Im Ernst

Wir und die Anderen Wissenschaftlichkeit muss auch politisch wirksam sein

Vor zwei Jahren veröffentlichte die Sozialwissenschhaftlerin Elisabeth Beck-Gernsheim den Titel Wir und die anderen. Darin beklagte sie die Rückständigkeit der deutschen Migrationsforschung. Bei uns herrsche Defizitorientierung und Betreuungsgestus vor. Die Perspektive der Migranten selbst sei völlig unterrepräsentiert. Das Normale, der vielfache individuelle Integrationserfolg sei kein Thema. Was für die Forschung gilt, gilt um so mehr für den publizistischen Raum: gefragt ist Exotik und Radau, nicht das Normale, sondern das Besondere.

Die Folgen sind aktuell zu besichtigen. Kaum forderten 50 Wissenschaftler "mehr Wissenschaftlichkeit im Migrationsdiskurs", da war sie auch schon fast völlig verschwunden. Christlichen und islamischen Fundamentalisten sind in den letzten Tagen bemerkenswerte Erfolge in der ideologischen Militarisierung ihrer Gesellschaften gelungen. Ihre Bevölkerungsmehrheiten verharren irritiert und geschockt vor den Bildermobilisierungen der Medien. Dazu gehören nicht nur Karikaturen, sondern auch die Bilder von brennenden westlichen Botschaften sowie bärtigen Männern, die in keiner Nachrichtensendung fehlen dürfen.

Sind die Wissenschaftler "für Wissenschaftlichkeit", die immerhin einen prominenten Platz in der Zeit fanden, also auf verlorenem Posten? Sie gehören nicht zur von Beck-Gernsheim beklagten Forschungsrichtung, sondern einige repräsentieren im Gegenteil eine Generation junger Migranten, die "ihre" Forschung selbst in die Hand nehmen. Sie beklagen die Popularität von "Boulevard-Storys" und "Erlebnisberichten" über misshandelte muslimische Mädchen, die empirische Erkenntnisse nicht ersetzen dürften. "Große Teile der Verwaltung, Ministerien und Medien" griffen lieber "auf unseriöse Pamphlete" zurück, "während die differenzierte wissenschaftliche Forschung kaum wahrgenommen wird".

Als sollte das erneut nachgewiesen werden, schlug die in dem Text namentlich angegriffene Autorin Necla Kelek publizistisch breitflächig zurück. Noch am Tag des Erscheinens des Textes wurde sie in der taz, der Süddeutschen und der Welt interviewt. Dabei drehte sie den Wissenschaftlern vor allem ihr letztes Argument ("kaum wahrgenommen") um: was hätten sie denn all die Jahre mit ihren Forschungsgeldern gemacht? Zwar richtet sie diesen Vorwurf in diesem Fall zum Teil an Leute, die sich nicht auf gemütlichen Lehrstühlen breit machen, sondern in prekären Beschäftigungsverhältnissen ihrer Arbeit nachgehen. Aber einen wunden Punkt hat sie dennoch getroffen.

Die medialen Diskurse funktionieren immer nach dem Muster der Komplexitätsreduktion. Türkische Frauen, die sich von ihrer Religion, ihrer Familie distanzieren und dabei gut schreiben und reden können, sind ideale Kronzeuginnen. Sie müssen sich sogar entsprechend stilisieren, um vom hiesigen Medienzirkus wahrgenommen zu werden. Die Abweichung muss es sein. So sind die hiesigen Diskursgesetze. Es hat wenig Sinn darüber zu lamentieren.

Die Kunst von Hochqualifizierten, eben von Wissenschaftlern muss es also heute sein, ihre komplexen Erkenntnisse so zuzubereiten, dass sie nicht nur in ihren Proseminaren verstanden werden, sondern zum Beispiel auch im Fernsehprogramm. Dafür muss man in der Lage sein, ein Drei-Minuten-Gespräch zu führen. Das ist kein Argument für Boulevardisierung. Es geht darum, die notwendige Wissenschaftlichkeit auch politisch wirksam zu machen. Denn die Lage ist zu ernst, um damit zu zögern.

Die Bilder, die wir in diesen Tagen sehen, sind geeignet, die Vernünftigen, die politisch und kulturell Interessierten, die Lernwilligen und Diskussionsbereiten zu demoralisieren. In Okzident und Orient weiß man um die herrschaftsstabilisierende Wirkung äußerer Feindbilder. In den meisten Ländern steht es nicht gut um die Regierungen, erweisen sie sich doch überwiegend unfähig zu einer sozialen Gestaltung der Globalisierung. Sie haben es also nötig, im Iran wie in den USA, in Syrien wie in der EU.

Es ist also nicht nur Wissenschaftlichkeit notwendig. Es ist auch an der Zeit, aus den Schneckenhäusern und Elfenbeintürmen herauszutreten. Es ist nötig, den Blick über das eigene Projekt und die jeweilige Ich-AG hinaus zu weiten für das, was am Horizont droht. Es ist die politische und kulturelle Verheerung, die in den Gesellschaften kriegführender Länder droht, die kollektive Verdächtigung gegen alle Andersartigen, sei es ihr Aussehen, sei es ihre politische Meinung oder ihre Herkunft und Religion. "Wir und die Anderen" - das muss jetzt geklärt werden; es duldet keinen Aufschub mehr.


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00:00 10.02.2006

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