Im Rad der Geschichte

Im Gespräch Die Schauspielerin Walfriede Schmitt über die Demonstration vom 4. November 1989 in Berlin und den Frosch am Rande des Sumpflochs

Im Bruch der Zeiten wandelte sich Leben in Davor und Danach. Träume wurden wahr oder zu Albträumen, manchmal entstand aus Enttäuschung auch Mut.
Wende-Zeit - Lebens-Wende: Eine Serie über Menschen und ihre Geschichten in der Geschichte
Heute: 6. Teil

2 cellpadding=10 cellspacing=2> Walfriede Schmitt ... geboren 1943, 1963-1966 Schauspielschule Ernst Busch in Berlin, Engagements in Parchim, Halle, Meiningen, ab 1972 am Deutschen Theater in Berlin, 1974-1994 an der Volksbühne, Rollen unter anderem: Minna von Barnhelm, Eliza Doolittle, Shen Te, Königin Elisabeth, Luise Millerin, Martha in dem Fernsehfilm Das Schilfrohr nach einer Erzählung von Anna Seghers, Programme in eigener Regie: Alice im Wunderland, Love and Blues. Dozentin für Schauspiel in den USA und Kanada. 2003 wird "Wally" Schmitt mit dem Berliner Frauenpreis geehrt für ihr Engagement bei der Gründung des Unabhängigen Frauenverbandes der DDR (UFV) 1989 und für ihren Einsatz gegen Krieg und Gewalt.

FREITAG: Das Prinzip Hoffnung kennzeichnet Ihr Leben - worauf haben Sie am 4. November 1989 gehofft?
WALFRIEDE SCHMITT: Auf nichts mehr. Ich habe mir da keine Illusionen gemacht. Eine Weile vielleicht noch - so bis zum 9. November - bis die Mauer aufging und bis die Bilder kamen mit den Bananen und dem Freiheitschor aus Nabucco. Also, das war wirklich die letzte Maßnahme dieser Regierung. So etwas Würdeloses geschehen zu lassen. Ich fühlte mich eine ganze Weile wie im Strudel. Ich hatte einen Schock, einfach weil das ganze Land weg war. Und ich wusste, dass wir damit in der DDR auch keine Geschichte mehr haben werden - durch diese politisch organisierte Nichtachtung des Lebens, was hier gelebt worden ist und des Weges, der hier gegangen wurde. Das hat mich schon sehr bestürzt.

So klar haben Sie das damals empfunden?
Ja, es gibt da ein Gedicht von ´89, das ich in der S-Bahn geschrieben habe. Ich sah die Leute, ich sah die Losungen, und ich wusste, es ist vorbei. Ich musste nach dem Gefühl suchen - weder eine große Freude noch ein großer Schmerz. Es war dieser Nullpunkt, an dem man dann neugierig guckt, was passiert jetzt? Wird geschossen. Bleibt es friedlich? Was wird gesagt? Hans Mayer hat über den 4. November 1989 geschrieben: Es war ein Novum, dass Schriftsteller zum Volk sprechen. Der Christoph Hein, der Heiner Müller, die Christa Wolf, Stefan Heym. Also ich finde, da kann einer sagen, was er will - aber da war in der DDR auch etwas gewachsen. Ein Stück von einer Vision.

Wie haben Sie die Demonstration am 4. November konkret erlebt?
Wir von der Volksbühne sind mit dem Rad der Geschichte gelaufen. Das war so ein großartiger Gedanke, der mir natürlich sehr gefallen hat, weil ich ja ein theatralischer Mensch bin. Ich dachte immer: Oh, jetzt passiert Geschichte, und ich bin mit dabei. Das hat man ja nicht so oft.

