zwei ihrer sieben Enkelkinder schmiegen sich an die Großmutter. Körper an Körper suchen sie in nassen Jacken und Hosen die Wärme des anderen. Ihr Atem bildet Dampfwolken in der Novemberkälte. Curmis vier Monate alte Enkelin sitzt neben der Großmutter auf dem Schoß der Mutter. Das Kind schaut aus tiefen Augenhöhlen auf eine absurde Szenerie. Eine Traube von Kamerateams aus Japan, Nordamerika und Europa richtet blitzende Apparate auf die vor ihnen im Dreck zitternden Menschen.

Da Polen der internationalen Presse den Zugang zu einer drei Kilometer tief ins eigene Staatsgebiet reichenden Sperrzone verweigert, sind Informationen über das, was geschieht, nur in Bruchstücken zu haben, gefiltert von den Behörden auf beiden Seiten der Grenze. So heißt es in Warschau offiziell, dass sich in der vergangenen Woche etwa 4.000 Migranten auf weißrussischem Territorium gesammelt und versucht hätten, den Grenzzaun mit Holzstämmen zu durchbrechen oder sich mit Spaten einen Weg unter dem Stacheldraht zu bahnen. Deshalb werde noch mehr Militär zusammengezogen. Die Regierung in Minsk wirft Polen mittlerweile den Gebrauch scharfer Munition vor, worauf in Warschau nicht reagiert wird. Hinter den Geflüchteten sollen weißrussische Militärs einen Riegel bilden. So richten offenbar zwei Armeen ihre Waffen aufeinander, während Tausende mittendrin einen Grenzzaun überwinden wollen. Die Polen sprechen davon, dass die Migranten nahe der Orte Krynki und Białowieża mit der Hilfe belarussischer Soldaten Rammböcke aus Holzstämmen bauen würden. Sie erhielten wie Baubrigaden Spaten und andere Werkzeuge in die Hand gedrückt, um den Grenzzaun zu zerlegen. Beweise für diese Behauptungen gibt es nicht, jedoch Erzählungen wie die von Anwar Abu, des Sohnes von Curmi Abu, der alten Frau auf dem Waldboden.

Polnische Pushbacks

Weißrussen in Uniform hätten seine Familie am 24. Oktober an die Grenze gebracht, berichtet Anwar. Er könne nicht sagen, ob es sich um die Armee oder den Grenzschutz gehandelt hat. Mit seiner betagten Mutter seien sie nicht sehr schnell vorangekommen, die Weißrussen hätten sie immer wieder angetrieben. Am Grenzzaun angekommen, seien sie dann plötzlich hilfsbereit gewesen. „Sie haben für uns den Stacheldraht mit einer Drahtschere aufgeschnitten“, so Anwar. Bevor aber seine neunköpfige Familie durch das Loch auf die andere Seite durfte, hätten die Erwachsenen ihre Smartphones abgeben müssen. Lebenswichtige Geräte im eiskalten Nirgendwo, mit denen sich ein Weg navigieren oder um Hilfe bitten lässt, waren verloren. Ohne Orientierung geriet die kurdische Familie immer tiefer in dichten Wald, bis die Herumirrenden auf polnische Soldaten trafen, die ihnen heiße Suppe und Tee anboten. Sie seien freundlicher gewesen als die Belarussen, meint Anwar. Doch setzten sie die Familie alsbald in einen Militärjeep und fuhren sie zurück an die Grenze, sie hätten aussteigen und zurück nach Belarus laufen müssen.

Viele auf Asylfragen spezialisierte Juristen nennen solche Aktionen unumwunden Pushbacks, die nach internationalem wie EU-Recht verboten sind. Sie verweisen darauf, Staaten können entscheiden, Asylanträge anzunehmen oder abzulehnen, aber sie sind verpflichtet, dies in einem ordentlichen Verfahren zu tun. Allerdings hat der polnische Sejm in diesem Jahr das sofortige Zurückführen nach illegalem Grenzübertritt für legitim erklärt. Seit dem Urteil des polnischen Verfassungsgerichts Anfang Oktober gilt EU-Recht ohnehin als in Teilen unvereinbar mit der polnischen Verfassung.

