Im Gewächshaus

Urbanes Wohnen Das eigene Heim in der Stadt muss nicht teuer sein. Vera Tollmann wohnt seit über einem Jahr in einem Halbfertighaus auf einem gepachteten Dach in Berlin

Die Stadt

Fährt man durch Berlin-Mitte oder Prenzlauer Berg, dann wird die Wahrnehmung dieser Bezirke durch die Bauaktivitäten von Investorenprojekten und Baugruppen geprägt. Nach der Abschaffung des sozialen Wohnungsbaus im Jahr 2003, der damit einhergehenden Immobilienspekulation und der Freigabe von Bauland wie dem Mauerstreifen ergriffen diese Akteure die Gelegenheit, das Eigenheim im Stadtzentrum zu verwirklichen. Muss man angesichts dieser Bauprojekte schlussfolgern, dass Bauen immer mit dem Erwerb eines Grundstücks, einer großen Rücklage von Geld oder der Aufnahme eines Kredits verbunden ist? Oder gibt es noch eine andere Lösung jenseits solcher Abhängigkeiten?

Das Dach

Auf der Dachfläche eines bestehenden Hauses, am besten eines Gewerbegebäudes, zu bauen, bietet eine Reihe von grundsätzlichen Vorteilen: Kein zusätzliches Grundstück ist nötig, ein Dach kann über ein paar Jahrzehnte gepachtet werden, für die Erschließung und Sicherung ist bereits gesorgt, es ist weniger aufwendig, an eine bestehende Infrastruktur (Heizung, Wasser, Strom, Telefon) anzuschließen als diese neu zu verlegen. Als architektonischen Anhaltspunkt für den Entwurf haben wir uns an den Weg gehalten, den die französischen Architekten Lacaton/Vassal seit Jahren schon mit Gewächshäusern unterschiedlicher Typen ausprobieren. Aber kann man ein Gewächshaus überhaupt an Wohnbedürfnisse anpassen? Und kann es eine ernstzunehmende Lowtech-Antwort auf aktuelle Stichworte wie Klimaschutz und ökologisches Bauen sein? Kann dabei ein preiswerter Prototyp für Berlin herauskommen? Wir sind – eine Arbeitshypothese – davon ausgegangen.

Das Haus

Seit über einem Jahr bewohnen wir jetzt das Haus. Es zu bauen, dauerte ein halbes Jahr. Die Planungs- und Bewilligungsphase hingegen hatte sich über ein gutes Jahr erstreckt. In seinem ersten Jahr hat das Haus schon eine Bibliografie generiert, sogar die chinesische Ausgabe des italienischen Architekturmagazins Abitare steht in der Liste. Wie nun das Wohnen im Gewächshaus auf einem Berliner Dach ist? Vermutlich ist ein Jahr keine Zeit für eine topologische Reflexion. Und selbst kann man sich nicht so befragen, wie es Philippe Boudon in seiner Rückkopplungsstudie nach 40 Jahren mit den Bewohnern der Le Corbusier-Siedlung im französischen Pessac getan hat. Vor allem nicht, wenn man jedes Detail kennt und über viele sichtbare Formen mitentschieden hat (Architekt: Christof Mayer). Daher gibt es eigentlich keinen Widerspruch zwischen Planung und Nutzung zu verhandeln. Ein Mentalitätswandel wie der, den Le Corbusier von den Pessac-Bewohnern einforderte, war ebenfalls nicht notwendig.

Anpassung schon, aber die stellte von Anfang an einen Teil des Plans dar. Denn bei dem Haus mit seinen beiden gemauerten Räumen (beheizbar) und dem offenen Mittelteil handelt es sich nicht um ein fertiges Produkt, der Aneignungsprozess geht weiter. Einer Anpassung bedürfen die Bereiche, die im Sommer zu warm und im Winter zu kühl sind. Dabei handelt es sich um die Flächen, die ausschließlich von der Gewächshaushülle – Folie und Polycarbonatplatten – umgeben sind (Mittelteil). Wie das gehen soll?

Die Anpassung

Ein paar Quadratmeter schwedisches Schneetarnnetz – ein weißes, leichtes Material mit kreisförmigen Locheinschnitten verschiedener Größen – liegen gefaltet bereit. Das wäre eine Möglichkeit für eine zusätzliche Schicht Isolierung. Im April begann eine Seminargruppe von der Architekturfakultät der TU Berlin mit thermischen Messungen. Im Anschluss wurden Materialien auf ihre Isolationsqualitäten hin getestet, Reflektions- und Verdunkelungsfolie für Autofenster schnitt am besten ab. Die offene Architektur des Gewächshauses bringt zwar ungleichmäßiges Klima mit sich, die essenziell guten Seiten der Behausung überwiegen aber: Mobilität und Helligkeit. Mit einem Mobiliar auf Rollen und einem Sommer- wie Winteranschluss für die Küchenspüle gibt es Möglichkeiten, auf die Jahreszeiten und die damit einhergehenden Klimaphasen im Haus zu reagieren. So können Entscheidungen über den Gebrauch der Räume immer wieder neu getroffen werden. Und durch die Polycarbonatflächen rundum wie durch das weiche Foliendach gelangt viel Licht hinein.

Das Material

Das Konzept von Lacaton/Vassal, den Standardbausatz eines Gewächshauses als Ready-made zu nehmen, wollten wir auch beim Innenausbau weiterverfolgen. Deswegen haben wir Industrieprodukte von der Stange in einem anderen Kontext verwendet (etwa Fliesenbauplatten als mobile Wärmedämmwand, eine Kellertür wurde zur Eingangstür). Dazu kam die Einsicht: Ein neues Haus muss nicht neu aussehen. Wir haben viele gebrauchte Teile verwendet (etwa bei ebay ersteigerte Vintage-Fenster) und häufig die preiswerteste, aber stabil wirkende Standardware ohne Design gewählt (Waschbecken, Dusche, Toilette, Zimmertüren, Fliesen, Türgriffe).

Vera Tollmann studierte Kulturwissenschaften und arbeitet als freie Kuratorin und Autorin in Berlin. Das Haus bewohnt sie gemeinsam mit Christian von Borries. Die Dachfläche beträgt 150 Quadratmeter, das teils zweigeschossige Haus nimmt davon 90 ein, Wohnfläche: 135 Quadratmeter. Die Pacht liegt bei 2.700 Euro im Jahr, das Haus kostete 70.000 Euro. Weitere Bilder und Informationen auf .

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11:00 05.08.2011

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