Astrid Kusser
Ausgabe 2016 | 20.05.2016 | 06:00

Im Konfrontationskurs

Nicht in Berlin In Rio wehren sich Schüler mit Besetzungen und selbst organisiertem Unterricht gegen den Spardruck

Es begann Mitte März im Colégio Morães Mendes im armen Norden der Metropole Rio de Janeiro, mittlerweile betrifft es knapp 70 staatliche Gymnasien im ganzen Bundesstaat Rio: Jugendliche besetzen ihre Schulen, und ihre Zahl wächst beinahe täglich.

Nachdem die Regierung die Schüler über Wochen praktisch ignoriert hat, gibt sie nun erstmals einigen ihrer Forderungen nach. Fortan dürfen die Schulen ihre Direktoren selbst wählen. Eine unbeliebte Form der Evaluation ihrer Leistungen wird abgeschafft und durch eine Prüfung ersetzt, die sie verlässlich auf den Enem, das brasilianische Abitur, vorbereitet. Und die Behörde nimmt Strafmaßnahmen wie das Kassieren der Busausweise zurück. „Kein Unterricht, keine Freifahrt“, hatte sie davor argumentiert. Die Schüler sollten lieber zu Hause bleiben, statt die Schulen zu besetzen und sich selbst zu organisieren. Im Zentrum des Streits steht, wie so oft, das Geld.

Gabriel Richard steht jetzt erst einmal die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Der großgewachsene Schüler des Colégio Amaro Cavalvanti war am Abend zuvor bei einem ersten Treffen mit einem Vertreter des Bildungsministeriums. „Wir haben ihm gesagt, dass er sich darauf einstellen soll, auch in Zukunft weiter direkt mit uns Schülern zu verhandeln. Denn wir sind gekommen, um zu bleiben.“

„Nehmt’s doch von Olympia!“

Das Colégio Amaro Cavalcanti liegt im Zentrum von Rio de Janeiro und ist seit dem 14. April besetzt. Die Schüler fordern die Sanierung der Wasserleitungen, Klimaanlagen in den Klassenzimmern und besseres Essen in der Schulkantine. Am Zaun hängt ein Banner mit der Aufschrift: „Nehmt’s doch von Olympia und investiert es in unsere Schule!“ Tatsächlich ist der Bundesstaat Rio de Janeiro so gut wie pleite. Seit Jahren hat die Regierung mit vollen Händen Geld ausgegeben, Steuern erlassen und teure Großprojekte finanziert, von denen die Olympischen Spiele nur eines sind. Trotz der massiven Proteste 2013 kurz vor der Fußballweltmeisterschaft ging es in den vergangenen Jahren einfach so weiter.

Doch dann fiel der Ölpreis, das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich und ist nun beinahe zum Erliegen gekommen. Die Justiz begann, den Korruptionsskandal rund um den staatlichen Ölgiganten Petrobras aufzudecken, die hochfliegenden Zukunftserwartungen von Politik und Wirtschaft fielen in sich zusammen. Im Augenblick scheint die Regierung von Rio de Janeiro nicht zu wissen, wie sie die Gehälter und Pensionen der vielen Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst bezahlen soll. Das betrifft auch das Lehrpersonal, das in weiten Teilen deswegen streikt.

Es gibt kaum ein besseres Argument als eine leere Staatskasse, um unliebsame Reformen durchzusetzen, Programme und Inhalte zu beschneiden. Den staatlichen Gymnasien hätte es genauso ergehen können. Doch mit den Schülern betreten in Rio nun ganz neue Akteure die politische Bühne, mit denen bislang niemand gerechnet hat. Sie sind von Erzählungen und Videos aus dem benachbarten Bundesstaat São Paulo inspiriert, wo sich zuvor Schüler erfolgreich gegen die Schließung von Schulen zur Wehr gesetzt hatten.

In Rio organisierten sich die Besetzer im Amaro Cavalcanti gleich am ersten Tag in Arbeitsgruppen: Putzdienst und Kochdienst, Kommunikationsteam und Programmabteilung. Von Spenden kaufen sie Lebensmittel, alles wird ordentlich in die Speisekammer geräumt. „Das Essen ist jetzt besser als vorher“, sagt Camilla Motta stolz. Sie ist 15 und im ersten Jahr an dieser Schule. „Ich habe mich total über die Besetzung gefreut. Als es losging, hab ich mich gleich bei allen Aktivitäten auf einmal eingetragen“, sagt sie. „Ja, klar, ich verpasse Unterricht, aber ich lerne jetzt anders. Es ist viel abwechslungsreicher. Und ich kann selbst entscheiden, was ich mache.“

Jeden Tag findet mindestens eine aulão statt, eine große Schulstunde, wie sie es nennen. Lehrer, Professoren, Künstler und Musiker bieten dabei kostenlos und unverbindlich Unterrichtsstunden an. Klassische Themen wie das Aufsatzschreiben als Vorbereitung für die Abschlussprüfung wechseln sich mit Einheiten ab, die sich sonst nicht auf dem Lehrplan finden. Eine Stunde über „Geschlecht und Sexualität“ mobilisiert derzeit besonders viele Schüler, denn dieses Thema ist sonst an der Schule tabu. Viele Lehrer und Eltern gehen auf die Barrikaden, wenn eine solche Veranstaltung jetzt angekündigt wird. Aber die Schüler finden es gut, sie nehmen sich einen ganzen Nachmittag Zeit für eine Einführung in die Gender Studies, der Lehrer kommt direkt von der Universität.

Zwangsferien

Mittlerweile gibt es womöglich sogar mehr Menschen, die freiwillig in den Schulen unterrichten wollen, als Schüler, die teilnehmen können. Das liegt auch an der Salamitaktik der Regierung, die zuletzt alles daran setzte, das Lager der Schüler zu spalten. Ein Versuch, die um sich greifende Selbstorganisation auszubremsen, bestand darin, sofort Zwangsferien verhängen.

Da also nicht alle Schüler am aufregenden Besetzerleben teilnehmen wollten oder konnten – etwa weil das Gebäude wegen der „Sonderferien“ verriegelt ist –, bekamen viele Angst: Werden sie das Schuljahr wiederholen müssen, wenn sich die temporäre Schließung, die Streiks und Besetzungen noch lange hinziehen? „Das ist Quatsch. Die Lehrer streiken sowieso, und die verlorenen Unterrichtsstunden werden natürlich nachgeholt“, sagt Victor Soarez, der zum festen Kern der Besetzer im Amaro Cavalcanti gehört.

Anfang Mai stürmten Besetzungsgegner das Gymnasium Morães Mendes, griffen ihre Mitschüler an und zerstörten die selbst geschaffene Ordnung im Gebäude, auf die die jugendlichen Besetzer so stolz gewesen waren. Aber: Die örtliche Justiz scheint auf ihrer Seite zu stehen. Mit einer seitenlangen gerichtlichen Verfügung kehrten die Besetzer wenig später zurück. Und endlich erklärte sich jetzt auch die Bildungsbehörde bereit, ernsthaft über ihre Anliegen zu verhandeln.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 20/16.