Götz Eisenberg
25.05.2011 | 08:00 10

Im Glanz des Kamera-Auges

Gewalt Überwachungstechnik schreckt U-Bahn-Schläger nicht ab, sondern scheint sie geradezu anzuziehen. Das hat einen Grund

Seit einigen Jahren geht eine Welle brutaler Gewalttaten über das Land und beschäftigt Polizei, Gerichte und eine alarmierte Öffentlichkeit. wir sind entsetzt und ratlos. Der Gewalt liegt kein klares Motiv zugrunde und sie kann jeden treffen, man muss nur zur falschen Zeit am falschen Ort sein oder „falsch geguckt“ haben. Die Rede ist von U-Bahn-Attacken. Sie werden von jungen Männern zwischen 14 und 20 Jahren – mit und ohne Migrationshintergrund – begangen. Sie sind häufig bereits durch andere Straftaten aufgefallen, die keine spürbaren Reaktionen nach sich zogen. Meist sind die Täter zu mehreren und stacheln sich gegenseitig an. Oft ist Alkohol im Spiel. Es besteht keine Beziehung zwischen Tätern und Opfern. Die Taten dienen nicht der Bereicherung und werden unter laufenden Überwachungskameras sowie den Augen zahlreicher Zuschauer begangen, auf deren Passivität die Täter sich in der Regel verlassen können.

Hier eine unvollständige Liste der Gewalttaten der vergangenen Jahre:

Im Dezember 2007 wies in der Münchner U-Bahn ein pensionierter Schuldirektor zwei junge Männer darauf hin, dass dort Rauchverbot herrscht. Als der alte Mann ausstieg, folgten ihm die beiden und schlugen und traten auf ihn ein. Dann rannten sie weg und ließen den Mann schwerverletzt liegen.

Im September 2009 sprang der 50-jährige Dominik Brunner in der S-Bahn Teenagern bei, die von drei jungen Männern bedroht wurden. Als Brunner ausstieg, schlugen und traten sie auf dem Bahnsteig mit ungeheurer Brutalität auf Brunner ein. Wenig später starb dieser an den Folgen der Verletzungen, die die jungen Männer ihm zugefügt hatten.

Im Mai 2010 traf am U-Bahnhof Jungfernstieg in Hamburg ein 16-Jähriger auf einen 19-Jährigen, den er nie zuvor gesehen hatte. Er gab später zu Protokoll, er habe „einfach ‘ne Wut in sich gehabt“ und der andere habe „komisch geguckt“. Er begann auf ihn einzuschlagen und zog schließlich ein Messer und rammte es dem 19-Jährigen in die Brust. Dieser starb noch im Bahnhof.

Im Februar 2011 brachen vier Jugendliche an der U-Bahn-Station Berlin-Lichtenberg einen Streit mit zwei 30-jährigen Männern vom Zaun. Einer der Männer konnte fliehen, auf den anderen schlugen und traten die Jugendlichen so lange ein, bis er bewusstlos zusammenbrach.

In der Nacht zum Ostersamstag 2011 ereignete sich eine der vorerst letzten dieser Taten in Berlin. Ein 18-jähriger Gymnasiast schlug und trat im U-Bahnhof Friedrichstraße „aus reiner Streitlust“ auf einen 29-jährigen Mann ein und verletzte ihn schwer. Ein junger Mann ging dazwischen und rettete dem Mann durch sein mutiges Einschreiten wahrscheinlich das Leben.

Neue „Ventilsitte“

Attacken und blinde Gewaltakte im öffentlichen Raum gab es freilich auch vor den hier geschilderten Taten, aber seit München 2007 hat sich qualitativ und quantitativ etwas geändert. Die Münchner U-Bahn-Attacke vom Dezember 2007 fand vor laufenden Überwachungskameras statt und die hessische CDU sorgte durch ihre Jugendgewalt-Kampagne im Landtagswahlkampf dafür, dass die Bilder unablässig wiederholt wurden und die Täter eine traurige Berühmtheit erlangten. Durch ihre schockierende Sichtbarkeit und die ständige Wiederholung der Bilder lieferte sie eine Art Blaupause für Angriffe auf wildfremde Menschen in U- und S-Bahnhöfen.

