Im Glanz des Kamera-Auges

Gewalt Überwachungstechnik schreckt U-Bahn-Schläger nicht ab, sondern scheint sie geradezu anzuziehen. Das hat einen Grund

Seit einigen Jahren geht eine Welle brutaler Gewalttaten über das Land und beschäftigt Polizei, Gerichte und eine alarmierte Öffentlichkeit. wir sind entsetzt und ratlos. Der Gewalt liegt kein klares Motiv zugrunde und sie kann jeden treffen, man muss nur zur falschen Zeit am falschen Ort sein oder „falsch geguckt“ haben. Die Rede ist von U-Bahn-Attacken. Sie werden von jungen Männern zwischen 14 und 20 Jahren – mit und ohne Migrationshintergrund – begangen. Sie sind häufig bereits durch andere Straftaten aufgefallen, die keine spürbaren Reaktionen nach sich zogen. Meist sind die Täter zu mehreren und stacheln sich gegenseitig an. Oft ist Alkohol im Spiel. Es besteht keine Beziehung zwischen Tätern und Opfern. Die Taten dienen nicht der Bereicherung und werden unter laufenden Überwachungskameras sowie den Augen zahlreicher Zuschauer begangen, auf deren Passivität die Täter sich in der Regel verlassen können.

Hier eine unvollständige Liste der Gewalttaten der vergangenen Jahre:

Im Dezember 2007 wies in der Münchner U-Bahn ein pensionierter Schuldirektor zwei junge Männer darauf hin, dass dort Rauchverbot herrscht. Als der alte Mann ausstieg, folgten ihm die beiden und schlugen und traten auf ihn ein. Dann rannten sie weg und ließen den Mann schwerverletzt liegen.

Im September 2009 sprang der 50-jährige Dominik Brunner in der S-Bahn Teenagern bei, die von drei jungen Männern bedroht wurden. Als Brunner ausstieg, schlugen und traten sie auf dem Bahnsteig mit ungeheurer Brutalität auf Brunner ein. Wenig später starb dieser an den Folgen der Verletzungen, die die jungen Männer ihm zugefügt hatten.

Im Mai 2010 traf am U-Bahnhof Jungfernstieg in Hamburg ein 16-Jähriger auf einen 19-Jährigen, den er nie zuvor gesehen hatte. Er gab später zu Protokoll, er habe „einfach ‘ne Wut in sich gehabt“ und der andere habe „komisch geguckt“. Er begann auf ihn einzuschlagen und zog schließlich ein Messer und rammte es dem 19-Jährigen in die Brust. Dieser starb noch im Bahnhof.

Im Februar 2011 brachen vier Jugendliche an der U-Bahn-Station Berlin-Lichtenberg einen Streit mit zwei 30-jährigen Männern vom Zaun. Einer der Männer konnte fliehen, auf den anderen schlugen und traten die Jugendlichen so lange ein, bis er bewusstlos zusammenbrach.

In der Nacht zum Ostersamstag 2011 ereignete sich eine der vorerst letzten dieser Taten in Berlin. Ein 18-jähriger Gymnasiast schlug und trat im U-Bahnhof Friedrichstraße „aus reiner Streitlust“ auf einen 29-jährigen Mann ein und verletzte ihn schwer. Ein junger Mann ging dazwischen und rettete dem Mann durch sein mutiges Einschreiten wahrscheinlich das Leben.

Neue „Ventilsitte“

Attacken und blinde Gewaltakte im öffentlichen Raum gab es freilich auch vor den hier geschilderten Taten, aber seit München 2007 hat sich qualitativ und quantitativ etwas geändert. Die Münchner U-Bahn-Attacke vom Dezember 2007 fand vor laufenden Überwachungskameras statt und die hessische CDU sorgte durch ihre Jugendgewalt-Kampagne im Landtagswahlkampf dafür, dass die Bilder unablässig wiederholt wurden und die Täter eine traurige Berühmtheit erlangten. Durch ihre schockierende Sichtbarkeit und die ständige Wiederholung der Bilder lieferte sie eine Art Blaupause für Angriffe auf wildfremde Menschen in U- und S-Bahnhöfen.

Auf diese Weise entwickeln sich in zeitgenössischen Gesellschaften neue „Modelle des Fehlverhaltens“, wie der französische Ethnologe Georges Devereux diesen Vorgang genannt hat. Ein spektakuläres Verbrechen und seine mediale Resonanz lösen eine „Mode“ aus und das ursprüngliche Vorkommnis verwandelt sich in eine Art „Tradition“. Es entstehen Schablonen für Verhaltensweisen, die eine Kultur ihren Mitgliedern in Situationen großen Stresses als Entlastungs- und Abwehrmechanismen zur Verfügung stellt. Es ist so, als würde die Gesellschaft dem Individuum sagen: „Tu‘ es nicht, aber wenn du es unbedingt tun musst, dann muss es so und so gemacht werden.“

Im Fall der U-Bahn-Attacken lautet die „Anweisung“: „Wenn du Frust schiebst und dich unwohl fühlst in deiner Haut, wenn dir nach Streit zumute ist, gehe zum nächsten U- oder S-Bahnhof und schlage und trete auf einen wildfremden Menschen ein. Achte darauf, dass die Tat im Sichtfeld der Überwachungskameras stattfindet. Dann kannst du hoffen, dass deine Tat unter die Top-Ten der Gewaltvideos im Internet kommt. Negative Aufmerksamkeit ist besser als gar keine!“

In der Berichterstattung über U-Bahn-Attacken wird immer wieder die Verwunderung darüber zum Ausdruck gebracht, dass die Täter ihre Taten an Orten begehen, die durch Kameras überwacht werden, und sie auf diese Weise ihre rasche Festnahme riskieren. Was wäre denn, wenn sie ihre Taten dort begehen, nicht obwohl, sondern weil Kameras laufen?

