Im Gespräch

SKANDALAUTOMAT Über die Funktion des Interviews in der neurechten Wochenzeitung "Junge Freiheit"

Interviews geben - wer sich auf dem Markt der Meinungen und Positionen behaupten will, giert danach: Politiker, Verbandsvertreter, Künstler, Literaten, Wissenschaftler und wer sonst meint, etwas zu sagen zu haben. Häufig ist das kaum der Rede wert, erst recht keine Nachricht. Eine spezielle Sorte Interviews freilich ist seit vielen Jahren immer wieder einmal eine Nachricht wert. Wenn sich ein Prominenter aus Politik oder Kultur auf die Interviewseite einer rechtsradikalen Postille wie der Jungen Freiheit (JF) verirrt oder dieses Podium gezielt gesucht hat, reagiert der Medienbetrieb bei nachrichtenarmer Lage gierig. Selten mit kompetenter Kritik, häufig nur mit Geschnatter.

Im Fall Hochhuth ging es wenigstens noch um den Gehalt des Interviews statt nur um die Tatsache, dass er es gewährt hat. Sein Lob auf David Irving, dessen zentrale Rolle in der internationalen Szene der Auschwitz-Leugner sich noch nicht bis zu dessen Freund, Hochhuth als dem "geschichtsmächtigsten" Autor seiner Generation (Martin Walser), herumgesprochen hatte, verdient wahrlich heftige Kritik. Viele Publizisten beschränkten ihre Lektüre indes kurzatmig auf ausgewählte Interview-Fragmente. Man könnte dies nachhaltigen Umgang mit Ressourcen nennen. Denn so war es Ralph Giordano möglich, Ende März eine neue Runde zu eröffnen. Das mit einigem Pathos vorgebrachte Geständnis, vor seiner massiven Kritik an Hochhuth dessen Interview gar nicht komplett gelesen zu haben, gab ihm nun Gelegenheit, Hochhuth als Vertreter der "Kollektivschuld"-These zu feiern.

Der allerdings stieg derweil ganz tief in den Untergrund antisemitischen Ressentiments und brachte seine Schürfung in der Schweizer Weltwoche ans Tageslicht. "Gäbe es in Deutschland nicht Paul Spiegel - gäbe es dort auch keine Antisemiten!", legte er dem französischen Politologen Alfred Grosser in der Mund. So knetete sich Hochhuth einen prominenten jüdischen Emigranten als Zeugen dafür, dass am Antisemitismus "die Juden" selbst schuld seien. Grosser bestreitet, Hochhuth dieses angebliche "Trostwort" übermittelt zu haben.

Die vom Medienbetrieb geförderte und honorierte Mischung aus Eil- oder Nichtlektüre, Schnellschreiberei und nicht zuletzt Kumpanei hatte es Hochhuth zuvor leicht gemacht, sich mit fadenscheinigen Argumenten zu verteidigen. So ließ man ihm unwidersprochen durchgehen, er habe die JF vor diesem Interview nicht gekannt. Wenn im heiß laufenden Betrieb schon kaum Zeit ist, den eine Zeitungsseite umfassenden Diskussionsgegenstand komplett zu lesen, ist wohl erst recht kaum Gelegenheit, auch nur Kleinigkeiten zu recherchieren. So wies (fast) niemand darauf hin, dass Hochhuth bereits im Oktober 2000 mit einem Interview in der JF präsent war. Der Gewinner bei diesen Blitzgefechten im Feuilleton ist jedes Mal die JF, die nach Medienresonanz lechzt und mit ihren Interviews einen Mechanismus gefunden hat, Resonanz zu erzeugen.

