Im Schlafwagen

1922 König Vittorio Emanuele lädt Benito Mussolini ein, Italien zu regieren. Der braucht für seinen Aufstieg keinen "Marsch auf Rom". Es reicht ein Zugticket
Im Schlafwagen
Obristen flankieren im Herbst 1922 Mussolinis Marsch zur Macht
Foto: AFP/Getty Images

Ende 1918, als die Habsburger Monarchie und das deutsche Kaiserreich zusammenbrechen, zählt Italien zu den Siegern. Doch kursiert unter den Überlebenden der Materialschlachten des Ersten Weltkrieges der Fluch vom „verstümmelten Sieg“. Besonders Offiziere und Unteroffiziere des Heeres haben sich mehr erhofft: Landgewinn, Ruhm, materielle Entschädigungen. Bald werden viele dieser Unzufriedenen zu Kadern der im März 1919 gegründeten faschistischen Kampfbünde (fasci di combattimento).

Zugleich findet Italiens Arbeiterschaft zu bis dahin nie gekannter Stärke und setzt noch 1919 in der Industrie den Acht-Stunden-Tag durch. Lohnerhöhungen werden erkämpft, die Gewerkschaften rekrutieren mehr Mitglieder als je zuvor. Dabei fasziniert die russische Oktoberrevolution von 1917 nicht nur das Industrieproletariat, sondern auch die Landarbeiter. Fare come in Russia (Es wie in Russland machen) wird zum geflügelten Wort. Die Wirklichkeit freilich hinkt den revolutionären Wünschen hinterher.

Das biennnio rosso – die „zwei roten Jahre“ 1919 bis 1920 – bleibt eine Episode, auch weil das Establishment höchst erschrocken reagiert. Großagrarier, die ihre Macht sichern wollen, finden Gefallen an Arrangements mit den Faschisten. Deren Sturmtrupps schrecken selten vor brutaler Gewalt gegen die Arbeiterbewegung zurück. Antonio Gramsci (1891–1937) – einer der Begründer der KP Italiens – zählt in den 18 Monaten zwischen Januar 1920 und Juni 1921 rund 4.000 Menschen – „Männer, Frauen, Kinder und Greise, die unter den Kugeln der öffentlichen Sicherheitsorgane und des Faschismus den Tod auf Straßen und Plätzen fanden“, wie er im Juli 1921 in der Zeitung L’Ordine Nouovo schreibt. Allein im ersten Halbjahr 1921 zerstören die Sturmtrupps 25 Volkshäuser, 59 Arbeitskammern, 85 Genossenschaften, zehn Druckereien und Redaktionen von sechs Tageszeitungen. Meist sieht die Staatsmacht tatenlos zu.

Die Gerüchte verdichten sich 

Schon im Sommer 1921 triumphiert Benito Mussolini (1883–1945) in seinem Blatt Il popolo d’Italia: „Es gibt keine ernsthafte bolschewistische Gefahr mehr in Italien. Der Bolschewismus ist so gut wie ausgerottet!“. So wendet er sich neuen Aufgaben zu. Als im Mai 1921 das Abgeordnetenhaus neu gewählt wird, bietet der liberale Premierminister Giovanni Giolitti den Faschisten ein Wahlbündnis an, das Mussolini sofort akzeptiert. Er gewinnt – nicht zuletzt dank dieser Allianz – 35 Parlamentssitze.

Im November 1921 konstituiert sich die faschistische Bewegung als Partito Nazionale Fascista (PNF) und legt ein Programm auf, das die bisher gewohnten sozialreformerischen Floskeln meidet. Stattdessen ruft es zum „letzten Gefecht“. So häufen sich im Jahr 1922 die militärisch gefärbten Aktionen der Squadre genannten Stoßtrupps. Im Mai und Juni besetzen die Faschisten jeweils für mehrere Tage Ferrara und Bologna. Ein von den sozialistischen Gewerkschaften ausgerufener Generalstreik bricht Anfang August zusammen, auch weil Mussolinis Anhang ostentativ die Arbeit der öffentlichen Institutionen aufrechterhält. Der „Duce“ droht: „Der Faschismus sollte möglichst auf legalem Wege an die Macht gelangen. Aber ich muss hier auch auf eine andere Möglichkeit hinweisen.“ Schließlich verdichten sich ab August 1922 die Gerüchte, es werde einen „Marsch auf Rom“ geben, der alles entscheiden müsse. Ministerposten, die ihm mehrfach angeboten werden, lehnt Mussolini ab.