Auf diese Weise entwickeln sich in zeitgenössischen Gesellschaften neue „Modelle des Fehlverhaltens“, wie der französische Ethnologe Georges Devereux diesen Vorgang genannt hat. Ein spektakuläres Verbrechen und seine mediale Resonanz lösen eine „Mode“ aus und das ursprüngliche Vorkommnis verwandelt sich in eine Art „Tradition“. Es entstehen Schablonen für Verhaltensweisen, die eine Kultur ihren Mitgliedern in Situationen großen Stresses als Entlastungs- und Abwehrmechanismen zur Verfügung stellt. Es ist so, als würde die Gesellschaft dem Individuum sagen: „Tu‘ es nicht, aber wenn du es unbedingt tun musst, dann muss es so und so gemacht werden.“

Im Fall der U-Bahn-Attacken lautet die „Anweisung“: „Wenn du Frust schiebst und dich unwohl fühlst in deiner Haut, wenn dir nach Streit zumute ist, gehe zum nächsten U- oder S-Bahnhof und schlage und trete auf einen wildfremden Menschen ein. Achte darauf, dass die Tat im Sichtfeld der Überwachungskameras stattfindet. Dann kannst du hoffen, dass deine Tat unter die Top-Ten der Gewaltvideos im Internet kommt. Negative Aufmerksamkeit ist besser als gar keine!“

In der Berichterstattung über U-Bahn-Attacken wird immer wieder die Verwunderung darüber zum Ausdruck gebracht, dass die Täter ihre Taten an Orten begehen, die durch Kameras überwacht werden, und sie auf diese Weise ihre rasche Festnahme riskieren. Was wäre denn, wenn sie ihre Taten dort begehen, nicht obwohl, sondern weil Kameras laufen?

Sichtbarkeit ist die zeitgenössische Variante der cartesianischen Seinsgewissheit: „Ich werde gesehen, also bin ich.“ Jugendliche fotografierten sich unablässig wechselseitig mit ihren Handys und Digitalkameras, als wäre erst ihr Erscheinen auf einem Display ein Beleg für ihre Existenz. Ist eine Stunde keine SMS eingegangen, haben sie das Gefühl, einen sozialen Tod gestorben zu sein. Sie streben danach, in Casting-Shows aufzutreten, und enthüllen ihre intimsten Leidenschaften auf irgendwelchen Internet-Plattformen. Wer akzeptiert werden und dazugehören will, muss über bestimmte Konsumgüter verfügen, medial sichtbar und in sozialen Netzwerken präsent sein. Sonst droht man aus der Welt zu fallen und zum Außenseiter zu werden.

Bei den Gewaltexzessen vor laufenden Kameras handelt es sich um ins Destruktive entglittene Varianten zeitgenössischer Identitätsbildungsprozesse. Sichtbarkeit ist Teil der Motivation: Taten werden begangen, damit sie zu Bildern werden. Es ist ein Kreuz mit dem Verbrechen: Wenn es ‚geglückt‘ ist, bleibt der Täter im Verborgenen. Man hat das Verbrechen begangen, aber man darf sich nicht dazu bekennen und damit brüsten. Damit haben gewisse Täter sich schon immer schwer getan.

In Nikolai Lilins Roman Sibirische Erziehung heißt es: „In der Stadt wurde über nichts anderes gesprochen: ‚Die Polizeiwache ist überfallen worden’, sagte einer. ‚Von wem?’, fragte ein anderer. ‚Offenbar von einer Bande Unbekannter’, antwortete ein Dritter. Und wir kamen uns vor wie Helden, jedes Mal, wenn ich jemanden über diese Geschichte reden hörte, hätte ich ihm am liebsten ins Gesicht geschrien: ‚Das waren wir, wir!!!’“

In Thea Dorns Roman Mädchenmörder findet sich der Satz: „Ein Serienmörder, der alle seine Leichen im Moor versenkt, ist wie ein Künstler, der seine Bilder vernichtet, anstatt sie auszustellen.“ Oder, so könnte man ergänzen, ein Schriftsteller, der seine Werke immer unter Pseudonym publiziert. Die Leute reden über seine Bücher und niemand weiß, wer der Autor ist.

