Martin Leidenfrost
Ausgabe 5213 | 20.12.2013 | 06:00 15

Im Privatjet zur Revolution

Vitali Klitschko Der Ex-Boxer ist in Kiew gelandet, um zum Präsidenten der Ukraine aufzusteigen, auch wenn er nicht der alleinige Anführer auf dem Majdan-Platz ist

Verfolgt man westliche Berichterstattung über die „pro-europäische Revolution“ auf dem Kiewer Majdan-Platz, möchte man den Boxerpolitiker Vitali Klitschko für den einsamen Anführer halten. „Kompromisse mit Halsabschneidern und Diktatoren kann es nicht geben“, ruft der einen Tag in Richtung Regierung, um am nächsten mit Präsident Wiktor Janukowytsch und dessen „verfaulter Regierung“ am Runden Tisch zu sitzen. Alles eine Frage der Wahrnehmung, so wie westliche Korrespondenten Kiew gern in „ein Meer aus EU-Fahnen“ getaucht sehen – weil die dominierenden Fahnen der Ukraine und der galizischen Faschisten von Swoboda ebenfalls blau-gelb sind? –, so sehen die nämlichen Beobachter überall Klitschko herausragen. Vielleicht weil der Mann zwei Meter misst, vielleicht weil sie ihn als Einzigen kennen oder gern als Leader des „Euro-Majdan“ sehen wollen. Angela Merkel, heißt es, wolle den Boxweltmeister mit Zweitwohnsitz in Hamburg gerne zum nächsten Präsidenten der Ukraine aufbauen.

Viele Ukrainer sehen das anders, denn der Aufruhr hat mindestens fünf Anführer, wobei gerade Klitschko in den ersten drei Tagen, nachdem Janukowytsch die EU-Assoziierung auf Eis gelegt hatte, durch Abwesenheit glänzte. Begründung: Die Regierung habe seinem Privatjet die Landeerlaubnis verweigert. Böse Zungen könnten sagen: ohne Privatflieger keine Revolution.

87,25 Prozent

Unbestritten ist, dass der mehrfache Weltmeister mit dem Spitznamen „Dr. Eisenfaust“ ebenso wie sein zu Hause beliebterer Bruder Wladimir einer der erfolgreichsten Boxer der Geschichte ist: 87,25 Prozent seiner Gegner gingen k.o., die zweithöchste Quote in der Geschichte des Profiboxens. Dank seiner tiefhängenden Linken weiß Vitali die Führhand so zu platzieren, dass der Gegner dies nicht richtig mitbekommt. Sein Stil ist zermürbend. Er steht zumeist ohne Deckung vor dem Gegner, seiner großen Reichweite sei Dank. Oft trifft er, ohne selbst getroffen zu werden. Die Frage ist nur: Reicht das politische Talent des Profiboxers, um die Massen auf dem Majdan-Platz in Kiew zu überzeugen?

Vitali Wladimirowitsch Klitschko wurde am 19. Juli 1971 in Kirgisien geboren. Der Sohn eines Offiziers wuchs in Kiew und auf einem sowjetischen Militärstützpunkt in der Tschechoslowakei auf. Dort begann er im Alter von 13 Jahren zu boxen. Für die Olympischen Spiele 1996 in Atlanta wegen Dopings gesperrt, ging er im gleichen Jahr zum deutschen Boxstall Universum Box-Promotion. Mit 34 trat Klitschko überraschend ab, um 1.400 Tage später unter Fanfaren zurückzukehren – 2008 hielten erstmals zwei Brüder gleichzeitig Weltmeistertitel im Schwergewicht.

In der Schlangengrube der ukrainischen Politik ist Vitali keineswegs ein Neuling. Bereits 2006 kandidierte er für das Amt des Kiewer Bürgermeisters, erzielte beachtliche 29 Prozent, unterlag aber einem exzentrischen Bankier. Bei der Parlamentswahl 2006 machte Klitschko den Frontmann für die Jugendpartei Pora!, dem harten Kern der pro-westlichen Revolution in Orange von 2004, und landete unter der Dreiprozenthürde. Als das Orange-Lager 2010 in die Opposition musste, gründete Klitschko schließlich die Partei UDAR (Faustschlag), eingemietet in einem der teuersten Business-Center des Landes. Man habe „die CDU analysiert und sie als Vorbild herangezogen“, so Klitschko, der seit neuestem auch Kolumnen in der Bild-Zeitung schreibt und von Deutschland als „Modellstaat“ schwärmt: „Irgendwann haben mich dort Polizisten angehalten, weil ich nicht angeschnallt war. Zunächst fotografierten sie sich mit mir, ließen sich Autogramme geben, und dann stellten sie mir den Strafzettel aus. Ich will, dass das System auch in der Ukraine so funktioniert.“ UDAR zog 2010 ins Parlament ein, mit 40 von 449 Abgeordneten.

