Im Mutterland der Dschihadisten

Terror Tunesien ist der weltweit größte Exporteur islamistischer Kämpfer. Viele werden in den Gefängnissen radikalisiert

Mohammed eilt die Stufen seines Hauses hinauf, an seinen Schuhen Staub und Beton. „Seien Sie vorsichtig“, sagt er und zeigt dann mit dem Finger auf das Foto am Boden: ein Porträt von ihm aus vergangenen Zeiten. Es zeigt einen Jungen mit einem dicken und langen Bart, gekleidet bis zu den Knöcheln in einen Thawb, eine schwarze Taqiyah, eine Schädelkappe, auf dem Kopf. Ausnahmslos Zeichen religiöser Hingabe. „Als dieses Bild entstand, war ich gerade im Süden der Türkei angekommen, in der Stadt Şanlıurfa.“

Märtyrer Bouazizi

Dort traf er den Mann, der ihn Monate zuvor in Tunesien angeworben hatte. Innerhalb weniger Stunden kam Mohammed von der Türkei nach Syrien und landete in der Stadt Deir ez-Zor. Das war im Herbst 2014, Mohammed hatte sich mit der wilden Entschlossenheit eines 29-Jährigen von der Gruppe Islamischer Staat, auch bekannt als IS, rekrutieren lassen. „Es war nicht einfach. Man musste belastbar sein“, erzählt er. „Vier Wochen lang bekamst du nur Scharia-Unterricht zu den heiligen Gesetzen des Islam. Der Fokus lag auf zwei Schlüsselkonzepten: einem strengen Monotheismus sowie der totalen Loyalität gegenüber dem Islam und der Verachtung alles Unislamischen. Darauf folgte das Lagertraining, einen Monat lang hast du gelernt, wie man tötet. Ich weiß nicht, ob das alles richtig oder falsch war. Auf jeden Fall hatte ich endlich einen Grund, zu leben, und eine neue Identität.“

Derzeit ist Tunesien der weltweit größte Exporteur von Dschihadisten. Nach UN-Angaben haben sich allein 2016 mehr als 5.500 Staatsbürger zwischen 18 und 35 Jahren militanten Organisationen in Syrien, dem Irak und Libyen angeschlossen, darunter der IS und Al-Qaida-Ableger Jabhat al-Nusra. Aber wie kam es dazu, in einem der am weitesten entwickelten, liberalsten Länder Nordafrikas? Bis heute sind rund 1.000 Kombattanten aus verschiedenen Konfliktgebieten nach Tunesien zurückgekehrt. Davon befinden sich 800 in Haft, gut 200 sind unter richterlichen Auflagen freigelassen worden. Viele radikalisierten sich wie Mohammed in den Jahren des Arabischen Frühlings. Heute lebt er in einem bescheidenen Haus am Rand des Dorfes Kalâa Kébira, wenige Kilometer von der Stadt Sousse entfernt.

Er schnappt sich sein Handy. „Schau es dir an“, sagt er und zeigt mir das Foto eines jungen Mannes. „Mit dem hat alles angefangen.“ Zu sehen ist das Gesicht von Mohamed Bouazizi, dem Stadtkrieger, Helden und Märtyrer. Der 26-jährige Straßenhändler ohne Lizenz hatte sich am 17. Dezember 2010 vor dem Rathaus von Sidi Bouzid, seinem Heimatdorf, einem Ort voller Staub und Armut in Zentraltunesien, angezündet. Er opferte sich selbst und schrie: „Wie kann ich meinen Lebensunterhalt verdienen?“ Da die ganze Familie von seinem prekären Einkommen abhängig war, trafen Bouazizi die Schikanen der Polizei, die Korruption und Gleichgültigkeit der örtlichen Behörden besonders hart. „Die Selbstverbrennung war ein Zeichen, ein verzweifelter Schrei, ein Aufruf zur Veränderung“, erinnert sich Mohammed.

