Im Kurschatten

Reise Die altehrwürdigen Hotels reißt man ab, einsam ragt der Mammutbaum: Die Schwarzwaldhochstraße hat bessere Zeiten gesehen
Eva Schwedes | Ausgabe 48/2017

Vielleicht weil sie das Thermalbaden und Glücksspielen einmal satthaben mussten, setzten die Kurgäste von Baden-Baden gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts den Fuß in die Wildnis des Nordschwarzwalds. In der Folge spross dort ein Kurhotel nach dem anderen aus dem Boden, im Jahr 1912, mit Hertha Isenbarts Offiziersgenesungsheim Bühlerhöhe als fulminantem Schlusspunkt. Die geschäftstüchtigen Hoteliers trieben den Bau von Straßen voran; sie waren es auch, die die Idee einer Höhenstraße vorbrachten, welche bis Freudenstadt die einzelnen Hotels miteinander verbinden sollte. Im November 1930 schließlich wurde das 3,5 Kilometer lange und fünf Meter breite Herzstück der Panoramastraße, die Schwarzwaldhochstraße, mit einem Fest am Kurhaus Hundseck eingeweiht. Es verlief in einer Höhe von 700 bis 1.000 Metern, mied die Täler und bot dafür atemberaubende Aussichten in die Rheinebene.Eben dort, auf halber Strecke, erhebt sich nun ein braunes Wrack und streckt dem Betrachter seine aufgerissene Flanke entgegen. Holzsplitter und Mauerbrocken liegen herum, ein wackliges Gerüst stemmt sich hilflos aus dem Boden. Begrenzt wird das Trümmerfeld von einem Zaun, auf einem Schild steht ironisch und ein wenig bitter: „Verwaltungserlebnisstation“.

Vielleicht war Sisi hier

Aus dem Schatten eines Gebäudeflügels treten zwei bärtige ältere Männer, Vögel zwitschern, auf der Hochstraße zischt und donnert der Werktagsverkehr. Der Kleinere von beiden, Josef Gramlich, löst mit einem Akkuschrauber die Bolzen aus der Platte, mit der der Eingang zur Ruine verrammelt ist. „Kommse mal rein!“, murmelt er. „Sehnse, alles neu verputzt, neu geplättelt. Guckense mal die Fenster an, alles nagelneu.“ „Jetzt nicht mehr, aber damals“, verbessert ihn der andere, Hans Woile. „Ja, damals“, bestätigt Gramlich kleinlaut.

Fünf Jahre ist es nun her, dass das ehemalige Kurhaus Hundseck zu zwei Dritteln abgerissen wurde. An den bemalten Deckenbalken ist der Prunk des 1896 vom Architekten Wilhem Vittali entworfenen Höhenhotels noch entzifferbar. Im Festsaal riecht es nach Schimmel, die Fensterscheiben sind eingeworfen, Eindringlinge haben Graffiti an die Wände gesprüht. Die Türken hätten selber nicht geglaubt, dass ihr Gebäude einsturzgefährdet sei, erzählt Gramlich, Nachbar und Generalbevollmächtigter der türkischstämmigen und bei Heilbronn lebenden Hundseckhotel-Eigentümer. Diese hatten das Haus im Jahr 2007 ersteigert und anschließend leer stehen lassen. Aber sie hätten ja die Abrissverfügungen auf dem Tisch gehabt, fährt Woile, Sonderschullehrer im Ruhestand, mit lauter Stimme fort, die von den Wänden widerschallt. „Die haben gedacht, och, die Verwaltung, das nehmen wir nicht ernst. Oder sie waren nicht erreichbar. Hier ist eigentlich schiefgegangen, was schiefgehen kann.“

Der erst um 1972 abgeschlossene Bau der Schwarzwaldhochstraße stand ganz im Zeichen der Motorisierung. Waren es zunächst die großbürgerlichen und adeligen Sommerfrischler mit ihren Nobelkarossen, so nahmen in den 1950er Jahren auch die Kleinbürger im berühmten Leukoplastbomber Kurs auf die Hochstraße, um übers Wochenende die Schnee- oder Wanderschuhe anzuschnallen. Beschwerden über die Lärmbelästigung durch die immer zahlreicheren Autos gab es schon damals, mittlerweile sind es vor allem Motorräder und Lkws, die den Aufenthalt in Straßennähe zur Tortur machen. Wer würde da noch an Kururlaub denken?

