Im Land der grauen Käfer

Zwischen Euphrat und Tigris In ihrem Roman "Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom" beschreibt Mona Yahia eine jüdische Kindheit in Bagdad

Wovon niemand mehr sprechen will, darüber darf die Kunst nicht schweigen. Dieses Motto schwebte unausgesprochen über der diesjährigen documenta. Vom Völkermord an den Tutsis bis zu den mexikanischen Flüchtlingen in Kalifornien ließ die Kunst keinen Krisenherd der Welt, kein Leiden irgendeiner Minorität unter Druck undokumentiert. Wenn die 1954 in Bagdad geborene Schriftstellerin Mona Yahia ein Video über ihre Kindheit gedreht hätte, hätte man in Kassel sicher melancholische Bilder von Euphrat und Tigris gesehen, von den Resten ihrer jüdischen Schule, die vor 50 Jahren wie "eine Art Festung" in dem chaotischen Bagdad stand, von dem Tahrir-Platz im Herzen der irakischen Hauptstadt, auf dem Anfang der siebziger Jahre das arabische Revolutionsregime als abschreckendes Beispiel für die Juden im Land ein gutes Dutzend von ihnen wegen "zionistischer Umtriebe" am Galgen aufknüpfen ließ. Vielleicht hätte die Kamera auch noch einmal die Passage in die Freiheit nachgestellt, hätte den staubigen Weg im Süden des Irak durch den Shatt-al-Arab nachverfolgt, auf dem das Mädchen Lina, ihr Vater, ihre Mutter und der Bruder Shuli in den Iran flüchten. Schließlich hat die 1971 nach Israel emigrierte Mona Yahia zu Beginn der achtziger Jahre in Kassel Kunst studiert. Ihr Film hätte gut zur documenta11 gepasst.

Aber Yahias Erinnerung ist ein Roman geworden. Doch auch der ließe sich unter die Rubrik einordnen, ein unbekanntes Kapitel der Historie dem Vergessen zu entreißen, Zeugnis abzulegen, die Erinnerung an die Opfer zu bewahren. Ihr Roman Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom beschreibt die Verfolgung der Juden im Irak der fünfziger bis in die siebziger Jahre. Nun ist es gewiss nicht so, dass man dergleichen Geschichten überhaupt nicht hören wollte oder für ästhetisch illegitim hielte. Denn wer wäre nicht bei jeder Lektüre neu überwältigt von dem literarischen Denkmal, das Franz Werfel dem Überlebenskampf der verfolgten Armenier in der Türkei in seinem Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh gesetzt hätte - einem unbestrittenen Klassiker der Weltliteratur. Trotzdem lässt sich oft nur schwierig umgehen mit historischen Themen. Denn die Tragödie, die dem Leser schon auf dem Klappentext mitgeteilt wird, fordert von vorneherein so viel moralischen Tribut, dass man mit ästhetischen Einwänden automatisch vorsichtig wird. Als Deutscher wird man schweigsam, wenn man erfährt, dass jüdische Geschäftsleute im Irak der sechziger Jahre nur Kredite bekamen, wenn sie einen arabischen Partner hatten, sich nur fünfzig Kilometer im Umkreis ihres Wohnortes aufhalten durften und der Staat das Vermögen der Ausreisewilligen konfiszierte. So wie die Juden im Irak in den fünfziger Jahren leben mussten, mussten es auch die Juden im Deutschland von Adolf Nazi. Wer würde es noch wagen, an so einem Sujet kleinlich herumzumäkeln?

Ausgerechnet die nicht gerade einfache Kinderperspektive bewahrt Yahias autobiographisch grundierten Roman vor einem fiktional nur notdürftig verkleideten Dokudrama Denn Lina, das jüdische Mädchen Lina, betätigt sich zwar auch als Dokumentarfilmerin. Etwa wenn sie berichtet, wie die Leiche des prowestlichen Ministerpräsidenten Nuri in der Revolution von 1958 von einer aufgebrachten Menschenmenge durch die Straßen Bagdads geschleift wird. Doch diese Perspektive karikiert die politischen Regime zu schnell wechselnden Marionettentheatern, mit denen die Fahnen wechseln, nicht aber die Lebensbedingungen. Dazu passt Linas mitunter fast fotorealistische Wahrnehmung. Sie hilft ihr aber auch, die Widersprüche im eigenen Lager sehen. Und wie spielerisch diese Ich-Erzählerin aber über die Realität verfügen kann, zeigt sie, als sie sich am Anfang des Buches ihren älteren Bruder erfindet: "Ich will ihn Shuli nennen". Und auch später wird sie sich in diversen Zwangslagen immer wieder in Traum und Fiktion retten.

Das Mädchen, das eines Tages mit Schrecken die gefärbten Haare seiner Mutter entdeckt und die erste Menstruation hat, ist immer glaubwürdiger als die Geschichtslehrerin, die Yahia mitunter aus ihr macht. Wenn das Mädchen von den ersten Pogromen gegen Juden in den vierziger Jahren berichtet, merkt man, wie diesem heranwachsenden Kind mehr Wissen und Ausdrücke aufgebürdet werden, als sie tatsächlich haben oder artikulieren kann. Auf der einen Seite behauptet sie, nicht zu wissen, was Metaphern sind. Aber würde dann ein kleines Mädchen sagen, dass eine nach jedem Regimesturz umbenannte Brücke in Bagdad "sich wie ein linguistisches Chamäleon dem Vokabular der neuesten Herrscher" anpasste oder Wasser als "pränatales Element" bezeichnen? Doch dann gelingt Yahia mit den allgegenwärtigen, kleinen grauen Volkswagen der Häscher und Informanten der immer schneller wechselnden Revolutionsregime, die die Familie auf der Flucht bis zur Grenze an den Iran verfolgen, wieder eine bedrückend gute Metapher für totalitäre Herrschaft.