Der Verbrecher lebt im Grunde davon, dass sein Tun im Verborgenen stattfindet und er unentdeckt bleibt. Andererseits möchten Straftäter im „Zeitalter des Narzissmus“ – wie der Historiker Christopher Lasch es nennt – die Resonanz ihrer Taten genießen. Sie sammeln Zeitungsmeldungen über ihre Straftaten wie Schriftsteller Besprechungen ihrer Bücher. Was für einen Romanschriftsteller der Büchner-Preis, ist für den Verbrecher eine Fahndung in der Sendung Aktenzeichen XY.

Kriminelle Signaturen

In Don deLillos Roman Unterwelt stoßen wir auf eine andere Facette des Wunsches nach Sichtbarkeit und eine perverse Komplizenschaft zwischen Medien und Verbrechen. Der Texas-Highway-Killer, der aus dem fahrenden Auto wahllos in andere Autos feuert, telefoniert nachts live mit der Fernsehmoderatorin Sue Ann. „Sie gab ihm das Gefühl, als er selbst Gestalt anzunehmen, in die Gestalt hineinzukommen, die er immer hatte annehmen wollen, zu dem zu werden, was und wer er wirklich war. Er sprach zu ihr am Telefon und nahm Blickkontakt mit dem Fernseher auf. Da erwachte in ihm das Wissen, dass er existierte.“ Der Glanz im Auge der Moderatorin oder der Kamera tritt an die Stelle des Kohut‘schen „Glanzes im Mutterauge“, der den vernachlässigten und emotional unterernährten Kindern nicht zureichend zuteil wird und an dem sich ihr Selbstgefühl nicht erwärmen kann.

„Jede Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient“, hat der französische Rechtsmediziner Lacassagne schon vor gut einem Jahrhundert gesagt. Blinde Gewalt vor laufenden Kameras und amokartige Taten bilden die kriminelle Signatur des ökonomisch globalen und sozialpsychologisch „narzisstischen Zeitalters“. Eine Gesellschaft, die den Narzissmus ihrer Mitglieder unentwegt stimuliert und zum Zweck der Konsumsteigerung in Dienst nimmt, darf sich nicht wundern, wenn auch dessen bösartige Varianten vermehrt in Erscheinung treten. Pointiert ausgedrückt: Wer bei Deutschland sucht den Superstar nicht landen kann, kann sich für die destruktive Spielart des medialen Narzissmus entscheiden und als U-Bahn-Schläger oder School Shooter Berühmtheit erlangen.

Götz Eisenberg ist Gefängnispsychologe und Autor des Buchs Damit mich kein Mensch mehr vergisst! Warum Amok und Gewalt kein Zufall sind. Pattloch-Verlag 2010, 304 Seiten, 16,95

Kommentare (10)

glamorama 25.05.2011 | 12:22

U-Bahn-Schläger als kamerageile Nachahmungstäter? Eine gewagte These! Zu nächtlicher Stunde sind die Stationen schon rein statistisch gesehen Orte, an denen man am ehesten auf Menschen (und somit auf potentielle Täter oder Opfer) trifft. Und die Gewaltmuster, nach denen die Taten immer wieder ablaufen, kennt man ebenfalls nicht erst seit 2007. Das Schlagen und Treten von am Boden liegenden, wehrlosen Opfern war bereits ein "beliebtes" Muster zahlreicher Skinhead-Übergriffe in den 90er Jahren. Entsprechende Medienberichte gab es damals zuhauf - und in "American History X" von 1998 wurden diese Berichte dann auch filmisch umgesetzt:
youtu.be/12WtWN2SrXg

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lisaschwert 25.05.2011 | 12:41

Der Autor versucht hier gemäß seiner These für alle Täter/ Schläger ein Bild zu zeichnen. Kann man machen, muss man nicht. Mir wäre es lieber so eine Feststellung, die eher eine pauschalisierende Vermutung ist, würde unter Streitpunkt stehen, als einem so vorgesetzt zu bekommen.

