Im Gras

Kehrseite Daniel lag im Gras, abseits des Wegs. Es war ein stiller Mittag. Auf dem Rücken lag er, an die Erde geheftet, geschminkt und blutend. Er war tot. ...

Daniel lag im Gras, abseits des Wegs. Es war ein stiller Mittag. Auf dem Rücken lag er, an die Erde geheftet, geschminkt und blutend. Er war tot. Oder doch nicht tot, noch nicht, aber zu Tode verletzt. In dünnen Rinnsalen lief ihm Blut aus den Ohren, auch aus der Nase. Ein Sterbender, so lag er da. Wenn nicht bald Hilfe käme, wenn nicht jetzt ganz schnell hier mal jemand herkommt, dann wäre er tot. Dann bin ich tot, flüsterte Daniel. Es kribbelte. Bis in die Fingerspitzen hinein, in die Zehen, bis unters Haar. Die Mädchen hatten ihn nicht gefunden. Von weitem hatte er gehört, wie sie vorüberzogen, ein aufgeregter, blinder Haufen. Das Gras, in dem Daniel hingestreckt lag, stand hoch, so hoch, dass er darin verschwand. Sie hatten ihn übersehen. Und Daniel, was sollte er tun? Selbst wenn er gewollt hätte, er konnte sich ja nicht bemerkbar machen, dazu fehlte ihm die Kraft. Röcheln konnte er. Eventuell. Sie mussten ihn allein finden.

Am Morgen hatte es geregnet. Das Gras dampfte und kitzelte. Käfer krabbelten, Grillen schrieen. Würden sie sein Blut trinken? Was trinken Grillen überhaupt? Die Sonne stand überm blühenden Gras, sie stach Daniel in die Augen. Also blinzelte er. Er hielt das Kitzeln und Krabbeln und Stechen aus. Er war ein Kämpfer.

Überraschend in einen Hinterhalt geraten, hatten feige Feinde ihn tödlich verwundet. Sie hatten nicht darauf geachtet, dass er noch ein Kind war. Aber das wusste man von denen. Es war bekannt, was sie taten. Man konnte sich gar kein Bild machen, so finster waren die. Sie vergingen sich, hieß es. Sie meuchelten, mordeten, brandschatzten. Feige Soldateska. Aggressor. Ein Klang wie ein giftiger Wespenschwarm.

Daniel hatte nicht um Gnade gebettelt, nicht gejammert. Doch nicht vor denen! Nein, er hielt das Kitzeln und Krabbeln aus. Eine Ameise pinkelte auf ihn. Vorhin hatte ihn eine Mücke gestochen. Er hatte zugesehen, wie sie auf seinem Arm landete, ihren Stachel in seine Haut senkte, trank, wieder aufflog. Er hatte nicht einmal gezuckt. In schweren Kämpfen gestählt, hatte er gelernt, wie man seinem Feind gegenübertritt: Ihm ins Maul fassen und es zerreißen. Und wenn man unterliegt, ha! sei´s drum! Daniel sah noch einmal, wie er mutig die rote Fahne gepackt und sie dreimal über den Massen geschwenkt hatte. Ein Brüllen brach auf, wie von tausend verletzten Stieren. Sirenen heulten, heulten alle auf einmal, in verschiedener Tonart, zerrissen das Trommelfell. Wie feurige Flügel flatterten die blutigen Fahnen, Schmetterlinge im Gras, und die Orchester klangen wie Siegesglocken.

Vielleicht würde ja wenigstens Herr Rottluff ihn vermissen. Der bestimmt. Der würde kommen und nach ihm rufen. Oder war er schon zu betrunken?

Dass der Mann Rottluff hieß, hatte Daniel sich schnell gemerkt. Ab und an steckte ein Zettel im Briefkasten, ein Termin, an den Herr Rottluff Daniels Schwester erinnern wollte. Diese Zettel waren immer schwungvoll unterschrieben. Das große R warf seinen Fuß voraus unter die folgenden Buchstaben, fing sie auf und unterstrich sie. Das doppelte t und f des Namens, das klang packend und männlich, nach Rottweiler. Daniel bewunderte diese Unterschrift. Rottluff. So wollte er später auch einmal unterzeichnen. Hin und wieder übte er auf Zetteln und Zeitungsrändern. Leider kam in seinem Namen gar kein R vor.

Herr Rottluff war Angestellter der Post. Niemand wusste, ob er ein zuverlässiger oder schlampiger Briefträger war, vielleicht war er überhaupt kein Briefträger, sondern saß hinter einem Schalter und nahm Päckchen und Pakete entgegen, vielleicht diente er in der Verwaltung. Es spielte keine Rolle, nicht einmal für Herrn Rottluff selbst, denn seine Leidenschaft galt, außer dem Alkohol, der Ersten Hilfe. Er zauberte aus Schminke, Hühnerknochen und Theaterblut in seiner Freizeit die schönsten Wunden. Geschlossene oder offene Knochenbrüche, weiße und rote Ohnmächte, Quetschungen und Erfrierungen.

Schädelbasisbrüche liebte er besonders. Da lief dem Opfer das Blut aus den Ohren, ein wenig auch aus der Nase, es gab in den Schläfen oder unterm Haaransatz kleine Verletzungen, Prellungen scheinbar, die man leicht übersehen konnte, die aber wichtig waren, um zu einer richtigen Diagnose zu kommen. Und weil Herr Rottluff den Schädelbasisbruch so sehr liebte, liebte auch Daniel ihn und wünschte ihn sich jedes Jahr.

