Im Mittelpunkt das Lernen

Woanders geht es auch Individualisierung von Lernprozessen heißt, dass eine Aufgabe uns weder über- noch unterfordert

Man kann es vielleicht wirklich nicht oft genug sagen - wenn Pisa und andere Schuluntersuchungen seit Jahren nachweisen, dass Schülerinnen und Schüler an deutschen Schulen im Schnitt weniger gut lernen als ihre Altersgenossen in Finnland, Schweden oder Kanada, dann gibt es dafür eine Menge struktureller Gründe: Die genannten Staaten stecken mehr Geld in Bildung, sie statten ihre Schulen personell und materiell besser aus, sie unterrichten bis zur 8. oder 9. Klasse alle Schüler gemeinsam und verzichten - zumindest am Anfang - auf Noten. Das ist - für Eltern wie für Lehrer - die Seite des Problems, die nur politisch zu lösen ist und von der man sich wünscht, mehr Menschen würden sich dafür stark machen, zum Beispiel bei den nächsten Landtagswahlen. Doch wer heute und die nächsten Jahre hier zur Schule gehen (oder sein Kind dort hinschicken) muss, dem nutzen allgemeine Verweise auf die Notwendigkeit eines grundlegenden Wandels wenig. Der fragt sich (wenn er nicht schon resigniert hat), was unter den gegebenen Bedingungen möglich ist, um Lernen spannender, freudvoller und nachhaltiger zu gestalten.

Ich weiß nicht, was andere Eltern zu ihrem schulischen Engagement bewogen hat. Vielleicht tatsächlich die Sorge um die Zukunft ihrer Kinder. Bei mir war es eher die Gegenwart: Ich fand es mühsam, mit anzusehen, wie ein wissbegieriger, aufgeschlossener Sechsjähriger immer lustloser in die Schule ging. Wie ihm alles, inklusive des nachmittäglichen Hortbesuchs, spannender erschien als die Schule, aus der er zwar gute Noten, aber keine aufregenden Ideen mitbrachte. Womit wir beim Thema Individualisierung wären: Natürlich spricht nichts dagegen, Kinder Fischkörper mit Dreiern ausmalen zu lassen - es wird in jeder ersten Klasse vermutlich Schüler geben, für die das die richtige Übung zum richtigen Zeitpunkt ist. Andere mögen sich schon von der schieren Größe des vorgezeichneten Fisches überfordert fühlen. Bestimmte Kinder werden scheitern, weil sie das Wort Schuppen weder kennen noch verstehen oder ihnen der Bezug keineswegs besonders einleuchtend ist. Andere haben ihre Feinmotorik und langen Atem längst an wesentlich komplexeren, selbst entworfenen Bildern trainiert und sehen nun wenig Anlass, vorgegebene Formen nach vorgegebenen Regeln auszumalen, weil sie viel lieber endlich Rechnen lernen würden. Kurz gesagt: Gegen dieselbe Aufgabe für alle Schüler einer Klasse spricht, dass nicht alle Kinder gleich sind und nicht alle auf dieselbe Weise lernen.

Für viele Eltern ist dies keine besonders neue Erkenntnis; dass Kinder lernen, sowie sich ihnen die Gelegenheit dazu bietet, ist eine, wenn nicht die grundlegende Erfahrung, die Menschen machen, wenn sie Kinder großziehen. Trotzdem ist die so genannte Individualisierung, also das individuelle Möglichmachen von Lernprozessen, an deutschen Grundschulen deutlich weniger ausgeprägt als in den meisten anderen Ländern. So ergab eine Befragung von Grundschullehrern, dass hierzulande etwa doppelt so viele Grundschüler wie in Schweden auf exakt dieselbe Weise vorgehen müssen wie ihre Mitschüler. Die beliebteste Form der "Individualisierung", bei knapp 80 Prozent der deutschen Grundschüler angewandt: Alle arbeiten mit demselben Material, dürfen aber unterschiedlich viel Zeit benötigen.

Dabei könnte Schule ein Ort sein, wo nicht Unterricht, sondern das Lernen im Mittelpunkt steht - nicht nur in Finnland oder Kanada, sondern auch in Deutschland gibt es Schulen, die bereits auf diese Weise arbeiten. Das belegen die Beispiele, die der Hamburger Erziehungswissenschaftler und Filmemacher Reinhard Kahl seit einiger Zeit für sein Archiv der Zukunft zusammenträgt. Was zuerst auffällt, wenn man Kahls Aufnahmen aus deutschen Grund-, Haupt- und Gesamtschulen betrachtet, ist die Ruhe, die dort herrscht. Weder Interviewer noch Interviewte müssen die Stimme erheben, um sich zu unterhalten; ihr Gespräch wird nicht durch Zwischenrufe oder Gegacker unterbrochen, keiner tuschelt, rempelt, lärmt. Obwohl das Gespräch inmitten von Schü

Es geht also auch anders, das ist die Botschaft, die engagierte Eltern mit einem Seufzen der Erleichterung aufnehmen, wenn sie solche Bilder sehen. Denn was für die Individualisierung von Lernprozessen - nicht von Bildung! - spricht und was Schweden und andere Länder längst begriffen haben: Lernen ist nur dann erfolgreich, wenn eine Aufgabe uns weder über- noch unterfordert. Stress und Angst lähmen das Gehirn, wissen die Gedächtnisforscher; Erfolgserlebnisse dagegen machen Lust auf mehr. Dabei geht es Eltern in der Regel weder - wie gern unterstellt wird - um Kuschelpädagogik noch um die geistige Zurichtung ihrer Kinder für die Bedürfnisse eines globalisierten Marktes. Im Gegenteil - nur wer sich schon in der Schule im Selberdenken üben kann, wer Fragestellungen und neue Antworten mit anderen gemeinsam entwickelt, wer Fehler machen und Neues wagen darf, wird genug Zutrauen entwickeln, um später eigene Wege zu gehen.

Wenn also Eltern den von Kahl porträtierten Schulen die Türen einrennen, dann nicht, weil deren Schüler bei standardisierten Leistungstests regelmäßig überdurchschnittlich abschneiden. Sondern weil dort Lehrer arbeiten, die es aufgegeben haben, sich und andere auf bessere Rahmenbedingungen zu vertrösten - und sie stattdessen, soweit es eben in ihrer Macht steht, selber schaffen. Dass sie Eltern dabei als Verbündete begreifen und nicht als Zumutung, mag dann fast nebensächlich erscheinen.

Karin Nungeßer ist freie Journalistin und war bis vor einigen Monaten als Elternsprecherin in unterschiedlichen schulischen Gremien aktiv.


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00:00 25.11.2005

Ausgabe 38/2020

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