Im Schlick des Alltags

Russland Bevor ein Korres­pondent in Moskau etwas schreibt, gilt es, viele Schwierigkeiten zu überwinden: Fünf goldene Regeln für das Leben in der Fremde sind zu beachten

Was tut ein Moskau-Korrespondent den ganzen Tag? Morgens holt er die Zeitungen vom Kiosk und auf dem Rückweg kauft er im Supermarkt noch schnell Schweinekoteletts fürs Abendessen. Dann beginnt der Wettlauf mit der Zeit. Bis zwölf Uhr muss die Ankündigung für den tagesaktuellen Artikel raus. Nacheinander werden Fernseh- und Radionachrichten, die Internet-Portale und frischen Zeitungen abgegrast. Ist wieder etwas Schreckliches passiert in Russland? Ein Brand in einer Diskothek? Im Frost geborstene Fernwärme-Rohre? Nein, heute ist alles ruhig. Genüsslich lehne ich mich zurück.

Da klingelt es plötzlich an der Tür. Wer könnte das sein? Nun klingelt es schon Sturm. Es bleibt keine Zeit zum Rätseln. Als ich öffne, steht dort meine Vermieterin. „Ich schmeiße Sie raus“, poltert die 62-Jährige mit der orange gefärbten Dauerwelle. „Morgen verlassen Sie die Wohnung.“ – „Was ist denn los?“ will ich wissen. „Im Sozialamt haben sie gesagt, dass bei mir jemand wohnt. Deswegen kann ich jetzt keine Winterjacke beantragen.“

Was war passiert? Ich hatte mich beim Bezirksamt unter meiner Wohnadresse registriert. Deshalb war mein Name im Computer des Sozialamtes gelandet, und meine Vermieterin, die bei ihrem Sohn wohnt und mit jedem Rubel rechnen muss, hatte Scherereien. Mit scharfer Beamten-Logik hatte das Amt geschlussfolgert, dass – wenn in der Wohnung der Pensionärin eine männliche Person im arbeitsfähigen Alter lebt – wohl genug Geld vorhanden sei, die Winterjacke selbst zu kaufen. Ein Fürsorgefall für den russischen Staat sei meine Vermieterin, die offenbar Mieteinnahmen von einem Ausländer habe, jedenfalls nicht.

Fünf Goldene Regeln

Um eine Registratur an meinem Wohnort komme ich nach dem neuen Migrationsgesetz nicht herum, obwohl ich eigentlich mit Dokumenten schon reichlich ausgestattet bin. Ich habe einen russischen Journalistenausweis, ein Visum, das mir die mehrfache Einreise nach Russland erlaubt, und eine Migrationskarte, die ich bei der Einreise am Flughafen abstempeln lasse. Bei der Grenzkontrolle am Airport wird mein Pass auch noch gescannt. Wenn ich Richtung Moskau fahre, bin ich also längst registriert. Doch nach dem neuen Einwanderungsgesetz müssen sich alle Ausländer – egal ob tadschikischer Polier oder westlicher Korrespondent – drei Tage nach der Ankunft noch zusätzlich im Wohnbezirk registrieren lassen.

Doch einen Vermieter zu finden, der eine solche Registratur zulässt, gleicht der Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Die Steuer für die Miete beträgt zwar nur 13 Prozent, aber Moskauer Vermieter – meist einfache Bürger mit eher geringem Einkommen – versuchen, eine Registratur des Mieters zu vermeiden, um die Miete schwarz zu kassieren. „Die da oben sitzen auf den Ölquellen. Wir wollen auch was verdienen“, hört man stets bei der Wohnungssuche. Für einen Künstler, der seine Wohnung vermietet, zählt jeder Rubel.

Damit ich zumindest in der russischen Hauptstadt legal leben kann, habe ich mir jetzt eine neue Wohnung gesucht. Mein neuer Vermieter hat hoch und heilig versprochen, mich registrieren zu lassen. Eines ist auf jeden Fall sicher: Meine ehemalige Vermieterin hat endlich Anrecht auf ihre Winterjacke.

Wenn ich allerdings Moskau zu einer Recherche Richtung Perm oder Sotschi verlassen will, muss mich mein Vermieter beim Einwohnermeldeamt abmelden, egal, ob er krank oder gerade im Urlaub ist. Falls ich mich nicht abmelde, kann es sein, dass ich in Perm oder Sotschi kein Hotelzimmer bekomme. Natürlich kann man in der russischen Provinz versuchen, privat unterzukommen. Aber registrieren lassen muss man sich auch dann, sonst kann einem ein Polizist bei einer Straßenkontrolle eine saftige Geldstrafe aufdrücken. Ich muss also mit meinem Vermieter in Perm zur Post, um dort meinen Registratur-Antrag abzugeben. Diese Prozedur kann Tage dauern, denn wie die Erfahrung zeigt, ist nicht jeder Postbeamte in der Provinz bereit, ein derartiges Papier aus den Händen eines Ausländers entgegenzunehmen. Mit solch einer heiklen Sache möchte man lieber nichts zu tun haben.