Zudem glaube ich kaum, dass sich alle Betrunkene, die im Affekt oder vielleicht auch schon vorher auf eine Schlägerei aus sind, extra vor die Kameras stellen und warten bis da ein "Opfer" auftaucht. Und viele dürften, angetrunken oder nüchtsern, gar nicht so weit denken bis zu einer Festnahme und Haftstrafe.

Außerdem, was ist denn mit der guten alten Tatsache, dass immer mehr öffentliche räume überwacht werden, und deshalb die Schläger geschnappt werden?

Das was im Text steht mag ja auf einen Teil zutreffen, aber bestimmt nicht für alle. Ich frage mich jetzt nur noch, ob dem Autor das bewusst ist oder nicht.

Nietzsche 2011 25.05.2011 | 12:50

Halte den Beitrag für konstruiert; schließe mich weitgehend lisaschwert an.
"Sichtbarkeit ist die zeitgenössische Variante der cartesianischen Seinsgewissheit: „Ich werde gesehen, also bin ich.“ Jugendliche fotografierten sich unablässig wechselseitig mit ihren Handys und Digitalkameras,. . . "
Ich denke, es geht weniger um die optische Präsenz an sich, sondern um den Nachweis - gegenüber nicht dabei Gewesenen - , dass eine bestimmte Tat begangen wurde. Das ist eben nicht gleich Casting-Show! Wäre dem so, warum dann nicht Taten in anderen "videobewaffneten" Räumen?
Entscheidend ist aber, dass die Videoüberwachung der Täterfindung dienen soll - immerhin hat die Gesellschaft und besonders das Opfer ein berechtigtes Interesse daran, dass die Tat gesühnt wird.

lebowski 25.05.2011 | 14:30

Wenns wirklich so wäre, dass es den Tätern um mediale Aufmerksamkeit geht, dann hätten wir ein echtes Problem. Schließlich muss man seine Taten ja nicht vor fest installierten Videokameras ausführen, da Kameras mittlerweile in jedem popeligen Handy drin sind. Jemand kann also auch im tiefen Wald eine Gewalttat begehen, das mit Handy filmen und das Video ins Internet zu stellen.
Es muss wohl noch andere Gründe dafür geben, dass Jugendgewalt massiert in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Bahnhöfen auftritt.

daMasta 25.05.2011 | 15:35

Ich frage mich, woher die Annahme kommt, dass Übergriffe dieser Art im öffentlichen Raum quantitativ zugenommen hätten.
Oder geht es bei der Aussage alleinig um die Vorfälle vor Kameras?
Hat mal jemand den Anstieg der Vorfälle mit dem Anstieg der kameraüberwachten Fläche verglichen?

Ich bezweifle, dass die Gewalt zugenommen hat, was auch eine Studie bereits "belegt" hat (darf ich externe Links posten?).
Ohne jetzt als Verschwörungstheoretiker daher kommen zu wollen, die damit verknüpften politischen Konsequenzen gehen in folgende Richtungen:
- Stigmatisierung der neuen Medien (inkl. "Killerspiele")
- damit einhergehend stärkere Kontrolle des Internets
- verstärkte Überwachung des öffentlichen Bereichs
- verschärftes Strafrecht und größere polizeiliche Willkür
- allgemeine Zunahme des Unsicherheitsgefühls
- zunehmende Angst vor Zivilcourage bzw. abnehmende Zivilcourage, "da man ja Opfer werden könnte"
usw. usf.

Ich denke, etwas mehr Nüchternheit angesichts einer quantitativ relativ niedrigen und auf medienwirksamen Bildern basierenden Problematik, wäre im Sinne der positiven Werte der Gesellschaft.

Blogpolitik 25.05.2011 | 19:52

Das Prinzip des „Tu‘ es nicht, aber wenn du es unbedingt tun musst, dann muss es so und so gemacht werden.“ kennt man doch aus diversen (amerikanischen) Filmen.