Gramlich und Woile steigen in ihren Lieferwagen und fahren auf der Hochstraße zwei Kilometer nach Norden bis zu einer Häusergruppe namens Sand, die benannt ist nach dem dort vorkommenden Buntsandstein. Hier steht ein im Schweizer Stil erbautes Kurhotel mit Schindelkleid und Krüppelwalmen. Kaiserin Sisi soll hier im April 1883 gespeist haben. Vor allem die Jagdmöglichkeiten lockten die adelige Gesellschaft ins Bühler Höhengebiet. Der Schriftsteller Wilhelm Jensen schreibt in seinem Schwarzwaldbuch von 1890: „Die weiten, düstren Gebirgswälder des nördlichen Schwarzwaldes bilden noch gute Zuflucht für den in den ebenen deutschen Landen fast überall ausgerotteten, nur noch gehegten Edelhirsch.“ „Doch ist die frühere, weitumherrschende hohe Einsamkeit jetzt durch eigentümliche Oasen einer Reihe von Sommerpensionen unterbrochen“, beschwert sich Jensen. „Alle liegen auf kleinen, oft winzigen Waldblößen, eng von Tannenforst umschlossen, zumeist ohne jeden freien Ausblick.“

Das Sand-Hotel gehört heute der Stiftung Paradiesbau auf Erden der Idealisten Gramlich und Woile, die das Kurhaus gemäß dem Testament des letzten Eigentümers in eine Stiftung umwandelten, nämlich in eine Saat- und Baumschule. Als gläubiger und naturverbundener Mensch erklärte der Stifter zum Stiftungszweck den Schutz der Natur und die Wiederherstellung „früherer natürlicher Zustände auf Erden“. Dazu gehöre das Züchten von „Riesenbäumen“ wie dem Mammutbaum und der Douglastanne.

Rings um das Grundstück stecken in aus Paletten gezimmerten Hochbeeten nun die Mammutbaumsetzlinge. Die Vorhänge im Kurhaus sind zugezogen, im Dämmerlicht zeichnen sich ausgestopfte Tiere, Geweihe und Kruzifixe an holzgetäfelten Wänden ab. Hansjörg Willig, Vorsitzender des Vereins Kulturerbe Schwarzwaldhochstraße und pensionierter Gymnasialrektor, hat es vor allem das seit 100 Jahren unverändert gebliebene Jagdzimmer angetan. Sein Verein gründete sich unmittelbar nach dem Hundseck-Abriss, mit dem Ziel, „ein weiteres Hundseck“ zu verhindern. Ihm sei es zu verdanken, behauptet er, dass die Panoramastraße als immerhin älteste und bekannteste Touristikstraße Deutschlands nun wieder mediale Aufmerksamkeit erlange. Gramlich und Woile dagegen nennt er „Querdenker“, die eine sinnvolle Nutzung des Kurhauses Sand, etwa als Skimuseum oder Portalgebäude für den 2014 gegründeten Nationalpark Schwarzwald, blockierten. „Der schöne Garten – verfällt total“, sagt er grimmig. Und was die Mammutbäume angehe, so viel könne er als Sohn eines Schwarzwälder Försters sagen: „Des isch totaler Quatsch.“ Niemals seien solche im Schwarzwald heimisch gewesen.

Tatsächlich soll aber König Wilhelm I. von Württemberg in seinem Todesjahr, 1864, Mammutbaumsamen aus Kalifornien importiert haben. 3.000 bis 4.000 junge Bäume sollen später übers Land verteilt worden sein, einige gelangten in den Nordschwarzwald und einer steht noch heute auf dem Marktplatz von Freudenstadt, inzwischen stattliche 35 Meter hoch.

Dass der Tourismus an der Schwarzwaldhochstraße nicht mehr boomt, hat viele Gründe. Nicht nur ist der Kururlaub längst aus der Mode und seit den Gesundheitsreformen der 1990er Jahre von den Krankenkassen auch nicht mehr so gefördert wie früher, worunter sämtliche deutschen Kurorte leiden. Fern- und Billigreisen haben den Naherholungstourismus abgelöst. Es kommen zwar immer noch Übernachtungsgäste in den Schwarzwald, aber ihre Ansprüche sind gestiegen. Es muss schon mindestens Wellness sein, wie aber mit dem noch stehenden baulichen Erbe umgehen? Manche sehen es als Hoffnungsschimmer, dass das alte Unterstmatt-Hotel abgerissen und durch einen pseudofuturistischen Neubau ersetzt werden soll. Geplant ist ein Monstrum, das sich von der traditionellen Schwarzwaldarchitektur bewusst abgrenzt. Gefördert aus Mitteln des Landes und der EU. „Es wurde ja in der Bundesrepublik mehr abgerissen, als im Krieg zerstört wurde“, klagt Woile, der Angst hat, dass auch das Sand-Hotel irgendwann auf Drängen der Behörden hin abgerissen werden könnte.

Indessen scheint es, dass die Zukunft der Schwarzwaldhochstraße wiederum an die Steigerung der Mobilität geknüpft ist. Nur dass diesmal Elektromobilität gemeint ist. Von den Landkreisen angedacht sind eine flächendeckende Versorgung mit Ladestationen für Elektroautos, Verleihstationen für E-Bikes und Segways, elektrisch betriebene Ausflugsboote, eine bessere Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und so weiter. Wer weiß, was für Touristen dies dann auf die Schwarzwaldhochstraße spülen wird – und ob die alten Hotels dem erhofften Besucheransturm standhalten oder ob sie womöglich Windrädern weichen müssen. Denn die Möglichkeit, in Sichtweite der Bühlerhöhe einen Windpark zu errichten, wird bereits ernsthaft in Betracht gezogen.

06:00 25.03.2018

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