Als Präsidentenbewerber hat das Muskelpaket viele Handicaps und einen Vorteil: Er war bisher der einzige Politiker im prowestlich-nationalistischen Lager, der in den russophilen Regionen des Ostens nicht umgehend auf Ablehnung stieß. Doch wird er diesen Vorteil verlieren, sollte er sich weiter von Faschistenführer Oleh Tjahnybok für dessen Zwecke instrumentalisieren lassen: „Wenn die Regierung Krieg will, dann bekommt sie ihn.“

Wären jetzt Wahlen, würde Klitschko Janukowytsch wohl schlagen. Jetzt sind aber keine Wahlen, und Klitschkos Handicaps können noch reichlich Wirkung entfalten: Ein langer Aufenthalt im Ausland und seine Geschäftsinteressen geben vielen Ukrainern nicht geradedas Gefühl, er würde ihre Probleme verstehen. Es ist nicht ohne Risiko, wenn der Millionär dauernd von Reformen spricht. Hören das ukrainische Großmütter, fürchten sie, sich im Winter keine Gasheizung mehr leisten zu können. Reformen versprach bereits der letzte sehr muskulöse Hoffnungsträger in Kiew. Serhij Tihipko ist seither politisch tot.

Kindlich unterwürfig

Für Klitschko würden seine Intelligenz und Mehrsprachigkeit werben, hört man oft. Wer jüngst das Interview in der ARD-Talkshow von Reinhold Beckmann gesehen hat, muss das bezweifeln. O-Ton Klitschko: „Nach Eiserne Vorhang runtergefallen …“ Verhängnisvoller wirkt sich aus, dass der Boxer sein Publikum auch auf Russisch und Ukrainisch mit quälenden Aussetzern traktiert. Als Boxer zeigte er starke Nerven, als Politiker erinnert er eher an die langen Verletzungspausen seiner Karriere: „Leider ist Politik nicht wie Boxen, sie ist ein Kampf ohne Regeln.“ Klitschko will ein verworrenes Land regieren, gegenüber westlichen Politikern legt er aber eine fast schon kindliche Unterwürfigkeit an den Tag. Als der US-Senator John McCain zur Unterstützung der Demonstranten einflog nach Kiew einflog, gestand Klitschko: „Ich hatte Gänsehaut.“ Vielleicht hält Merkel gerade diese Empathie für einen Vorzug.

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 52/13.

Kommentare (15)

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Ehemaliger Nutzer 20.12.2013 | 09:22

Wären jetzt Wahlen, würde Klitschko Janukowytsch wohl schlagen.

Die internationale Geschäftswelt sieht das anders.

... wird er diesen Vorteil verlieren, sollte er sich weiter von Faschistenführer Oleh Tjahnybok für dessen Zwecke instrumentalisieren lassen

Klitschko ist andererseits so populär, daß ein instrumentelles Verhältnis nur anders herum verlaufen könnte - wenn es denn eines gäbe - indem Klitschko beizeiten sein handgreifliches Image als "Zuchtmeister" aktiviert. Wäre die Dumpfnudel Tjahnybok nur ein klein wenig schlau, wüßte sie das.

anne mohnen 20.12.2013 | 14:14

Nach dem Lesen dieses Artikel bin ich so schlau wie zuvor, weiß ich immer noch nicht, wofür Klitschko politisch steht. Dass er Boxer ist, und? Meines Wissens haben die Klitschko-Brüder einen Doktortitel in Sportwissenschaften, den weder Ronald Reagan noch Arni Schwarzenegger aufweisen konnten und dann ist da z.B. in Deutschland Frau Dr. von der Leyen, die mit einer abgebrochenen Facharztausbildung in Gynäkologie antritt, um „Oberste der Kompanie“ zu werden; häßliche Clowns wie Berlusconi (...) Im Gegensatz zu den Politikern, die teuerste Einsätze der Fahrbereitschaft der Bundeswehr in Anspruch nehmen, reist Klitschko immerhin auf eigene Kosten –und dann noch zur Revolution :))))))

Wie gesagt, wofür Klitschko steht, welche Rolle er in der nicht unproblematischen Gemengelage der ukrainischen Opposition spielt, bleibt bei dem Artikel außen vor. Schade, auch weil andere Klatsch einfach besser produzieren!

Maddini 20.12.2013 | 17:07

Ganz ehrlich Leute bei der Qualität die solche Artikel sprachlich haben vergeht einem die Lust am Lesen.

Der Artikel war so wie er hier steht gestern ja auch in der gedruckten Ausgabe. Ich verstehe schon dass auch der Freitag sparen muss und man kann ja bei allen Zeitungen einen Qualitätsverlust in der Hinsicht feststellen, aber die gesamte Seite 2 der Druckausgabe ist eine Katastrophe und der Artikel der negative Höhepunkt.

Da kann man dem Artikel, wie in meinem Fall, inhaltlich noch so gut finden, man schlägt die Zeitung wütend zu.