Mittendrin in der Geschichte ...
Mittendrin. Am 3. Dezember ´89 haben wir dann den Unabhängigen Frauenverband gegründet und sind an den Runden Tisch gekommen. Da habe ich gelernt: bürgerliche Demokratie, Geschäftsordnung, geht vor Inhalt. Du kannst jeden Fortschritt damit beenden. So gegen zwei Uhr nachts habe ich rumgebrüllt und gesagt, ob sich vielleicht mal irgend jemand für das Land draußen vor der Tür interessieren möchte. Dass gerade die LKWs mit den Waren über die Grenzen rollen, dass hier der absolute Ausverkauf stattfindet und ob nicht vielleicht diese Themen wichtiger wären.

Es war wie: Stell dir vor, es ist Revolution, und wir wissen nicht, was wir wollen

Sie hätten sich das alles nicht zumuten müssen.
In einer solchen Zeit, dachte ich, braucht mein Land Hilfe, jetzt wird nicht gekniffen. Es ging zum Beispiel um die Gewerkschaft. Ich fand das wichtig, habe aber bald begriffen, dass jeder sein eigenes Ding machen und seine Bedeutung haben muss - und man dadurch nicht zusammenkommt. Nur sehr wenige Leute waren bereit zu sehen, was passierte. Ich weiß nicht, was die sich damals gedacht haben, was der Westen ist und was das Kapital tun wird.

Was dachten Sie?
Jetzt kommt Hardcore. Ich habe immer gesagt: Wenn Westen da ist, können wir uns alle auf die Wiese setzen und mit den Gänseblümchen spielen. Jetzt aber ist die Zeit, um noch was zu retten. Und es war wie: Stell dir vor, es ist Revolution und wir wissen nicht, was wir wollen. Freiheit ist ja ein diffuser Begriff.

Was ist Freiheit für Sie?
Wir hatten in der DDR ein letzten Endes kleinbürgerliches, zänkisches System. Aber du wusstest genau Bescheid. Das war so übersichtlich, dass man sich darin bewegen konnte. Heute kommt der Druck von allen Seiten. Es ist sehr bunt, scheinbar sehr individuell. Es ist alles nur scheinbar. Und der Druck ist da. Hartz IV ist Druck. Wie viele Leute fühlen sich jetzt noch frei? Freiheit, gut, du kannst ja sagen, ich lebe auf der Straße. Oder du kannst sagen, ich bin reich. Dann hast du Glück. Aber ich weiß nicht, ob das alles Freiheit ist.

"Mein Land" zu sagen - was bedeutete das im Herbst vor 15 Jahren für Sie?
Mein Land war dieser merkwürdige Osten, dieses kleine, graue Land. Also ich fand´s ziemlich spießig. Theater war natürlich nicht spießig. Theater war immer Kampf. Es gibt einen schönen Satz der Schriftstellerin Maxie Wander: Es ist kein Land für Löwen und Tiger, für große Tiere. Aber Eichhörnchen, die Kleinen, die Kätzchen, die haben sich hier gut gefühlt.

Warum hingen Sie daran?
Als ich in Kanada war, hat man mich das auch gefragt. Ich kann es mir nur so erklären, dass es sozusagen mit der Muttermilch eingesogen wurde, aus dem Schrecken der Nazizeit, des Krieges und aus der Geschichte der Eltern, aus dem Schuldgefühl und aus diesem Bedürfnis, es besser zu machen. Man kann es auch Vision nennen.

Wie sieht die aus?
Der freie Mensch auf freiem Grund. Selbstständig denkende Menschen, die gemeinsam ihr Leben gestalten, auch künstlerisch, nicht als Spielautomaten, sondern wirklich kreativ, menschlich, solidarisch, heiter, ganz einfach. In dem Buch Geboren am 13. August von Jens Bisky steht als Zitat ein schöner Satz: Es ist Frieden, und ein Boulevard führt durch die ganze Welt und die Menschen sitzen an Tischen und trinken Wein. Das ist eine sehr schöne Beschreibung einer Vision. Vielleicht ist das Freiheit.

