Im Schatten des Mondes

Astronomie Die Vorhersage von Sonnenfinsternissen war der Schlüssel zum ost-westlichen Kulturaustausch im 17. Jahrundert

Tiefer als im Westen ist der Brunnen der Vergangenheit in China: schon 200 Jahre vor der ersten Dynastie von Babylon gründete Yu der Große die Xia-Dynastie, von deren viertem Kaiser Zhong Kang berichtet wird, er habe die beiden Astronomen Xi und He köpfen lassen, weil sie eine Sonnenfinsternis nicht vorhergesagt hätten. Sollen wir das glauben? In den Tiefen des Brunnens ist es dunkel; schon die Zeit lässt sich dort nicht verlässlich bestimmen, und wenn für die Finsternis in einigen Geschichtsbüchern genaue Daten angegeben werden wie 2137 v. Chr. oder gar Oktober 2128 v. Chr., dann ist das ein unangemessenes Streben nach Präzision. Ob Zhong Kang von 2088 bis 2075 v. Chr. regiert hat, mag ebenso dahingestellt sein; jedenfalls passt es nicht zu den genannten Daten der Finsternis. Die ganze Geschichte klingt nach Legende, und man ist versucht, sie als solche abzutun.

Aber Legenden haben häufig einen wahren Kern. Chinesische Kaiser verstanden sich als Tianzi, das heißt „Söhne des Himmels“. Sie regelten nicht nur die irdischen Dinge, sondern wurden verantwortlich gemacht auch für das, was „von oben kommt“: den Lauf der Gestirne, das Wetter, Naturkatastrophen. Man redete sich nicht heraus mit dem Hinweis auf einen strafenden Gott, sondern setzte auf möglichst rationale Vorkehrungen. Dazu gehörte die Beobachtung des Himmels, vor allem der Sonne und des Mondes, denn nach der Sonne richten sich die Jahreszeiten, das Licht des Mondes brauchte man für Festlichkeiten.

Dass manchmal das eine oder das andere Licht verdunkelt wurde, interpretierte man als Bedrohung durch hungrige Drachen, die man mit gehörigem Spektakel zu vertreiben wusste. Doch um sich darauf vorzubereiten, benötigte der Kaiser Vorhersagen durch seine Astronomen. Versagten sie dabei, dann stellte das die Autorität des Tianzi in Frage.

Euklid gegen Konfuzius

Wie aber konnten sie die Finsternisse vorhersehen? Das ist für Mond- und Sonnenfinsternisse unterschiedlich schwierig, denn wenn der Mond mehrere Stunden lang durch den Erdschatten läuft, sieht man das von der ganzen Nachtseite der Erde aus, während Sonnenfinsternisse jeweils nur regional und kurzzeitig beobachtbar sind, weil der Schatten des Mondes in einem schmalen Streifen über die Erde huscht. Sonnenfinsternisse sind global gesehen häufiger als Mondfinsternisse: in 100 Jahren verfinstert sich etwa 150 Mal der Mond und 240 Mal die Sonne. Davon kann man, immer gutes Wetter vorausgesetzt, an einem Ort zwar 75 Mond-, aber nur etwa zwei oder drei Sonnenfinsternisse sehen.

Am Vormittag des 22. Juli 2009 wird der Kernschatten des Mondes über die Mitte Chinas hinwegziehen. Shanghai wird knapp sechs Minuten lang total verfinstert sein, weiter östlich im Pazifik dauert die Dunkelheit sogar 6:39 Minuten und ist damit die längste überhaupt im 21. Jahrhundert. Eine ähnliche Sonnenfinsternis fand auch um die Mittagszeit des 21. Juni 1629 statt, allerdings etwas weiter südlich; in Shanghai sah man die Sonne nur halb bedeckt, in Peking zu etwa 20 Prozent. Die korrekte Vorhersage dieses Ereignisses durch europäische Jesuiten trug ihnen den kaiserlichen Auftrag einer Kalenderreform ein und stabilisierte ihre Rolle als Vermittler eines ost-westlichen Kulturaustausches.

Matteo Ricci war 1582 der erste Jesuit, der nach China reiste – just in dem Jahr, in dem in den katholischen Ländern der gregorianische Kalender in Kraft gesetzt wurde. Sein Lehrer Christoph Clavius, Jesuit aus Bamberg, hatte in Rom die Reform des julianischen Kalenders ausgearbeitet. Unter dem Namen Li Madu wurde Ricci nach anfänglichen Schwierigkeiten in China als Wissenschaftler sehr verehrt. In Xu Guangqi, einem hohen kaiserlichen Beamten, fand er einen kongenialen Partner, mit dem zusammen er Teile von Euklids Werk ins Chinesische und konfuzianische Texte ins Lateinische übersetzte. In seinen Tagebüchern schildert er eine im Vergleich zu Europa heile Welt, in der Wissenschaftler in hohem Ansehen standen. Nach seinem Tod 1610 wurden sie in Europa veröffentlicht und als Bestseller verschlungen.

Wenige Wochen vor Ausbruch des 30-jährigen Krieges brach eine Gruppe von 22 Jesuiten, allesamt bestens ausgebildete Wissenschaftler, von Lissabon über Goa nach China auf. Nur acht von ihnen erreichten das Ziel lebend, darunter Johannes Schreck aus Konstanz, der sich lateinisch Terrentius und chinesisch Deng Yuhan nannte, und Adam Schall aus Köln, der in China heute noch als Tang Ruowang bekannt ist.

