Im nächsten Jahr wird alles genauso anders

Wofür braucht man Kunst Eindrücke vom viel diskutierten 39. Berliner Theatertreffen

Der graue, distinguierte Vater will den Trauerzug um die soeben gestorbene Alkestis anführen. Doch sein Sohn explodiert vor Wut und beginnt ihn anzuschreien. Seine Frau habe sich für ihn opfern müssen, weil er - der greise Herr - trotz seines hohen Alters zu feige gewesen sei, sein Leben für das des Sohnes hinzugeben. Der Vater gibt bissig zurück: Was falle ihm ein, ihm vorzuwerfen, dass er sein eigenes Lebenslicht über dasjenige anderer Menschen stelle? Der Sohn habe sich ja selbst wie ein Feigling verhalten. Anstatt mannhaft auf das bereits verlorene Leben zu verzichten, habe er seine Frau an seiner Statt dem Reich des Todes zugeführt.
Die Protagonistin aus Euripides´ gleichnamiger Tragikomödie ist das deutschsprachige Theater - zumindest in diesem Jahr. Sie opfert sich auf dem 39. Berliner Theatertreffen, ohne große Worte zu verlieren. Vater und Sohn, die schließlich hasserfüllt auseinander gehen, fallen hingegen in selbstgefälligen Wortkaskaden übereinander her. Und je heftiger diese werden, desto deutlicher tritt der Egoismus und das Selbstmitleid der eigenen Position hervor. So betont Theater-Altmeister Peter Zadek, dass es ihm zwar völlig "egal" sei, dieses Jahr nicht eingeladen worden zu sein. Doch habe sich die Jury "albern und opportunistisch" verhalten, indem sie bei der Auswahl nur "in die so genannte junge" Richtung gestiert habe. Natürlich habe man eine "klare Handschrift" entwickelt, und das sei auch gut so, gab das Jurymitglied Gerhard Jörder zurück. Die fünf Stücke-Herauspicker seien nun einmal auf der Suche nach neuen ästhetischen Mitteln eines zeitgenössischen Theaters gewesen, das "mit unserer Zeit zu tun hat". Andererseits sei es aber auch nicht "in den Köpfen dieser Jury drin", dass die "realistischen, psychologischen, illusionistischen Regisseure" nun für immer auszuschließen seien. Also, nur Mut, Peter! Nächstes Jahr schreiben wir dann vielleicht mit der anderen Hand, und die Schrift sieht wieder ganz anders aus.
In Ibsens John Gabriel Borkman kauert dessen Ehefrau im üppigen Kleid auf dem Boden. Sie zittert vor Wut. Seit acht Jahren leben die beiden getrennt und sehen sich nie - sie bewohnt den unteren, er den oberen Teil des Hauses. Jetzt geht John Gabriel, der seine Wohnräume nie verlässt, schon wieder auf und ab, auf und ab, auf und ab. Gunhild hält sich die Ohren zu, aber das Knarren und Poltern des verhassten Gatten ist nicht abzustellen. Sie flucht, sie keift, sie spuckt aus. Claus Peymann, der wie Zadek dieses Jahr nicht dabei sein darf, poltert gegen die "Zensur" und lädt kurzerhand per öffentlichem Plakat zu einer Gegenveranstaltung: dem "einzig wahren Theatertreffen", das selbstverständlich in seinem Hause, dem Berliner Ensemble, angesiedelt ist. Jurymitglied Georg Diez vermutet bei dem Intendanten "Verlustängste" und vergleicht sein Verhalten mit demjenigen eines "kleinen Kindes, dem das Spielzeug weggenommen wird". Also, Klein-Claus im Sandkasten, bitte nicht weinen! Nächstes Jahr verteilt die Nikolaus-Jury die Bonbons neu.
