Im exklusivsten Viertel der Welt

London Steve gehört zu den Tausenden Obdachlosen der Metropole. Auf dem Trafalgar Square betreibt der „Love Activist“ eine Suppenküche
Peter Stäuber | Ausgabe 08/2015
Im exklusivsten Viertel der Welt
Kultureller Clash: „Rough Sleepers“ am Southbank Centre

Foto: I-Images/Imago

Zwei Tage vor Weihnachten kam jemand in der Nacht und stahl den Koffer, in dem sie ihre Siebensachen verstaut hatten. Alle Kleider waren weg. Der Rest passt nun in ein paar Plastiktüten, die Nicola dicht beisammen neben sich gestellt hat. Sie und ihr Freund Scott brauchen nicht viel Platz in ihrem derzeitigen Asyl am Durchgang zwischen der NatWest-Bank und dem Sainsbury’s-Supermarkt. Ein paar Schritte sind es bis zur U-Bahnstation Charing Cross.

Nicolas Haar, das unter der Kapuze auf die Stirn fällt, muss vor langer Zeit einmal gebleicht worden sein, nur noch die Enden sind blond. Sie sieht müde aus und spricht langsam. Im Spital sagte man ihr gerade, sie leide an akutem Eisenmangel. Vor einem halben Jahr lebte die 31-Jährige noch in Buckie, einer Kleinstadt an der Nordküste Schottlands. Zusammen mit Scott (36) wohnte sie im Haus seines Vaters und arbeitete als Reinigungskraft in einem Hospital. Dann wollten beide in die Hauptstadt ziehen. Vier Monate ist es her. „Wir glaubten, schnell einen Job zu finden, hatten auch etwas Geld gespart. Aber hier ist alles so teuer, dass wir nach einer Woche blank waren“, erzählt Nicola. Seither leben sie auf der Straße.

Das Combined Homelessness and Information Network (CHAIN) hat genau nachgezählt: Von Juli bis September 2014 registrierte es 1.456 Rough Sleepers, die zum ersten Mal in ihrem Dasein kein Dach mehr über dem Kopf haben. Insgesamt lebten in jenen drei Monaten 2.704 Menschen auf der Straße, ein Anstieg von 15 Prozent gegenüber 2013. Die Zahlen für das gesamte Jahr sind noch nicht veröffentlicht. Es werden wieder mehr sein.

Eigentlich wollte London Obdachlosigkeit längst gebannt wissen. 2008 kündigte Bürgermeister Boris Johnson an, ab 2012 müsse niemand mehr auf der Straße leben. Das Versprechen war heiße Luft. Ein Drittel der von CHAIN registrierten Rough Sleepers stammt aus Osteuropa, die meisten aus Polen und Rumänien. Wie bei Nicola und Scott folgt auf die Ankunft in London umgehende Ernüchterung.

Der Strand – die von Charing Cross nach Osten führende Straße – verbindet mit der City of Westminster und der City of London die beiden historischen Zentren der Stadt. Früher wurde die Straße von den Prachtbauten des Hochadels gesäumt, von denen einige bis heute stehen. Somerset House etwa, einst die Residenz eines Herzogs, in der jetzt Eisläufer ihre Runden ziehen. In einem nahen Pub heckten Guy Fawkes und seine Mitverschwörer den Gunpowder Plot aus, um während der Parlamentseröffnung am 5. November 1605 den protestantischen König Jakob I. zu töten. Und 1897 fand hier vor dem Adelphi-Theater ein Mord statt, den Bertolt Brecht in seiner Dreigroschenoper Mackie Messer in die Schuhe schob.

Ohne Adresse kein Job

Nicola und Scott mögen die Menschen, die den Strand entlanggehen. „Hier sind viele sehr großzügig. Sie geben uns Geld oder Lebensmittel, manchmal sogar Bettwäsche“, sagt Nicola. Gestern habe ihr jemand fünf Pfund spendiert, heute sei ein schlechter Tag. Hinter der Kirche St Martin-in-the-Fields gibt es ein Obdachlosenzentrum, das ihnen bei der Wohnungssuche hilft. Wer selbst genügend Geld zusammenbringt, kann Beihilfen vom Staat beantragen. Es eilt: „Eigentlich hätte ich ein Angebot für einen Reinigungsjob“, sagt Nicola, „aber ohne Adresse muss ich verzichten.“