Willkürliches Töten = Natural Born Killers
Gerechtfertigtes Töten = Apocalypse Now, Platoon
Selbstjustiz = Ein Richter sieht rot
Rache = Jeder 2. Actionstreifen
Vergewaltigung = Jeder 3. Porno
...

Ein zweischneidiges Schwert: Das Thema selbst und damit die abscheulichen Dinge wie "Tottreten auf dem Bahnsteig" "Komaschläge in der U-Bahn" aus den Nachrichten zu verbannen, bedeutet doch gleichzeitig wieder, diese Nachricht zu zensieren und auch die Menschen nicht vor der potentiellen Gefahr da draußen zu informieren.

Nachahmung von Gewalt sieht man schon bei kleinen Kindern, die "Cowboy und Indianer spielen".

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Ehemaliger Nutzer 26.05.2011 | 13:27

Ja, die Prägungen durch Bilder im Hirn ist scharf und ohne alternatives Angebot auf eine Situation zu reagieren, wird eben so reagiert, wie 'man' es gesehen/vorgelebt bekommen hat. Einzige alternative der jungen Heranwachsenden ist die Verweigerung der -quasi- Handlungsanweisung, die das Hirn anbietet.

Children see - children do bit.ly/ZT9I (youtube)

Wie sagte schon Stanislaw Lem im Gespräch mit Florian Rötzer im Jahr 1996:"Es gibt diese Eskalation der Gewalt. Das Internet wird dies weiter verstärken. Wenn man sich als ruhiger Mensch wie ich vor den Fernseher setzt, Erdnüsse ißt und ein Bier aus der Dose trinkt und dann bald 400 Programme zur Auswahl hat, kann man lernen, wie man einen Schalldämpfer auf eine Pistole setzt, wie einfach es ist, andere Leute umzubringen, und warum man dies macht - wegen der Diamanten, wegen Heroin oder weil es um eine Erbschaft geht. Die ganze Palette des Verbrechens wird uns als Instruktion geboten. Es gibt viele negative Aspekte der Medien und des Internet."

ABER: 'Böse' Worte und Bilder zu verbieten, ist kein guter Weg. Ich gucke bestimmt nicht immer, aber oft - weg, wenn Bildermacher mein Hirn mit zerstörerischen Vorlagen füttern wollen; denn ich habe Mitgefühl mit Lebendem, was mir in Form von Bildern begegnet .. das Mitgefühlt, was aber auch den Reiz von bewegten Bildern mit Ton ausmacht.

Der Zusammenhang von Sex und Gewalt, tief im Stammhirn verortet .. ist unbedingt auf-zu-klären, ebenso der Zusammenhang von Sex und Macht. Dass der Akt der Fortpflanzung bei Säugetieren mit einer gewissen Gewalt verbunden ist, kann ja leicht bei Säugetieren beobachtet werden. Wir Menschen haben davon alles an Potential eingebaut, aber überlagert. Dass das Quälen und Morden anderer 'geil' macht, mögen Untersuchungen belegen .. auch Das hat evolutionären Hintergrund und ursprünglich Sinn gemacht.

Evolution ohne Emanzipation ist Konter-Evolution ;-)
Alles Gute ist Liebe
maxen

Henrie Schnee 26.05.2011 | 14:05

Was für ein Bullshit... als wäre es nicht schlimm genug, dass Sie die Intelligenz der Täter in Frage stellen, verkaufen Sie auch ihre Leser für dumm. DSDS-Impulse und guter alter Narzissmus als Erklärung für Gewalttaten, die man schon vor 50 Jahren bei Anthony Burgess finden konnte?
Und generell, wieso berufen Sie sich als Gefängnispsychologe auf Beispiele aus der Literatur? Exklusiv? Wir wissen doch wohl beide, dass es IMMER, zu jeder Zeit, eine Diskrepanz gab zwischen "echtem" Verbrechen und seiner verklärten romantisierten Rezeption in den Künsten. Das fängt bei Robin Hood an und endet bei berliner Gangsta-Rap.

