Im Kokon

Showtime Marko Schiefer macht 20 Minuten am Tag Joe Cocker. Aber er will etwas Eigenes.

Es ist eine Veranstaltung für Leute, die ans Original glauben. Alle Interpreten, die Sie hier hören, singen LIVE, sagt die Stimme aus dem Off, und dann hüpft Rod Stewart herein mit Glitzerjäckchen, hochgekämmten blonden Haaren und streckt seinen süßen Arsch dem Publikum entgegen. "This song made me a millionaire, and thank you for the money", raunt er mit irgendwie traurigem Lächeln ins Mikrofon, bevor er I am sailing singt. Es folgen Jennifer Lopez und Tom Jones oder nach Wahl Boy George und Abba. Jerry Lee Lewis knallt auf die Bühne und setzt ein Klavier in Brand. Das alles ist bunt und bewegt, mit viel Kostüm, Sound und Schminke.

Nur Joe Cocker steht einfach da, umwirbelt von vier leicht bekleideten GoGo-Damen, die mit Ketten tanzen, Unchain my heart. Er steht da, im schwarzen Anzug, steppt ein bisschen auf der Stelle, wirft höchstens den Kopf im Rhythmus nach rechts und links. Er ist fett. Er schwitzt. Und er hat eine grandiose Stimme. Leicht dirigiert er mit seinen Fingern das Orchester in seinem Rücken, und es ist ihm egal, wie das aussieht. Er setzt alle Konzentration in die Musik, in den mächtigen Gesang, die vier Ladies, die sich zuletzt an ihn schmiegen, beachtet er nicht - ihr seid Zuckerzeug, ein Mann braucht Soul. Das ist Marko Schiefer. Abend für Abend singt er im Estrel-Hotel, im tiefsten Berliner Neukölln, weit weg vom Zentrum, bei Stars in Concert, einer Imitations-Show, die sich wohl nicht zu Unrecht rühmt, in dieser Form "einzigartig in Deutschland" zu sein.

Wie ein Marktplatz-Center wirkt die Eingangshalle, ready-made Luxus für die Mittelklasse, Busladungen voll Reisegruppen werden hier abgeladen - sein Publikum. Es herrscht Betrieb, die Geräuschkulisse in dem hohen, glasbedeckten Vorraum ist beträchtlich, das Estrel ist Berlins größte Bettenburg. Marko Schiefer sitzt auf der vorderen Kante des tiefen Fauteuils, in der Freizeit trägt er Jeansjacke und schwitzt nicht. Joe Cocker, der Echte, ist 59 Jahre alt, Marko Schiefer ist 30 Jahre jünger. Na Gott sei Dank, sagt er, dass ich noch nicht so alt bin. Gott sei Dank auch, dass ich nicht so aussehe - ist ja auch schwer, so auszusehen wie Cocker. Seit vier Jahren macht er das hier, vor einem Publikum, das entweder, wenn es um die 20 ist, jugendlich mitklatscht oder, wenn es über 50 ist, leise wippt und interessiert auf die Bühne blickt - man hat bezahlt. Maßvolle Erregung, unbewegte Gesichter. "Ihr seid ein wunderbares Publikum", sagt Schiefer immer in sein Mikrofon und bekommt Applaus. Bei You are so beautiful erglühen die Wunderkerzen, die auf jedem der Besucher-Tische bereitliegen.

Die Stars werden meist in Las Vegas angeworben, wo es eine blühende Szene an Imitatoren gibt, Schiefer ist der einzige Deutsche der Show. Er hat seine eigene Band gehabt, in Trier war das, die Joe-Cocker-Revival-Band, doch die lief aus dem Ruder. Über eine Berliner Agentur ist Schiefer dann an Stars in Concert gekommen. Da war er froh. Aus seiner Band ist er der einzige, der noch Musik macht, richtige Musik, professionelle Musik, Musik, mit der man Geld verdient. Darauf ist er stolz, und er ist froh, dass das klappt. Er hat sich keine eigene Wohnung in der Stadt gesucht, er lebt im Hotel, seit Jahren schon, es ist ja ein "Künstleraufenthalt", so nennt er das, und im Estrel bewohnt er eine Junior-Suite. Was müsste er denn singen, um eine Präsidenten-Suite zu bekommen? Schiefer wehrt ab: viel zu groß. Man braucht doch nur ein Zimmer, sagt er, schlafen kann man nur in einem einzigen Bett.

