Im Schwarzwald ist das Kicken schön

Sportplatz Kolumne

Der SC Freiburg ist auch in Berlin-Schöneberg zu Hause. Die Kneipe "Jonas" auf der "roten Insel "(für Nicht-Berliner: Schönebergs Norden) drückt den Breisgauern kräftig die Daumen. 14 Kneipengänger sind Mitglied beim SC geworden, "weil der Verein so sympathisch ist", erzählt der Wirt. Ein Wimpel an der Wand mit allen Spielerunterschriften und ein Mannschaftsplakat gibt es hier auch, die Hertha, naja, für die interessiert man sich hier nicht so sehr.

Warum sind die Freiburger Kicker so beliebt, vor allem in der links-alternativen Szene? Freiburg symbolisiert den "anderen Fußball". In der letzten Saison war das Dreisamstadion in Freiburg zwar nicht immer der Hort technisch feinsten Fußballs, aber die Mannschaft zehrt noch von den guten Jahren. Berühmt wurde das Freiburger Kurzpass-Spiel, schnell und direkt, offensiv, schön anzuschauen. Doch Freiburg steht noch für viel mehr: ein David unter Goliaths, ein "Intellektueller" als Trainer - in guten und in schlechten Zeiten, Sonnenkraftwerke auf dem Stadiondach und eine sehr professionelle Jugendarbeit. Der Verein ist die Identifikationsfläche für viele Fußballfans, die anderswo heimatlos geworden sind, vergrault von Kommerz, zu wenig Herz und steriler Stadionatmosphäre.

Doch der Reihe nach. In diesem Jahr der 100-jährigen Vereinsjubiläen (Schalke 04, Leverkusen) wurde auch der Sportclub Freiburg 100 Jahre alt. Im Mai des Jahres 1904 wurde dereinst der Verein "Schwalbe" gegründet, kurz darauf der "Freiburger Fußballverein", Gymnasiasten waren die Gründungsväter. Seit 1912 nannte man sich "Sportclub Freiburg" und wählte den Greifenkopf als Vereinswappen. Schon früh reiste die Mannschaft zu Spielen ins Ausland -1914 nach Genua und Alessandria, weitere Gastspiele kamen in den folgenden Jahren hinzu. Sportlich begann der große Erfolg 1978 mit dem Aufstieg in die zweite Bundesliga, doch erst 1993 war die Erstklassigkeit perfekt, als die Freiburger gleich in der ersten Bundesligasaison einer der besten Aufsteiger aller Zeiten wurden, und das mit bescheidenem Etat. 1995 wurden sie in der Abschlusstabelle Dritter und nahmen am UEFA-Cup teil.

Trainer beim SC ist seit 1991 Volker Finke, der ein Gutteil zu Freiburgs positivem Image beiträgt. Er ist ein kluger Trainer, eloquent, witzig, selbstkritisch und hoch professionell. Mittlerweile ist Finke der dienstälteste Erstligatrainer und nach dem Willen seines Präsidenten Achim Stocker kann er "bis zum Lebensende" bleiben. Ja, und irgendwie wirkt Volker Finke dazu noch politisch links - obwohl er sich so eindeutig nicht positioniert hat. Finke ist ein Glücksfall, immer macht es Freude, ihm zuzuhören, und es ist ein Trost, dass hier ein kleiner Verein nicht nur nach Marktgesetzen und dem schnellen Erfolg geht, sondern seinem Trainer die Treue hält, auch wenn es mal nicht läuft (siehe Abstieg in die zweite Liga 1997). Die Freiburger wissen, wer sie sind und was sie können. Da wird nicht wild und teuer "herumgekauft", sondern die Mannschaft Jahr um Jahr klug ergänzt, es gibt keine Finanzskandale und keine Intrigen - ein bisschen heile Welt im Schwarzwald.

Auch aus der Not machte man eine Tugend: Die Jugendarbeit mit dem eigenen Fußballinternat, der "Freiburger Fußballschule", eröffnet 2001, bildet Jahr für Jahr exzellente junge Spieler aus, die, im Idealfall, in die Bundesligamannschaft aufrücken können. "Nachhaltigkeit" könnte das Motto des SCF im Umgang mit Mensch und Umgebung heißen, man setzt auf regenerative Energie und optimierte Wärmedämmung. Freiburgs Kicker spielen in Deutschlands sonnenreichster Stadt und wissen das zu nutzen, im Dreisamstadion liefern zwei Sonnenkraftwerke eine Leistung von 146.000 Kilowattstunden pro Jahr.

Deutschlands "linke" Fußballfans haben wieder ein zu Hause, dem SC sei Dank! Das kleine Stadion ist bei Heimspielen immer voll, die Atmosphäre prächtig. In den siebziger Jahren gab es die Fohlenelf aus Mönchengladbach, Günter Netzer, fast schon ein Revoluzzer, mit wehendem Blondhaar und als Discobetreiber ein enfant terrible. Ein Gegenentwurf zum Beckenbauer-Franz. Heuer sind die Gladbacher ein wenig zu blass und farblos geworden, der Nimbus ist weg. Und sonst? O.k., Bremen hat eine sensationelle Saison hingelegt, aber die Bremer gehören schon zu den "Großen". Freiburg ist das kleine gallische Dorf aus Asterix und Obelix, das erbitterten Widerstand leistet gegen die Deformationen des Geschäfts Bundesliga. Und das gefällt, nicht nur den Freiburgern und den Schönebergern.


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00:00 30.07.2004

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