Im Kern konservativ

Berlin Nach der Corona-Demo reagieren viele linksliberale Kommentatoren mit Häme. In den Sozialen Medien gibt das Gratis-Applaus, der gesellschaftlichen Linken schadet es
Im Kern konservativ
Die Demonstration in Berlin am 1. August 2020. Manch ein Kommentator würde das wohl Ameisenstraße nennen

Foto: John Macdougall/AFP via Getty Images

Viel ist gelacht worden über die Demonstranten, die am 01. August durch Berlin gezogen sind. Und ihr Bild bot sicherlich einiges Erschreckendes, aber auch unfreiwillig Komisches. Selbst renommierte Journalisten waren sich daher nicht zu schade, in heroischer Manier ein Bad in der pöbelnden Menge zu nehmen – vorgeblich, um das Gespräch zu suchen, mutmaßlich aber vor allem, um die Gefilmten bloßzustellen. Denn derartige Videos klicken sich gut im Netz, und linksliberale Filterblasen, deren größtes intellektuelles Verdienst der letzten Jahre darin besteht, nicht dem Glauben an eine Weltverschwörung anheimgefallen zu sein, können sich inmitten ihrer realpolitischen Machtlosigkeit zumindest an ihrer moralischen Überlegenheit erfreuen.

Besonders symptomatisch für diese Tendenz ist zweifelsohne ein in den Tagen nach der Demonstration veröffentlichter Text aus der Feder eines E-Zigaretten-Bloggers (vapers.guru), der in den sozialen Netzwerken rasche Verbreitung fand und zehntausende Nutzer erreichte. Journalisten, Autoren, Intellektuelle teilten die Zeilen voller Begeisterung, denen zufolge die Demonstranten „nicht gegen Corona Regulierungen (sic!)“ demonstriert hätten, sondern für ihr Recht, „von der Komplexität der Welt überfordert zu sein“. Ihnen wurde vorgeworfen, an ihrer Bedeutungslosigkeit zu leiden, obwohl sie doch wie wir alle „nur Ameisen in einem Haufen“ seien, und sie würden leider nicht erkennen, dass wir eben nicht in einer „Meinungsdiktatur“, sondern in einer „Kompetenzdiktatur“ leben: „Denn wir leben in einer Demokratie, in der man bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss, um die Gesellschaft mitgestalten zu können.“

Dümmlicher hätte man die – in Form und Inhalt zugegebenermaßen abstoßenden – Proteste nicht analysieren können. Denn selbstredend bedeutet parlamentarische Demokratie, dass voraussetzungsfrei gewählt werden darf und dass jeder das Recht erhält, sich an gesellschaftlichen Fragen zu beteiligen. Auch ist die Behauptung einer „Kompetenzdiktatur“ in einem Land, das demnächst die Kanzlerwahl zwischen Olaf Scholz und Friedrich Merz treffen könnte, bestenfalls ein schlechter Scherz. Und was grundsätzlich daran schlecht sein soll, dass Menschen eben keine „Ameisen“ sein, sondern gehört werden wollen, wird im Text auch nicht ausgeführt. Von der Aufforderung „Alles zu werden strömt zuhauf!“ scheint nicht mehr viel übrig geblieben zu sein.

Der Autor der eben zitierten Zeilen scheint von der „Komplexität der Welt“ selbst mehr als überfordert zu sein, wenn ihm nicht einmal in den Sinn kommt, dass viele Menschen in unserer Gesellschaft systematisch daran gehindert werden, die zu ihrer Emanzipation notwendigen Kompetenzen zu erlangen – wer die Texte des Freitag-Redakteurs Christian Baron kennt, der weiß, wie viele Menschen schon im jungen Alter aus dem deutschen Bildungssystem aussortiert werden, damit das Bürgertum unter sich bleiben kann. Spannender wäre eine Beantwortung der Frage, wie demokratisch eine Gesellschaft wirklich ist, die derartige Ungleichheiten produziert und legitimiert.

Verschwörungstheorien gibt es überall

Das vielleicht grundlegende Problem des Textes ist jedoch ein anderes. Sein Autor, wie so viele liberale Zeitungskommentatoren auch, deutet den Verschwörungswahn nur als ein Symptom des geifernden Pöbels, der wahlweise George Soros, Bill Gates oder Angela Merkel für alles Leiden in der Welt verantwortlich macht. Doch so abstoßend diese Bilder und Meinungsäußerungen auch sein mögen: Sie sind nicht die einzigen Verschwörungstheorien, die in Deutschland kursieren, und mutmaßlich nicht einmal die einflussreichsten.

Wer über eine geringfügige Kenntnis der deutschen Upper-Middle-Class verfügt, der weiß, wie tief in ihr der Glaube verankert ist, dass sich die ganze Welt gegen den fleißigen deutschen Spießbürger verschworen habe. In der Weltsicht manch eines Konservativen sind die Bösewichter wahlweise die EZB (erinnert sei an die Bild-Schlagzeile „So saugt Graf Draghila unsere Konten leer“), die den armen, deutschen Sparer enteignet, oder natürlich der Sozialstaat, der immer weiter ausufere. Das deutsche Bürgertum, das mit derselben Verachtung wie die Linksliberalen die Nase rümpft ob der sogenannten „Covidioten“, ist nicht weniger besessen von Verschwörungsglauben, nur dass dieser nicht als solcher gebrandmarkt, sondern beinahe täglich auf Seite eins von bürgerlichen Zeitungen abgedruckt werden darf.

Anstatt zu erkennen, dass Verschwörungstheorien auch im„schicklichen“ Teil unserer Gesellschaft weitverbreitet sind, arbeiten sich viele Linke nun an einigen besonders bizarren Varianten dieses Wahns ab. Und als wäre dies nicht schlimm genug, legitimieren sie herrschende Machtverhältnisse als „Kompetenzdiktatur“, gegen die die „Ameisen“ bittesehr nicht aufbegehren sollen.

Diese im Kern konservative Haltung mag viel Gratisapplaus auf Twitter bringen – in Wahrheit trägt sie jedoch zur anhaltenden realpolitischen Marginalisierung der deutschen Linken bei und verhindert eine emanzipatorische Zukunft.

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09:08 11.08.2020

Ausgabe 38/2020

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