Was lässt sich angesichts solcher Zustände tun? Auf die Barrikaden können Auslandskorrespondenten schon aus existenziellen Gründen nicht gehen, also wird versucht, bei einem Treffen mit der Migrationsbehörde auf Hindernisse bei der Registratur aufmerksam zu machen. Doch das Treffen endet ohne Ergebnis. Gesetz sei Gesetz, meint die hochgestellte Beamtin. Im Übrigen habe sie auch Probleme, wenn sie in Spanien Urlaub mache. In Russland zu leben, scheint Freunden in Deutschland wie eine selbst auferlegte Strafe. Dabei erzähle ich ihnen noch gar nicht alles, was es täglich zu erleben gibt.

Immerhin bin ich jetzt schon etwas klüger als 1992. Damals im Mai mietete ich meine erste Wohnung in Moskau, und mein damaliger Vermieter Valeri bläute mir ein: „Wir sind hier nicht in Europa.“ Der laxe Spruch jagte mir einen gehörigen Schrecken ein. Ich fürchtete Chaos, Anarchie und Willkür. Inzwischen kenne ich die fünf Goldenen Regeln des Überlebens. Erstens, persönliches Vertrauen ist wichtiger als jeder Mietvertrag. Zweitens, die Frage „Womit verdienen Sie ihr Geld?“ sorgt für schlechte Stimmung. Drittens, mit einem Geschenk zeigt man, schon viel von Russland verstanden zu haben. Viertens, Wege in Russland sind selten geradlinig, aber es gibt immer eine Lösung. Fünftens, man muss den Beamten nicht mögen, aber sollte erkennen: Auch er ist ein Mensch.

Gewappnet mit diesen Erfahrungen beginne ich nun jedes Jahr im Januar eine Prozedur, die mich Monate beschäftigt: das Sammeln von Dokumenten für die Einkommenssteuererklärung. Der russische Staat will auf den Euro genau wissen, wie viel und woher der Korrespondent seine Einkünfte bezieht. Da ich länger als 180 Tage im Jahr in Russland lebe, bin ich verpflichtet, in Moskau meine Steuern zu zahlen, das heißt, 13 Prozent meiner Honorare gehören dem russischen Staat. Betriebskosten wie in Deutschland kann ich als „Freier“ nicht abrechnen, doch gewährt mir das Finanzamt nach langen Verhandlungen einen 20-prozentigen Abschlag von meinem unversteuerten Einkommen.

In den neunziger Jahren unter Boris Jelzin interessierte sich die Steuerbehörde so gut wie gar nicht für Auslandskorrespondenten. Mit dem Antritt von Wladimir Putin änderte sich das schlagartig. Nun mussten die Korrespondenten-Büros großer Magazine und Fernsehstationen langwierige Kontrollen über sich ergehen lassen. Das Klima für Journalisten wurde rauer. Im Juni 2000 wurde Wladimir Gusinski, Eigner des kritischen Fernsehkanals NTW, wegen angeblicher Finanzbetrügereien verhaftet. Im Oktober 2003 kam Yukos-Chef und Öl-Milliardär Michail Chodorkowski wegen Steuerschulden ins Gefängnis. Ich erinnere mich: Am Tag seiner Festnahme griff ich wie in Panik zum Telefon. Ich fragte die für mich zuständige Abteilungsleiterin in der Finanzbehörde, wann mein Steuerbescheid für 2002 endlich fertig sei. Die Abteilungsleiterin meinte mit strenger, aber gleichgültiger Stimme, meine Unterlagen würden noch geprüft. Die nächsten Tage verbrachte ich in Erwartung von irgendetwas Schrecklichem. Nichts passierte.

Spion also?

Ausländer hält man in Russland prinzipiell nicht für steuerehrlich. Dieses Missverständnis lässt sich selbst mit akkurat dokumentierten Einkünften nicht aus der Welt schaffen. Dass ich Geringverdiener und nicht Chef des Moskauer CNN-Büros bin, ändert nichts am vorhandenen Misstrauen. Mancher russische Beamte will sich unter dem Begriff „freier Journalist“ einfach nichts vorstellen. „Freier Künstler“, nennt man diese Sparte von Journalisten aus dem Westen hier manchmal verächtlich oder auch einfach derb: „Spion also?“

Jetzt im Januar beginnt nun wieder das gleiche Prozedere. Wie jedes Jahr bitte ich meine Heimat-Redaktionen, mir Honorarbescheinigungen für das vergangene Jahr zu schicken. Die müssen wiederum von einem Moskauer Dolmetscherbüro ins Russische übersetzt werden. Wenn ich schließlich bei meiner Steuerberaterin mit einem dicken Dokumenten-Stapel auf Deutsch und Russisch erscheine, schlägt sie jedes Mal die Hände über dem Kopf zusammen. Die 36 Euro von der Neuen Presse und die 250 Euro vom Rheinischen Merkur sind wie vorgeschrieben zweisprachig ausgewiesen, trotzdem ist wieder alles „falsch“. Mein Papierstapel werde von Jahr zu Jahr dicker, stöhnt sie. Ob ich nicht endlich begreifen könne, dass die Kollegen von der Steuerbehörde keinen Wust von Papieren mit kleinen Beträgen mögen?

Um den Finanzbeamtinnen die Arbeit zu versüßen, ließ ich früher immer eine Flasche Baileys dort. Doch inzwischen bin ich von dieser Praxis abgekommen. Mein Geschenk schien mir einfach zu lächerlich klein, und für ein großes Geschenk werden die Honorare wohl nie reichen.

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12:07 24.01.2010

Ausgabe 38/2021

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