Im Schaumbad der Gefühle

Nibelungen Worms feiert alte und neue Familien-Clans und Wirtschafts-Cliquen - beim Sektempfang und auf der Bühne

Das Theater vor dem Theater ist in Worms mindestens so wichtig wie in Salzburg oder Bayreuth: Wer eine Karte hat und berühmt ist, schreitet über einen roten Teppich und wird von Paparazzi umschwärmt, die beständig auf den Auslöser drücken. An den Absperrgittern steht das Volk, dem Augenschein nach vor allem vertreten von Hartz-IV-Empfängern, die mal ein paar Luxusfrauen angucken wollen. Trotz nicht vorhandener Berühmtheit mussten auch alle Kritiker durch diese hohle Gasse - man schleicht hindurch und fühlt sich schlecht. Dann trinkt man Prosecco und ergeht sich in einem Lustgarten und sieht ständig Menschen, die man irgendwie aus dem Fernsehen kennt und die hier nun beweisen, dass es sie tatsächlich gibt.

Dieses Vorspiel ist des Wormser Sommertheaters eigentlicher Sinn: Die rheinland-pfälzische Landesregierung hat ihren Laufsteg, die Vorstände und Aufsichtsräte der großen Mannheimer und Ludwigshafener Firmen haben einen Grund, sich mal mit Gattin zu zeigen und im Freien zu plauschen. Die Damen tragen Kleidungsstücke, die ihre verblühende Jugend besonders schick drapieren oder auch entblättern sollen. Horst Eckel ist da, WM-Held von 1954, und hält was Junges im Arm, wahrscheinlich die Tochter. ZDF-Ansagerinnen treffen ihre Vorgesetzten in lauschiger Atmosphäre. Filmschauspieler tragen Krokodillederstiefel und gucken cool, ältere Damen stecken in Kosakenkleidern. Ganz nebenbei habe ich eine in Worms stationierte Generalin der US-Army nebst Ehemann kennengelernt; ihre Stola war ihr von der Schulter geglitten, und ich hatte sie aufgehoben. Reizende, redselige Gesellschaft! Nur vier weibliche Generale gibt es in der ganzen Army; der Truppenteil der Wormser Kommandierenden steht im Zeichen des Lindwurms.

Womit sich zwanglos der Bezug zu Siegfried ergibt, der im Drachenblut badete, aber leider schon in der Tragödie erstem Teil sein Leben lassen musste. Fünf Jahre lang hat der Autor Moritz Rinke sich nun an den Nibelungen abgearbeitet; so richtig gut ist es auch nach dieser langen Zeit nicht geworden. Vielleicht eine Frage des Trotzes, so lange durchzuhalten, vielleicht aber auch eine des Geldes. 2002 hatte Rinke den gesamten Stoff für die Wormser Festspiele auf einen Abend komprimiert; im letzten Jahr hat er Siegfrieds Frauen neu geschrieben, jetzt läutet er Die letzten Tage von Burgund ein. Etwas scheu steht er unter all den Reichen, und man weiß nicht so richtig: ist der hier fremd oder gehört er schon dazu? Gleich daneben turnt die ZDF-Schickeria - es ist nicht weit bis Mainz.

Vom Fernsehen kommt auch der Regisseur des Abends, Dieter Wedel, und die besten Szenen seiner Inszenierung sind Filmeinspielungen, die nah an die Schauspieler heranfahren. Die Wormser haben den berühmten Wedel wohl kaum wegen seiner (spärlichen) Theatererfahrung engagiert; eher schon aus Publicity-Gründen. Ihr wohltuend normales Städtchen sollte auch mal im Rampenlicht stehen - und, ganz ohne Häme: das ist geglückt. Die bundesligataugliche Tribüne hinter dem Dom fasst 1.600 Zuschauer, das Star-Aufgebot auf der Bühne ist beträchtlich, und drohend und völlig unbeeindruckt von dem Ganzen erhebt sich als Kulisse der alte romanische Kaiserdom, der wie ein schlafendes Ungeheuer in der Stadt liegt und der eigentliche Hauptdarsteller des Abends ist.