Wut ist der Schlüssel

Mit Bouazizi begann vor zehn Jahren die Jasmin-Revolution, die später in den Arabischen Frühling überging. Proteste erfassten das Land und führten innerhalb weniger Wochen zum Sturz des herrschenden Autokraten Ben Ali. Es folgte ein demokratischer Übergang, der in mehr Gerechtigkeit und Reformen münden sollte. Stattdessen bewirkten Chaos, Verrat und Intrigen, dass sich so gut wie nichts verbesserte. Die Erwartungen der Jugend zerschellten an der Gleichgültigkeit der Mächtigen. Die Wirtschaft kam nicht wieder in Gang, und im zunehmend instabilen Tunesien wuchs die Unzufriedenheit. „Wir hatten uns getäuscht“, klagt Mohammed. „Es ist nicht so gelaufen, wie wir es erhofften.“ Kein Wunder, dass die Beziehungen zwischen dem Staat und seinen Bürgern weiter bröckelten. Das soziale und intellektuelle Vakuum füllte die Propaganda salafistischer Dschihadisten aus, die ungerührt die postrevolutionären Verhältnisse nutzten, um neue Vereinigungen zu gründen, Gelder zu sammeln und sich der religiösen Inbrunst junger Tunesier zu versichern. „Wir hatten die Wahl“, erzählt Mohammed. „Entweder Delinquenten zu werden oder uns der Sache anzuschließen und zu kämpfen.“

Ansar al-Scharia, eine im April 2011 gegründete militante Gruppe, die zunächst al-Qaida nahestand, später mit dem Islamischen Staat (IS) sympathisierte, rekrutierte in weniger als drei Jahren über 70.000 Mitglieder. Als die tunesische Regierung Ansar al-Scharia 2013 als „terroristische Gruppe“ einstufte, hatte die Vereinigung bereits in vielen lokalen Gemeinschaften Anhänger gefunden, indem sie die Frustration der Leute über die Regierung zu nutzen verstand. „Sie waren die Einzigen, die sich um die Leute kümmerten“, sagt Mohammed. „Ansar al-Scharia operierte wie ein Staat im Staat“, erinnert sich Oussama Helal, Rechtsanwalt und früherer Jura-Professor an der Universität Tunis. „Die Gruppe organisierte religiöse Treffen, die bis dahin verboten waren, verurteilte den Säkularismus und verfügte über soziale Netzwerke, um ihre Visionen in die Welt zu schicken und Gläubige zu sammeln, die für den IS nach Syrien und in den Irak gingen.“

Auch Mohammed schloss sich Milizen in Syrien an. Ziel sei es gewesen, Land für den IS zu erobern. Ihre Aktionen rechtfertigten die Milizionäre auch damit, sich gegen die Regierung in Damaskus durchzusetzen. Mohammed: „Es ging gegen ein korruptes Regime, das sich dem Säkularismus des Westens unterwarf.“ Aber dann seien da die Kämpfe gewesen, das Einschlagen der Granaten, die Explosion der Minen, die Schreie der Männer. „Überall Tod, unerträgliche Schmerzen, unerbittliche Angst. Wenn ich gestorben wäre, hätte ich meinen Sohn nie umarmen können“, sagt Mohammed. Die Härte des Kampfes war es, die ihm am Ende derart zusetzte, dass er von Zweifeln geplagt aufgab.

Mohammed kehrte im Sommer 2015 nach Tunesien zurück, wurde sofort verhaftet und wegen Zugehörigkeit zu einer terroristischen Gruppe angeklagt. „Ich war schuldig, das weiß ich. Aber ich habe meine Strafe abgesessen.“ Fünf Jahre saß er im Mornaguia-Gefängnis, der größten Strafanstalt des Landes. Das bedeutete 60 Monate in einer eiskalten Zelle mit 47 anderen Gefangenen. Es roch nach Blut und Schweiß. Hinzu kam die größte Demütigung für die Sträflinge: Folter, erst verbal, dann auch körperlich. Erst Drohungen, dann Gewalt. „Arbeite mit uns zusammen oder ich reiße dir die Fingernägel aus“, oder: „Willst du die Rasierklinge auf deinen Genitalien spüren?“, fragten Mohammed seine Peiniger. „Antworte, oder du bist tot.“ Es folgten Schnitte in die Haut, Schläge, Ohrfeigen, dabei Hände und Füße gefesselt, ein Knebel im Mund, laufendes Wasser, das Gefühl, zu ertrinken.