Alles in allem sei es für seine Familie in gut zwei Wochen neunmal zwischen Belarus und Polen hin- und hergegangen, so Anwar Abu. Schließlich hatte man Glück, fand unbeobachtet aus der Sperrzone heraus und versteckte sich in einer mit Laub bedeckten Mulde. Neun Personen kampierten von nun an unter freiem Himmel, ohne Zelte und unter klammen Decken, die in den Novembernächten Ostpolens am frühen Morgen mit Raureif überzogen waren. „Wir konnten kein Feuer anzünden, um uns zu wärmen. Damit hätten wir uns verraten“, erzählt Anwar. „Auch das Trinkwasser ging zu Ende, also haben wir nur noch schmutziges Wasser aus dem Wald getrunken.“ Ohne Smartphones, ohne Geld und Hoffnung blieb die Familie, wo sie gestrandet war und über kurz oder lang ein Grab auf gefrorenem Laub gefunden hätte, wäre sie nicht gefunden worden.

Ana Alboth von dem polnischen Helfernetzwerk „Grupa Granica“ muss an ihre eigenen beiden Kinder denken, als sie Anwar Abus Töchtern und Söhnen Mützen auf den Kopf setzt und ihnen dabei in die Wange knufft. Helfer in orangenen Westen verteilen Rote-Kreuz-Decken und Wärmefolien. Es gibt Tüten mit Proteinriegeln, mit Nüssen und Trockenobst. Die Kinder greifen zu, ihre Gesichter verziehen sich zu einem Lächeln. Ana Alboth berichtet einer Gruppe von Helfern aus Polen und Deutschland bei Pilzsuppe in einem Restaurant der Stadt Michałowo, in welchem Zustand die Familie war, als man auf sie gestoßen sei: Großmutter Curmi konnte sich nicht mehr erheben. Die Kinder seien nach Tagen ohne Essen und mit wenig Wasser kaum mehr ansprechbar gewesen. Wie durch ein Wunder waren zwei Frauen aus Syrien aufgetaucht, denen die Nummer von Grupa Granica bekannt war. Sie gaben Anwar Abu ihr Smartphone, damit er um Hilfe bitten konnte. Eine Aktivistin der Grupa Granica rief dann bei Ana Alboth an, die gerade ein Bündnis mit deutschen Hilfsorganisationen wie Leave No One Behind und Seebrücke Deutschland besiegelt hatte, die mit dem Bus von Berlin aus ins polnische Grenzgebiet gekommen waren. Sie hatten für ihre polnischen Partner 14 Kisten mit Ausrüstung zur Lebensrettung dabei.

Ana Alboth erkannte, welche Chance die Anwesenheit dieser Gäste für die kurdische Familie bedeutete. Sie bat zudem Journalisten, mit ihr zu den Gestrandeten aufzubrechen. „Damit stieg die Hoffnung, dass diese Familie in Polen doch Asyl beantragen konnte und nicht erneut zurückgeschickt werden würde.“ Zugleich informierte Grupa Granica den polnischen Grenzschutz über die Koordinaten des Fundorts.

Auf der Fahrt von Michałowo nach Narewka passierten die Fahrzeuge der Helfer und Journalisten polnische Militärtransporter. Am Himmel dröhnten Helikopter, Sirenen schrien aus der Ferne. In den Hotels der Region sei kein Zimmer mehr frei, weil die Regierung in Warschau viel Personal dort unterbringe, erzählten Helfer. Tatsächlich konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, als sammle sich Polen für einen Krieg. Womöglich geht es nicht nur um die Migranten mit ihren Spaten und Rammböcken aus Holz. Mateusz Janicki von Grupa Granica meint, ihn beschleiche ein mulmiges Gefühl angesichts dieses Aufmarsches an der Grenze. „In Polen glaubt niemand, dass Putin und Lukaschenko sich treffen und man in Moskau nicht genau Bescheid weiß, was in Minsk geplant ist. Viele befürchten, hinter dem Ganzen steckt mehr. Und ich weiß aus Gesprächen, wie es in den Herzen unserer Soldaten aussieht. Sie folgen ihren Befehlen, aber sie sind genauso fertig wie wir Helfer.“