Niemand wird von einer Open-Air-Aufführung Avantgarde-Theater erwarten; problematisch ist aber schon, dass bei dem Wormser Projekt zwei Ansprüche miteinander kollidieren: der Ehrgeiz des Autors Moritz Rinke, die Nibelungen-Geschichte ganz neu, ganz heutig und vor allem: ganz psychologisch zu erzählen, und der verständliche Wunsch des Regisseurs, daraus so etwas wie ein theatrales Breitwand-Format zu machen. Man muss, wenn man schon im Freien spielt, die weiten Räume ausgreifend nutzen, sonst klappt alles zusammen. Und man muss, trotz Mikroport, die Schauspieler auch "groß", also gestisch spielen lassen, sonst saufen sie ab. Psychologie und große Geste aber gehen schlecht zusammen.

Moritz Rinke hatte schon vor einem Jahr, im ersten Teil, die Sorglosigkeit Kriemhilds, die Siegfrieds verwundbare Stelle preisgibt, mit einer gewissen Ehemüdigkeit der Protagonisten erklärt. Auch waren Siegfried und Brünhild sehr deutlich voneinander fasziniert gewesen. Jetzt macht Rinke aus "Kriemhilds Rache" eine ganz andere, modernere Geschichte, in der Kriemhild sich tatsächlich von Burgund zu lösen versucht und im Hunnenland mit Etzel ein neues Leben beginnt. Sie lässt ihr - von Rinke erfundenes! - Kind zu Hause zurück (ausgerechnet Hagen wird der Pflegevater) und macht mit Etzel ein neues. Love grows where Etzel goes - das sind ganz neue Töne. Die Burgunder dagegen sind pleite, der Nibelungenschatz liegt ja im Rhein; sie suchen Wirtschaftsbündnisse im hunnischen Osten, bei Etzel.

Es ist klar, dass auch in dieser Konstellation Hagen von Tronje die entscheidende Figur ist, und Dieter Mann, ein Staatsschauspieler im Wortsinn, nutzt seine Chance, dem Bösewicht eine völlig nachvollziehbare, kühl argumentierende Finanzminister-Psyche zu verpassen, ein Politmanager, der nebenbei Geige und Tennis spielt und im Hunnenland als eine Art Gottfried von Cramm auftritt, ein nobler Bankrottverwalter, ein Virtuose der Staatsverschuldung, der eher unfreiwillig im Osten neue Märkte sucht. Es gibt auch eine sublime erotische Vater-Tochter-Attraktion zwischen ihm und der leider etwas überagilen Kriemhild der Jasmin Tabatabai. Dass Kriemhild den Rache-Zyklus dann doch noch in Gang setzt, liegt mehr an der Blödigkeit der Hunnen, die Kriemhilds Sohn aus erster Ehe meucheln.

Hagen und Kriemhild: das ist das Zentrum des Stücks. Drumherum hat Dieter Wedel dann viel Vordergründiges arrangiert; vor allem muss er ständig beweisen, dass er riesige Bühnen-Elemente bewegen und Hunderte von Statisten dirigieren kann, Soldaten, Gefolgsleute. Das hätten wir ihm auch so geglaubt. Ausdauernd stapfen also Burgunder als deutsche Wehrmacht über die Bühne, während das Hunnenland durch präsenile Ostblock-Generäle repräsentiert wird. Etzel, in der Gestalt von Dieter Laser nicht unbedingt ein Sympathiebolzen, trägt Hippiehemd und fährt in einer Hollywood-tauglichen Staatskarosse vor; Gunther, in der Interpretation von Roland Renner ein verunsichertes Weichei, muss ständig im Schaumbad sitzen, wo ihm eine edle Frau den Rücken krault, und nicht nur den.

Weniger Schaum wäre mehr gewesen, kann man da nur sagen - aber das Publikum freute sich an den vielen Filmstars, die nun in Worms Theater spielen, darunter André Eisermann, Ilja Richter, Anouschka Renzi und die als gegenbesetzte Brünhild erstaunlich starke Annika Pages. Und hinter all dem steht still und unerschütterlich, und hoffentlich noch in tausend Jahren, der romanische Dom. Der hat schon ganz anderes miterlebt.


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00:00 03.08.2007

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