Im Gespräch

Wolfgang Stumph über Kabarett damals in der DDR und heute in der BRD, über gute und schlechte Fernsehrollen und über sich als "Meister der subtilen Veräppelung"

Wolfgang Stumph, Jahrgang 1946: Nach Tätigkeit als Apparatebauer, Ingenieur- und Schauspielstudium trat er in dem Dresdner Kabarett "Die Herkuleskeule" auf (1980-91). 1991 gründete er das Kabarett-Trio "Antrak auf Stumphsinn" (mit Gunter Antrak und Detlef Rohde), das er bis 2006 leitete. Seine Fernsehrollen in "Salto Postale", "Salto Kommunale", und vor allem der ZDF-Krimiserie "Stubbe - von Fall zu Fall" machten ihn in Gesamtdeutschland populär. Stumph wirkte darüber hinaus in drei Kinofilmen (u.a. "Go, Trabi, go") und vielen Fernsehfilmen ("Der Job seines Lebens", "Eine Liebe in Königsberg") mit. Als Gefängniswärter Frosch steht er in der "Fledermaus"-Inszenierung der Semper-Oper auf der Bühne. Ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen (u.a. Premio Bacco Speciale, dem Preis der italienischen Filmkritiker, Eulenspiegel-Satirepreis, Bayrischer Fernsehpreis, Goldene Henne, Deutscher Fernsehpreis) engagiert er sich auch sozial und karikativ u.a. als UNICEF-Botschafter und Förderer eines Kinderheims in Volkersdorf bei Dresden.


FREITAG: "Stumpi" ohne Schnauzbart. Was ist passiert?
WOLFGANG STUMPH: An der Dresdner "Herkuleskeule" gab es den großen Volksschauspieler und Kabarettisten Hans Glauche. Dem war ich durch meine Mentalität, mein Aussehen, meine Sprache, meine Augenfarbe ähnlich, und da hieß es, ich mach den Glauche nach. Aber ich war ich, ich war Stumph, und um von der Ähnlichkeit wegzukommen, hab ich mir 1979 den Bart wachsen lassen. Und jetzt hat es ein Regisseur geschafft, Uwe Jansson, mich dazu zu bringen, für meine Rolle in Familie in anderen Umständen mir den Bart abzunehmen. Ich hab´s nicht bereut, die Figur, die ich da gespielt hab, die brauchte dieses Äußere.

Ganz schlimm war es also nicht. Was ist denn ganz schlimm in Ihrem Beruf?
Das Schlimmste ist, als Schauspieler wie eine Schachfigur benutzt zu werden. Wenn Kreativität, Mitsprache abgewiesen wird durch Regiedespoten.

Was das Schönste?
Diesen Beruf auszuüben als Kabarettist, als Schauspieler, als Einmischer. Genau das zu machen, was ich seit Jahrzehnten mache.

Seit Sie zum ersten Mal eine Bühne betreten haben, sind Sie politischer Kabarettist. Die Stadt Bodenwerder in Niedersachsen hat Ihnen den Münchhausen-Preis an die Brust geheftet - als "Meister der subtilen Veräppelung des real existierenden Sozialismus". Sie haben hinzugefügt: "... und der real existierenden sozialen Marktwirtschaft".
Richtig. Der einseitigen Festlegung, wie man das gerne sehen wollte aus dem Blick der Altbundesländer, der wollte ich nicht so zustimmen, weil ich prinzipiell als Kabarettist immer Kabarett gegen die mache, die Macht haben, Macht ausnutzen, Macht missbrauchen und immer so die "kleinen Leute" vertreten habe. So habe ich meine Aufgabe im Sozialismus gesehen, und so sehe ich sie seit ´89 in ganz Deutschland.

Warum machte Ihnen Kabarett in der DDR mehr Spaß als heute?
Jetzt ist es kein Reiz mehr, mutig zu sein. Es ist einfach nicht mehr spannend, denn man erreicht nichts. Früher waren wir geduldetes Ventil zum Luftablassen, heute fühle ich mich manchmal wie in einem luftleeren Raum.

Wo stehen Sie als Kabarettist?
Ein Kabarettist ist schlimmstenfalls Mitte-Links, sollte aber immer links sein. Wobei dieses "Links" breit gefächert ist. Auch bei den Grünen und in der SPD gibt es linke Richtungen.