Umdrehen, weiterlaufen

Die Grenzbeamten wirken angesichts der versammelten Weltpresse eher verärgert, als sie an dem von Grupa Granica übermittelten Ort des Notlagers von Anwar und Curmi Abu auftauchen. Einige verbergen ihre Gesichter hinter Sturmmasken, andere zeigen versteinerte Mienen. Sie treiben Reporter und Kameramänner unwirsch zur Seite und lassen sich die von der Nässe aufgeweichten Pässe von Anwar Abu und seiner Familie geben. Zwei Grenzschützer versuchen Curmi Abu aufzurichten, doch sackt die alte Frau immer wieder unter ihren Händen zusammen. Schließlich wird eine Krankentrage gebracht, Curmi auf die Liege gehoben und dann mit all ihrem Elend davon geschleppt. Der Rest der Familie erhebt sich und sammelt auf, was an Kleidung verstreut auf dem Waldboden liegt. Dann setzen sie sich in Wärmedecken gehüllt hinter den Uniformierten in Bewegung. Die Helfer weichen nicht von ihrer Seite. Die Journalisten bilden mit ihren Kameraleuten das Ende dieses Marsches der Rettung, heraus aus dem Wald. Eine polnische Fernsehreporterin kann ihre Tränen nicht zurückhalten. Sie wird von einer Kollegin in den Arm genommen.

Ana Alboth ist sich nicht sicher, ob sie erfolgreich sein wird. „Es kann auch sein, dass sie die schwer angeschlagene alte Frau ins Krankenhaus bringen und den Rest wieder zum Pushback in die Sperrzone schicken.“ Es sei keine Seltenheit, dass Familien getrennt würden, fügt sie hinzu.

Die Kälte kriecht auch durch die Kleidung der Journalisten. Die Socken in den Stiefeln sind nach nur wenigen Stunden im Wald klamm und feucht. Jeder ist froh, als wieder die Fahrzeuge bestiegen werden können, nachdem der Krankenwagen und das Geländeauto des polnischen Grenzschutzes mit der Familie aus dem Nordirak abgefahren sind. Ana Alboth bereitet sich mit ihren Leuten auf eine weitere lange Nacht vor. Sie werden wieder mit Infrarotlampen, mit Rucksäcken voller Wärmedecken und Thermoskannen für heißen Tee durch den Wald ziehen. Sie hätten schon Menschen ohne Schuhe angetroffen, sagt Ana. Sie befürchte, dass die Nacht kommen werde, in der sie über Leichen stolpere. „Wir erhalten aus der Sperrzone Anrufe von Migranten, die uns fragen, was sie mit Toten machen sollen, die sie finden.“ Bisher sei ihr ein solcher Fund erspart geblieben. „Besonders schlimm ist es, wenn wir auf Kinder stoßen, die wir am liebsten irgendwohin mitnehmen würden, wo es warm ist, aber das dürfen wir nicht. Wir geben ihnen heiße Suppe, müssen uns umdrehen und weiterlaufen. Es gibt bei uns in Polen einen zum Himmel schreienden Unterschied zwischen Moral und Recht.“

Der nächste Tag zeigt sich in strahlendem Sonnenschein. Für die kommende Nacht verheißt das einen klaren Sternenhimmel und Temperaturen unterhalb des Gefrierpunktes. Der Bus der deutschen Hilfsorganisationen ist wieder zurück nach Berlin. Er hatte keine Migranten an Bord.

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06:00 18.11.2021

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