Sichtbarkeit ist die zeitgenössische Variante der cartesianischen Seinsgewissheit: „Ich werde gesehen, also bin ich.“ Jugendliche fotografierten sich unablässig wechselseitig mit ihren Handys und Digitalkameras, als wäre erst ihr Erscheinen auf einem Display ein Beleg für ihre Existenz. Ist eine Stunde keine SMS eingegangen, haben sie das Gefühl, einen sozialen Tod gestorben zu sein. Sie streben danach, in Casting-Shows aufzutreten, und enthüllen ihre intimsten Leidenschaften auf irgendwelchen Internet-Plattformen. Wer akzeptiert werden und dazugehören will, muss über bestimmte Konsumgüter verfügen, medial sichtbar und in sozialen Netzwerken präsent sein. Sonst droht man aus der Welt zu fallen und zum Außenseiter zu werden.

Bei den Gewaltexzessen vor laufenden Kameras handelt es sich um ins Destruktive entglittene Varianten zeitgenössischer Identitätsbildungsprozesse. Sichtbarkeit ist Teil der Motivation: Taten werden begangen, damit sie zu Bildern werden. Es ist ein Kreuz mit dem Verbrechen: Wenn es ‚geglückt‘ ist, bleibt der Täter im Verborgenen. Man hat das Verbrechen begangen, aber man darf sich nicht dazu bekennen und damit brüsten. Damit haben gewisse Täter sich schon immer schwer getan.

In Nikolai Lilins Roman Sibirische Erziehung heißt es: „In der Stadt wurde über nichts anderes gesprochen: ‚Die Polizeiwache ist überfallen worden’, sagte einer. ‚Von wem?’, fragte ein anderer. ‚Offenbar von einer Bande Unbekannter’, antwortete ein Dritter. Und wir kamen uns vor wie Helden, jedes Mal, wenn ich jemanden über diese Geschichte reden hörte, hätte ich ihm am liebsten ins Gesicht geschrien: ‚Das waren wir, wir!!!’“

In Thea Dorns Roman Mädchenmörder findet sich der Satz: „Ein Serienmörder, der alle seine Leichen im Moor versenkt, ist wie ein Künstler, der seine Bilder vernichtet, anstatt sie auszustellen.“ Oder, so könnte man ergänzen, ein Schriftsteller, der seine Werke immer unter Pseudonym publiziert. Die Leute reden über seine Bücher und niemand weiß, wer der Autor ist.

Der Verbrecher lebt im Grunde davon, dass sein Tun im Verborgenen stattfindet und er unentdeckt bleibt. Andererseits möchten Straftäter im „Zeitalter des Narzissmus“ – wie der Historiker Christopher Lasch es nennt – die Resonanz ihrer Taten genießen. Sie sammeln Zeitungsmeldungen über ihre Straftaten wie Schriftsteller Besprechungen ihrer Bücher. Was für einen Romanschriftsteller der Büchner-Preis, ist für den Verbrecher eine Fahndung in der Sendung Aktenzeichen XY.

Kriminelle Signaturen

In Don deLillos Roman Unterwelt stoßen wir auf eine andere Facette des Wunsches nach Sichtbarkeit und eine perverse Komplizenschaft zwischen Medien und Verbrechen. Der Texas-Highway-Killer, der aus dem fahrenden Auto wahllos in andere Autos feuert, telefoniert nachts live mit der Fernsehmoderatorin Sue Ann. „Sie gab ihm das Gefühl, als er selbst Gestalt anzunehmen, in die Gestalt hineinzukommen, die er immer hatte annehmen wollen, zu dem zu werden, was und wer er wirklich war. Er sprach zu ihr am Telefon und nahm Blickkontakt mit dem Fernseher auf. Da erwachte in ihm das Wissen, dass er existierte.“ Der Glanz im Auge der Moderatorin oder der Kamera tritt an die Stelle des Kohut‘schen „Glanzes im Mutterauge“, der den vernachlässigten und emotional unterernährten Kindern nicht zureichend zuteil wird und an dem sich ihr Selbstgefühl nicht erwärmen kann.

„Jede Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient“, hat der französische Rechtsmediziner Lacassagne schon vor gut einem Jahrhundert gesagt. Blinde Gewalt vor laufenden Kameras und amokartige Taten bilden die kriminelle Signatur des ökonomisch globalen und sozialpsychologisch „narzisstischen Zeitalters“. Eine Gesellschaft, die den Narzissmus ihrer Mitglieder unentwegt stimuliert und zum Zweck der Konsumsteigerung in Dienst nimmt, darf sich nicht wundern, wenn auch dessen bösartige Varianten vermehrt in Erscheinung treten. Pointiert ausgedrückt: Wer bei Deutschland sucht den Superstar nicht landen kann, kann sich für die destruktive Spielart des medialen Narzissmus entscheiden und als U-Bahn-Schläger oder School Shooter Berühmtheit erlangen.

Götz Eisenberg ist Gefängnispsychologe und Autor des Buchs Damit mich kein Mensch mehr vergisst! Warum Amok und Gewalt kein Zufall sind. Pattloch-Verlag 2010, 304 Seiten, 16,95

08:00 25.05.2011

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