Nein, Mann... mit Narzissmus kommen wir in dieser Debatte nicht weiter. Und es ist auch besser so, denn dann würden wir von einem kolossalen Denkfehler aus argumentieren: Dass diese Verbrechen nämlich nie stattgefunden hätten, wenn keine Kamera installiert gewesen wären. Schrödingers U-Bahn-Schlägerei, sozusagen. Als ob es einen qualitativen oder ethischen Unterschied gäbe zwischen einer Schlägerei an einem Bahnhof und einer an einer Straßenhecke.
Dabei spielen die Kameras sehr wohl eine Rolle, aber nicht so wie Sie denken...

Auch auf die Gefahr hin, wie ein Überlebender eines gottverdammten kritischen Lesekreis zu klingen: Das Zauberwort hier ist die gute, alte "strukturelle Gewalt". Happy Slapping (wie man dieses Phänomen in England seit Jahren nennt), Amokläufe an Schulen, spontane Gewaltausbrüche aus heiterem Himmel... dies sind alles Ausdrücke für die Legehennen-Mentalität, zu der wir den modernen Mensch erziehen wollen. Grundlegende Kriterien unserer modernen Welt, die nur ein Verrückter in Frage stellen würde - Leistungszwang, Konkurrenzdruck, Mangel an Aufstiegsmöglichkeiten, Bevölkerungsökonomie, Logistik - sind in ihrer Natur nun einmal restriktiv. Sie greifen in das Leben des Menschen ein zwingen ihn zu realisieren, dass dies keine perfekte Welt ist, und dass er sich besser anzupassen hat, um auf der Welle mitschwimmen zu können. Und wie bei der Luft, die wir atmen, ist auch hierbei der Druck stets unsichtbar...

Und wir als Gesellschaft profitieren davon, denn nur durch ein solches komplexes und rigides System können wir Atomphysiker und Nobelpreisträger züchten, Managernachwuchs und Superstars. Dass es aber im selben Jahrgang immer auch ein anderes Ende des Spektrums geben muss, ignorieren wie geflissentlich.

Aber warum U-Bahnhöfe? Oder Bahnhöfe überhaupt... wieso bringen ausgerechnet die das schlimmste im Menschen zum Vorschein?
Meine Vermutung ist, dass es an den selben Mechanismen liegt: Diese Orte sind Verkörperungen abstrakten, staatlichen Denkens. Sie sind auf Effizienz und Kontrollierbarkeit getrimmt, und sie funktionieren wie das sprichwörtliche Uhrwerk. Es liegt nichts organisches in der Idee dahinter. Gleichzeitig sind sie hochgradig kontrolliert, überwacht und tabuisiert.

Sehen Sie, mein Hauptproblem mit Ihrer These ist, dass Sie implizieren diese Kids würden mit einer Scheißwut im Bauch an diese Orte gehen nur auf ihre Opfer warten, um sie dann in einem möglichst günstigen Winkel zu attackieren, damit auch ja Bilder entstehen, mit denen sich Roland Koch eine weitere Amtszeit sichern kann.
Ich vage aber zu behaupten, dass 5 Minuten vor der Tat der Täter selbst noch genauso ahnungslos war wie sein Opfer. Er hatte sicher einen miesen Tag, irgendetwas in ihm ist an diesem Tag angeknackst worden, vielleicht einmal zu oft. Und wo befindet er sich? In einem Zug oder einer U-Bahn... was ja auch bereits gegen ihn spricht, denn auf diese Transportmittel angewiesen zu sein sagt auch stets etwas über den eigenen sozialen Missstand aus.

Würde ich Sie also in eine stinkende überfüllte Metallröhre stecken, an einem heißen Sommertag, alle paar Minuten die Temperatur erhöhen, Sie mit unerklärlichen Verspätungen mobben, und Ihnen als einzigen Zeitvertreib eine unverbaubare Aussicht auf versiffte graue Wände bieten... was glauben Sie, wie viele schiefe Seitenblicke Sie von mir aushalten könnten, ehe Ihnen die Hutschnur platzt sich ihre Urinstinkte Bahn brechen? Das Ethos der Legehennen: Pick alles kaputt, was schwächer ist als du, und dir Futter wegnehmen könnte.