Wie finden Sie Münteferings Äußerung, es wäre unfair, einen Politiker nach der Wahl an seine Versprechungen vor der Wahl zu erinnern?
Das ist eine schöne Satire eigentlich, das kann man gar nicht mehr überhöhen.

Was empfanden Sie, als eine Zuschauerin Sie bat, mit ihrem verzweifelten Mann zu sprechen, der seine Arbeit verloren hat?
Wenn jemand vor mir steht, der keinen Job mehr hat und ich kann mich vor Arbeit nicht retten, fühle ich mich machtlos, weil ich ihm keine Arbeit besorgen kann. Ich kann ihm nur die solidarische Gewissheit geben, dass mich das Problem quält, und ich kann ihm mit meiner künstlerischen Arbeit zeigen, dass ich Kritik übe und in der Arbeitslosigkeit das Übelste unserer jetzigen Gesellschaft sehe. Es ist überhaupt bloß eine Gesellschaft von Siegern und Verlierern, von Erfolgreichen und Erfolglosen, von Gesunden und Kranken und Schönen und Hässlichen. Es zählt nur ganz oben und ganz unten. Diejenigen, die von einer Mauer zwischen Ost und West reden, lenken von der wahren Mauer ab. Die verläuft zwischen Gewinnern und Verlierern. Das ist der große Widerspruch, dort ist die Mauer.

Sie werden beim exklusiven Dresdner Opernball im Januar auftreten. Wie ernsthaft oder komisch oder schlitzohrig wird sich "Stumpi" den "Reichen und Schönen" präsentieren?
Ich werde die Figur des angetrunkenen Gefängniswärters Frosch aus der Fledermaus nutzen, den ich in der Semper-Oper sowieso spiele. Wenn ich das heute schon machen müsste, Mitte Dezember, da wüsste ich, was auf alle Fälle kommen muss. Wenn ich die Ackermann- und Esser-Geschichte sehe, dann sage ich mir: Naja, das ist eigentlich ein schönes Muster; wie man Gerechtigkeit und Recht nutzen kann in diesem Lande. Ich nehme mir 60 Euro von Ihnen ungerechterweise und gebe Ihnen 6 Euro zurück, und damit ist der Streit geklärt. Da hab ich 54 Euro gewonnen, und Sie haben 54 Euro eingebüßt. Man kann natürlich noch ein paar Nullen dranhängen. Dann kommen wir auf die 60 Millionen, die die beiden Herren bezahlt haben.

Friedrich Schorlemmer brachte die deutschen Zustände auf die Kurzformel: "Soviel Ungerechtigkeit und Unrecht bei so wenig Empörung." Es gäbe nur wenige Menschen mit "geschärftem Gewissen". Meinen Sie, dass die Kunst heutzutage genug tut, um - wie in der DDR vor der "Wende" - an der "Schärfung des Gewissens" zu arbeiten?
Nein, ich glaube, sie tut weniger. Sie ist viel unterhaltender und viel marktorientierter, um gekauft, gesehen oder gehört zu werden, als dass sie inhaltlich Mut hat, mit brisanten Themen auch anzuecken. Ich glaube schon, dass die Künstler in der DDR insbesondere im Theater und in der Literatur viel, viel mutiger waren, als sie es heute sind.

Seit der "Wende" traten Sie mit Ihrem Drei-Personen-Kabarett "Antrak auf Stumphsinn" in vielen Städten und Dörfern auf, selbst vor nur 200 Zuschauern. Sie sagten, Kabarett sei für Sie Lebens-Mittel, das Sie im Fernsehen nicht richtig ausleben könnten. "Manche müssen in den Keller schreien gehen, ich muss auf die Kabarettbühne." Sie lassen "Antrak auf Stumphsinn" auslaufen. Gehen Sie künftig in den Keller schreien?
Nein. Ich habe festgestellt, dass ich mit solchen Filmen wie Job seines Lebens oder mit tragisch-komischen Geschichten wie Schwalbennest oder Bis zum Horizont und weiter bei Leuten mehr bewegen kann, als wenn ich unter Gleichgesinnten, die mit mir sowieso übereinstimmen, auftrete. In Filmen wie Der Job seines Lebens sind die aktuellen Anspielungen alle da, ich weiß bloß manchmal nicht, ob man noch viel derber sein müsste. Vor der "Wende" entdeckten die Leute immer die zweite Ebene, die Botschaft in einem Bild, einer Metapher; heute habe ich das Gefühl, man muss es immer direkt reinhämmern, und so hart, so beleidigend, so menschenverachtend wie möglich, um noch gehört zu werden. Das ist aber nicht meins, und deswegen will ich mich auch nicht anpassen. Ich werde mit einem, sagen wir, sächsisch-schweykischen Humor und entsprechender Satire meine Arbeit weitermachen.

