Im Herrgottswinkel

Litauen Pabradé liegt abseits bekannter Fluchtrouten. Lotst Belarus bald afghanische Migranten hierher?
Im Herrgottswinkel
Litauischer Soldat mit Nato-Stacheldraht: „Illegale Grenzgänger“ werden gleich zurückgeschickt

Foto: Janis Laizans/Reuters

Der Regen prasselt auf die khakifarbenen NATO-Zelte in der litauischen Kleinstadt Pabradé. Der Blick fällt durch Ritzen eines Metallzauns auf die Unterkünfte und die Pfützen dazwischen. Wäsche hängt an Leinen, es scheint niemanden zu stören, dass sie klatschnass wird. Unter den Planen sitzen Menschen im Dunkeln auf Pritschen und starren in den Wolkenbruch. Vielleicht fragen sie sich, was sie hierher, auf ein so trostloses Stück Erde, verschlagen hat. Einige hundert Meter entfernt an einer Marienstatue vorbei geht es zu einer katholischen Kirche und dem Flüchtlingszentrum der Caritas. Die Einrichtung in der gut 5.500 Einwohner zählenden Gemeinde, 47 Kilometer nördlich von Vilnius, entstand in den 1990er Jahren. „Es kamen damals viele Tadschiken zu uns“, erinnert sich Projektleiterin Ieva Čičelytė.

Die Caritas hat das Zentrum 2008 übernommen, es genügte für ein paar Dutzend Geflüchtete, die sonst pro Jahr ihren Weg von Belarus aus über die nur wenige Kilometer entfernte Grenze gefunden haben, erzählt Čičelytė. Im Juni plötzlich seien dann wie aus dem Nichts jeden Tagen Gruppen von irakischen Kurden in Pabradé angekommen. „Wir haben uns gewundert, es war doch gerade gar kein Krieg im Irak.“ Aber der Zustrom nahm kein Ende, die Behörden stellten rings um das Haus der Caritas Zelte und mobile Duschen auf. Čičelytė schätzt, dass sich in ihrem Ort die Zahl der Geflüchteten in wenigen Wochen auf über 500 erhöht hat, im ganzen Land seither auf mehr als 4.000, größtenteils Menschen aus dem Irak, der Rest aus afrikanischen Ländern (der Freitag 31/2021).

Statt Musikkurse für eine Handvoll Migranten zu organisieren, verteilt Čičelytė nun mit vier Caritas-Angestellten und drei Freiwilligen dreimal täglich Essen, Kleidung und Hygieneartikel an die Bewohner des provisorischen Camps. Man sei nicht darauf vorbereitet gewesen, dass sich das Elend der Welt Tausende Kilometer von bekannten Fluchtrouten entfernt einen Weg durch die Kiefern- und Birkenwälder in diesem Herrgottswinkel Litauens bahnen würde. Aber ein Zufall sei das nicht. Čičelytė hat mit den Afrikanern gesprochen, das seien gebildete junge Männer. „Sie haben in Grodno oder anderswo in Belarus studiert, und dann hieß es, die Studiengebühren würden erhöht. Sie haben mir erzählt, dass die Belarussen sie für einen geringeren Betrag an die Grenze brachten.“

Menschenschmuggel aus Belarus habe es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben, nur sei das kaum aufgefallen, wer habe schon nach Litauen gewollt. Doch je schwieriger ein Durchkommen nach Europa werde, desto verzweifelter suchten Migranten neue Routen, gleichgültig wie abenteuerlich die seien. Der litauische Fernsehkanal LTR berichtete im Juli über Reiseagenturen in Belarus, bei denen sich Journalisten als Migranten ausgaben, die nach Europa flüchten wollten. Prompt wurden ihnen Visa und Fahrten an die Grenze nach Litauen angeboten. Außenminister Gabrielius Landsbergis sprach Anfang August von „Erkenntnissen“, wonach Belarussen auch in Pakistan aktiv seien.