So war es aber nicht.
Nein, das hat nicht geklappt.

ie haben sich trotzdem eingesetzt.
Ja, die erste Hälfte meines Lebens habe ich immer so gedacht, das muss so sein. Man muss auch ein Stück weggeben können. Ich habe mit 18 in mein Tagebuch geschrieben, dass ich mir den Sozialismus nicht so trist vorstellte. Es wird zu wenig gelacht. Aber ich dachte, viele Wege führen nach Rom. Bis man dann immer mehr merkte, ja, aber die Richtung ...

Welche Rolle spielte Ihre Familie?
Meine Mutter war Schauspielerin, mein Vater Dramaturg. Wir hatten ein offenes Haus, viele Verbindungen zu ausländischen Künstlern. Es war schon ein ziemlich internationales Haus, so dass ich nicht so ganz in den Klaps-Klub gefallen bin. Ich war in den Kulissen des Berliner Theaters der Freundschaft zu Hause, weil meine Mutter da gearbeitet hat. Ich bin in einer Kunstwelt groß geworden. Das war so ein bisschen, als ob man auf einem Vulkan lebt ...

... und Sie wollten Schauspielerin werden.
Das war auch eine Flucht. Ich war total beeindruckt vom Theater. Diese Art von Unwirklichkeit, die hat mich fasziniert - dass hinter der Bühne ein ganz anderes Leben ist als vor der Bühne. Dass es nichts Endgültiges gab. Ich glaube, ich habe nicht sehr viel am Hut mit Endgültigkeiten.

Die DDR war ein Land mit endgültigen Wahrheiten.
Ja, deswegen war ich am Theater.

Gutes Theater war oft auch politisches Theater...
... aber kein Agitprop. Was hat mich an Minna von Barnhelm als politische Figur gereizt? Außer, dass es eine wunderbare Geschichte ist. Dass eine Frau in Kriegszeiten losgeht, ihren Liebsten sucht und sich durchsetzt. Oder Schmulka von Heiner Müller in den Bauern. Leute, die tun, was aus ihrem inneren Bedürfnis heraus wichtig ist. Das hätte ich mir auch für das Land gewünscht. Nicht diese artige verschwitzte Verschlafenheit. Auf der anderen Seite: Was haben wir für wunderbares Theater gehabt, was haben wir für herrliche Filme gehabt. Was haben wir für Bücher gehabt. Was haben wir für Gedanken gehabt. Interessante Menschen - nur leider in einem Land, in dem der Frosch am Rand vom Sumpfloch immer sagt: Wir sind ein Weltmeer, wir sind ein Weltmeer. Ich denke eben, dass das Land weniger an seiner Wirtschaft zerbrochen ist als an seiner schizophrenen Lüge.

Gab es für Sie den Vergleich Lüge - Wahrheit?
Kommunismus habe ich an der Volksbühne verstanden, mit Leuten wie Benno Besson, mit Fritz Marquardt, mit Matthias Langhoff, Manfred Karge oder Heiner Müller. Diese Bewegung - das waren ganz prägende Sachen. Ich bin dankbar, dass ich diese Zeit hatte.

Wann bekam Ihre Vision die ersten Brüche?
Das ging fortlaufend. Klar, Prager Frühling, da habe ich gedacht, jetzt geht die richtige Sache los. Es musste einen anderen Weg geben. Und der ist so zerschlagen worden, so entsetzlich. Und dann die Auseinandersetzung um Biermann. Ich bin weder ein besonderer Fan von Herrn Biermann, noch war ich für diese Ausweisung. Aber was danach kam, diese Ausgrenzung von Leuten, die ihre Meinung hatten, dieses In-den-Griff-kriegen-wollen - da bin ich dann aus der Parteileitung raus.

Kam eine Ausfahrt Richtung Westen für Sie in Frage?
Nein, für mich nicht. Der Westen kam ja zu uns und hat sich hier breit gemacht. Und eingerichtet.

