Im Schatten des Krieges

Donezk Das Grollen der Artillerie ist zu hören, wenn die Bewohner der belagerten Stadt versuchen, einen normalen Sommerabend zu verbringen
Jens Malling | Ausgabe 34/2016 1
Im Schatten des Krieges
Vor der Donbass-Arena werden jetzt Hilfssendungen entladen
Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Es ist offenbar eine der Prioritäten für die Machthaber der „Volksrepublik Donezk“ (DNR), das hart umkämpfte Terrain sauber zu halten. Überall in der einstigen Millionenstadt stößt man auf in orangefarbene Overalls gekleidete Straßenarbeiter und Gärtner – sie verlegen Fliesen und Wegplatten, streichen Zäune, beschneiden die Bäume der Parks. Unverkennbar ist das Bemühen um ein Minimum an Normalität, gestützt auch auf die erste Supermarktkette der „DNR“, deren Filialen im Stadtbild auftauchen. Das Unternehmen hält es vom Namen her mit den derzeitigen politischen Verhältnissen – „Erster Republikanischer Supermarkt“ steht mit geschwungenen Buchstaben als Logo über automatischen Glastüren und an Fassaden.

Prorussische Separatisten erklärten Donezk im April 2014 zur Hauptstadt des von ihnen beherrschten Gebietes, das als staatliche Entität bisher nicht einmal von Russland anerkannt wird und sich weiter der in einigen Vororten stehenden ukrainischen Truppen erwehren muss. Das geltende Waffenstillstandsabkommen vom Februar 2015 hat bestenfalls bewirkt, dass die Fronten einigermaßen stabil bleiben. Der Beschuss über die Demarkationslinien hinweg dauert an und hat sich in den zurückliegenden Wochen wieder verstärkt, auch wenn keine Seite das Vermögen oder den Willen zu haben scheint, in die Offensive zu gehen. Vorerst zumindest nicht.

Dumpfes Grollen

Umso mehr legt die Donezker Administration Wert darauf, mit dem Staatsaufbau voranzukommen. Schilder mit dem Symbol der „Republik“ – einem Doppeladler auf schwarz-rot-blauem Grund – hängen an Ministerien oder tauchen im Straßenbild auf, dazu gibt es auf einigen Boulevards Vitrinen mit Plakaten, auf denen heroische und fleißige Bürger der Volksrepublik ihr Schicksal gemeinsam in die Hand nehmen und nicht weichen wollen. Manches erinnert an jene martialische Symbolik, wie sie die Sowjetunion nach dem Sieg über die Faschisten im Zweiten Weltkrieg prägte. Den Überlebens- und Siegeskult von einst in Donezk zu zitieren, bietet sich natürlich an, wenn die ukrainischen Gegner als „Faschisten“ gesehen und so auch in Szene gesetzt werden. „Unsere Großväter siegten, und wir werden siegen“, sagt „Premierminister“ Alexander Sachartschenko auf einer Werbetafel im Zentrum, während dumpfes Grollen von Artillerie über der Stadt liegt.

In einem der nordwestlichen Bezirke ist plötzlich die Stromversorgung für den Trolleybus der Linie 14 unterbrochen. Die Passagiere hegen keine große Hoffnung, das Fahrzeug werde demnächst weiterfahren, und zerstreuen sich im spätsommerlichen Nachmittag. „Diese Art von Schießerei der Artillerie da draußen ist nicht so schlimm“, klärt mich eine ältere Dame auf, die sich als Swetlana Karpowa vorstellt und nach dem Busausfall zu Fuß die Kuibyschew-Straße herunterläuft, bis zu ihrem Wohnblock, der glücklicherweise nur zwei Haltestellen entfernt liegt. „Wenn sich der Beschuss so anhört wie im Augenblick, droht uns keine Gefahr. Es ist viel schlimmer, wenn es immer dieses Dadadadada, Dadadada, Dadadada gibt.“ Sie ahmt das Bellen eines Maschinengewehrs nach. „Wenn Sie das hören, dann wird ganz in der Nähe gekämpft. Wir mussten uns eben alle an den Krieg gewöhnen“, seufzt Swetlana in ihrer gesprenkelten Kunstlederjacke über der weißen Bluse und mit rot gefärbtem Haar. Trotz ihres respektablen Alters arbeitet sie noch in der Qualitätskontrolle eines pharmazeutischen Betriebes.

