Im Land der Schatten

Nachkriegszeit für Bosnien-Herzegowina Die überlebten in gestorbenen Städten, haben nur selten mit sich selbst Erbarmen

Zögernd nähert sich Mirsad seiner Heimatstadt Novi Grad. Das alte Auto schleicht durch die grüne Hügellandschaft Westbosniens. Der Blick aus dem Fenster fällt zu beiden Seiten auf Ruinen - geplünderte, ausgebrannte, mutwillig zerstörte Häuser. Das einstige Domizil der eigenen Familie, so hat er gehört, sei in einem ähnlichen Zustand, immerhin nicht gesprengt.
Kurz vor dem Ziel wendet Mirsad den Wagen und fährt wieder zurück. Erst einige Wochen später schafft er es, erneut die Straßen zu passieren, in denen er einen Großteil seines Lebens verbracht hat. Woche für Woche einen Schritt um den anderen, so kehrt er zurück. Er hält vor dem Haus seiner Kindheit, dann spaziert er am nahen Fluss entlang, trinkt Kaffee in der Kneipe, schläft eine Nacht in der Stadt, bleibt noch den nächsten Morgen. Bis er Novi Grad nicht mehr verlässt.
Wie das alles anfing? Mirsad erzählt von den frühen neunziger Jahren, als jede ethnische Gruppe plötzlich regionale Fernsehsender erhält, die nur einseitig berichten. Man beginnt, einander scheel anzusehen. Im Juli 1992 gibt es die ersten Ausgangssperren, Militärfahrzeuge schieben sich durch die Straßen. Man hört von Bekannten, die es nicht mehr aushalten und die Stadt verlassen. Uniformierte tauchen auf: "Wir suchen nach Waffen und Verdächtigen", geben sie vor und nehmen Geld und Wertsachen mit. Die ersten Morde geschehen. Ob von Paramilitärs verübt oder der regulären Armee, weiß Mirsad nicht mehr. Getötet wird auch seine Schwägerin mit ihren Kindern. "Sie schlachteten sie einfach ab." Danach geht auch er, zunächst nicht ins Ausland. In Zenica will er abwarten. Doch das "Pulverfass Balkan" explodiert. So emigriert Mirsad nach Bielefeld, wo er bleibt, bis er 1997 zurück muss.
"Das Verhalten dieses Mannes, die lange, aufreibende Heimkehr eines Vertriebenen, das ist typisch", glaubt die Psychologin Diana Duric. In einem Flussrestaurant bei Banja Luka, unter schattigen Bäumen und den im Sonnenlicht silbrig flirrenden Blättern, erzählt sie, wie es sie von der kroatischen Küste hierher, in die Republika Srpska, verschlagen hat.
Kurz vor der kroatischen Unabhängigkeit 1991 wird die Lage für die Serben an der Küste immer brenzliger. Ihr alter Vater stammelt erregt: Wir müssen kämpfen! Kämpfen müssen wir! Erstaunt fragt sie nach und entlockt ihm ein Familiengeheimnis: kroatische Ustascha-Faschisten töteten seinen Vater - Dianas Großvater - und zerstörten das damalige Haus der Familie. Jahrzehntelanges Schweigen darüber ist keine Ausnahme. Bestürzt erlebt Diana die Rückkehr des Verdrängten - ausgelöst durch eine Sinnkrise angesichts der Erosion des Ostblocks, beschleunigt durch ein akutes Wirtschaftstief und die nationalistische Demagogie krimineller Politiker.

Vater verreist
Wie trauert man heute in Bosnien über die Kriegstoten, wie über die Tausende von Vermissten? Diana ist kein Beispiel bekannt, dass sieben Jahre nach Kriegsende noch irgendjemand wieder aufgetaucht wäre, von dem seit langem jede Spur fehlte. Sie kennt etliche Familien, die sich über der Entscheidung entzweit haben, ob und wann man einen Verschwundenen für tot erklärt. Oftmals treiben ökonomische Motive zu einem Entschluss, denn erst nach einer solchen Erklärung bekommen die Witwen Geld. So kann es geschehen, dass Großeltern den Enkeln erzählen, der Vater sei nur verreist, während die Mutter schon Schwarz trägt.
Kaum weniger schlimm als das Schicksal der Vermissten und ihrer Angehörigen ist das Los der Versehrten, die Beine, Arme oder Hände im Krieg verloren haben. Wer arm und allein ist, muss oft betteln. In Familien, die einen Kriegsgeschädigten durchbringen, strömt das Gift des Nationalismus. Dianas Nachbar stachelt seine Nächsten an: die Schwester, auch wenn sie es wolle, einen Kroaten dürfe sie nicht heiraten. So einer darf nicht ins Haus - " ... ein Kroate hat mein Bein zerschossen!"

