Im Handelskrieg brennen Hühner

Zwischen Durban und Dakar In Ostafrika herrscht ein Hauen und Stechen, über allem liegt der Milchpulverdampf
Im Handelskrieg brennen Hühner
Der kenianische Präsident Uhuru Kenyatta (l.) mit dem Präsidenten von Uganda, Yoweri Museveni

Foto: Imago Images/ZUMA Press

Wenn man auf Englisch sagt, man habe „beef“ miteinander, dann ist damit keinesfalls gemeint, man teile sich ein Stück Fleisch. Vielmehr liegt man im Streit miteinander und ist vergrätzt. Das mag ein seltsamer Ausdruck sein, viel seltsamer wird er noch, wenn man den aktuellen Handelsstreit zwischen Kenia und Uganda, zwei englischsprachigen Ländern, betrachtet. Dort nämlich hat man „beef over milk“.

Grund ist Ugandas Pulvermilchprodukt Lato, von dem in der Werbung behauptet wird, es sei „pure and tasty“, rein und schmackhaft. Das „beef“ kommt in oder über diese Milch – die richtige Präposition ist hier schwierig zu bestimmen –, weil die kenianischen Behörden behaupten, von rein könne gar keine Rede sein. Erst konfiszierte die kenianische Polizei importierte Lato-Milchpackungen in vielen Geschäften, dann schickten sie 19 Lastwagen mit der ugandischen Ware zurück und ließen zwei Molkereien auf kenianischem Boden schließen, die das Pulver herstellen. Das Produkt, so die Erklärung des kenianischen Gesundheitsministeriums, erfülle nicht die Hygienestandards.

Nun könnte man mit einem weiteren englischen Ausdruck sagen: „No big deal“, keine große Sache. Der Wert der konfiszierten Ware beläuft sich auf nicht einmal 350.000 Euro. Man könnte also deeskalieren – oder aus dem „beef over milk“ einen ausgewachsenen Handelskrieg zwischen den beiden Ländern anzetteln. Uganda, das behauptet, Kenia liefere keinen Beweis für die Konfiszierungen, droht dem Nachbarland mit Vergeltungsmaßnahmen und will den Import von Saft, Haushaltswaren und Baumaterial stoppen.

Inzwischen hat die verschüttete (Pulver-)Milch politische Dimensionen erreicht. Beide Länder sind Mitglied der Ostafrikanischen Gemeinschaft (EAC), der ostafrikanischen zwischenstaatlichen Organisation für politische, kulturelle, vor allem aber wirtschaftliche Zusammenarbeit. Ziel ist ein gemeinsamer Arbeitsmarkt und langfristig auch die Schaffung einer Zollunion und gemeinsamen Währung. Doch seit ihrer Gründung 1999 ist die EAC ein wackliges Konstrukt, da die inzwischen sechs Mitgliedstaaten immer wieder eher eigene Nationalinteressen als gemeinsame Ziele verfolgen.

Der Milchkrieg ist nicht der einzige Handelsdisput, den sich die Mitgliedstaaten zurzeit liefern. Weil die Beziehungen zwischen Uganda und Ruanda frostig sind, findet kaum noch Warenaustausch statt. Tansania verbietet die Einfuhr von Zucker, Mais und Holz aus Uganda und konfiszierte 2017 kenianische Rinder- und Schafherden, weil deren Hirten angeblich die Grenze überschritten hatten. Vor drei Jahren wurden im tansanischen Daressalam kenianische Hühner verbrannt, angeblich, um einer Seuche Einhalt zu gebieten.

Wirtschaftswissenschaftler werfen den streitenden Staaten nun vor, eigentlich nur Handelsbarrieren aufbauen und ihren Markt abschotten zu wollen. Die EAC wird kaum an Milchpulver zerbrechen, aber zu Fortschritten in Richtung regionaler Integration führen die vielen Dispute nicht. Als Nächstes böte sich ein Streit über Fleischimporte an: „beef over beef“.

Andrea Jeska veröffentlicht u.a. im Freitag Reportagen aus aller Welt

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06:00 29.02.2020

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