Seit Anfang 2014 hat Tunesien eine neue Verfassung, deren Artikel 23 „psychische oder körperliche Folter“ verbietet. In der Praxis ist beides weiter üblich. Hinter den Toren der Gefängnisse gilt nur ein Imperativ: Informationen herausholen. In den Anstalten teilen sich die wegen Terrorismus Verurteilten, die rund ein Zehntel der Insassen ausmachen, Raum und Zeit mit Leuten, die wegen kleinerer Verbrechen einsitzen. Häufig sind gerade diese Männer anfällig für Ideen von arabischem Heldentum und damit für die Verführung zum gewalttätigen Extremismus. Einsamkeit und geteilte Qualen sind ein riskanter Nährboden. Der enge Kontakt führt zu Verbrüderung und bringt genau das hervor, was Disziplin und Kontrolle im Gefängnis verhindern sollen: die Gefahr der Radikalisierung. „Die Gefängnisse eröffnen noch mehr Möglichkeiten, Leute zu rekrutieren“, sagt Moez Ali, Vorsitzender der Union Unabhängiger Tunesier für Freiheit (UTIL), die sich Prävention gegen Extremismus zur Aufgabe gemacht hat. „Wer wegen Diebstahl oder Drogenverkauf ins Gefängnis kommt, wird dort mit hoher Wahrscheinlichkeit durch eine Art Osmose zum Dschihadisten.“

Während langer Haftzeiten begannen besonders junge Gefangene die Botschaft der Irak-Veteranen aufzusaugen. Das waren Tunesier, die sich militanten Gruppen im Irak angeschlossen hatten, um Dar al-Islam – das Gebiet des Islam – gegen die Ungläubigen zu verteidigen. „Was sie wollen, ist klar“, so der UTIL-Vorsitzende. „Nein zur ausländischen Besatzung und Zersplitterung der arabischen Welt, ja zum Widerstand, zur Rückkehr zu den reinen Formen des Islam.“ So bleiben die Gefängnisse Rekrutierungsorte für Dschihadisten. Erst ging es darum, al-Qaida unter Osama bin Laden und seinem Nachfolger Ayman al-Zawahiri zu folgen, später dem IS und seinem Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi. Bis heute hat sich daran im krisengeschüttelten Tunesien wenig geändert. „Das Problem ist, dass es keine funktionierende langfristige Strategie gibt“, meint Fakhreddin Louati vom Institut für Strategische Studien (ITES) in Tunis. Es fehlt ein Strafvollzug mit angemessenen Rahmenbedingungen – mit Einzelzellen, beschränkter gemeinschaftlicher Aktivität, dem Verbot der Kommunikation zwischen den Insassen. Auch bräuchte es Programme zur Deradikalisierung und sozialen Integration. „Niemand fragt: Welche Kontakte hat der Inhaftierte während seiner Haftzeit unterhalten?“, bemängelt Louati. „Und vor allem: Wo wird jemand nach Verbüßung seiner Strafe landen?“

Einem ITES-Bericht zufolge haben 90 Prozent der inhaftierten Dschihadisten ein ungebrochenes Verlangen nach Rache. Das System ist weit davon entfernt, sie wieder in die Gesellschaft einzugliedern, sodass von dem eingeschlagenen Irrweg in die Radikalität kein Weg mehr zurückführt. „Nur den Wohlhabenden bei uns ist ein gutes Leben vergönnt“, murmelt Mohammed kopfschüttelnd. „Für uns, die einfachen Leute, bleibt nichts als Wut.“

Nicole Di Ilio ist freie Journalistin mit dem Schwerpunkt Konflikt und Migration. Sie berichtete aus Krisengebieten wie der Ukraine, Palästina, dem Libanon und Tunesien. Dieser Text erschien zuerst im New Lines Magazine

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 19.10.2021

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