Čičelytė graut bei dem Gedanken an eine drohende Massenflucht aus Afghanistan über Belarus nach Litauen. Ihre Regierung sei jetzt schon überfordert und versuche verzweifelt, Migranten loszuwerden. Gegenwärtig bearbeiten die Behörden über tausend Asylanträge, zugleich hat die staatliche Fluggesellschaft Iraqi Airways auf Druck der EU bei Sonderflügen nach Minsk etwa 400 Iraker zurückgeholt. Čičelytė glaubt dennoch, dass die meisten Gestrandeten noch lange in Litauen bleiben werden. Sie zerbricht sich den Kopf, wo die Migranten im eiskalten Winter unterkommen. Niemand wisse, wie viel Hilfsbedürftige aus Afghanistan noch dazukämen.

Pushback mit Elektroschocks

Normalerweise kümmert sich die internationale Initiative „Alarm Phone“ um Geflüchtete, die auf dem Mittelmeer in Seenot geraten. Anfang August nun veröffentlichte sie Aufnahmen aus dem Niemandsland zwischen Belarus und Litauen, die sogenannte Pushbacks zeigten, bei denen Menschen mit Hunden und Elektroschockern auf belarussisches Terrain zurückgedrängt wurden. Laurynas Jonaviĉius vom Institut für Internationale Beziehungen in Vilnius geht davon aus, dass der weißrussische Präsident Lukaschenko solche Szenen provozieren will. „Sie sollen der Welt bedeuten, dass wir nicht besser sind als Belarus“, Litauen verfolge unter der seit 2020 regierenden konservativen Premierministerin Ingrida Šimonytė eine eigene Strategie, um als kleines Land in Europa nicht vergessen zu werden. So lege man sich durch enge Kontakte zu Taiwan mit China an und sehe sich als Speerspitze der NATO gegen Russland. In nichts sonst werde derzeit mehr investiert als in einen Beistand für die belarussische Opposition. Parallel dazu sei der Ostseehafen Klaipeda für die Ausfuhr von Kalidünger aus Belarus gesperrt worden.

Die Migrationskrise und wie Litauen damit umgeht, das beschädigt den Anspruch, das demokratische Musterland der baltischen Region zu sein, zumal sich Unruhe der Bevölkerung in Protesten entlädt und die Spannungen an der Grenze langsam einen Siedepunkt erreichen. Litauen hat für diese Region den Ausnahmezustand verhängt, seine Armee in Stellung gebracht und Hilfe der EU-Grenzschutzagentur Frontex angefordert. Zugleich ist angekündigt, innerhalb eines Jahres für 152 Millionen Euro einen vier Meter hohen Grenzzaun zu bauen. Die Lage sei so brisant, dass sich nur auf einer Seite ein Schuss lösen müsse und schon werde aus der diplomatischen Krise eine bewaffnete Konfrontation, warnt Jonaviĉius. Das russisch-weißrussische Militärmanöver „Sapad“ im September beunruhige Litauen. „Es könnte der Zeitpunkt sein für eine Provokation aus Minsk.“ Lukaschenko wolle aber nicht nur Litauens Regierung in die Knie zwingen, sondern die ganze EU an ihrer empfindlichsten Stelle treffen. „Er hat sich den Europäern immer als Garant für Stabilität verkauft. Jetzt will er zeigen, was passiert, wenn das Gegenteil der Fall ist.“

Litauens Behörden unterschieden bisher zwischen Geflüchteten aus Belarus und dem Rest der Welt. Wer aus dem Nachbarstaat kam und sich zum politisch Verfolgten erklärte, erhielt ohne Schwierigkeiten einen Schutzstatus. Die Hilfsorganisation „Dapamoga“ hat nach eigenen Angaben bereits etwa 450 Weißrussen nach der Ankunft in Litauen eine erste Versorgung und ein erstes Dach über dem Kopf vermittelt. Mindestens 60 Weißrussen seien nach der Schließung der Grenze zwischen Belarus und Litauen Ende 2020 und der Einstellung der Flüge zwischen Minsk und Vilnius im Frühjahr 2021 durch die Wälder gekommen, schätzt die litauisch-weißrussische Immobilienmaklerin Natlaya Kolegova, die davon überzeugt ist, dass Alexander Lukaschenko mit dem Transit für Migranten aus dem Nahen Osten oder demnächst aus Afghanistan nicht nur Konzessionen Litauens und der EU erpressen will. Es gehe ihm auch um den Grenzzaun, den Vilnius plane, denn dann seien womöglich viele Menschen gezwungen, in Belarus zu bleiben. „Im Ausland machen ihm die Dissidenten nur Ärger.“