Petritschs Flucht
Bosnien-Herzegowina, oft als das komplizierteste Land Südosteuropas beschrieben, zerfällt nicht nur in so viele unüberbrückbare, intime Feindschaften, es bleibt auch äußerlich geteilt - in die serbische Einheit Republika Srpska und die Föderation aus Kroaten und Muslimen. Wie es der Daytoner Vertrag Ende 1995 festgelegt hat, als die ethnische Säuberung ganzer Regionen während der Kriegsjahre sanktioniert wurde. Wegen der gähnenden Abgründe zwischen den Entitäten untersteht Bosnien-Herzegowina bis heute einer internationalen Administration der Vereinten Nationen, die in Sarajevo von einer bunkerähnlichen Zentrale aus regiert.
In der Nähe dieser Zitadelle des Nachkriegs soll ein grau gestrichener Metallzaun verhindern, dass man so einfach über ein verwahrlostes, unebenes Terrain läuft. Hier stand bis 1993 die Ferhad-Pascha-Moschee, erbaut im 16. Jahrhundert wie die meisten berühmten Gebäude aus der türkischen Ära, zerstört von Extremisten kurz vor Ende des 20. Jahrhunderts.
Im Mai 2001 sollte der Grundstein für den Wiederaufbau gelegt werden.
Natasha Tesanovic´, Direktorin des Regionalsenders alternativna televizija, führt im Schneideraum Aufnahmen vor: Eine aufgebrachte Menschenmenge wirft Steine gegen Sicherheitskräfte, schwenkt serbische Fahnen, kippt einen Bus quer über die Straße, die Gäste der Zeremonie werden in die Flucht getrieben, darunter Wolfgang Petritsch, der Hohe Repräsentant der UN, aus dem umgekippten Bus schlagen Flammen. Letzte Sequenz: das schwärzlich ausgebrannte Fahrzeuggerippe, es erinnert an Kriegsbilder.
Natasha glaubt, den Termin habe man sehr unglücklich gewählt, er folgte unmittelbar auf einen serbischen Feiertag, die Stadt war überfüllt. "Ich weiß, man mag es heutzutage nicht, wenn Serben von Geschichte reden. Doch wer das bäuerliche Bewusstsein der Serben und deren Beziehung zum Boden nicht begreift, der kann diese Nachkriegszeit nicht verstehen. Wer hier keine Nationalisten sehen will, der muss zur Mafia gehen - dort denkt man international." Oft verberge sich hinter nationalistischen Parolen der verzweifelte Kampf um Selbstachtung: "Wir sind nicht die totalen Verlierer, wir haben unsere Republika Srpska, die serbische Republik in Bosnien."

Arkans Witwe
Ein Hamster rennt hastig im Laufrad, er kommt, wie kann es anders sein, nicht voran, verlässt das Rad und umkreist es mit stetem Blick auf die unerreichbare Außenwelt. Vögel kreischen in Käfigen, Kätzchen räkeln sich in Kartons. Neben dem Tiermarkt von Banja Luka mit seinem Gehegen unter freiem Himmel lagern die überdachten Stände - Textilien, Früchte und Fleisch, Krimskrams und Werkzeug, Gebrauchtes und Hypermodernes. Hier schlägt der Puls der Stadt.
Von mancher Hauswand im Hintergrund blickt Ceca verführerisch herab - die serbische Sängerin wirbt für ihr Konzert im Sportstadion der Stadt. Als Witwe des erschossenen Warlords Arkan und als Mutter zweier Kinder hat sie gerade eine Stiftung für das dritte gegründet - "damit die Zahl der Serben steigt". Vor kurzem besang sie ihren toten Mann als Helden in einem überfüllten Belgrader Stadion vor 70. 000 Zuhörern, die begeistert "Arkan! Arkan!" skandierten.
Die Blumenstände auf dem Markt in Banja Luka scheinen überzuquellen; Orgien in Gelb und Blau, Grün und Rot. Die meisten Blumen sind in kunstvoll geflochtene Totengebinde gesteckt. Jede Familie schmückt die Gräber ihrer Toten. Um das vergangene Morden nicht zu vergessen. Man zeigt auf die eigenen Toten und die Schuld der Anderen. Die Reihen der Kriegstoten lassen die Friedhöfe expandieren, als wollten sie den Wohnungen der Lebenden immer näher rücken.

