Im Klavierhimmel

Raumausstattung Leider ist die Welt nicht so, wie ich es will. Einsichten eines Einrichters

Mein Chef sieht mich an und nickt zur Kaminecke. Dort haben wir in Kopfhöhe den Wickler des Schnurzugs gesetzt. Ich löse die Schnur. Unterdessen blicken mein Chef und die Dame des Hauses gebannt zur Salondecke, wo wir den gebündelten Klavierhimmel aufgehängt haben. Der entfaltet sich nun, während ich vorsichtig Schnur nachgebe, bis er in eleganter, leicht gewellter Ausladung über dem spiegelnd schwarzen Bösendorfer-Flügel zur Ruhe kommt. Der Klavierhimmel funktioniert. Mein Chef ebenfalls, denn er lässt sich sein Aufatmen nicht anmerken.

Aus "gecrashter" Seide genäht, scheint sich mit unserem Klavierhimmel die Haut eines Pfirsichs unter der beigen Salondecke zu kräuseln. Meinem Chef winkt ein Scheck über rund 700 Euro. Die Dame des Hauses drückt ihr Entzücken durch einen aparten Aufschrei aus und ruft dann nach "Debbi", um sie erneut auf den Klavierschemel zu komplementieren. Für ihre 19-jährige Magerkeit trägt Tochter Deborah die Nase erstaunlich hoch. Während sie hämmernde Kadenzen aus Liszts Faust-Sonate wiederholt, schlendern wir zu dritt durch die Zimmer und Geschosse der alten Jugendstilvilla, die sich zum Lobpreis der 450 Euro, die hier ein Quadratmeter Erde kostet, südlich von Darmstadt über der Bergstraße erhebt. Dabei halten mein Chef und seine Stammkundin immer wieder inne, um ihre Ohren zu spitzen. Jedesmal nicken sie sich einverständig zu: Es klingt jetzt viel gedämpfter! Das nämlich war der Zweck der Erfindung. Ich trotte hinter den beiden her, sage mir, Einbildung sei auch eine Bildung, und lasse meine Blicke über allerlei alte Bekannte schweifen: Sofas oder Sessel, die ich eigenhändig bezogen habe.

Allerdings sind sie mit sogenannten Hussen (Häusern) bekleidet. Es handelt sich um abnehmbare und der Reinigung fähige Schonbezüge, die recht schwierig zuzuschneiden und zu nähen und entsprechend teuer sind. Hier stehen sie den eigentlichen Bezügen der vielen erlesenen Polstermöbel an Kostbarkeit kaum nach. Und da doppelt mehr hermacht, hat die Dame des Hauses auch die Hussen noch verdoppeln lassen. Derzeit - die mächtigen Bäume in ihrem Bergpark draußen sind noch kahl -weisen all die Sofas und Sessel die Hussen mit der winterlichen Ausstrahlung auf. Die anderen, die fürs Empfinden der Dame des Hauses den Sommer atmen, liegen frisch gereinigt in der Wäschekammer, um ihrer Wiederauferstehung an Ostern entgegen zu sehen. "Lasst sie doch!", rieb sich mein Chef die Hände, als er uns den Hussen-Auftrag erläuterte. "Davon leben wir schließlich. Am besten, ich schlage ihr in Kürze vor, auch noch Hussen für gute und für schlechte Laune zu bestellen..."


Fröbel hat sich mit seiner Gattin überworfen. Schuld ist die übliche Blondine. Sie hält sich gerade in der Küche auf. Fröbel steht unter mir, Handy am Ohr. Ich selber kröne unsere Stehleiter aus Leichtmetall, beladen mit erlesen abgefütterten und besetzten Vorhängen aus Seide. Mein Kollege Achim hat hier soeben eine Messingstange angebracht, für die ich ein erstklassiges neues Billiardqueue bekäme. Aber Fröbel spielt natürlich Golf. Beim Telefonieren verfolgt er aufmerksam und wohlgefällig unser Werk der Verschönerung in der Mannheimer Stadtvilla der erwähnten Blondinen, die vermutlich den silberfarbenen BMW Z 3 fährt, den ich draußen neben Fröbels schwarzem Audi 8 gesehen habe. Solche Wagen beherrschen auch den Parkplatz eines Heidelberger 5-Sterne-Hotels, das zwar noch immer Fröbel gehört, aber nicht mehr von seiner Gattin geführt wird. Dafür warf ihn diese aus der gemeinsamen Wohnung. Fröbel schlupfte in der etwas schäbigen Stadtvilla unter, um deren standesgemäße Aufwertung Achim und ich seit Stunden bemüht sind. Unser Chef ist seit Jahren Hausausstatter von Fröbels Luxushotel; so edel wie dort muß es nun auch hier werden. Allerdings kommt ein Unglück selten allein. Kaum sah sich Fröbel den Trümmern seiner Ehe gegenüber, nahm ihn die Wirtschaftskrise in den Würgegriff. So warten seine Lieferanten und Angestellten vergeblich auf die Begleichung ihrer Rechnungen. Nur meinen Chef wagte Fröbel nicht zu verprellen, zehrt doch sein Hotel ein wenig auch von dessen Ruf als Dekorateur. Deshalb stehe ich also auf dieser Leiter. Vor lauter Seidenvorhängen, die mich raschelnd umwehen, ist nicht mehr viel von mir zu sehen. Im Sinne der Berufsgenossenschaft ist das nicht. Wie leicht könnte ich ausgleiten, von der Leiter stürzen, Fröbel ins Parkett seiner Geliebten rammen. Meinen Chef gleich mit.


Mein linkes Schienbein schmerzt, denn dort sitzt ein Bluterguss. Den verpasste mir eine Schraubzwinge. Ich hatte das Gestell eines Armlehnstuhls zu verleimen. Ein Helfer war nicht da. Auf seine beiden eigenen Hände angewiesen, ist es oft schwierig, eine Schraubzwinge, die ein paar Pfund wiegt, so am Werkstück anzubringen, dass sie nicht dauernd wieder abspringt. Da kann man missmutig werden. Und wütend. Am Ende warf ich die Schraubzwinge hasserfüllt auf die Dielen. Von dort sprang sie allerdings zurück.

Psychologisch geschulte Leser werden argwöhnen, mein Strafbegehren habe gar nicht der Schraubzwinge gegolten. Vielmehr hätte ich diese wahlweise nach Chef, Vater Staat, Mutter Natur, dem System, der Geworfenheit in die Welt oder nach meiner Geliebten geschmissen, die mich kürzlich verlassen hat. Dieser treulosen Beißzange wollte ich es mit der Schraubzwinge zeigen.

Im Grunde dürften die Unterschiede unerheblich sein. Ob sich nämlich unser Zorn gegen harmlose Gebrauchsgegenstände oder gegen durchtriebene Angehörige, Hunde, Vorgesetzte richtet: Er gilt stets einer Verweigerung. Sowohl die Schraubzwinge als auch die beißende Geliebte verweigern ihren Gebrauch. Der Zorn kreist stets um ein Ich. Ich möchte die Welt so und so haben, doch leider ist die Welt nicht so.


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00:00 03.02.2006

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