Und wenn ihr das als Aufmacher macht auf der Startseite, könntet ihr es finde ich auch nochmal lesen...

ossendowski 20.12.2013 | 18:09

Herr Leidenfrost, sie können natürlich denken, was Sie wollen. Aber ich auch. Und ich denke, Sie haben sich mit Ihrem Artikel über Klitschko & Co. wenig Ruhm erschrieben.

Augenscheinlich kennen Sie die Ukraine nur aus der Ferne oder von Kurzvisiten. Was Sie über die Partei Swoboda und deren Chef Tjahnybok ablassen, ist schon herb: "Fahnen der Ukraine und der galizischen Faschisten von Swoboda" oder: ...sollte er sich weiter von Faschistenführer Oleh Tjahnybok für dessen Zwecke instrumentalisieren lassen"... Entweder wissen Sie nicht, was Faschisten sind oder Sie haben keine Ahnung von der Partei Swoboda, die in der Tat einige unangenehme Leute mit unangenehmen Auffassungen in ihren Reihen hat. Aber diese Partei ist dermaßen heterogen, dass sie eher einer Bewegung gleicht, denn einer festgefügten Partei, In ihr und vor allem unter ihren Wählern befinden sich in der Regel einfach Leute, die jedes Vertrauen in die etablierten Parteien verloren haben, vor allem nachdem sich nach 2004 sowohl Tymoschenko als auch Juschtschenko nur um ihre eigenen Eitelkeiten und Machtspielchen gekümmert hatten. Dabei hätten gerade sie die Chance zu echten Reformen in der gesellschaft, vor allem im Justizwesen und im politischen Aufbau des Landes gehabt. Dann wäre vielleicht auch wirtschaftlich manches besser gelaufen. Gerade in der Westukraine sehen die Menschen am besten, wie sich ihr Nachbar Polen entwickelt. Die EU ist für sie eigentlich sekundär interessant, sie erhoffen sich durch eine Annäherung einfach mehr Chancen auf echte Reformen und ein freieres Leben ganz im Kleinen, im Alltag. Und nicht diese ständige Abhängigkeit von korrupten Beamten, Polizisten oder Verwaltungen und Politikern. Ja, in Deutschland wird gern sofort die faschistische Keule gefunden, wenn irgendwo mal politisch nicht so korrekt gesprochen wird wie hierzulande, wo inzwischen ja jeder jedes Wort dreimal umdreht, bevor er es benutzt.

Grundgütiger 21.12.2013 | 17:23

Die Verzweiflung muss gross sein, in der Ukraine. Wenn solchen Leuten wie Klitschko das führen eines Landes zugetraut wird.

Wenn dazu noch Zuckerhäuschen aus der EU aufgestellt werden, verirren sich Hänsel und Gretel erst recht.

Wir werden wohl wieder einen EU-Kandidaten bekommen, von dem die Befürworter des Assoziierungsabkommen später behaupten, über die wahre Lage getäuscht worden zu sein.

Und Bild und Konsorten haben wieder nur Hohn und Spott für diese armen Menschen übrig.

Wer zahlt? Herr Rompoy bestimmt nicht.

mymind 22.12.2013 | 08:57

Die Verzweiflung muss gross sein, in der Ukraine. Wenn solchen Leuten wie Klitschko das führen eines Landes zugetraut wird.

Na ja, ich sehe da eher eine große Dreistigkeit bei seinen westlichen Coachies.

http://www.tagesschau.de/ausland/klitschko216.html

Solche Schlagzeilen sind doch einfach nur grandios im Toppen

http://www.bild.de/politik/ausland/vitali-klitschko/so-stolz-macht-mich-die-hilfe-der-usa-33863592.bild.html

Wir werden wohl wieder einen EU-Kandidaten bekommen, von dem die Befürworter des Assoziierungsabkommen später behaupten, über die wahre Lage getäuscht worden zu sein.

Nein, das werden die Befürworter in der EU zumindest nie behaupten, haben sie bez. Rumänien & Bulgarien auch nicht von sich gegeben. Warum? Können sie sich denken, oder?

Eigentlich sollten wir doch inzwischen alle miteinander begriffen haben, dass die EU samt ihrer Expansion weder ein Wohlfahrtsverein ist noch zu einem Miteinander statt Gegeneinander der Völker führt. Ich hatte da auch mal eine romantische Vorstellung von der EU, weil ich derart schamlose Bullshit-Praxis nicht erahnte. Entzauberung kann brutal sein, aber auch den verstand noch mehr schärfen.

MaxStein 24.12.2013 | 11:15

Es ist wünschenswert, sich im Rahmen einer umfassenderen Recherche mit der Finanzierung dieser "Bewegung" mal auseinanderzusetzen. Es gibt ausreichend Punkte die darauf hindeuten, dass westliche Staaten ordentlich mitmischen. Das scheint mir das einzige Mittel Transparenz zu schaffen und den nächsten, zu installierenden Helden zu entlarven. Vielleicht kann sich der Autor des Textes diesem Ansatz zuwenden.