Im Gespräch

Tanja Paulitz im Gespräch mit Wendy Faulkner Die britische Techniksoziologin Wendy Faulkner über Geschlechterrollen in einer Männerdomäne

Wendy Faulkner ist Professorin an der Science Studies Unit der University of Edinburgh in Großbritannien. Sie ist international bekannt durch Arbeiten an der Schnittstelle von feministischer Theorie und Technik. Im Gespräch mit Tanja Paulitz erläutert sie erste, noch unveröffentlichte Ergebnisse aus ihrer empirischen Studie zur Ingenieurkultur.


Freitag: In Ihrem aktuellen Forschungsprojekt fragen Sie, in welcher Weise die Berufskultur der Ingenieure geschlechtlich kodiert ist. Sie untersuchen besonders das alltägliche Handeln in privatwirtschaftlichen Organisationen, dieser klassischen Männerdomäne, und setzen dies in Beziehung zu den Bildern und Selbstbildern von Ingenieuren und Ingenieurinnen. Warum ist dieses Thema interessant? Wendy Faulkner: Die feministische Technikforschung hat bislang sehr wenig empirisch über die Entwicklung von Technologien und deren Entstehungskontexte geforscht. Dagegen liegen eine Menge spannender Arbeiten über die Art und Weise vor, wie Männer und Frauen Technologien nutzen. Die entscheidende Lücke besteht bei Fragen wie: Welche Wissensquellen nutzen die Ingenieure und Wissenschaftler, wenn sie Technik gestalten? Wie sind die Prozesse organisiert, in denen dieses Wissen in technische Artefakte einfließt? Der Mainstream der Wissenschafts- und Technikforschung hat zwar sozialwissenschaftliche Analysen zu diesen Fragen vorgelegt, ohne jedoch die Geschlechterperspektive ins Zentrum zu stellen. Es schien mir also überfällig, genaueren Einblick in die geschlechterrelevanten Aspekte der inneren Funktionsweisen der "Labore" technischer Entwicklung zu gewinnen. Ich denke außerdem, dass wir in Zukunft stärker auch die Konstruktion von Identitäten analysieren müssen, um besser zu verstehen, warum im Ingenieurbereich so extrem wenige Frauen beschäftigt sind. Diese Frage nach der subjektiven Identitätsbildung von Ingenieuren wird bisher viel zu wenig thematisiert.

Welche Bedeutung hat der Aspekt der Identitätsbildung für die Technikforschung? Frühere Arbeiten feministischer Technikforscherinnen, vorwiegend aus den 1980er Jahren, hatten argumentiert, dass in der Identitätsbildung der Männer in technischen Berufsfeldern Technikfaszination und Macht eng verwoben sind. Es wurde gesagt, ein großer Teil dieser Faszination sei in der Kontrollier- und Beherrschbarkeit technischer Objekte begründet. Wir haben zum Beispiel Beschreibungen von den Computerfreaks der frühen Hackerkulturen, die den Kontrollverlust und die Ohnmacht, die sie in zwischenmenschlichen Beziehungen erlebten, durch die Gestaltung und Steuerung von Maschinen symbolisch kompensierten. Auch Ingenieuren ist eine solche Persönlichkeitsstruktur und insbesondere Defizite auf der Ebene der sozialen Beziehungen attestiert worden. Dieser These bin ich in meiner empirischen Feldforschung nachgegangen: Die Befunde zeigen, dass der beschriebene Zusammenhang zwischen Macht und Ohnmacht sich in der Gegenwart differenzierter darstellt. Offenbar haben sich die Verhältnisse heute verändert. Die Berufskultur der Ingenieure ist vielfältiger geworden.