In René Polleschs Menschen in Scheiß-Hotels schwanken die drei Schauspielerinnen ständig zwischen nüchternem, quasi-soziologischem Geschwafel und Gefühlsausbrüchen in Form von Schimpftiraden hin und her. "Ich genieße Zuwendung durch emotionale Gegenleistung", räsoniert etwa die eine, "ja, halt´s Maul! Du performst hier Emotionalität!" ruft die andere. Die dritte Frau schreit: "Ich wüsste so gerne, ob du mich liebst, du Scheiß-Androide! - Ich kann nicht mehr atmen in deiner Nähe!" Eine junge Theatermacherin vom Forum junger Bühnenangehöriger kritisiert die Hamlet-Inszenierung, von der sie nicht begreifen kann, dass sie eingeladen worden ist. Was bitte, möchte sie wissen, ist an dieser Arbeit denn besser als die Leistungen kleiner, so genannter Provinztheater in Cottbus oder Kiel? (An einem solchen arbeitet sie übrigens selbst.) Sie sehe nichts als Technik, die den Menschen so weit zur Seite gedrängt habe, dass er kaum noch zu erkennen sei. Von Anfang an torkle ein "verwirrter junger Mann" - Hamlet - über die mit Fernsehern vollgestellten Bühnenbretter, von der ersten Theater-Minute an wehre er sich nicht, sei resignativ und eins mit seinem kaum noch tragisch zu nennenden Zustand. Eine so blutleere, konfliktlose In-Szene-Setzung interessiere sie "überhaupt nicht", da gucke sie lieber Marienhof. Also bitte! ruft Jurymitglied Franz Wille aus, Entschuldigung! "Da habe ich aber etwas ganz anderes gesehen, einen ganz anderen Hamlet, und da bin ich gewiss nicht der einzige." Also, sehen Sie? Sehen oder nicht sehen, das ist hier die Frage.
Zu Beginn des Thyestes von Seneca wünscht sich die Furie, dass "das Gesicht der Nacht verstümmelt" werde und beide Brüder - Atreus und Thyestes - "einer nach des andern Blut dürsten". Der eine ist König, der andere lebt als ein Niemand in der Verbannung. Bevor der Verstoßene die königliche Geste der (vermeintlichen) Versöhnung annimmt und nach Argos zurückkehrt, sagt er in einer Art Vorahnung zu seinem Sohn: "Auf einem Thron können nicht zwei Könige sitzen." Hätte Thyestes dieses Wissen nur beherzigt und wäre nicht der Einladung in Atreus´ Palast gefolgt! Denn dort wird der König seine drei Söhne ermorden, ihre Leichen zerstückeln und deren Fleisch ihrem unwissenden Vater auf Spießen zum Essen reichen. Es könne doch nicht sein, murrt ein Zuschauer des Theatertreffens nur mühsam beherrscht, dass die eingeladenen Inszenierungen den Zustand der Welt bloß reflektieren, nicht aber bekämpfen. Reiche das denn etwa aus? Brauche man dafür etwa die Kunst? Es sei doch wohl die Aufgabe des Theaters, Gegenentwürfe zur Wirklichkeit zu liefern. Dafür werde es ja schließlich auch subventioniert. Nun, antwortet Gerhard Jörder - der älteste der Jury-Mitglieder - nachdenklich, diesen Einspruch könne er nachvollziehen. Doch sei es eben das "Dilemma" des gegenwärtigen Theaters, dass es noch kein ästhetisches Vokabular zur Auflehnung gefunden habe. Was man sehe, sei beeindruckend, doch wisse man andererseits auch, dass da noch mehr sein müsste. Also, sehr geehrter Herr Zuschauer, das Rezept gegen den miserablen Zustand der Welt bekommen Sie dann vielleicht im nächsten Jahr serviert.
Dass die vier Regiearbeiten von Jossi Wieler, Sebastian Nübling, René Pollesch und Stephan Kimmig unter den zehn waren, die ins Reich der (vermeintlich) Besten bestellt wurden, leuchtet ein. Perfekt bebilderten sie eine mal rechthaberisch-geschwätzige, mal wutentbrannt-lallende Diskussion, in deren Kampfgetümmel niemand gewinnen, sondern nur jeder verlieren konnte. Fast wie im richtigen Leben war´s, pardon, wie in der richtigen Tragödie. Doch hatten die Inszenierungen auch noch etwas anderes zu bieten?
