Im Namen der Anderen

Kritik Wie halten es die Autoren mit den Massen, die sie beschwören? In „Der Philosoph und seine Armen“ kritisiert Jacques Rancière den Paternalismus der Pariser Großdenker

Im Zentrum vieler Texte der politischen Philosophie stehen: die Armen. Manche Theoretiker sehen in ihnen eine gefährliche Masse, die auch in ihrem eigenen Interesse unterworfen werden muss. Andere adeln die Unterklassen zum Träger emanzipatorischer Hoffnungen. Aber wie halten es gerade diese Autoren wirklich mit denen, die sie beschwören?

Die linken Theoretiker pflegen ein mehr als widersprüchliches Verhältnis zum potenziellen Subjekt der Veränderung, sagt der französische Philosoph Jacques Rancière. Sie wissen, dass die Armen die Geschichte machen werden – und entmündigen sie doch. Ihre Werke durchzieht der Versuch, für sich selbst eine Stellung über den Massen zu begründen: „Die Ordnung des Diskurses definierte sich, indem der Kreis gezogen wurde, der diejenigen vom Recht zu denken ausschloss, die von der Arbeit ihrer Hände lebten.“ Dieses Manöver will Rancière in seinem jüngst erstmals in deutscher Übersetzung erschienenen Buch Der Philosoph und seine Armen nicht zuletzt im Denken von Marx, Sartre und Bourdieu nachweisen.

Bekannt geworden ist Jacques Rancière mit seinem radikalen Verständnis von Demokratie (siehe Kasten); jenseits der Institutionen erkennt Rancière in den Kämpfen der Anteillosen, also jener Menschen, die im politischen Normalbetrieb ignoriert und ausgegrenzt werden, ein demokratisches Element.

Eine Enteignung

Der Philosoph und seine Armen trägt deutlich die Züge einer intellektuellen Distanzierung, die sich aus Rancières Biografie erklärt: Sein Bruch mit Louis Althusser und den Autoren von Das Kapital lesen bedeutete zugleich eine Abwendung von der Kommunistischen Partei und vom Modell des Avantgarde-Intellektuellen.

So drängt sich zuweilen die Frage auf, wie zeitlos die im vorliegenden Buch präsentierte Kritik ist. Rancière schreibt etwa, die organisierten Kommunisten hätten 1848 nicht vereinigend gewirkt, sondern ihre Mitglieder gleich doppelt abgetrennt: von der sie umgebenden Welt und von den anderen, nicht-kommunistischen Arbeitern. Zielt das auf Marx – oder auf die Praxis der KP im Nachkriegs-Frankreich?

An anderen Stellen legt das Buch aber scharfsinnig die Mechanismen einer geistigen Entmündigung offen: Jean-Paul Sartre erklärt beispielsweise, die Arbeiter hätten nach den langen Stunden in der Fabrik weder Zeit noch Kraft, um selbst das Wort zu ergreifen. Er sei aber mit genügend Muße gesegnet und stehe daher in der Pflicht, anstelle der Proletarier zu sprechen. Indem der Philosoph scheinbar großzügig seine Zeit opfert, verweist er gleichzeitig die Arbeiter an ihren Platz. Ihre scheinbare Entlastung ist eine Enteignung; in ihrem Namen sprechen nun andere.

Scharf geht Rancière mit Marx ins Gericht. Der habe nicht zufällig die verächtliche Rede vom „Lumpenproletariat“ geprägt, mithin einen soziologisch haltlosen Begriff, der in der bürgerlichen Gedankenwelt wurzele. Generell habe der Philosoph aus Trier sich wenig um die Tugenden und Fähigkeiten der Arbeiter seiner Zeit gekümmert, aber ihnen umso eifriger einen historischen Auftrag zugewiesen. Für Marx existierten klare Prioritäten: Der Proletarier muss sich der Partei unterordnen und die Partei dem Manifest – und damit dessen Autoren Karl Marx und Friedrich Engels.

Die Marx’sche Distanz zu den Massen wird nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848 weiter offenbar, argumentiert Rancière. Nun setzt Marx die Wissenschaft als einzigen Ort des Widerspruchs ein und steckt mit dem Kapital schließlich einen Claim ab.

Besonders hart attackiert Rancière den Soziologen Pierre Bourdieu, dem er wortreich Determinismus nachzuweisen versucht. Indem Bourdieu die tiefe Verwurzelung der sozialen Ungleichheit bis hinein in Gesten, Körpersprache und Geschmack zeige, banne er die Armen an einen Platz, den sie kaum verlassen können. Sein Ansatz führe damit auch zur Selbsterhöhung des kritischen Soziologen, der seinen Status sichern will, indem er die scheinbare Unveränderbarkeit der Gesellschaftsstruktur behauptet.

Doch als Verteidiger des Status quo taugt der Autor von Die feinen Unterschiede nicht. Viel eher zeigen Bourdieus Analysen, vor welchen Schwierigkeiten eine linke Politik steht, die Gleichheit anstrebt. Bourdieus Interesse an symbolischer Ausgrenzung ist nicht zuletzt biografisch geprägt. Er selbst hat auf die spürbare Distanz hingewiesen, auf die er als Kind einfacher Leute aus der südfranzösischen Provinz im Pariser akademischen Milieu traf.

Distinktionskämpfe

Rancières Buch ist von einem anti-autoritären Gestus getragen. Er will mit zwei nur scheinbar entgegengesetzten Annahmen aufräumen. Eine besagt, die Beherrschten seien nicht fähig, ihren Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie zu verlassen. Die andere hält das zwar für möglich, nicht aber für wünschenswert, da es mit Identitätsverlust verbunden sei. Beide Annahmen lassen die Philosophen auf einer grundsätzlichen Trennung beharren: Arbeiter arbeiten, Philosophen philosophieren. Dagegen setzt Rancière ein zurückhaltendes Credo: Die Philosophie kann zur gesellschaftlichen Reflexion beitragen, sie soll aber keine Lektionen erteilen.

Jacques Rancières mit einigem Furor und scharfem Witz vorgetragene Polemik ist gelegentlich hellsichtig, lässt aber zuweilen selbst die Distinktionskämpfe im Pariser Intellektuellenmilieu erkennen. Zudem ist sein Buch in einem sprachgewaltigen, aber zugleich etwas hermetischen Stil verfasst. Gute Kenntnisse der kritisierten Autoren und ihrer Texte sind vonnöten, um alle Anspielungen und Angriffe verstehen zu können.


Der Philosoph und seine ArmenJacques Rancière Aus dem Französischen von Richard Steurer, Passagen-Verlag, Wien 2010, 320 S., 39,90

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15:00 11.07.2011

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