Für Ihre Studie haben Sie Ingenieure über längere Zeit an ihrem Arbeitsplatz begleitet. Was waren die wichtigsten Beobachtungen für die Geschlechterforschung? Meine Studie stellt zunächst die verbreitete Meinung in Frage, dass Ingenieurinnen die besseren sozialen Kompetenzen mitbringen. Diese Annahme lässt sich in der konkreten Berufspraxis absolut nicht beobachten oder eindeutig belegen. Im Gegenteil weisen meine Ergebnisse auf eklatante Widersprüche zwischen dem Stereotyp und der gelebten Praxis hin. Es zeigt sich, dass mit Hilfe des Stereotyps ständig eine bestimmte Sicht auf Weiblichkeit reproduziert wird: Die Arbeit von Ingenieurinnen nämlich wird immer geschlechtsspezifisch wahrgenommen - nämlich als sorgende, menschenbezogene Tätigkeit, die der Tätigkeit von Männern als technische Arbeit polar entgegengesetzt wird. So wird nicht nur die Wahrnehmung geschlechtlich konnotierter Arbeit fortwährend weiter festgeschrieben, sondern umgekehrt werden auch die tätigen Frauen eindeutig geschlechtlich festgelegt.

Meine Studie zeigt aber auch Tendenzen von Bewegung. Der wiederholte Hinweis auf den geringen Frauenanteil hat jedoch dazu geführt, dass man die Widersprüche und Komplexität der gelebten Wirklichkeit dieser Berufskultur bisher kaum beachtet hat. Betrachtet man die Ingenieurkultur jedoch genauer, wird deutlich, wie klein eigentlich die Zahl der Ingenieure (und Ingenieurinnen) ist, die dem herrschenden Stereotyp entsprechen und somit Stabilität und Tradition repräsentieren. Quantitativ betrachtet, sind die meisten IngenieurInnen weit davon entfernt, als Technikfreaks jenseits von sozialen Bindungen und Interessen zu gelten. Auch ihre Selbstbeschreibungen in den Interviews eröffnen eine bemerkenswerte Vielfalt. Allerdings hat die Analyse auch ergeben, dass das stereotype Bild des Ingenieurs regelmäßig als Maßstab auftaucht, wenn die Befragten über sich selbst sprechen. Selbst in der Abgrenzung davon bleibt das Bild wirksam und deutungsmächtig. In der Identitätsbildung können sich IngenieurInnen dazu nicht neutral verhalten. Auf der symbolischen Ebene sehe ich daher ein entscheidendes Moment der Stabilität. Es sieht also so aus, als wären die Leitbilder noch nicht wesentlich in Bewegung gekommen.

In welcher Weise lässt sich das beobachten? Haben Sie ein Beispiel? Obwohl ich bei Frauen die gleiche Technikfaszination im alltäglichen beruflichen Handeln sehen konnte, erlauben sie sich zum Beispiel nicht denselben Enthusiasmus, wenn sie über Technik sprechen. Das liegt an dem Stereotyp. Frauen riskieren hier ihre geschlechtliche Identität, wohingegen Männer die ihre bestätigen. Männer greifen auf Vokabeln der Spannung und Aufregung zurück, die eine leidenschaftliche Beziehung zur Technik ausdrücken.

Sie haben schon früher dafür plädiert, in der feministischen Technikforschung stärker nach der Konstruktion von Männlichkeit zu fragen. Welche Bedeutung hat das in Ihrer Studie? Ich habe schon erwähnt, dass den Ingenieurbereich neben den entschiedenen Technikfreaks eine ganze Reihe unterschiedlicher Männlichkeitstypen bevölkert. Es gibt die Praktiker, die häufig aus der Arbeiterklasse kommen. In Großbritannien bietet das Ingenieurwesen weitaus größere Chancen für eine soziale Aufwärtsmobilität als etwa die Rechtswissenschaften oder die Medizin. Neben diesen Ingenieuren, die in ihren Selbstbildern den praktischen Umgang mit Werkzeugen in den Vordergrund rücken, finden sich jedoch auch Ingenieure mit einem Mittelschichthintergrund, die etwa die Kunst des Networking perfekt beherrschen und auch selbstverständlich im Golfclub zu Hause sind. Ich könnte diese Aufzählung noch fortsetzen. Interessant ist, dass all diese Typen in der Ingenieurkultur wunderbar ko-existieren. Auch wenn das natürlich nicht ohne Konflikte bleibt. Es gibt eine sehr viel größere Bandbreite an Typen, die männliche Ingenieure verkörpern können, als dies bei Frauen der Fall ist.