In einigen Fällen wäre Schweigen tatsächlich die angemessene Reaktion. Wenn ein abgehalfterter Sozialdemokrat und Ex-Minister wie Professor Friedhelm Farthmann mit seinen Thesen gegen Rot-Grün gerade mal noch im Wochenblatt der in die Jahre gekommenen Jungrechten mit Latinum ein Podium findet, sollte dieser Kanalarbeiter-Mief aus Gründen der Luftreinhaltung auch nicht weiter verbreitet werden. Egon Bahrs Interview-Äußerungen mögen Nostalgikern der Ära Brandt noch etwas bedeuten, sonst aber kaum jemand interessieren, um von den Bekenntnissen des späten Peter Glotz in der JF erst gar nicht zu reden. Die bekannten Positionen des Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) fanden per Interview im Wochenblatt des völkischen Nationalismus gleichfalls ihre Heimstätte, wenn auch leider nicht ihr Endlager. Buschkowsky hat sich mittlerweile mit einer persönlichen Erklärung entschuldigt. Merkwürdig bleibt, dass er ebenfalls die Zeitung zuvor nicht gekannt haben will, obwohl doch vor seinem Interview die JF-Auftritte seiner prominenten Parteifreunde gerade in der Hauptstadt-Presse Thema gewesen waren. Schon peinlich, dass die SPD in einer kürzlich präsentierten Broschüre zum Kampf gegen Rechtsextremismus gerade auch den eigenen Mitgliedern empfehlen muss, rechtsradikalen Blättern keine Interviews zu geben.

Um mehr als nur Resonanz in der Öffentlichkeit geht es der JF in anderen Interviews. In mehreren Gesprächen mit CDU-Politikern holte sich das Blatt politische Rückendeckung. Während die Verfassungsschutzämter von Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg vor der JF als Teil der "Neuen" Rechten beziehungsweise der extremen Rechten warnen, fraternisiert Jörg Schönbohm im Kampf gegen den "Kampf gegen Rechts" mit dem Chefredakteur des Blattes. Warb die JF früher mit einem Foto vom gemeinsamen Auftritt ihres Chefs Dieter Stein mit Horst Mahler bei der Frankfurter Buchmesse 1998 (das heißt: nach Mahlers antisemitischem coming out), saßen sich im November 2000 Stein und der brandenburgische Innenminister zu Interview und Foto-Shooting einträchtig gegenüber und entlarvten den Kampf gegen Rechts als strategisches Manöver gegen die Unionsparteien. Kaum unterscheidbar von der geschichtspolitischen Linie der JF meinte Schönbohm, "wir sollten ... endlich lernen, wieder unbefangen stolz auf unser Land sein zu können". Besser als der für Verfassung und Verfassungsschutz zuständige Minister kann man nicht praktisch bestätigen, was der Verfassungsschutzbericht des Landes Baden-Württemberg für das Jahr 2000 feststellte: "Die Redaktion der JF ist ... bemüht, extremistisches Gedankengut als national-konservatives zu verschleiern und bedient sich hierzu immer wieder der Bereitschaft von Politikern und sonstigen Personen zu Interviews."

Schönbohm blieb nicht der einzige Unionspolitiker, der im Kampf gegen den Kampf gegen Rechts gemeinsame Sache mit der JF machte. Und da blieb es nicht bei Interviews, da geht es um mehr als Fehlgriffe, die gelegentlich das Feuilleton erhitzen, um mehr auch als missverständliche Formulierungen und nur sporadische, punktuelle Übereinstimmungen. Als der CSU-Abgeordnete Wolfgang Götzer im Februar 2003 zum Interview in der JF antrat, bezog er sich nicht nur positiv auf Schönbohms Interview, sondern verlängerte dessen Linie. Götzer bedauerte ausdrücklich, dass der Kampf gegen Rechts nicht "am Ende" sei. Doch die Fragestunde im Bundestag, bei der Unionsabgeordnete die Förderung zivilgesellschaftlicher Initiativen skandalisierten, sei "ein Anfang". Die Fortsetzung reichte die CDU/CSU-Fraktion im Dezember 2004 in Gestalt einer Großen Anfrage ein. Deren Blaupause, Kolportagen über vermeintlichen Linksextremismus vieler vom Bündnis für Demokratie und Toleranz geförderter Initiativen, war zuvor als Artikel in der JF erschienen. Das zu erkennen, erfordert aber Zeit, die weite Teile des Medienbetriebs sich nicht nehmen wollen.

Der Autor ist Mitarbeiter beim Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) und Mitautor von Martin Dietzsch u.a.: Nation statt Demokratie. Sein und Design der "Jungen Freiheit", Unrast, Münster, 2004


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00:00 22.04.2005

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