Im Kerker des Ich

Quintessenz Mit dem Gedichtband "Es war einmal die Welt" will Hugo Loetscher sein Lebenswerk abrunden

Hugo Loetscher ist Weltkundiger, Schweizerklärer, Romancier, Zusammenhangsstifter zwischen Kunst, Küche und Kulinarität, Essayist, politisch engagierter Journalist, kurzum: ein Mann von geradezu atemberaubender Vielseitigkeit auf höchstem Niveau. Sein Züricher Hausverlag brachte zu diesem Jubiläum einen Band Gedichte unter dem melancholiegeschwängerten Titel Es war einmal die Welt heraus - es ist, man höre und staune, Loetschers erster Gedichtband überhaupt.

Die meisten Gedichte sind, wie Drucknachweise von 2002 und 2003 belegen, dabei erst in den letzten Jahren entstanden. Warum, drängt sich die Frage auf, findet ein Schriftsteller, dessen ausgreifendes Gesamtwerk durch Überfülle, durch "die Pluralität der stilistischen und gattungsmäßigen Möglichkeiten" (Anton Krättli) bestimmt ist, im Alter zur gedrängtesten literarischen Gattung, zur Lyrik?

Die Anmutung eines Antwortversuchs geben Verse aus seinem titelgebenden Zyklus Es war einmal die Welt: Auch ich hab den Poeten verscharrt / und mein Gesicht / dem Wetter hingehalten / daß niemand weiß / nicht einmal ich / ist es genäßt / vom Regen / oder von den Augen. Hugo Loetscher ist ein mit allen Un- und Weihwassern gewaschener Reporter und Schriftsteller, der die Kontinente durchwandert, die Fährnisse der Literaturlandschaften genauestens durchmessen hat und stets "behaftbar" politisch interessante Recherche, ob nun über den portugiesischen Diktator Salazar oder über Fidel Castro - vor opportune Meinung setzte. In seinen Gedichten eröffnet sich ein anderer Kosmos: der des Schüttguts der Seele, der nichtgelebten Zärtlichkeiten, der verheimlichten Obsessionen, des bedeutungsvoll Vernachlässigten.

Die Gedichte erhalten so etwas existentiell Gedrängtes, dem Trauer anhaftet und das zugleich ein Dilemma offenbart: Die Hoffnung, entlastet von prosaischen Zwängen, sich im Alter über die Poesie den vergrabenen Sehnsüchten nähern zu können, ist eine begrenzte, weil Dichtung, wo sie den privaten Mitteilungsraum überschreitet und auf ein Allgemeines zielt, sich notwendig auf die Gattungsgeschichte beziehen muss und dadurch auch relativiert wird.

In seinem entschlossenen Nachtrag-Essay Vom Umgang mit Lyrischem. Eine Einleitung zu sich selbst bekräftigt Hugo Loescher, dass die eigene "lyrische Geographie" nicht ohne diesen Tiefenraum des Geschichteten zu haben ist. Loetscher ist sich dessen hoch bewusst und bekennt eine "verlegene Scheu angesichts dessen, was man selber während all der Jahre an Empfindung in Grammatik gerettet und in Verse gebracht hat." Dieses Bekenntnis ernst nehmend, lese ich Loetschers Gedichte als respektheischende Rundung eines Lebenswerkes, ich lese sie aber auch als abermaligen Beleg dafür, dass die Poesie nicht von ungefähr als die anspruchvollste und tückischste aller literarischen Gattungen gilt.

Die Gedichte des Schweizer Universalisten entwickeln sich großräumig aus einer anfänglichen Bildidee, die durchgängig in freien Rhythmen aufgefaltet und erweitert wird. Die Gedichtanfänge sind verheißungsvoll und durch existentielle Dringlichkeit gewuchtet: "Der Vogel meiner Liebe/ist die Fledermaus" (Fledermaus); "Im botanischen Garten /meiner Seele / wächst ein Tapang" (Luftwurzeln); "ich bin ein Kartograph des Leeren" (Meine Karte); "An zu vielem gestorben,/als daß ich auf einen Tod zu warten bräucht" (Der Stellvertreter). Dann jedoch erweist sich das ahasverhafte Naturell des umherschweifenden Welt-Erfahrenden als Handicap für die Präzision: Zu oft kommt er ins bramabarsierende Räsonieren, wo auf die Stärke der Eingangsbilder weitere poetische Kristallisationen folgen müssten. Dem erzählenden Gestus wird mit pseudolyrischen Mitteln entgegengearbeitet: durch Weglassen von Verben, die Stockung des Redeflusses durch Partizipien, durch kreisende Wiederholungsfiguren. Dabei unterläuft ihm ein um das andere Mal sprachlich Ungelenkes: "der Teutone, / der später kam, / tat den Bärlauch / in die Wurst / und nicht aufs Kapitell" ist kein Ausrutscher.

Der Intention nach will der Sprecher in diesen Gedichten der Summe seiner Weltläufigkeit die Wurzel ziehen, um auf Quintessenzen zu kommen. Nur erweist sich, was mathematisch so einleuchtend erscheint, als Sprachverfahren überaus empfindlich für Störungen. Ein guter Lektor etwa hätte dem Autor Schweizer Regionalismen streichen müssen, die hochsprachlich semantisch und grammatisch deplaziert wirken für den nicht im Idiom verhafteten. So heißt es zum Beispiel im Gedichtgang: "Zudem für einmal Blonde kamen, / frauenlos, / die Augen blau / wie sonnenbeschienenes Eis", und wenige Verse weiter: "Doch dann / für einmal mehr / das Beben." Das sind leider keine Schönheitsfehler, denn das Gedicht steht und fällt mit der sprachlichen Prägnanz. Lötscher greift in der Metaphernbildung mit Vorliebe auf christliche Ikonographie zurück, warum auch nicht; nur verbleiben die Bildfindungen ganz und gar im Raum des Erwarteten und Konventionellen. Die Vorfreude auf ein gutes Gedicht, die darin besteht, dass es überrascht, verstört, in Ungesehenes verführt, muss in dieser Hinsicht so weitgehend enttäuscht werden.

Hingegen überzeugt Loetscher dann doch wieder in markanten Sequenzen, in denen sich die Essenz bündelt von Lebenserfahrung und Todesahnung, Sprachskepsis und lebenslanger Sehnsucht, aus dem Kerker des Ich wenigstens in der Liebe Ausgang nehmen zu können. Und dergestalt leuchtet er tatsächlich den Raum des Gedichtes so aus, dass dieses Licht unnachahmlich schatzbehaltende Erinnerung umranden kann: Wenn müßig alles Tun/warum nicht gleich/das Aussichtslose: das Gedicht//und falls kein Ganzes/doch vielleicht ein Vers/und sei´s/im Maß der Krücken -// zweimal kurz/das Hinken/und einmal lang/das Schleifen."

Hugo Loetscher: Es war einmal die Welt. Gedichte. Diogenes, Zürich 2004, 127 S., 16,90 EUR


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00:00 24.12.2004

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