Die Kämpfe in den vergangenen zwei Jahren haben den internationalen Flughafen von Donezk in eine einzige Trümmerwüste verwandelt, erzählt Swetlana. Die Ruinen könne man von ihrer Wohnung aus nach einem Fußmarsch von gut fünf Kilometern erreichen, aber das lohne sich nicht. „Es war ein schöner, moderner Flughafen, nach allen Regeln der Kunst gebaut. Er wurde errichtet, um das ausländische Publikum zu beeindrucken, als Donezk 2012 einer der Austragungsorte bei der Fußballeuropameisterschaft war. Nun sind nur trostlose Ruinen übrig. Ich frage mich, wie viele Menschen dort gestorben sind. Es müssen viele hundert gewesen sein.“

Am Boulevard Puschkina

Bei weitem nicht alle Einwohner von Donezk können es sich leisten, in den Filialen des „Ersten Republikanischen Supermarktes“ einzukaufen. Die Regierung in Kiew hat die Auszahlungen von Sozial- und Rentenleistungen für Empfänger in den beiden abtrünnigen Regionen Donezk und Luhansk komplett eingestellt. Die Sanktionen treffen vorzugsweise ältere Menschen. Wer als Pensionär über die nötige körperliche Konstitution verfügt, um Stunden in überfüllten Kleinbussen durch die Gegend zu fahren und Nerven bei den Kontrollen an den Demarkationslinien zu lassen, kann sein Ruhegehalt auf der ukrainischen Seite abholen. Nur ist es damit nicht getan, danach muss die oft bescheidene Summe von ukrainischen Hrywnja in Rubel umgetauscht werden, weil in der „Donezker Republik“ längst in russischer Währung bezahlt wird.

Viele Rentner, aber nicht allein sie, sind unter diesen Umständen auf Notgaben angewiesen, wie sie in einigen Räumen unterhalb der Tribüne der Donbass-Arena verteilt werden, der Heimat des Champions-League-Teilnehmers Schachtar Donezk. Auf dem Rasen des beeindruckenden Stadions wird kein Fußball mehr gespielt, seit im Frühjahr 2014 erste Kämpfe ausbrachen. Schachtar weicht bei Heimrecht mit dem gesamten Personal in die westukrainische Stadt Lwiw aus. Allerdings hat der Eigentümer des Vereines, der Oligarch Rinat Achmetow, einen der Fanshops in den Katakomben der Donbass-Arena in eine Hilfsstation für bedrängte Einwohner verwandelt. An einer Wand des in Rot und Schwarz gehaltenen Domizils von Schachtar sind Säcke mit Lebensmitteln gestapelt. „Testen Sie mal, wie schwer die sind“, schlägt mir eine junge Frau vor, auf deren Namensschild Swetlana steht. Sie müsse jeweils die Bescheinigungen überprüfen, auf denen vermerkt sei, ob jemand Anspruch auf Beistand habe. Ist das der Fall, darf sich der oder die Betreffende einen der Säcke nehmen. „Das sind jeweils 13 Kilo Hilfsgüter. Allein heute haben wir davon gut 900 ausgegeben“, sagt Swetlana.

„Ich bekomme hier alles, was ich brauche“, vertraut mir eine ältere Frau an, die gerade abgefertigt wird. Sie verstaut alles in einem kleinen Handkarren und zieht von dannen. „Ohne diese Hilfe wäre es für uns sehr schwierig“, meint Roman Romanenko, ein 45-jähriger Wachmann, der gekommen ist, um Lebensmittel für seinen behinderten Sohn abzuholen. Er greift in den Sack und zeigt, was er mitnehmen wird: Konserven, Speiseöl, Zucker, Mehl, Grieß, Erbsen Nicht nur Achmetows Hilfsfonds, auch der russische Staat tut viel, um Donezk und die ebenso rebellische „Republik Luhansk“ über Wasser zu halten. Allein bis Ende Mai wurden nach offiziellen Angaben mehr als 700 Tonnen Nahrungsmittel nach Donezk geschickt.