Der Mangel an Wohnraum ist für London ein Dauerthema, über das man seit vielen Jahren redet, ohne dass sich etwas ändert. Die Einwohnerzahl steigt, während der Wohnungsbau stagniert. Seit den 80er Jahren zieht es Einwanderer aus Europa und Übersee sowie Zuzügler aus dem Norden Englands ins prosperierende Kraftwerk der britischen Ökonomie. Mittlerweile wohnen geschätzte 8,6 Millionen Menschen in Greater London, so viele wie nie zuvor. Von 2011 bis 2021 müssten gemäß Regierungsangaben über 500.000 neue Wohnungen gebaut werden, doch nach heutigen Voraussagen werden es weniger als die Hälfte sein. Zugleich stehen über 80.000 Apartments leer. Für reiche Anleger ist es in vielen Fällen profitabler, eine Immobilie zu kaufen und Monate später zu einem höheren Preis wieder zu veräußern, als jemanden darin wohnen zu lassen. Londons Immobilienblase bläht sich auf, ein Ende ist nicht in Sicht.

Kürzlich besetzten 20 Obdachlose ein leerstehendes Gebäude an der Ecke Charing Cross Road und Strand, in dem bis vor zwei Jahren eine Bank logierte. Das ausladende, fünfstöckige Haus hat große Räume und eine Penthouse-Suite mit Blick auf die Stadt. Die Hausbesetzer nannten sich „Love Activists“ und versprachen einen gemeinsamen Mittagstisch für Obdachlose. Die Polizei mag keine Hausbesetzer. Schnell folgte die einstweilige Verfügung, dann der unsanfte Rauswurf.

„Als das passiert war, bauten wir auf der Straße eine Suppenküche auf“, erzählt Love-Aktivist Steve (35) mit schwerem nordenglischen Akzent. „Leute brachten Busladungen von Pullovern, Halsschleifen, Schlafsäcken und Socken, die wir an Obdachlose auf der Straße verteilten – es war phänomenal.“ Jetzt steht das provisorische Obdachlosenzentrum auf dem Trafalgar Square. Steve gehört weiter dazu mit seinem blonden Bart und der roten Schlupfmütze. Schneidezähne hat er nur noch im Oberkiefer, und die sind gelb und schwarz. Über die Anfänge seiner Obdachlosigkeit redet er nicht gern. Sein Sohn starb in der Kinderkrippe, danach habe er alles falsch gemacht und sich „wie ein Arschloch“ aufgeführt. Genaueres gibt er nicht preis. Nur so viel. Es dauerte zwei Jahre, bis er sich mit dem Verlust des Kindes abgefunden hatte. „Dann dachte ich, wenn schon obdachlos, warum dann nicht im exklusivsten Viertel der Welt wohnen? Seitdem bin ich hier, Postleitzahl W1.“

Die Suppenküche, die Steve und andere vor der National Gallery aufgebaut haben, besteht aus ein paar Planen, die über zwei Gitterwagen gespannt sind. Darunter gibt es einen Gaskocher, Kaffeebüchsen und verschiedene Sorten von Tee, Vollmilch und Halbmilch, jede Menge Kekse und Sandwiches. Vor der Kleidersammlung sitzt ein junger Mann in einem Bürostuhl und dreht sich eine Zigarette. Alle kennen Steve. Vielen habe er im vergangenen halben Jahr das Leben gerettet, sagt er über sich selbst. Er will sich das bestätigen lassen und winkt einen Mann mittleren Alters herbei. „Jay, du kennst mich, nicht wahr? Erzähl dem Journalisten hier, was ich für dich getan habe.“ Jay nuschelt jedoch dermaßen, dass nur Wortfetzen zu verstehen sind. „Brought tea … saved life … cried.“

