Im Sandkasten der EU

Finnland III Das Buch von Filmemacher Aki Kaurismäki „Kaurismäki über Kaurismäki“ ist ein Filmbuch als Familienalbum
Matthias Dell | Ausgabe 41/2014

Unter den zahlreichen Abbildungen in dem Interviewband Kaurismäki über Kaurismäki befinden sich nicht nur Filmstills. Für Filmbücher sind Filmstills Mittel der Wahl, wenn es um die Illustration geht. Sie erinnern die Lesenden an das, worüber gesprochen wird, beziehungsweise machen neugierig auf etwas, das sie noch nicht kennen.

In Kaurismäki über Kaurismäki gibt es darüber hinaus Fotos, die sonderbar wirken, weil sie einerseits erkennbar vor der Ära digitaler Hochauflösung gemacht worden sind. Und weil andererseits der Moment, in dem auf den Auflöser gedruckt wurde, offensichtlich nicht motiviert war durch die Idee einer späteren Veröffentlichung. Man sieht also halbprivate Bilder von Aki Kaurismäki, die zudem komische Bildunterschriften tragen: „Finnisches Filmarchiv, 1979. In der vorderen Reihe, als Vierter von rechts, sitzt ein bekannt aussehender junger Mann, und wer hier doziert, ist der Autor dieses Buches.“

FINNLAND

Das Gastland der Frankfurter Buchmesse 2014 ist bekanntlich das Land der 1.000 … Ja, das auch, aber Finnland ist vor allem das Land der 1.000 Bibliotheken, also das Land der Leser

Der gutaussehende Mann soll Kaurismäki sein, der Dozierende der im September verstorbene Peter von Bagh, Leiter des Filmarchivs, Mitgründer des Midnight-Sun-Filmfestivals und Chefredakteur des Fachmagazins Filmihullu (für das Kaurismäki anfangs geschrieben hat). Der Humor der Bildunterschrift ist etwas eigen, und man weiß nicht recht, ob die Warnung aus dem Vorwort auf ihn schon zutrifft: „Viele Dinge werden nichtfinnischen Lesern unklar bleiben, und natürlich braucht man auch nicht alles zu verstehen.“

Zum Verständnis von Finnland hat Aki Kaurismäki im Kino beigetragen wie kein anderer Finne: Stumme Leute in harten Zeiten, die Sorgen der Arbeiterklasse zwischen Fabrik, Familie und nächster Kneipe, wobei die Tragik bei Kaurismäki so lange ausgestellt wird, dass sie als Komik erträglich wird. Wenn es scheint, dass die große Zeit des Filmemachers vorüber ist, dann hat das zuerst etwas damit zu tun, dass die goldenen Jahre des Arthouse-Kinos vorbei sind. Anders als etwa Jim Jarmusch ist Kaurismäki nämlich nicht schlecht gealtert, sein letzter Film Le Havre von 2011 war überaus gelungen.

Das Buch, übersetzt von Helmut Diekmann, ist ein schöner Anlass, sich daran zu erinnern. Gerade weil Kaurismäki ein schelmischer Erzähler ist. Über die Arbeit mit seinem Kameramann Timo Salminen sagt er: „Wenn es ein Drehbuch gibt, reicht es, wenn er es liest. Normalerweise fragt Timo, was für einen Film wir machen, Farbe oder Schwarzweiß, und dann schüttle ich irgendwelche Filmbeispiele aus dem Ärmel: etwas in der Art zwischen Fat City (John Huston, 1972) und Vier im roten Kreis (Jean-Pierre Melville, 1970). Salminen ist cineastisch gebildet und versteht normalerweise aufgrund von einigen wenigen Andeutungen, was ich haben will.“

Solche Äußerungen könnten aus anderem Mund kokett oder arrogant wirken, bei Aki Kaurismäki sind sie Ausdruck einer schönen Form von Gemütlichkeit. Die ist nicht selbstzufrieden und bildet sich auf ihren Eigensinn nichts ein, sondern vermittelt eine große Ruhe. Aus diesem Abstand macht, wie Peter von Bagh feststellt, Kaurismäki dann politische Werke, die früh ein Gespür etwa für das Walten der Finanzökonomie entwickeln.

In Kaurismäkis Beschreibung wird ein Film wie Leningrad Cowboys Go America von 1989 dann zum Vorschein heutiger europäischer Schieflagen: „Zugleich habe ich, wenn auch ziemlich verworren, die allgemein verbreitete Einstellung aufgedeckt, der zufolge Russland und die ehemals kommunistischen Staaten für den Westen nur zukünftige Marktgebiete sind, eine Art ‚Lebensraum‘. Der Osten darf nur deshalb im selben Sandkasten mitspielen, weil er Käufer für die Produkte und Finanzmittel für die Richtlinien der EU bereitstellt. Also aus demselben Grund, aus dem auch Finnland mit dabei ist.“ Diese Sätze werden allerdings in der gleichen Lakonik gesagt wie: „In den Kursen für Drehbuchautoren lernt man nur das Saufen.“ Kaurismäki über Kaurismäki ist ein heiter-politisches Familienalbum, das neben Werkbeschreibung und Schauspielerporträts vor allem Bonmots bereithält.

Kaurismäki über Kaurismäki Aki Kaurismäki, Peter von Bagh (Hg.) Alexander Verlag 2014, 288 S., 38 €

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