Dass sich russisches Engagement im Donbass nicht allein auf humanitären Beistand beschränkt, dafür ist der wortkarge Bursche in Tarnuniform ein Beispiel, der allein auf einer Bank an der Puschkina sitzt, der Flaniermeile von Donezk. Er verbringt einen freien Abend auf dem Boulevard mit seinen dicht nebeneinander liegenden Restaurants und Bistros. Mit Musik in den Kopfhörern und einem Becher Kaffee in der Hand schaut er nachdenklich vor sich hin. Durch die Bäume ringsherum leuchten gelbe Laternen zwischen den Zweigen. Zu zweit oder dritt ziehen auf hohen Absätzen Gruppen junger Mädchen vorbei. Ihre Schritte klappern im Takt über die Gehwegplatten. Der Versuch, einen Sommerabend in der Gesellschaft von Freunden oder der Familie zu genießen und den Krieg für Stunden zu vergessen, wird durch das Gedröhn der Artillerie ad absurdum geführt. Der beschauliche Abend ist vorbei, sollten irgendwann Einschläge zu hören sein.

Der junge Mann im Tarnzwirn nimmt den Kopfhörer ab. Auf den linken Ärmel seiner Uniform ist ein Abzeichen in den Farben Gelb, Weiß und Schwarz aufgenäht. Dazu befragt, meint er, dieses Zeichen weise ihn als Angehörigen des „Sparta-Bataillons“ aus, der Anker auf der anderen Seite als Marineinfanteristen. „Ich bin nicht von hier, ich komme aus Russland und habe mich als Freiwilliger gemeldet, um im Donbass Kinder und Alte gegen die ukrainischen Angreifer zu verteidigen“, sagt er, weigert sich aber erwartungsgemäß, seinen Namen preiszugeben oder darüber Auskunft zu geben, woher er in Russland kommt und ob alle Kämpfer in seiner Einheit ebenfalls Russen seien. Jedoch macht er kein Geheimnis daraus, dass bald zwei Jahre voll seien, die er in der Ostukraine verbracht habe. Mit seiner Einheit, so erzählt er weiter, habe er an einigen Schlachten teilgenommen.

„Ich war sowohl in Ilowajsk im August 2014 wie auch in Debalzewo im Januar und Februar 2015.“ Er nennt damit zwei der Schauplätze, an denen ukrainische Soldaten und Freiwilligenverbände schwere militärische Niederlagen hinnehmen mussten. „Der Gegner hat an diesen Orten verdammt viele Männer verloren“, raunt er kurz und schmerzlos. Später im Gespräch ändert sich seine Geschichte ein wenig, als er auf die Frage nach seiner genauen Mission in Donezk plötzlich mitteilt, er kämpfe erst kurze Zeit im Donbass, er nutze bei seiner Ausbildung zum Steuermann der Marine eine Pause zwischen zwei Semestern.

Obwohl es noch nicht übermäßig spät ist, bricht er auf. Seine freie Zeit sei leider vorbei. „Ich muss zurück zu meiner Basis“, sagt er höflich, verabschiedet sich und verschwindet unter den Bäumen im matten Licht der Laternen am Boulevard Puschkina. Die Dämmerung schluckt seine Gestalt, als sei der junge Mann im Tarnzwirn nur ein Phantom gewesen. Donezk war früher für ein bewegtes Nachtleben bekannt, aber bei einer zwischen 23 und 5 Uhr geltenden Ausgangssperre ist davon nicht viel geblieben.

Jens Malling ist freier Journalist und schreibt für deutsche und dänische Medien. Zurzeit ist er im Donbass unterwegs

06:00 07.09.2016

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