George Orwells Bericht

„England ist ein sehr gutes Land, wenn man nicht arm ist“, schrieb George Orwell in seinem autobiografischen Werk Erledigt in Paris und London. Der Autor gehörte damals zu den Armen, zumindest lebte er wie einer. Sein Bericht aus dem London der Mittellosen führt den Leser in die Welt der Spikes, der Armenhäuser in den 20er Jahren, in denen man sich mit dreckigem Wasser wusch und danach in Hemden „von zweifelhafter Sauberkeit“ in winzigen, ungeheizten Zellen zu schlafen versuchte, dicht gedrängt und dem Nebenmann ins Gesicht atmend. Verglichen damit leben die Obdachlosen in London heute besser. Orwell empfahl die Nacht unter freiem Himmel als letzten Ausweg. Doch war damals nur am nördlichen Themse-Ufer das Schlafen auf Parkbänken erlaubt. Anderswo wurde man von der Polizei verjagt. Inzwischen ist es gestattet, auf der Straße oder in U-Bahnstationen zu nächtigen, sofern die Polizei kein „antisoziales Verhalten“ feststellt. Freilich sind für manchen Bürger schon provisorische Nachtlager neben einer Hausmauer ein Verstoß gegen die soziale Etikette. In einem Hauseingang bei der Southwark Bridge wurden im Vorjahr metallene Bolzen angebracht, um müde Obdachlose zu vertreiben. Doch war die Empörung in den sozialen Medien so heftig, dass der Eigentümer die Schikanen schleunigst entfernen musste.

Zum Obdachlosenzentrum der Manna Society gelangt man direkt am Bahnhof London Bridge. Auf dem Weg bietet sich ein Abstecher in eine andere Welt an – in den Shard beispielsweise, mit seinen 309 Metern das höchste Gebäude Westeuropas, nicht Europas überhaupt, denn ärgerlicherweise stehen in Moskau einige Bauten, die noch höher sind. Den Türsteher stört das nicht. Der Shard ist wichtig, und jeder, der hinein will, muss diesem Aufpasser sagen, was er dort zu tun hat. Rucksäcke gehen durch die Gepäckkontrolle wie vor einem Abflug. Dann in 23 Sekunden mit dem Lift in den 32. Stock. Es knackt in den Ohren. Während der Fahrt bespricht ein elegantes Paar die Abendpläne. „Ich gehe ins Gym“, sagt sie.

Im 32. Stock kann man die Aussicht entweder von der Bar oder vom Café aus genießen. Der Blick geht auf die Themse, hinter der sich die St.-Pauls-Kathedrale über den Dächern erhebt. Man sieht an diesem trüben Februartag bis zum Finanzzentrum Canary Wharf, viel weiter nicht. In den Stöcken 34 bis 52 des Shard ist das Hotel Shangri-La untergebracht, in dem man für 350 Pfund übernachten kann. Das Angebot „Romantik in den Wolken“ kostet 700 Pfund pro Zimmer, im Preis inbegriffen ist ein Blumenstrauß, den die Gäste bei ihrer Ankunft vorfinden.

Jede Menge Vermisste

Im Manna Centre riecht es nach Obdachlosigkeit. Nach alten, ungewaschenen Kleidern, in denen die Gäste an den Tischen hocken. Der Geruch mischt sich mit dem Aroma von Schweinebraten und Kartoffelbrei. Acht Helfer, die ehrenamtlich für die Wohltätigkeitsstiftung arbeiten, stehen in der Küche und kochen für die gut 200 Menschen, die hier jeden Tag vorbeikommen. Alle Tische im langen Saal sind besetzt, betagte Männer in dicken Mänteln beugen sich über die dampfenden Papierteller, andere tragen Jacken, die ihnen im britischen Winter wenig helfen. In einer Ecke wird Schach gespielt. Jede Menge Vermisstenanzeigen hängen von einer Pinnwand herab.

Neben der Mahlzeit bietet das Manna Centre Duschen, eine Kleiderbörse, Wohnungs- und Rechtshilfe sowie einen Gesundheitsdienst. Ellen, die seit zwei Jahren als Beraterin arbeitet, spricht in ihrem Büro dank eines Übersetzers gerade mit einem Spanier, der im Oktober nach London kam und auf der Suche nach einer neuen Bleibe ist. Bislang wohnt er in einem Obdachlosenheim, muss aber ausziehen, weil er einen Job gefunden hat:. Für drei Stunden am Tag hat ihn eine Reinigungsfirma angeheuert. Nun muss er um vier Uhr morgens aufbrechen, was gegen die Hausregeln seines Heims verstößt.

Eine Woche später sind Nicola und Scott weg. Der Türsteher im Supermarkt meint, er hätte sie vor zwei Tagen zum letzten Mal gesehen. Vielleicht haben sie genug Geld für ihre Anzahlung gespart und sind mittlerweile in einer Wohnung untergebracht. Oder sie sind nur in eine andere Passage gezogen, irgendwo im Stadtzentrum. Es ist kalt geworden, zwei Grad zeigt das Thermometer.

Peter Stäuber schrieb zuletzt über den NATO-Gegengipfel in Newport

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