Dass Rottluff trank, fiel dem Jungen erst später auf. Wenn das Wort nicht unter den Frauen gefallen wäre, und in diesem kopfschüttelnden Ton, Daniel hätte es ganz selbstverständlich hingenommen. Warum sollte der Mann nicht die Flasche Wodka, die ja schließlich die Frauen ihm mitgebracht hatten, mal eben öffnen und ein Schlückchen probieren? Dazu war sie doch gekauft worden. Dass zu dem einen Glas ein nächstes kam, dass der Mann immer fröhlicher und gesprächiger und zu Daniels Schwester und den anderen Mädchen immer charmanter wurde, dass am Ende des Vormittags, als alle Opfer blutüberströmt an ihren Plätzen lagen, die Flasche leer war, nun, das war eben so gekommen, zum Geschmeidig-Werden, Glas für Glas, und später, was solls, gleich aus der Flasche. Als der Sprit, wie Herr Rottluff den Fusel nannte, und ohne Sprit läuft der Motor nicht, zur Neige ging und die Frauen sich von dem Betrunkenen abwandten, hielt Daniel weiter zu ihm. Denn Herr Rottluff konnte erzählen. Ein Witz nach dem andern purzelte aus ihm heraus, der Bauch tat einem weh vor Lachen. Rottluffs Gesicht rötete sich, Äderchen erschienen auf seinen Wangen. Er roch nach Schminke und Schweiß. Wäre es nach Daniel gegangen, hätten diese Sonntagvormittage ein Leben dauern können.

Daniel hob jetzt vorsichtig den Kopf. Er blinzelte übers Gras. Pusteblumen und roter Klee, der in der Sonne glühte. Die Ähren der Gräser, an denen der Same hing und auf Wind wartete. Was war passiert? Hatte die Front zurückweichen müssen? War der Feind doch stärker, als man dachte? Nahmen denn die Kameraden auf ihrem Rückzug nicht ihre Verletzten mit? Alles war still. Die Türen der Villa, das Pionierhaus waren geschlossen. Wo sind denn alle hin?

Einmal im Jahr, kurz vor den großen Ferien, gab es diesen Wettkampf. Junge Sanitäter nannten sie sich, die Mädchen, Abiturientinnen und Lehrlinge. Sie hatten das Jahr über Erste-Hilfe-Griffe gelernt, Verbände gewickelt und Mund-zu-Mund-Beatmung geübt. Jetzt traten sie in verschiedenen Trupps gegeneinander an. In kürzester Zeit mussten Verletzte geborgen und ihnen Erste Hilfe geleistet werden. Dazu wurden Opfer auserkoren, die Herr Rottluff schminkte und die dann auf Wegen und hinter Büschen lagen, um von ihren Retterinnen aufgespürt zu werden.

Daniel war ein beliebtes Opfer. Er war klein für sein Alter und schmächtig. Die Mädchen konnten ihn leicht auf ihre Trage heben und fortschleppen, das brachte ihnen gute Zeiten ein. Deshalb bat Daniels Schwester ihn jedes Jahr, dabei zu sein. Doch Daniel musste gar nicht überredet werden. Er liebte diese Wettspiele. Wie ein Schauspieler kam er zur Vorstellung, pünktlich, gewissenhaft. Es war jetzt das dritte Jahr.

Diesmal hatte er es den Mädchen ein bisschen schwerer machen wollen und sich gut getarnt. Und die? Ließen ihn hier rettungslos verbluten! Was sollte er tun? Daniel kämpfte mit sich. Was, wenn er aufstünde und zum Haus liefe? Wäre das feige? Kein Kämpfer, kein Tapferer kehrte dann zurück, nur ein bleiches geschminktes Kind. Kein Sieger, keine Ehrung. Er ließ den Kopf sinken, zurück ins tiefe Gras. Er musste bleiben, ausharren auf seinem Posten.

Partisanen, dachte er plötzlich. Die würden ihn finden. Er war sich ganz sicher. Sein Herz, das gerast hatte, beruhigte sich. Partisanen, flüsterte Daniel, kommt nehmt mich mit euch. Partisanen waren die besseren Soldaten. Sie kämpften heimlich, auf versteckten Pfaden. Wenn ich sterbe, dachte Daniel, würde es in ihren Armen sein.

Und was, wenn nicht? Was, wenn sein Tod, hier auf dieser Wiese, sein einziger eigener einsamer endgültiger Tod, von niemandem bemerkt würde? Hinein in die Erde würde er sinken, hinein in das Wimmeln und Krabbeln und Stechen. Das Gras würde ihn fressen, die Grillen sein Blut trinken, unbemerkt. Ewig könnte man nach ihm suchen. Er wäre für immer fort. So endet doch aber keine Heldengeschichte!

Daniel sprang auf. Nachdem er so lange in der Sonne gelegen hatte, wurde ihm tatsächlich ein wenig schwindlig. Er lief. Das Gras strich ihm durch die Beine. Er lief über die Wiese, köpfte mit seinen Füßen die Butterblumen. Sollten sie denken, was sie wollten. Er lebte. Herr Rottluff würde ihn verstehen. Die Samen der Gräser flirrten im Licht. Blass geschminkt, das getrocknete Blut an der Stirn, jubelte Daniel auf das Haus zu. Wo er gelegen hatte, war eine Kuhle im Gras.


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00:00 20.08.2004

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