Xu Guangqi, der sich von Ricci auf den Namen Paul hatte taufen lassen, nahm die Zuwanderer unter seinen Schutz und ließ sie ihren diversen Interessen nachgehen. Aber natürlich gab es am Kaiserhof in Peking Widerstände, und nur durch die Demonstration von Wissen, das dem Kaiser nützlich sein konnte, ließ der sich überwinden. So wurde anlässlich der für den 21. Juni 1629 erwarteten Sonnenfinsternis ein Wettbewerb mit chinesischen und arabischen Astronomen ausgetragen, den Xu mit seinen Jesuiten deutlich gewann. Er erhielt daraufhin den Auftrag, den überkommenen chinesischen Kalender mit Hilfe der westlichen Wissenschaft zu reformieren, und setzte Schreck als Projektleiter ein.

Schreck hatte 1611 in Rom noch miterlebt, wie Clavius den Galileo Galilei mit einem großen Empfang für das feierte, was er mit seinem Fernrohr entdeckt hatte. Etwa gleichzeitig mit Galilei war er danach in die Accademia dei Lincei aufgenommen worden, wenig später trat er dem Jesuitenorden bei – aus Verehrung für Clavius? Oder vielleicht, weil er auf eine Tätigkeit in China spekulierte, die anders nicht zu erreichen war? Wie auch immer, Galilei betrachtete ihn daraufhin nicht mehr als Freund, und als Schreck ihn zehn Jahre später von China aus um Hilfe bei der Vorhersage von Sonnenfinsternissen bat, gab er keine Antwort.

Mit Kepler an den Kaiserhof

Bekannt aber ist die Antwort, die Kepler im Jahr 1630 nach China schickte, doch ist ungewiss, ob dessen Informationen – vor allem die Rudolphinischen Tafeln, für lange Zeit die weitaus genauesten Bahndaten der Planeten – in die chinesische Kalenderreform eingingen. Aufschluss darüber könnten nur die Werke geben, die Adam Schall in chinesischer Sprache dort veröffentlichte.

Er hatte die Leitung des Kalenderprojekts übernommen, nachdem Schreck im Mai 1630 gestorben war, und als 1633 auch Xu das Zeitliche segnete, wurde er sogar Direktor des Kalenderbüros und später der kaiserlichen Sternwarte. Eine erste Version des neuen Kalenders war 1633 fertig, wurde aber in den Wirren des Dynastie-Wechsels von den Ming zu den Qing nicht in Kraft gesetzt. Das geschah erst 1645 unter der neuen Dynastie, nachdem Schall auch deren Kaiser mit der Vorhersage einer ringförmigen Sonnenfinsternis für den 1. September 1644 beeindruckt hatte.

In ihren Briefen nach Rom berichteten die Jesuiten, sie führten in China den gregorianischen Kalender ein – eine Schutzbehauptung angesichts wachsender Verdächtigungen, sie nähmen den Missionsauftrag nicht ernst genug. Tatsächlich zollten sie dem traditionellen chinesischen Kalender so viel Respekt wie Clavius das gegenüber dem julianischen Kalender getan hatte: An der überkommenen Struktur wurde nichts geändert, nur die Feinjustierung verbessert. Man hatte die Monddaten des dämischen Astronomen Tycho Brahe und konnte sie nutzen, um Finsternisse vorherzusagen. Der gregorianische Kalender kann genau das nicht, weil er sich gar nicht dafür interessiert und statt mit den wirklichen Bewegungen von Sonne und Mond mit den über lange Zeiträume gemittelten arbeitet.

Adam Schall hat zu den chinesischen Kalenderreformen von 1633 und 1645 ausführlich bebilderte Darstellungen in chinesischer Sprache verfasst. Sie überlebten die Jahrhunderte in der kaiserlichen Bibliothek in Peking und wurden kürzlich von einem Verlag in Haikou in sechs Bänden als Faksimile publiziert. Für die Allgemeinheit erschlossen ist das Werk leider noch nicht – jedenfalls konnte ich bislang nicht in Erfahrung bringen, was darin steht, weil es nur wenige Historiker zu geben scheint, die sich mit Tychos Astronomie und mit der alten chinesischen Schrift auskennen.

Aufklärerische Ideen aus China über die ­Trennung von Staat und Religion infizierten ­ Europa

Dabei dürfte ein genaueres Studium des Treibens der Jesuiten im China des 17. Jahrhunderts interessante Aspekte auch für die gegenwärtige Begegnung der Kulturen von Ost und West aufdecken. Nachhaltiger als ihre Missionstätigkeit im Dienste des Papstes war nämlich ihr Werben in Europa für die chinesische Idee eines Sozialsystems, das ohne religiöses Fundament auskam.

Leibniz und später Voltaire waren davon fasziniert; sie verfassten Bücher über die Ethik der Chinesen und infizierten Europa mit dem Gedanken einer möglichen oder gar wünschenswerten Trennung von Staat und organisierter Religion. Es ist hierzulande wenig bekannt, dass dieser Teil unserer Aufklärung seinen Ursprung in China hat – vermittelt durch Jesuiten, die offenbar nicht in erster Linie als aufdringliche Missionare agierten und nicht nur als die Kalenderreformer des Kaisers, sondern als Menschen mit offenen Augen und Ohren für eine fremde Kultur, der sie etwas abzugewinnen wussten.

Peter Richter ist Professor für theoretische Physik an der Universität Bremen. Im Rahmen einer Vortragreise nach Shanghai wird er Gelegenheit haben, die Vorhersage der Sonnenfinsternis selbst zu überprüfen

09:00 22.07.2009

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