Im Privatjet zur Revolution

Vitali Klitschko Der Ex-Boxer ist in Kiew gelandet, um zum Präsidenten der Ukraine aufzusteigen, auch wenn er nicht der alleinige Anführer auf dem Majdan-Platz ist
Martin Leidenfrost | Ausgabe 52/2013 15

Verfolgt man westliche Berichterstattung über die „pro-europäische Revolution“ auf dem Kiewer Majdan-Platz, möchte man den Boxerpolitiker Vitali Klitschko für den einsamen Anführer halten. „Kompromisse mit Halsabschneidern und Diktatoren kann es nicht geben“, ruft der einen Tag in Richtung Regierung, um am nächsten mit Präsident Wiktor Janukowytsch und dessen „verfaulter Regierung“ am Runden Tisch zu sitzen. Alles eine Frage der Wahrnehmung, so wie westliche Korrespondenten Kiew gern in „ein Meer aus EU-Fahnen“ getaucht sehen – weil die dominierenden Fahnen der Ukraine und der galizischen Faschisten von Swoboda ebenfalls blau-gelb sind? –, so sehen die nämlichen Beobachter überall Klitschko herausragen. Vielleicht weil der Mann zwei Meter misst, vielleicht weil sie ihn als Einzigen kennen oder gern als Leader des „Euro-Majdan“ sehen wollen. Angela Merkel, heißt es, wolle den Boxweltmeister mit Zweitwohnsitz in Hamburg gerne zum nächsten Präsidenten der Ukraine aufbauen.

Viele Ukrainer sehen das anders, denn der Aufruhr hat mindestens fünf Anführer, wobei gerade Klitschko in den ersten drei Tagen, nachdem Janukowytsch die EU-Assoziierung auf Eis gelegt hatte, durch Abwesenheit glänzte. Begründung: Die Regierung habe seinem Privatjet die Landeerlaubnis verweigert. Böse Zungen könnten sagen: ohne Privatflieger keine Revolution.

87,25 Prozent

Unbestritten ist, dass der mehrfache Weltmeister mit dem Spitznamen „Dr. Eisenfaust“ ebenso wie sein zu Hause beliebterer Bruder Wladimir einer der erfolgreichsten Boxer der Geschichte ist: 87,25 Prozent seiner Gegner gingen k.o., die zweithöchste Quote in der Geschichte des Profiboxens. Dank seiner tiefhängenden Linken weiß Vitali die Führhand so zu platzieren, dass der Gegner dies nicht richtig mitbekommt. Sein Stil ist zermürbend. Er steht zumeist ohne Deckung vor dem Gegner, seiner großen Reichweite sei Dank. Oft trifft er, ohne selbst getroffen zu werden. Die Frage ist nur: Reicht das politische Talent des Profiboxers, um die Massen auf dem Majdan-Platz in Kiew zu überzeugen?

Vitali Wladimirowitsch Klitschko wurde am 19. Juli 1971 in Kirgisien geboren. Der Sohn eines Offiziers wuchs in Kiew und auf einem sowjetischen Militärstützpunkt in der Tschechoslowakei auf. Dort begann er im Alter von 13 Jahren zu boxen. Für die Olympischen Spiele 1996 in Atlanta wegen Dopings gesperrt, ging er im gleichen Jahr zum deutschen Boxstall Universum Box-Promotion. Mit 34 trat Klitschko überraschend ab, um 1.400 Tage später unter Fanfaren zurückzukehren – 2008 hielten erstmals zwei Brüder gleichzeitig Weltmeistertitel im Schwergewicht.

In der Schlangengrube der ukrainischen Politik ist Vitali keineswegs ein Neuling. Bereits 2006 kandidierte er für das Amt des Kiewer Bürgermeisters, erzielte beachtliche 29 Prozent, unterlag aber einem exzentrischen Bankier. Bei der Parlamentswahl 2006 machte Klitschko den Frontmann für die Jugendpartei Pora!, dem harten Kern der pro-westlichen Revolution in Orange von 2004, und landete unter der Dreiprozenthürde. Als das Orange-Lager 2010 in die Opposition musste, gründete Klitschko schließlich die Partei UDAR (Faustschlag), eingemietet in einem der teuersten Business-Center des Landes. Man habe „die CDU analysiert und sie als Vorbild herangezogen“, so Klitschko, der seit neuestem auch Kolumnen in der Bild-Zeitung schreibt und von Deutschland als „Modellstaat“ schwärmt: „Irgendwann haben mich dort Polizisten angehalten, weil ich nicht angeschnallt war. Zunächst fotografierten sie sich mit mir, ließen sich Autogramme geben, und dann stellten sie mir den Strafzettel aus. Ich will, dass das System auch in der Ukraine so funktioniert.“ UDAR zog 2010 ins Parlament ein, mit 40 von 449 Abgeordneten.

Als Präsidentenbewerber hat das Muskelpaket viele Handicaps und einen Vorteil: Er war bisher der einzige Politiker im prowestlich-nationalistischen Lager, der in den russophilen Regionen des Ostens nicht umgehend auf Ablehnung stieß. Doch wird er diesen Vorteil verlieren, sollte er sich weiter von Faschistenführer Oleh Tjahnybok für dessen Zwecke instrumentalisieren lassen: „Wenn die Regierung Krieg will, dann bekommt sie ihn.“

Wären jetzt Wahlen, würde Klitschko Janukowytsch wohl schlagen. Jetzt sind aber keine Wahlen, und Klitschkos Handicaps können noch reichlich Wirkung entfalten: Ein langer Aufenthalt im Ausland und seine Geschäftsinteressen geben vielen Ukrainern nicht geradedas Gefühl, er würde ihre Probleme verstehen. Es ist nicht ohne Risiko, wenn der Millionär dauernd von Reformen spricht. Hören das ukrainische Großmütter, fürchten sie, sich im Winter keine Gasheizung mehr leisten zu können. Reformen versprach bereits der letzte sehr muskulöse Hoffnungsträger in Kiew. Serhij Tihipko ist seither politisch tot.

Kindlich unterwürfig

Für Klitschko würden seine Intelligenz und Mehrsprachigkeit werben, hört man oft. Wer jüngst das Interview in der ARD-Talkshow von Reinhold Beckmann gesehen hat, muss das bezweifeln. O-Ton Klitschko: „Nach Eiserne Vorhang runtergefallen …“ Verhängnisvoller wirkt sich aus, dass der Boxer sein Publikum auch auf Russisch und Ukrainisch mit quälenden Aussetzern traktiert. Als Boxer zeigte er starke Nerven, als Politiker erinnert er eher an die langen Verletzungspausen seiner Karriere: „Leider ist Politik nicht wie Boxen, sie ist ein Kampf ohne Regeln.“ Klitschko will ein verworrenes Land regieren, gegenüber westlichen Politikern legt er aber eine fast schon kindliche Unterwürfigkeit an den Tag. Als der US-Senator John McCain zur Unterstützung der Demonstranten einflog nach Kiew einflog, gestand Klitschko: „Ich hatte Gänsehaut.“ Vielleicht hält Merkel gerade diese Empathie für einen Vorzug.

 

06:00 20.12.2013

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