Und das fängt in sehr kleinen Maßstäben an, denn wenn Legehennen nicht aufeinander los gehen, dann attackieren sie ihre Gitter: Egal wie gut erzogen Sie sind, früher oder später ist Ihnen die Bahn so egal, dass Sie ihre Füße einfach hochlegen müssen, auf den Sitzplatz gegenüber. Sie dachten, Sie wären bis 20 Uhr zuhause, aber nun ist es bereits nach 21 Uhr, und all die Verspätungen lassen Sie daran zweifeln, ob Sie den Anschluss überhaupt kriegen. Sie haben Streß. Sie wollen weg von diesem furchtbaren Ort.
Und ehe Sie es sich versehen, kritzeln Sie auf Wände... lassen Ihren Müll liegen... und fragen sich, hey, lachen die beiden Wichser da drüben etwa über mich?

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Ehemaliger Nutzer 26.05.2011 | 18:48

Der Versuch, ein generelles Muster für Täter dieser Art zu entwerfen, geht mir nicht gut auf. Der Einzelfall bleibt ein Einzelfall, denn es ist nicht der Regelfall, in der U-Bahn Schläge zu bekommen. Noch nicht. Deshalb sind diese Fälle juristisch zutreffend als Einzelfälle behandelt worden und es wurde nicht versucht, wie ansonsten von unserer angeblich unabhängigen Justiz, ein Exempel zu statuieren. Das war gut so. Nicht so gut war es hingegen, unter dem Strafmaß zu bleiben, dass für Taten dieser Art möglich gewesen wäre. Noch schlechter muss es gewesen sein, als Opfer zu erfahren, dass die Täter straffrei blieben, weil unbescholten und aus beziehungsträchtigen Elternhäusern entsprungen. Falsch finde ich es, allzu kryptisch daherkommende Motive zu unterstellen. Dadurch, dass die Erziehung generell in der Hand von Frauen ist, die kein Verständnis für den Bewegungsdrang von Jungen haben und die es nicht ersehen können, wenn sich Halbwüchsige auf dem Schulhof kleine Rangeleien liefern, braucht sich über die spätere, meist spontane und ernsthafte Gewaltexplosion niemand zu wundern. Ich durfte mich noch jede Pause ordentlich raufen und ich kenne aus meiner Schule nicht ein einziges Beispiel von tätlicher Gewalt gegenüber irgendjemand. Damit wir uns nicht missverstehen, die körperliche Gewalt wird jedem Jungen zu einem Zeitpunkt ausgetrieben, da die Mädchen täglich ermuntert werden, mit den Waffen einer Frau für ihren Komfort zu kämpfen. Wer will sich da ernsthaft wundern, dass die zum Verlierer auf Lebenszeit geborenen Jungen angesichts der Sinnlosigkeit ihres Daseins Fremde in der U-Bahn verprügeln? Ob da eine Kamera läuft, ist, da haben wir wieder den Einzelfall, ist sicher dem einen egal und dem anderen nicht, es ist aber bestimmt falsch, da allzu viel intellektuelle Sterndeuterei hineinzuinterpretieren. Wichtiger scheint es mir, die Erziehung von Jungen und Mädchen in unserem Lande zu reformieren, nun, wo man weiss, dass die Ergebnisse meist erbärmlich sind. Ob wir zunächst diskutieren sollten, ob es freiheitlich - demokratisch gesehen, überhaupt erlaubt ist, andere, in diesem Fall kleinere Menschen, zu erziehen, wäre für mich die Schlüsselfrage. Die beginnt bei der Beispielvokabel " Nehle- Wiebke Müller-Lüdenscheidt, alleinerziehend" aus meiner Nachbarschaft und spätestens daran sieht man, es geht nicht um das Erziehen, auch nicht um das Alleinerziehen, denn die angeblich zu Erziehenden verblassen zu schwachen Schatten angesichts des Selbstverwirklichungswillens ihrer vermeintlichen Erziehungsberechtigten.
Maxi Scharfenberg
Vater