Am 20. September hält er auf einer Massenkundgebung seine berühmte „Rede von Udine“, eine vorweggenommene Regierungserklärung des Faschismus. Sie enthält das Bekenntnis zur Gewalt ebenso wie die Versicherung, nur Disziplin und Gehorsam könnten Italien retten. Es gibt eine Absage an die Demokratie und die Ankündigung, die Massen zur Unterstützung italienischer Machtpolitik zu mobilisieren. Eine Rückkehr zu Italiens Größe, so proklamiert Mussolini, werde seit 1918 durch eine „Politik der Entsagung und Feigheit“ verhindert, die es auszuschalten gelte. Garantieren werde man die Monarchie, „damit das Volk nicht das Gefühl hat, als ob alles zusammenfällt“. Diese Konzession verlangt den republikanischen Faschisten einiges ab, aber für einen Regierungsantritt scheint sie unverzichtbar.

Finanziell reich beschenkt werden Mussolinis Bataillone durch die Großagrarier. Die Industriellen halten sich mit ihren Zuwendungen bis Ende 1921 zurück, um danach aufzuholen, was sie versäumt haben. Je erkennbarer die Faschisten an Schlagkraft gegen die Arbeiterbewegung gewinnen, desto mehr wird gezahlt. Man fühlt sich bestärkt. Denn Mussolini ist um unternehmerfreundlich Gesten nicht länger verlegen. Das Streikrecht im öffentlichen Dienst will er abschaffen, die Privatwirtschaft subventionieren und unrentable Staatsbetriebe schließen, sobald er regiert. Ganz zu schweigen von seinem Schwur, es werde Rüstungsfirmen an nichts fehlen.

Wichtiger als die Geldschwemme ist die Kapitulation des politischen Liberalismus. Dessen Totengräber entschließt sich im Herbst 1922, aufs Ganze zu gehen. Konspirativ wird der Marsch auf Rom vorbereitet. Am 24. Oktober ist es soweit. Vom Kongress des Partito Nazionale Fascista brechen die Delegierten in die Hauptstadt auf. Das Kommando führt ein Quadrumvirat (ohne Mussolini), das drei Marschsäulen in Richtung Kapitale dirigiert. Zusammenstöße mit der Armee sollen „unter allen Umständen“ vermieden werden. Mussolini wartet in Mailand, um sich notfalls in die Schweiz absetzen zu können. Das Angebot, in eine vom Konservativen Antonio Salandra geführte Koalition einzusteigen, lehnte er ab. So führt König Vittorio Emanuele III. die Entscheidung herbei. Am 28. Oktober weigert er sich, die vom Kabinett des Liberalen Luigi Facta verfasste Proklamation über den Ausnahmezustand zu unterzeichnen. Folglich kann die Armee nicht gegen die zahlenmäßig eher schwachen Kampfgruppen eingesetzt werden. Aus den Orten Civitavecchia, Monterotondo und Tivoli sind gerade einmal 14.000 unterwegs. Sie sind schlecht ausgerüstet und größtenteils ohne Verpflegung. „Weder zwischen den drei Kampfgruppen, noch zwischen ihnen und dem Hauptquartier in Perugia bestand Verbindung. Mit Geschützen und Panzern ausgerüstete Truppenverbände hätten leichtes Spiel gehabt, sie einzeln anzugreifen und aufzureiben“, schreibt der britische Historiker Ivone Kirkpatrick. Es ist ein anarchischer Haufen und ein wirklicher Marsch auf Rom findet nicht statt. Vielmehr warten die Faschisten auf Rastplätzen in sicherer Entfernung zur Hauptstadt den Gang der Ereignisse ab.

Eine Art Betriebsunfall

Am 29. Oktober erklärt sich der König bereit, Mussolini zum Regierungschef auszurufen. Am Mittag desselben Tages erhält der ein Telegramm, das ihn nach Rom zum Regieren einlädt. Der Duce reist im Schlafwagen und trifft am nächsten Morgen ein. Der König scheint sich der Tragweite seines Entschlusses bewusst, sagt er doch über den neuen Ministerpräsidenten: „Der Mann weiß, was er will, und wird nicht so bald wieder zurücktreten.“

Nach der Totalitarismus-Doktrin, die sich bis heute auch im römischen Mainstream einiger Beliebtheit erfreut, ist die Frage nach den Gründen für die Machtübergabe an den Faschismus vor 90 Jahren schnell beantwortet: Demokratiefeindliche „Extremisten“ von rechts und links hätten damals dafür gesorgt, dass „die liberale Mitte“ in eine Zwickmühle geriet. Um Ordnung zu schaffen, habe sie sich – vorübergehend! – der Faschisten bedient. Wenn die dauerhaft ein diktatorisches Regime errichteten, so sei dies weder beabsichtigt noch vorauszusehen gewesen. Dass es den traditionellen Eliten gefiel, Barbarei für sich arbeiten zu lassen, wird nach Kräften bestritten. Mussolinis Marsch auf Rom erscheint so als eine Art Betriebsunfall in unruhigen Zeiten. Da wirkt die im Oktober 1922 vom König gefällte Entscheidung wie ein zwar fataler, aber irgendwie verständlicher „Irrtum“.

09:00 30.09.2012

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