Alkestis aus München (Kammerspiele) etwa verpflanzte den Königspalast der thessalischen Stadt Pherai in eine wunderbar großkotzig-durchdesignte Villa, die einem kollektiven Traum aller Innenarchitekten der fünfziger Jahre entsprungen schien. Admetos, der in jedem Wort und in jeder Geste in Selbstmitleid zerfließende Schwächling, war zu Recht König - der aalglatten Blasierten und Feigen. Auch machte es Freude zu sehen, wie Herakles als ungebetener Gast und einzig authentischer Mensch mit seinen dreckigen Schuhen durchs Interieur schlurfte und schließlich ein erfrischendes Bad im Aquarium nahm. John Gabriel Borkman aus Basel verwandelte die beiden Schwestern Gunhild und Ella in überdimensionale Spinnen, die sich die meiste Zeit auf kleinen Krückstöcken bewegen und verzweifelt versuchen, den langsam erwachsen werdenden Erhart in ihr jeweils eigenes Netz zu lotsen. Als dieser mit langem, wehendem Haar und tapsig-pubertärem Elan auf die Bühne stürmte, rieb man sich zunächst ungläubig die Augen: War der Mann mit den schwarz geschminkten Augenhöhlen ein Relikt aus der Grufti-Zeit der achtziger Jahre oder eine Marionette, die keine eigenen Augen benötigt, weil sie der Augenstern Gunhilds und Ellas ist? Es mutete komisch und gleichzeitig bedrückend an, wie der Aug- und Zankapfel stets zwischen seiner Mutter und deren Schwester hin- und herflog, um die eine Spinne ständig per Kuss wieder zu beleben und gleich darauf wieder das Händchen der anderen zu halten. Insourcing des Zuhause, Menschen in Scheiß-Hotels aus Berlin (Volksbühne) war ein einziges Feuerwerk an sprachlichen Querschüssen, das man in einem klirrend trashigen Ambiente gezündet hatte. Zu überlauter türkischer Schlagermusik wiesen die Schauspielerinnen Stewardessen gleich die aus frei dastehenden Drehstühlen bestehenden Plätze an. Als das Publikum schließlich wie versehentlich ineinander verknotet da saß, war es vor den Bewohnerinnen der Scheiß-Hotels auch nicht sicher. Diese machten sich zum Beispiel einen Spaß daraus, sich mit einer Kamera bewaffnet durch das Gestühl zu drängen und dabei die Gesichter der verdutzten Betrachter live auf die Wand zu projizieren. Thyestes - Der Fluch der Atriden aus Stuttgart beeindruckte durch seine kühle, karge Ausstattung und den pointierten Einsatz technischer Mittel. Kommunikation ohne Mikrofone war auf der Bühne selten, was die Distanz der Figuren zueinander zuweilen - ganz im Sinne des Textes - ins Unerträgliche zu steigern schien. Wahnhafter Hass, der sich bis zum unstillbaren Blutdurst steigert, nimmt eher die Form einer kühlen, zurückhaltenden Maskerade an als diejenige der offenen, direkten Feindschaft. Der beängstigend berechnend vorgehende Atreus, der den Bruder mit einem diplomatischen Lächeln in seinen Palast lockt, ähnelt plötzlich einem freundlichen jungen Mann, der am 11.9. ein Flugzeug besteigt und den Gruß einer Stewardess höflich erwidert - wissend, dass er diese wie den Rest der sich an Bord befindenden Menschen in Kürze in einen Wolkenkratzer lenken wird. Da wird es auch plausibel, wenn der antike Chor zu einer einzigen Person zusammenschrumpft: zu einer alles verfolgenden Reporterin, die filmt, Interviews führt und Kommentare in ein Notebook tippt.
Was ausgewählt wurde, hatte also seine Qualitäten. Sehr vieles aber, das nicht ausgewählt wurde, hat diese ebenfalls. Das auf oft niedrigem Niveau wie besessen im Schmelztiegel der Gründe Herumrühren - warum diese zehn ja oder diese zehn nein - glich einem im Bann des Schocks stehenden Schweigen vor den wirklichen Problemen des Theaters. So, wie am Ende von John Gabriel Borkman alle noch Lebenden vor der Leiche in einem tonlosen Schrei erstarrten, stehen die guten Theatermacher genauso wie die schlechten vor dem Dämon der Kürzungen, Einsparungen, Zusammenlegungen, Schließungen. Wie sang man beim Jacques-Brel-Abend im Spiegelzelt so treffend? "On mourra de silence."

00:00 24.05.2002

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