Linas Geschichte ist eine Neuauflage der biblischen Geschichte. Die Juden im Irak leben wie zu Zeiten Nebukadnezars in der Diaspora. Aber nicht gerade wie in der babylonischen Gefangenschaft in Ketten. Der von den Engländern protegierte König Faisal hatte nach seiner Thronbesteigung 1921 den Juden große Rechte eingeräumt. Seitdem sind sie fast irakischer als die Iraker, Linas Familie spricht sogar den örtlichen Moslemdialekt. Sie selbst widersetzt sich jeder Zuordnung. Auf dem Schoß ihrer assyrischen Kinderfrau Bellou will sie sich auch auf hartnäckiges Nachfragen nicht als Jüdin bezeichnen. "Ich bin Irakerin und sonst nichts" beharrt sie. Auch von ihrem Vater, dessen eigener Vater wiederum aus Damaskus und dessen Mutter aus Bagdad stammte, der in der Türkei geboren wurde und in Oxford studierte, weiß sie nicht so recht, ob er wirklich Jude ist. Die Abgrenzungsbedürfnisse der Religionen und Nationalismen, die Widersprüche der Identitäten und Biographien irritieren sie. Am liebsten würde sie die Menschen so lieben wie sie sind. Doch seit dem Sechs-Tage-Krieg der Araber gegen Israel 1967 werden die Juden in der Stadt immer stärker stigmatisiert und unterdrückt. Aus allen Atlanten und Wörterbüchern lassen die Regime den Namen des Staates Israel tilgen. Als ihn arabische Mitschüler provozieren, einen Davidsstern auf die Tafel zu malen, wird Linas hochbegabter Bruder Shuli sofort als "Zionist" zwei Jahre ins Gefängnis gesteckt. Identität ist ein semiotisches Spiel. Jude ist man nicht. Zum Juden wird man gemacht.

"Bald werde ich lernen, meinen Namen zu schreiben, Lina, in drei Sprachen" sagt die Erzählerin zu Beginn ihrer Erinnerung. Man kann es ihr nicht verdenken, dass Lina schließlich mit einem "systematischen Programm zum Verlernen des Arabischen" beginnt. Als erstes radiert sie aus ihrem Lesebuch der arabischen Literatur überall das Wort "Heimatland" aus. Die Individualität, die das verspielte Mädchen unter dem Druck der politischen Verhältnisse langsam gewinnt, bezahlt sie mit einem Verlust an Ambivalenz. Und mit der Heimatlosigkeit. Die teilt sie wieder mit ihrer Erschafferin. Denn ihr erstes Buch hat Mona Yahia auf Englisch geschrieben: "Englisch schreiben war eine intuitive Entscheidung. Die englische Sprache hat mich nie verletzt oder im Stich gelassen oder missbraucht, wie das Arabische und auch keinen Absolutheitsanspruch erhoben wie das Hebräische. Im Gegenteil, als eine fremde Sprache lässt sie mir die sichere Distanz zu meiner Welt - ein Niemandland in meinem Kopf" hat die Autorin, die heute in Köln lebt, in einem Interview betont.

"Die Literatur als Verteidigung unserer Geschichte" hat Dzevad Karahasan kürzlich einen Essay überschrieben. Darin stellt er die Literatur gegen die nominalistische Logik, die für die einengenden Begriffe die Bilder der realen Wesen verdränge. "Von allen Formen der menschlichen Erkenntnis", so Karahasan, "ist es einzig die Literatur, die die Gegenwart des Begriffs oder der Idee in dem von ihr betrachteten Leib nicht aufhebt oder leugnet, die die Einzigartigkeit dieses Leibes artikulieren kann, ohne seine Gebundenheit an die Idee, bzw. den Begriff in Frage zu stellen." Auch wenn Mona Yahia diese "Form, in der sich Struktur und Geschichte ergänzen und nicht bekämpfen" nicht an jeder Stelle gleich gut glückt, hat sie doch wieder einmal bewiesen, dass Geschichte und Literatur keine Gegensätze sein müssen. In der Postmoderne ist die individuelle Biografie zu einem Feld der autonomen Setzung avanciert. Yahia artikuliert noch einmal die Prämoderne, die parallel dazu noch immer mitläuft. In ihr ist das biografische Modell ein Zwangsmodell. Ihr Roman beschreibt die nie endende Erfahrung von Minorisierung und ist die Geschichte einer Entfremdung. Euphrat und Tigris, die mythischen Symbole des Zweistromlandes stehen für die ursprüngliche Zusammengehörigkeit der Kulturen, der jüdischen und der arabischen. "Die Sintflut" schärft der Schwimmlehrer Hai seinen jungen Schülerinnen in der jüdischen Schule zu Beginn des Romans noch ein, "ist nichts als eine Liebesgeschichte, der verzweifelte Versuch des Tigris, seinen Lauf zu verlassen und ins Bett des Euphrat zu kommen. Keine Erde kann die beiden großen Flüsse trennen, hört ihr? Kein Damm wird die Ruhelosigkeit beschwichtigen oder ihr Verlangen stillen, sich zu vereinen, wie sie es seit der Erschaffung der Welt wollten." In der Irak-Politik hat man die Wahl zwischen Pest oder Cholera. Pogrome und Genozid zu beenden, muss der Politik notfalls auch drastische Mittel recht sein. Aber es gehört nicht viel prophetisches Vermögen dazu, wenn man vorhersagt, dass die spärlichen Überreste einer besseren Zeit bei einem neuen Krieg endgültig in einem dunklen Strom verschwinden werden.

Mona Yahia: Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom. Roman. Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2002, 426 S., 22 EUR

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00:00 11.10.2002

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