Und das Live-Erlebnis auf der Kabarettbühne?
Das Live-Erlebnis, die Reaktion des Zuschauers, das ist ein Fieberthermometer der Stimmung im Lande. Ich will an einem Soloprogramm arbeiten, ohne Hast, vielleicht wird es Höchst persönlich heißen und gar nicht soo zum Schenkelklopfen sein. Das ist wie Bart abmachen, das ist eine besondre Aufgabe, da muss mein "Stumphsinn" drin sein.

Mit welcher Haltung gehen Sie an Ihre Arbeit heran?
Harmoniesüchtig, teamworkhaft, gebend, nie egoistisch. Ich habe nie auf der Gewinnerseite gelebt. Keinen Vater, kurz nach dem Kriege aufgewachsen, keine reichen Eltern, die Lehre erkämpft, den Studienplatz erkämpft, den Platz erkämpft, wo die eigenen künstlerischen und politischen Ideen realisiert werden können. Mir wurde nichts geschenkt. Deswegen gehe ich auch, fast typisch für einen Sachsen, mit dem Erreichten viel behutsamer um als jemand, der kam, sah und siegte.

Worin sehen Sie den Grund für Ihre Popularität auch bei westdeutschen Zuschauern?
Darin, dass Ich die Probleme zwar mit der Mentalität und Sprache des Sachsen darstelle, aber nie aus einer rein ostdeutschen Sicht, sondern aus einer gesamtdeutschen. Das denke ich zumindest. Und: dass sich unser Kabarettstil in dieser Zeit orientiert, in der wir angekommen sind, und nicht ostalgisch rückwärtsgewandt ist.

Es fällt auf, dass der Ost-West-Konflikt in Ihren Aufführungen und Filmen im Laufe der Jahre an Brisanz verloren hat.
Das stimmt. Weil sich die Probleme in Deutschland gewandelt haben zu gemeinsamen Problemen. In Salto kommunale zum Beispiel war Mäßig nicht mehr so sehr der Westchef, den der Ostler auf die Schippe nimmt, sondern einer, der oben ist und Macht hat, während die andern keine Macht haben. Heute lacht der Westdeutsche an den gleichen Stellen wie der Ostdeutsche.

In Ihren Stories geht es immer wieder um Menschen, die sich gegen die Unmenschlichkeit des gesellschaftlichen Systems zur Wehr setzen.
Zur Spitze der großen Gewinner und teilweise auch Schmarotzer zu gehören - zum Beispiel nach einem Freispruch das Victory-Zeichen zu zeigen -, heißt ja nicht glücklich zu sein. Die Leute, die ich spiele, denen geht´s nicht darum, in Miami eine große Villa zu haben und in der Schweiz ein großes Konto oder die Steueroase in Monaco zu finden - die wollen sich entweder an den eigenen Haaren wieder hochziehen, um grade zu stehen, oder mit Partnern gemeinsam versuchen, doch ihr Glück zu finden, ihr kleines Glück

Ihre "Stubbe"-Filme sind Quotenrenner. Worauf führen Sie das zurück?
Es ist die Widerspiegelung menschlicher und sozialer und krimineller Dinge in der jeweiligen Zeit, wo die Filme rauskommen. Wenn man sich die Filme von ´95 anguckt, dann spiegeln die das Leben einer Familie wider, wie es ´95 war. Mit dem Älter- und Grauer-Werden Stubbes und dem Heranwachsen der 10-jährigen Christiane zur 22-jährigen Frau und der etwas behäbiger werdenden Tante Charlotte wird eine Fernsehfamilie auf einem anderen Niveau widergespiegelt als in einer Sitcom. Ich krieg viel Post von Leuten, die sagen: Ich gucke nicht Fernsehen, ich habe mir noch nie ein Autogramm schicken lassen, aber zu Ihren Stubbe-Filmen muss ich Ihnen das und das schreiben. Angesichts der Erwartungen, die da zum Ausdruck kommen, frage ich mich immer wieder: Habe ich das Recht, den Zuschauern mit meinen Sachen Lebenszeit zu klauen? Bei zwei Drehbüchern hab ich gesagt: Das machen wir nicht.