Was die Musik angeht, hat Schiefer sich alles selbst beigebracht, auch Gitarre und Bass, und auf die Joe-Cocker-Schiene kam er, weil ihm der Keyboarder einer Band einmal riet, er solle stimmlich in die Soul-Richtung gehen. Eigentlich sind beide Arbeiter, Schiefer hat Metallbau gelernt, Joe Cocker war früher Gasinstallateur. Neidisch ist Marko Schiefer nicht und auch nicht verärgert, dass er - bei Licht besehen - den echten Cocker promotet. Er empfindet nicht maßlose Bewunderung, es ist eher so etwas wie Hochachtung, das sind für ihn Stars, Menschen, die so lange im Musikgeschäft bleiben wie Cocker, die eine Karriere durchziehen. Er würde es genauso machen, wenn er die Chance hätte. Aber das ist das Problem mit der Chance, man muss die richtigen Leute zur richtigen Zeit treffen und dann das richtige Album machen. Es gibt verdammt viele verdammt gute Musiker, die einfach keinen Durchbruch schaffen, die nie bekannt werden. Wenn wir alle die große Chance hätten, sagt Schiefer, gäbe es 70.000 gute Musiker mehr auf dem Markt. Aber es hat nicht jeder das Glück.

Zwei Mal ist er dem echten Cocker begegnet, jeweils im Rahmen von Pressekonferenzen. Cocker ist schüchtern, sagt Schiefer, er hat eine ganz ruhige Art, sehr human ist der. Und er hat eine Crew, die sich um alles kümmert. Und er war ja verdammt tief unten mit seiner Alkohol- und Drogensucht in den siebziger Jahren, lebte sogar zwischenzeitlich auf der Straße wie ein Obdachloser, und ist dann wieder hochgekommen. "Seine Frau hat ihm aus der Scheiße geholfen. Seine Frau ist auch immer dabei, auf den Tourneen. Cocker braucht eine Familie, er braucht den Halt." Das weiß Marko Schiefer.

Doubeln ist schwer, man muss halbwegs so aussehen wie der Star, sich so bewegen, die Power rüberbringen, und man muss die Stimme haben, "originalgetreu singen" - ohne Originalstimme ist ein Double nichts wert, findet Schiefer, Playback ist das Allerletzte, da kannst du dir gleich ein Bild vom Star an die Wand nageln. Manche Stimmen sind leichter, manche schwerer zu imitieren, Elton John ist leicht zum Beispiel, Joe Cocker mit dieser rauchigen Stimme natürlich gar nicht. Weltweit gibt es nur zwei bis drei gute Cocker-Imitatoren, schätzt Schiefer, und er zählt sich dazu. Er hat, 1998, einen Preis als "bestes Double Deutschlands" erhalten. So steht es in der Pressemappe, aber Schiefer erwähnt das nicht.

Sail away, der Werbesong für Becks-Bier, wurde überdies nicht von Cocker selber eingesungen, auch wenn´s so klingt, "haben Sie das gewusst?" Schiefer hat nicht rauskriegen können, wer da das Double war, denn das hätte er auch gerne gemacht, "dann säße ich heute nicht hier", er seufzt, stutzt und korrigiert sich schnell: aber es ist gut hier. Es gefällt mir, es ist gut so, wie es ist.

