Im Kuckucksnest

Berliner Abende Kolumne

Auf dem Weißen See schwimmt eine finnische Sauna mit einer inwendigen Camera obscura, die Bilder von draußen nach drinnen projiziert, auf dem Kopf stehende. Die Laubkronen der Bäume hängen nach unten und das Wasser schwimmt oben an den Wänden oder flimmert auf unseren Gesichtern als tanzende Linien. Zwei finnische Künstlerinnen haben die Sauna entworfen und die Einzelteile auf dem Wasser montieren lassen. Wir wurden mit Booten übergesetzt und durften das Kanonenöfchen selbst heizen, bis der Rauch weit über den See zog. Ein Italiener, der mit seiner Freundin hier war und ab und zu seinen schönen Po zeigte, wenn er die Holzscheite in den Ofen schob, goss hin und wieder Sud über die Steine und wedelte dann wie ein Schamane mit dem Handtuch, bis sich der Dampf im ganzen Raum verteilte. Wir begannen tief zu atmen, und der Italiener flüsterte: "Es ist wie eine Droge."

Meine halbwüchsige Tochter fragte, ob man sich in der Sauna auch küssen oder sogar Sex haben dürfe und ob man dann nicht ohnmächtig würde, wenn sich die Energien überlagerten. Sie fand die nackten Männer eklig und war der Meinung, die dürften sich eigentlich gar nicht ausziehen.

Was für ein schöner Schock, vom Floß aus schließlich mit erhitztem Körper nackt ins Wasser zu springen und sich dann, auf den Planken liegend, von den Wellen schaukeln zu lassen.

Es war Sonntag, wir gingen zurück in unsere Wohnung, und das Geld war alle. In unserem Keller stand das Wasser wie immer knöchelhoch. Die Mietgelder hatten angeblich wieder mal nicht gereicht, das Haus zu sanieren.

Die beiden jungen Drogendealer aus der Dachwohnung hatten sich kräftig von ihrem Stoff bedient. Der breitere der ungleichen Zwillingsbrüder lächelte zufrieden aus glasigen Augen. Der trockene Alkoholiker aus der dritten Etage hatte einen Beatles-Song laut aufgedreht, und mein Nachbar sagte, der sei jetzt nicht mehr trocken, sondern nur noch "halbtrocken". Er habe ihm geraten, morgens nur eine Weinschorle zu trinken, das würde nicht so dröhnen wie richtiger Wein.

Eigentlich mag ich meinen Nachbarn, aber er gehört einer sehr rechten Vereinigung an, zumindest sein Kopf. "Wir von der Waffen-SS", sagt er, obwohl er erst 40 ist und kein Nobelpreisträger. Er reparierte alle meine Türklinken und legte mir das Linoleum in der Küche aus. Mein Fahrrad reparierte der "Halbtrockene". Wenn ich nicht da bin, sagen sie, würde ihnen etwas fehlen im Haus.

Der Hausbesitzer ist ein jüdischer Architekt, der in Thailand hockt und von unserer Miete seinen Guru bezahlt, um zu sich selbst zu finden. Wenn wir ihm von dem Wasser im Keller erzählen, sagt er, es gäbe ja bald die Haussanierung, dann würde alles gemacht. Das sagte er schon vor drei Jahren, als ich hier einzog. Mein Nachbar lässt rassistische Sprüche über ihn ab, die ich nicht hören will. Ich mag den Hausbesitzer. Leute, die zu sich selbst finden wollen, mag ich sowieso.

Im Parterre köchelt ein Vietnamese in seinem Imbiss Asiatisches. Er singt bei der Arbeit. Das hört sich schön an. Wenn es keiner sieht, wirft er in Zeitungspapier gewickelte Fischköpfe in die Mülltonnen, weshalb die Ratten gern unseren Hof besuchen. Zuerst habe ich gedacht, die Mülltonnendeckel würden sich vom Wind auf und ab bewegen, aber es ging gerade gar kein Wind und es sah gespenstisch aus von meinem Fenster oben.

Es ist im Moment alles irgendwie zu viel. Viel zu viele Leute, viel zu viele Nachbarn, und keiner weiß so richtig, wo es lang geht. Aber wir leben so und denken nur manchmal, naja, Berlin.

Janina, meine Tochter, sagt, in der Schule würden alle meinen, sie sähe aus wie Paris Hilton. Sie sagt auch, in der Zeitung hätte gestanden, Paris sei so reich, dass sie noch nie einen Supermarkt von innen gesehen hätte, was natürlich auch mit ihrem Papa zu tun habe, dem die Hilton-Hotels in der ganzen Welt gehören. Janina möchte auch so einen reichen Vater haben. Ihrer ist leider schon tot, und das Erbe mussten wir wegen der Schulden ausschlagen. Ich vermisse ihn. Ich vermisse ihn so sehr, dass ich wütend werde auf ihn. Er hatte noch kein einziges graues Haar, als er starb.

Im Brief von der Model-Agentur stand, Janina müsse einen Monatsbeitrag von 29 Euro für die Vermittlung bezahlen. Der Brief wanderte in den Ofen. Sie weinte. Sie will später mal nicht arbeitslos sein.

Eigentlich wollen wir alle weg. Es ist alles zu viel hier. Aber das sagte ich ja schon. Wir wollen nicht nach Thailand. Wir wollen in die Schweiz oder nach Australien, dort soll es so schön ruhig sein. Wenn wir auf dem Hof sitzen und trinken, reden wir von der Schweiz wie diese Leute aus dem Film Einer flog über das Kuckucksnest, die wollten auch immer weg. Aber die waren ja auch alle irre. Wir nicht. Oder? Na egal. Wir bleiben jedenfalls noch ein bisschen hier. Zumindest heute.


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00:00 06.10.2006

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