Im Kloster

Kehrseite Es stand auf einem Steilhang, über unzähligen weißen Felsen von merkwürdig löchriger Gestalt, die an einen Schwamm erinnerte. Aus den Löchern wuchsen ...

Es stand auf einem Steilhang, über unzähligen weißen Felsen von merkwürdig löchriger Gestalt, die an einen Schwamm erinnerte. Aus den Löchern wuchsen üppige Sträucher, deren Blätter geräuschlos im Sommerwind flatterten. Eine schmale Steintreppe schlängelte sich zwischen den Felsen und Sträuchern empor. Ganz oben, wo die Treppe endete, stand das Eingangstor des Klosters. Goldgelb bemalt, hatte es ein graues Ziegeldach über dem Bogen des Eingangs. Ein junger Mönch in blauem Gewand mit hochgesteckten langen Haaren kassierte die Eintrittskarte. Eine Mauer mit Ziegeldach in den gleichen Farben schloss sich an das Tor an, und wie ein langer Drache im Flug erstreckte sie sich bis nach oben, entlang der Treppe bis zum Balkon, auf dem die Frau stand.

Es war am letzten Tag meiner Reise im Morgenland. Die Frau stand am steinernen Balkongeländer, regungslos, und schaute unverwandt geradeaus. Vor ihren Augen weit unten breitete sich eine Stadt mit einem See aus.

Es war allerdings nicht klar, ob sie wirklich auf diese Landschaft schaute. Die Frau schien ganz in ihren Gedanken oder Gefühlen versunken zu sein. Als ich gerade auf den Balkon trat, schwebte noch um ihre Mundwinkel ein kleines Lächeln. Ihre Augen waren halb geschlossen, als ob sie sich an etwas Angenehmes erinnerte. Dann fingen ihre Wangen an zu zittern, als ob sie gleich in Weinen ausbrechen würde. Schließlich weinte sie doch nicht. Sie zog nur ihre Augenbrauen zusammen und biss auf ihre Lippen, als ob sie versuchte, sich zusammenzureißen. Sie atmete tief ein und aus, zuerst heftig, dann immer ruhiger, und schließlich tauchte auf ihrem Gesicht ein Ausdruck auf, den man nur "leer" nennen konnte. Und dieser blieb unentwegt auf ihrem Gesicht.

Ich konnte nicht davongehen. Obwohl ich eigentlich keine Zeit hatte, da ich am Abend schon nach Hause fliegen musste, konnte ich diesen Balkon, diese Frau nicht verlassen. Nicht etwa weil die Frau hübsch war, nicht etwa weil sie mich neugierig machte. Ich hatte einfach nur Angst, dass sie vom Balkon herunterspringen wollte. In meiner Vorstellung sah ich sie schon in der Luft hoch über dem Steilhang fliegen. Sie bewegte ihren Körper kein bisschen. Sie zuckte sogar kaum mit ihren Wimpern. Und gerade diese Unbeweglichkeit beunruhigte mich. Ich fühlte ihre innere Spannung immer höher steigen. Sie hätte jeden Moment explodieren können. Ich beobachtete sie mit aller Aufmerksamkeit, damit ich keine falsche Bewegung übersehen konnte.

Plötzlich aber drehte sie sich zu mir um. Sie machte ein ganz ernsthaftes, fast verärgertes Gesicht. Ich dachte, dass meine heimliche Bewachung sie beleidigt hätte, dass sie von mir eine Entschuldigung verlangte.

"Glauben Sie an Märchen?" fragte sie stattdessen.

Obwohl ich nicht ganz verstand, worum es ging, antwortete ich einfach so, wie mir in diesem Augenblick schien, dass ich antworten sollte: "Ja", sagte ich. Ich sah ihr Gesicht sich flüchtig entspannen. Nach einer Atempause fragte sie weiter: "Auch an ein solches, an das außer Ihnen niemand glauben würde?"

Ich antwortete wieder "Ja", obwohl ich nicht wusste, was für ein Märchen das sein könnte. Die Frau starrte fragend in meine Augen, als ob sie von mir noch eine Bestätigung brauchte. So sagte ich noch einmal und deutlicher - "Ja". Es gab keinen Grund, "ja" zu sagen, aber es gab auch keinen Grund, "nein" zu sagen.

Sie schaute mich noch eine Weile an, sagte kurz: "Danke" und verließ den Balkon. Sie lief die Treppe am Drachenziegeldach hinunter, trat durch das goldgelbe Eingangstor hinaus, ging die Steintreppe herunter, die sich zwischen den Felsen und den Sträuchern schlängelte und nach einer kurzen Weile war sie aus meiner Sicht verschwunden.

Ich weiß nicht, wie lange ich noch auf dem Balkon so stehen geblieben war. Und als ich mich wieder zu Füßen des Berges befand, staunte ich, wie ich die Frau überhaupt hatte verstehen können. Die Sprache, in der sie mit mir redete, war die Sprache dieses fremden Landes, die ich gar nicht beherrsche.

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00:00 08.06.2001

Ausgabe 42/2021

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