Und wie sieht es mit der Konstruktion von Weiblichkeit in den Ingenieurberufen aus? Können Ihre Forschungsergebnisse dazu beitragen, den traditionellen Deutungsrahmen zu destabilisieren? Die Technikabstinenz von Frauen ist immer noch ein gängiges Klischee. Das Feld ist historisch und heute noch weitgehend männerdominiert.

Meine Forschung kann zeigen, dass im Ingenieurbereich keine signifikanten und substanziellen Unterschiede zwischen Männern und Frauen existieren. Zugleich wird sichtbar, wie heterogen die Gruppe ist, die wir IngenieurInnen nennen. Die unterschiedlichsten Persönlichkeitstypen landen im Ingenieurwesen. Und es gibt eine große Bandbreite an Anforderungen, die IngenieurInnen in ihrem alltäglichen beruflichen Handeln erfüllen müssen. Deswegen bietet dieser Bereich auch Platz für sehr unterschiedliche Menschen. Betrachtet man diese Ebene der konkreten Anforderungsprofile an den Beruf, so kann man sagen, dass die Kategorie Geschlecht in gewisser Weise an Relevanz verliert. Ich bin der Meinung, dass dualistische Zuschreibungen von Kompetenzen an Frauen und Männer zu kurz greifen. Auch theoretisch betrachtet halte ich eine essentialisierende Sicht auf das Arbeitsvermögen von Frauen und Männern für keinen überzeugenden Ansatz. Wenn man strategisch das Ziel verfolgt, den Ingenieurberuf weniger ausschließend zu gestalten und dieses Tätigkeitsfeld mehr Menschen zugänglich zu machen, muss man betonen, wie vielfältig Ingenieurarbeit eigentlich ist.

Sollte der Beschäftigung mit Technik ein systematischer Platz in der Analyse der Geschlechterverhältnisse zukommen? Aus meiner Sicht hat die Frauen- und Geschlechterforschung das Thema Technik in fast krimineller Weise vernachlässigt. Ich würde sogar sagen, dass die existierende feministische Technikforschung sowohl in den Gender Studies als auch im Mainstream der sozialwissenschaftlichen Technikforschung weitgehend unsichtbar bleibt. Und ironischerweise ist einer der Gründe dafür das Problem des Verhältnisses von Technik und Geschlecht selbst. Eben weil Technik nicht mit Frauen verbunden wird, hat die feministische Forschung sich diesem Gebiet kaum zugewandt. Das ist umso problematischer, weil unser soziales Leben grundlegend durch Technik geprägt ist und Technik zunehmend das Alltagsleben durchdringt. Alles, was wir heute als soziale Wesen tun, tun wir in Verbindung mit technischen Artefakten. Umgekehrt heißt das, dass diejenigen, die Technik entwickeln, großen Einfluss auf die Gestaltung der Gesellschaft haben. Daher müssen wir uns damit beschäftigen. Eine solche Technikforschung muss notwendigerweise interdisziplinär sein.

In welche Richtung sollten heute feministische Interventionen in das Feld der Technik weisen? Mein Forschungsansatz zielt darauf, sowohl die Auffassung von einer eindeutigen Geschlechterdifferenz in Bezug auf Technik zu entkräften, als auch die gegenteilige Auffassung, es gebe keine Unterschiede, in Frage zu stellen. Denn im Ingenieurbereich gibt es eine große Vielfalt, die aber nicht einfach mit der Geschlechterdifferenz erklärt werden kann. Und zugleich existieren immer noch eklatante Ungleichheiten qua Geschlecht. Daher brauchen wir auch heute noch Geschlecht als Analysekategorie.


Das Gespräch führte und übersetzte Tanja Paulitz

Tanja Paulitz lehrt an der Technischen Universität Berlin und forscht zur Zeit am Institute for Advanced Studies on Science, Technology and Society in Graz, Österreich, über "Kulturen technischen Konstruierens im Ingenieurbereich".

Zum Weiterlesen:

Wendy Faulkner, Erik Arnold (Hrsg.): Smothered by Invention: Technology in Women´s Lives. London 1985

Tanja Paulitz: Netzsubjektivität/en. Konstruktionen von Vernetzung als Technologien des sozialen Selbst. Eine empirische Untersuchung in Modellprojekten der Informatik. Münster 2005


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00:00 01.09.2006

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