Gips-Löwen
Grau erhebt sich der Häuserblock im Zentrum Sarajevos. Der Hausflur stinkt nach Urin und Abfall. Wo der Lichtschalter war, klafft ein Loch. Eine gut gesicherte Tür öffnet sich zu einem hellen modernen Büro. Jürgen Buxbaum vom Internationalen Gewerkschaftsbund koordiniert hier den Neuaufbau der bosnischen Gewerkschaften. "Spontane Streiks, Straßensperren und andere Verzweiflungstaten von Arbeitern, deren karge Löhne ausstehen, gehören hier einfach zum Alltag", weiß er. In die meisten Betrieben habe man zuletzt Ende der Siebziger investiert.
Der Zerfall Jugoslawiens ließ auch die Wirtschaftskreisläufe zerfallen - und die Kriege vertrieben das Fachpersonal. Viele glauben nicht mehr, dass sich harte Arbeit lohnt. Eine Villa mit zwei kitschigen Gips-Löwen am Portal, damit sehen sich die meisten Unternehmer am Ziel ihrer Wünsche. Fast alle Betriebe buchen Verluste, würde man sie schließen, hätte der Staat mehr Geld. Es werde doch so viel gebaut, ließe sich einwenden, das Telefonnetz funktioniert wieder, die Straßen sind passierbar. "Freilich", meint Buxbaum, "die Infrastruktur hat das Vorkriegsniveau erreicht, teilweise mit besseren Materialien. Das verdeckt manches." Äußerlich gehe es der Familie gut, die ihm dieses Büro vermietet habe. Der krasse Gegensatz zwischen dem verwahrlosten Hausflur und dem gediegenen Büro sei aber ein Symptom für die wirkliche Lage. "Das einstige Wohnhaus wurde privatisiert. Die meisten Familien konnten ihre geräumigen Wohnungen für wenig Geld kaufen, zogen dann allerdings in kleinere um, sanierten nichts, vermieteten aber die Stadtwohnungen an internationale Organisationen. Nun nimmt die Zahl der sogenannten Internationalen stetig ab und die Preise fallen. Was die Familie dann macht, weiß keiner."

Ans Kreuz
In der bosnischen Hauptstadt stehen Moscheen, Synagogen, katholische und orthodoxe Kirchen dicht beieinander. Sämtliche Glaubensstätten werden wieder genutzt, bis auf die Große Synagoge. Von den einst 14.000 Juden Sarajevos wurden im Zweiten Weltkrieg fast 12.000 von der kroatischen Ustascha umgebracht oder von der deutschen Besatzungsmacht nach Auschwitz deportiert. Eine Jahrhunderte währende Balance der Weltreligionen sah sich schwer getroffen. Bei gleichzeitiger Abschottung voreinander war doch stets eine "bosnische Ambivalenz" zu spüren gewesen, die von einem gewissen kulturellen - auch geistigen -Isolationismus wie von der Gewöhnung an das Andere geprägt war. Was von dieser Koexistenz nach 1945 auflebte, hat nun der Bürgerkrieg zerstört.
Dies bestätigt auch Ismet Spahic, einer der ranghöchsten Geistlichen der Islamischen Gemeinde Sarajevos. Während der Belagerung der Stadt in den Jahren nach der bosnischen Unabhängigkeitserklärung 1992 verlor er an einem Tag seine Frau und beide Töchter, die Wasser holen wollten. Eine von bosnischen Serben abgeschossene Granate tötete sie.
"Ja, man baut Moscheen wieder auf, man bildet jetzt Nachwuchs aus", erzählt er mit leiser, monotoner Stimme, die kaum Höhen und Tiefen zu kennen scheint. "500 junge Menschen studieren islamische Pädagogik und Theologie. Ein großer Fortschritt, aber die Wunden des Krieges sind noch tief, die Abgründe des Hasses nicht überbrückt. Allein 1.200 Moscheen wurden zerstört, die meisten nicht durch Gefechte, sondern von marodierenden Banden. Mehr als 80 Imame wurden umgebracht, etliche bei lebendigem Leibe verbrannt, andere nagelte man ans Kreuz ..."
Dass heute in diesem Land die Moscheen so zügig wieder auferstehen, bewirken Gelder aus Saudi-Arabien, auch aus der Türkei. Zwei Tage vor der Audienz bei Ismet Spahic hatte gerade das internationale Schutzkorps bei einer Razzia nach al-Qaida-Kämpfern im nahen Travnik gesucht. Während der Belagerung Sarajevos 1993/94 lagen seinerzeit auch Mudschaheddin an den Frontlinien.
Besteht nach allem, was geschehen ist, die Gefahr einer Radikalisierung der leidgeprüften Moslems? Ismet Spahic meint: "Heute ist jeder Moslem ein potentieller Terrorist. Das schmerzt. Was heißt überhaupt islamischer Terror? Sprechen die Menschen in Deutschland von christlichem Terror, wenn sie von Bombenanschlägen im Baskenland oder in Irland hören?" Er wartet, bis der Gast verneint und fährt fort, ein gläubiger Mensch könne kein Terrorist sein. "Aber es schmerzt in der Seele, was uns angetan wurde. Und die Seele stirbt nicht. Sie kommt wieder zu Gott. Deshalb muss sie respektiert werden." Dann geht er abrupt, ohne ein weiteres Wort.

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00:00 16.08.2002

Ausgabe 42/2021

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