Seit Jahren schon existieren Befestigungen an der Grenze zwischen Belarus und Polen. Sie wurden nochmals verstärkt, seit jüngst 32 Afghanen in der Nähe des Ortes Usnarz-Górny auftauchten und vom polnischen Grenzschutz umzingelt wurden. In gleicher Weise, wie es Polen Anfang September tat, hat Lettland ebenfalls den Ausnahmezustand entlang der weißrussischen Grenze verhängt und mit Litauen sowie Estland in einer gemeinsamen Erklärung verlangt, dass sich der UN-Sicherheitsrat mit dem „Missbrauch von Migranten“ durch den Nachbarstaat befassen solle.

So viel dürfte unstrittig sein, derzeit versteht Lukaschenkos Armee an den Grenzen keinen Spaß. Sogar wer ins russische Bruderland reist, wird Berichten zufolge an den Übergängen auf Herz und Nieren geprüft. Und dann verschließt Litauen aus Angst vor Migranten auch noch die letzte Fluchtroute für Lukaschenko-Gegner mit einem vier Meter hohen Zaun. Schon jetzt erschwerten die Patrouillen des litauischen Grenzschutzes den Weißrussen ein Entkommen, meint Kolegova. Viele hätten keine Papiere, weil die weißrussische Polizei oft Pässe oder Ausweise von Dissidenten beschlagnahme, damit sie nicht fliehen können. Für litauische Grenzbeamte seien sie damit illegale Grenzgänger und gehörten zurückgeschickt. „So ist das Gesetz“, klagt Kolegova, der es mitunter gelingt, über ihre Kontakte die Identität von Geflüchteten zu klären. Stehe aber erst einmal der Grenzzaun, könne sie für ihre Landsleute vermutlich nichts mehr tun. „Doch werden wir Menschen helfen, solange wir können.“

Der Afghane Baran Karsai versucht es mit Humor, obwohl ihm der Schrecken im Gesicht steht. „Wollt ihr mich jetzt den Taliban übergeben?“, fragt er den Caritas-Anwalt im Flüchtlingszentrum von Pabradé. Baran heißt in Wirklichkeit anders, will aber aus Sorge um die Familie in Afghanistan seinen wirklich Namen nicht nennen. Er ist vor drei Jahren schon mit einem Schengen-Visum über Moskau nach Litauen geflohen und lebte zunächst in der Unterkunft in Pabradé, bevor er nach Vilnius ziehen durfte. Litauen verweigert ihm jedoch das Recht auf einen dauerhaften Aufenthalt. Deshalb fährt er regelmäßig nach Pabradé, um mit dem Anwalt der Caritas zu sprechen, der selten Neuigkeiten für ihn hat. Die vielen Unwägbarkeiten an der Grenze zu Belarus machen dem jungen Afghanen das Leben schwer. Blicke verfolgen ihn und deuten an, dass er den Einheimischen verdächtig erscheint. „Sie halten mich wahrscheinlich für einen Illegalen, der abgehauen ist“, glaubt er. Tatsächlich ist Litauen kein Land, in dem Migranten zum Straßenbild gehören. In diesem Moment kommen noch Unbehagen und Furcht vor einer Masseneinwanderung aus Mittelasien hinzu. Wie sehr besorgt Baran diese Stimmung? „Ich lebe lieber hier mit der Fremdenfeindlichkeit als in Afghanistan unter den Taliban.“ Er müsse eben Geduld haben und abwarten, wie es weitergeht an der Grenze.

Cedric Rehman berichtet als Reporter immer wieder aus Krisen- und Kriegsgebieten, unter anderem aus Syrien und Palästina

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 12.09.2021

Ausgabe 38/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 3