Im Ring

Berliner Abende Sonntagfrüh ruft Dmitri an. Dmitri wer? Dmitri, aus Lyon. Im Auftrag der Compagnie. Vous comprenez français? Non? O.K: I just call to tell your new ...

Sonntagfrüh ruft Dmitri an. Dmitri wer? Dmitri, aus Lyon. Im Auftrag der Compagnie. Vous comprenez français? Non? O.K: I just call to tell your new departure ... Prima, alles klar, eine Stunde später soll es sein, eine weniger Aufenthalt in Paris. Braucht der Flug nach Lyon bloß noch fünfeinhalb Stunden.
Sonntagnachmittag. Der Albtraum (von dem ich nicht wissen kann, dass er das wird), fängt in der Straßenbahn an. Fängt an, weil nichts losgeht, die Bahn hat heute frei. Mangels Barguthaben für Taxi zu Fuß zum S-Bahnhof, der seit neuestem den Ring-Service bietet, rund um die Stadt. Zahllose Anschluss- und Umsteigemöglichkeiten inklusive, zum Flughafen Tegel statt 16 Stationen nur noch acht. Das muss man probieren. In Schweiß und Klamotten, bepackt wie nur der Reiselaie sein kann, immer zu wenig oder zu viel. (Eher zu viel.) Die Bahn gerade noch erwischt, die Zeit läuft, schon wird es knapp. Der Zug ist ein Kurzzug, weitere 60 Meter im Sprint. Die Taschen verlieren, aufheben, in die Tür wuchten, sich selbst hinterher. Auf die Presslufttüren ist Verlass.
Nächste Station Stopp. Der Zug fährt nicht wie angegeben Ring, der hält hier, vorläufig. Umsteigen. Gesundbrunnen raus, in die Menge. In der Menge die Spähtrupps der sich "Bahn-Berater" nennenden Amateure. Sie liegen sich mit Echt-Personal in den Haaren, irgendwer hat versagt, das ist klar. Sie und nicht wir. Überhaupt, sagen die Berater, dass es zwölf Jahre gedauert hat mit dem Ring, liegt an der Planung und an nichts sonst, das sieht man ja heute. Dauert wieder zwölf Jahre, bis ringmäßig was läuft. Danke für die Information - Einsteigen bitte! Zrckblbn! Das war der falsche Zug, Gottseidank, du bist draußen.
Die Menge manisch, gehetzt wie man selbst, bevölkert den Bahnsteig im Rhythmus der Gezeiten. Im Zeitraffer rechts-links und wechseln, je nach Ansage, die hier aus dem Radio zu kommen scheint. Ein Mitspiel für Geld, wer zuerst vom Perron in den richtigen Zug springt, gewinnt. Wäre der Bahnsteig ein Boot: längst gekentert. Untergangsstimmung, fröhlich und vor allem feucht. Der Kurzzug hat sich´s anders überlegt, er fährt weiter.
Wedding. Neue Station in Vollstahl, Glas und IKEA-Dachlatten. Hat alles zu bieten, was S-Bahn-Liebhaber liebend gern fotografieren. Selbst den Übergang zur U-Bahn. Die zur Feier des Tages nach der nächsten Station endet. Warten, vier Minuten bloß, aber die Zeit läuft. Eben jetzt sollst du bei Air France dein luxuriöses "Prepaid" gegen Code YLPOI einlösen. Geheimsprache, die genau so viel sagt, wie die Leuchtanzeigen der BVG. Nächster Zug in fünf, wahlweise neun Minuten. Verschnaufpause. Nein, jetzt spielt die Blase nicht mehr mit. Wer bist du, Kleinkind, Greis, dass du nicht anhalten kannst? Keine Ahnung, nur raus hier, das Gepäck nicht vergessen. Oben die Müllerstraße hat eine Tankstelle, die hat ein Klo, das Klo ist kaputt. Die nächsten Pinkelecken längs am Bahndamm sind besetzt. Kurz bevor die Blase platzt, mit Gepäck unter dem S-Bahn-Viadukt eine Baugrube, die muss es sein. Nicht auszumalende Erleichterung.
Weiter. Kurt-Schumacher-Platz, zwei Drittel sind geschafft, jetzt nur noch den Bus bis Aeroport. Der Bus steht schon da. Der Bus ist schon voll. Müssen Vielflieger sein, sämtlich Routinees ohne Gepäck. Wenn draußen - endlich - 30 Grad erreicht sind, hat der Bus im Innern bald das Doppelte. Aber du bist dabei, und er fährt. Der Schweiß muss aus den Schuhen laufen, sonst ist es nicht echt, und er läuft. "Deutsch-Französisches Volksfest, nächste Station!" Ah, da wollen sie hin. Raus vor allen, nach allen wieder rein.
Jetzt aber ist es geschafft, die gewissenhafte Stunde vorher, und da steht Air France dran, da musst du hin. Da bist du aufgehoben. Die Mademoiselles sind telefonisch, verwimperte Gebärdensprache signalisiert Flair Geduld. Bienvenue, Sie wünschen? Leicht überatmend (das Klima, das Fieber, die Not): Prepaid YLOI. - Oui Monsieur, Sie sind spät. Ihr Flug geht in 15 Minuten. Sie haben Gepäck? Ah ja, Sie haben. Anruf beim Flugsteig: Ohne Gepäck wäre möglich ... Halt, Stopp, Missverständnis! Wie? Sie äugt über den Tresen auf den Nervösen, der ich bin. Nein, nicht diesen Flug will ich nehmen, den eine Stunde später! Dmitri hat´s gesagt. Nicht sechs Uhr abends, sieben Uhr soll er gehen ... - Verzeihung, mein Herr, da gibt´s keinen Flug. Nicht von Air France nach Paris und von niemand. Hat´s noch nie gegeben! Wer hat Ihnen das gesagt, jemand von der Air? - Nein, die das Prepaid buchen, jemand von denen, die zahlen. - Dann, es tut mir leid, hat sich jemand einen Scherz erlaubt. Sie können umbuchen auf morgen, macht 75 Euro ...
Nachhause kannst du dir Zeit lassen, erst mal den Kreislauf sortieren, Familie kann warten. Und Dmitri? Noch ein Anruf ist nötig, zur Compagnie in Lyon: No plain at 7 p.m. - What happened? Missed the good plane? But why? - Dmitri told me. - Dmitri who? There is no Dmitri along us. We have to clear it all tomorrow ...
Und du zurück in den Ring.

00:00 09.08.2002

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