Haben Sie sich damit eingerichtet?
Ich war ziemlich fertig, und ich habe trotzdem gelacht und habe das alles wie in einem Transitraum empfunden.

achen aus Schmerz? Aus Traurigkeit oder aus Überlegenheit?
Weiß ich nicht. Ich liebe das, wenn die Tragik des Lebens sich mit dem Aberwitz vereint. Deswegen halten mich einige für unernst und denken, man könnte sich nicht auf mich verlassen.

Was brauchen Menschen?
Liebe, Wärme, Kreativität, einen Freiraum mit gewissen Sicherheiten. Lachen.

Das haben sie jetzt?
Einig schon. Natürlich freue ich mich, dass ich nicht zu denen gehöre, die unter Hartz IV fallen, und hoffe, dass ich durchkomme. Aber diese Verblödung, diese Verstumpfsinnigung, dieses Funktionieren müssen. Das braucht der Mensch alles nicht.

Wie ging es nach der Wende für Sie beruflich weiter?
Ich war weiter an der Volksbühne. Da kam dann der Castorff. Der Mann ist ja ´ne Herausforderung. Da kamen die ganzen neuen Kollegen und es ging vollkommen anders lang. Das fand ich schon spannend, hatte aber dann Schwierigkeiten mit dem modernen Theater. Nein, das ging alles nicht mehr.

Was ging denn noch?
Ich habe mir die Rolle in einer Serie gewünscht, das war die der Schwester Clara in Für alle Fälle Stefanie und bin dabei geblieben. Wie immer, sehr treu, sehr lange, über die Hoffnung hinaus, wie es so meine Art ist. Und nun ist das vorbei, und ich suche einen Weg für mich - ich habe Wünsche und Pläne.

Wieder eine Serie?
Das weiß ich nicht. Das wird ja irgendwann auch ein finanzielles Problem. Als Jürgen Holz einmal bei "Stefanie" auftauchte, da habe ich gesagt: Jürgen, ich glaube es nicht. Da sagte er: Na denkst du, ich brauche kein Geld? Ich habe jetzt so eine kleine Lustspielgeschichte gemacht: "Maria kommt". Eine kleine Rolle. Ein guter Regisseur. Man konnte lachen. Ich bin doch ein Clown. Ich muss doch spielen.

Was macht den Clown traurig?
Diese Welt. Das hatte ich mir alles mal anders gedacht. Wenn ich mir meine Enkelkinder angucke. Wie gehen wir um, mit dem, was wir haben. Warum schreit da keiner Halt. Die Luft kann man nicht mehr atmen, wir schmeißen hier das Getreide ins Meer, statt es nach Afrika zu schicken, der Krieg ist da, der Terror kommt. Wir leben in einer Zeit des Verfalls.

Keine großen Visionen mehr?
Nein. Die habe ich nicht. Keine politischen Bilder mehr. Das hat auch keinen Sinn. Da gibt es mal einen Rausch, da rennen sie alle auf die Straße und schreien rum. Und halten nichts durch.

Der heutige Blick auf das verschwundene Land - wie weit gehen Sie da mit?
Ich denke da wie Gerhard Zwerenz, der in einer Kolumne geschrieben hat: Während im Westen die Leute nach dem Krieg den alten Weg gingen, haben sich im Osten ein paar Leute aufgemacht und gesagt, wir müssen einen anderen finden, damit so etwas nicht wieder passieren kann. Haben es versucht, sind schrecklich gescheitert. Mehr ist nicht. Ich bin nicht traurig, dass ich dabei gewesen bin. Wenn man sagt, der Moment ist gut - dann war alles gut. Eine Freundin hat mich neulich gefragt, wozu war es gut? Und ich sagte, dass wir so geworden sind, wie wir sind.

Das Gespräch führte Burga Kalinowski

2 cellpadding=10 cellspacing=2> Walfriede Schmitt

4. November ´89

Aufbrach
die Hoffnung
so dass schutzlos da lag
die zärtlich pulsierende
Frucht
vor dem heftigen Atem
der Menge
die zugriff
verzweifelnd
verzweifelt
so gierig
tötend
die vorsichtig keimende
Zukunft

00:00 05.11.2004

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare