Im Graben

Gründungsmythos der Berliner Republik Warum es für Peter Handke keinen Heine-Preis geben darf

Wir leben in der Stunde der Patrioten. Es geht um den Sieg im Weltfußballkrieg, der am Wochenende in unserer stolzen No-Go-Republik ausbrechen wird. Ein Grund mehr, unser Verhältnis zur jüngeren deutschen Historie in Ordnung zu bringen. Darum der hysterische Streit um Peter Handke, in dem nur eine auswärtige Zeitung wie die Neue Zürcher defätistisch abwiegeln kann: "Düsseldorf und der Heine-Preis haben dabei mehr Schaden genommen als der Schriftsteller."

Tatsächlich geht es in diesem Kampf um weit mehr als um Handke, Düsseldorf und Heine. Es geht auch nicht einfach nur um die Kriege in Jugoslawien, in denen Kroaten, Bosnier wie Serben Verbrechen begangen haben. Es geht um den Gründungsmythos der Berliner Republik. Am Pfingstsonntag hat das der Spiegel in seiner Online-Ausgabe klar erkannt: "klammheimlich" werde in der Handke-Debatte "auch ein Revisionismus in Sachen Jugoslawien etabliert, der atemberaubend ist: da werden Positionen salonfähig gemacht, weil sie angeblich unkonventionell, unjournalistisch, feinsinnig seien - und dabei wird nichts weiter als ein moralischer Relativismus gepredigt, der sich Kriegsverbrechern anbiedert."

Dieser Revisionismus kann nicht geduldet werden, weil er der Berliner Republik das moralische Fundament entziehen würde. Denn der Krieg gegen Jugoslawien, der 1999 pünktlich zum Umzug von Bonn nach Berlin ausgebrochen wurde, ist der eigentliche Gründungsmythos der neuen Berliner Republik. Diesen entscheidenden Schritt hatte der Christdemokrat Helmut Kohl nicht gewagt - die damals im wiedererwachten Kroatien herrschenden Nationalisten benannten dennoch Straßen nach Kohl und Genscher, um deren Verdienste bei der erneuten Zerschlagung Jugoslawiens zu würdigen. Doch der entscheidende Schritt - der dritte deutsche Waffengang im 20. Jahrhundert gegen die Serben - blieb zu Zeiten des Kanzlers Kohl aus. Er erklärte noch 1994: "Es bleibt bei unserer Position, dass wir aus Gründen der geschichtlichen Erfahrung keine deutschen Soldaten, also keine Bodentruppen, in das frühere Jugoslawien schicken."

Der große Welt-Analytiker Herbert Kremp urteilte damals, die Regierung Kohl ziehe sich "in den Graben der Geschichte zurück". Im Krieg gegen Frankreich 1870/71 fanden sich die bis dahin in viele Kleinstaaten zersplitterten Deutschen zum Deutschen Reich zusammen. Mit dem Umzug von Bonn nach Berlin setzte die rot-grüne Regierung das Zeichen zur vollendeten Wieder-Vereinigung der Deutschen: die Beteiligung an der mit großem deutschen Engagement herbeigeführten NATO-Intervention gegen Rest-Jugoslawien.

Natürlich konnte dieser neue deutsche Einigungskrieg nicht ohne Kriegsgründe bestehen. Wer, weil er einfach nicht erwachsen werden will, diese Gründe anzweifelt, der muss zur Ordnung gerufen, aber nicht mit einem Heine-Preis bedacht werden. Der Pfingst-Spiegel konnte darum schon mit einem einzigen Beispiel aus dem Milosevic-Prozess Handke des atemberaubenden Revisionismus überführen: "Für jemanden, der Schuld und Unschuld nur in Anführungen verwendet, wenn es um Serben geht, für den taugt dieses Tribunal in Den Haag freilich nicht. Der wird auch dem Zeugen K 41 von der jugoslawischen Armee nicht zuhören wollen, der zur Wahrheitsfindung immerhin folgendes beizutragen hatte: Vor einem Militär-Einsatz gegen ein Dorf von Kosovo-Albanern kurz nach Beginn der NATO-Bombenangriffe habe er deutlich die Anweisung eines Hauptmanns Gavrilovic an die Unterführer gehört: ›Niemand darf überleben.‹" - Damit war Milosevic - und Handke mit ihm - überführt. Durch einen Zeugen ohne Namen, übrigens eingespielt per Video. Das Problem ist nur, dieses Beispiel in Sachen Revisionismus - dem Kriegsgrund also - taugt wenig. Da muss man schon auf die Fülle von amtlichen Berichten zurückgreifen, die Handkes Wunsch nach "Gerechtigkeit für Serbien" so abenteuerlich erscheinen lassen. Da gab es ja nicht nur den von Verteidigungsminister Rudolf Scharping glaubwürdig gefundenen "Hufeisenplan" zum "Völkermord" an den Kosovo-Albanern. Der Minister belegte auch mit einer Fülle von Beispielen, warum das neue Deutschland mit dem Kampfruf "Nie wieder Auschwitz" (Außenminister Fischer) gegen Restjugoslawien antreten musste, etwa mit der Geschichte von Schwangeren, denen "der Bauch aufgeschlitzt wird und der Fötus erst gegrillt und dann in den Bauch zurückgelegt wird". - An diese Gründungserzählungen der Berliner Republik zu rühren, das hat Handke getan. Es kann und darf deshalb im Staatsinteresse keinen Heine-Preis für ihn geben.


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00:00 09.06.2006

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