Jeden Tag in der Woche macht er den Cocker, außer dienstags. Die Show, die demnächst auch in Essen zu sehen sein wird, findet er gut, professionell, geil, das Produkt steht, die Band hat was drauf. Ein bisschen mühselig ist es natürlich schon, immer dasselbe zu singen, aber man muss halt auch Geld verdienen. Er ist nicht Cocker. Er switcht ihn an, wenn er auf die Bühne geht. Wenn er die Bühne verlässt, ist er wieder Marko Schiefer. Oder sagen wir so: auf der Bühne ist er halbe halbe. Er bringt immer viel von sich selbst hinein, auch für später, "falls man mal was eigenes machen will, dass man nicht so abhängig wird", es könnte ja sein, mit der Zeit, dass man nichts anderes mehr kann als Kopieren. Schiefer kennt Doubles, die sich ihrem Original völlig anähneln, die den ganzen Tag mit Schminke rumlaufen und sich Allüren zulegen. Diese Leute stimmen ihn traurig. "Verkauert" nennt er sie, in sich zurückgezogen, weil die nicht mehr anders können als nicht sie selbst zu sein. Das ist ein Problem, dass der Mensch sich festfährt, das kann schnell passieren, wenn man nicht aufpasst. Ihm passiert das nicht. Marko mit k bitte. Eine Zeitlang hat er sich mit c geschrieben, fand, das sah besser aus, mit c steht er auch im Programm. Aber dann hat er gemerkt, dass beim Unterschreiben c und o so schnell ineinander schwimmen, das sieht dann aus wie Maro - nein, lieber mit k - so wie in seinem Personalausweis - Schiefer ist für klare Trennungen.

Früher hat er Konzerte gegeben, ganze Konzerte, hatte mit seiner Band Gastauftritte bei Chris de Burgh und Herbert Grönemeyer. Jetzt sind es 20 Minuten täglich, vier Songs, proben muss er nicht, einsingen reicht, er hat viel Zeit tagsüber. Er schläft aus, dann und wann schreibt er Lied-Texte, "man macht auch viel gemeinsam mit sich selbst", und wartet ab. "Ich bin ein vorsichtiger Mensch. Ich lass es ruhig angehen, denn in der Ruhe liegt die Kraft." Irgendwann wird der Punkt kommen, an dem er sich löst, es geht die ganze Zeit rum und rum in seinem Kopf, er sammelt Kontakte, die ihm helfen werden. Sein Traum ist, wieder bei großen Konzerten aufzutreten, wieder etwas eigenes zu machen. Und das wird nicht Joe Cocker sein.

Er wird es packen. Zusammen mit seiner Freundin. Sie ist sein Goldstück, die Person, die immer an seiner Seite ist - mental zumindest, denn sie lebt in der Schweiz. Das sagt er oft: "zusammen mit meiner Frau", obwohl sie, streng genommen, noch nicht seine Frau ist. Er kennt sie nun fast ein Jahr, sie hat ihn in der Show gesehen und ihn hinterher angesprochen, es war Liebe, sagt er, auf den ersten Blick. Denn alles andere, was nicht Liebe ist, ist ihm "zu schwimmmäßig", das interessiert ihn nicht. Aber sie sitzt in der Schweiz und er im Hotel, in dem man nur ein Zimmer braucht, doch es ist schön hier, sagt er, die Stars sind wie eine Familie und man kennt die Menschen im Hotel. Und seine Freundin, sie ist auch aus der Musikbranche, unterstützt ihn, und das braucht er. Wie Joe Cocker vielleicht. Ja, Marko hing auch schon ganz unten, da war er 24, ganz am Boden, "in gewisser Weise können Cocker und ich uns die Hand reichen."

Vier Jahre lang jeden Abend, mit Ausnahme der Dienstage und der Sommerpause, vier Jahre. Er sinkt ins Fauteuil zurück und lässt die Arme rechts und links über die Lehnen hängen wie schlaffe, große Flügel. "Mensch, wie die Zeit vergeht". Ein bisschen ist es, als werde er doch unruhig, weil er so ruhig bleibt. Er lebt im Kokon. Was wohl herauskommt?

Eine Reihe Schornsteinfeger paradiert frisch gewaschen und in Uniform durch die Hotellobby, es scheint eine Schornsteinfegertagung stattzufinden. Ich sage: Das bringt uns Glück. Er reagiert erst nicht, nach einer kleinen Weile sagt er "ja, ja". Überzeugt klingt das nicht. Glück ist harte Arbeit.

00:00 11.07.2003

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