Fühlen Sie sich als Kriminalkommissar Stubbe irgendwie den von Peter Sodann und Jaecki Schwarz im Fernsehen gespielten Ost-Kriminalisten verbunden?
In der Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit, wie Sodann und Schwarz ihre Rollen spielen, sind mir die beiden wesentlich näher als alle anderen Fernseh-Kriminalisten. Jaecki Schwarz kommt mir auch in seiner Skurrilität sehr nahe.

Der Name des widerständigen Pfarrers der Dresdner Frauenkirche, den Sie in dem TV-Spektakel "Dresden" gespielt haben, fängt nicht mit Ihrem "St" an.
Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, diese Figur als Botschaft von mir zu spielen. Ich bin gebeten, teilweise gebettelt worden, die Rolle zu spielen. Aber als ich das Buch las und mir Literatur besorgt hatte, hatte ich ein leichtes Unbehagen, weil ich feststellte, dass es den progressiven Pfarrer, den ich fast symbolisch zu spielen hatte, real gar nicht gegeben hat in der Zeit ´45.

Warum haben Sie die Rolle dann gespielt?
Ich wollte gern in so´ner Produktion mal hospitieren, bei so einem Regisseur, bei so einem Kameramann, bei so einem Stoff, und mit sechs Tagen hat man natürlich nicht den Überblick, was in den 63 Drehtagen überhaupt passiert. Manchmal macht man im Leben Schritte, wo man sagt: Das war nicht meine Richtung, und das war´s in dem Fall.

Nicht nur, dass die Handlung des Films für die Dresdner unglaubwürdig war - dass am Schluss eines Kunstwerkes der Bundespräsident eine Rede hält, das wäre früher bei uns als Agitprop total verrissen worden.
Richtig, richtig.

Uwe Steimle meinte ja, in diesem "Schinken" sei die Geschichte "auf den neuesten Stand der Lüge" gebracht worden.
Das Gute an dem Film sehe ich darin, dass er, wie ich von Hamburgern, Saarbrückern und Westfalen weiß, außerhalb Dresdens eine große Sympathie für Dresden und sein Schicksal am 13./14. Februar 1945 erregt hat. Aber im Detail, muss ich sagen, ist das nicht der einzige Wert dieses Films. Ansonsten stehe ich dem Gesamtergebnis als Dresdner kritisch gegenüber.

Wie erklären Sie sich, dass ein so hervorragender Film wie "Sommer vorm Balkon" von Dresen/Kohlhaase in diesem Jahr keinerlei Auszeichnung erhalten hat?
Es gibt wenig Filme, die sich mit dem Hier und Heute beschäftigen, und zwar nicht nur in Deutschland; am ehesten wird die Wirklichkeit in Kriminalfilmen gezeigt. Den Produktionsfirmen, Vertrieben, Sendern geht es zuerst darum, dass die Filme sich rechnen. Und deshalb spiegeln sie in unserer Spaß- und Mediengesellschaft meistens die Spaßgesellschaft wider, siehe Sieben Zwerge. Wenn die Lobbys kein Interesse an deinem Erfolg haben und davon nicht profitieren, stehst du mit dem Ergebnis relativ klein und unbeachtet da. Die künstlerische Leistung allein reicht eben nicht.

Welcher Witz gefällt Ihnen momentan am besten?
Das ist eine witzarme Zeit, es gibt keine guten politischen Witze - eigentlich ein schlechtes Zeichen. Aber es gibt so viele schöne menschliche Witze, wo ich mich kaputtlache. Eine junge Frau sagt zur Mutter: "Du hast mir immer erklärt, Liebe geht durch den Magen. Ich hab jetzt endlich einen andern Weg gefunden."

Und Ihr Motto?
Ganz schön wird´s nie.

Das Gespräch führte Lothar Ehrlich


Wolfgang Stumph ist zu sehen am 22.12. um 23.35 Uhr in der ARD in der Weihnachstkomödie Ein Sack voll Geld; am 23.12.2006 und am 6.1.2007, jeweils um 20.15 Uhr im ZDF laufen die Stubbe-Krimis Von Fall zu Fall: Verhängnisvolle Freundschaft und Von Fall zu Fall:Schmutzige Geschäfte

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00:00 22.12.2006

Ausgabe 43/2021

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