Im Sommer findet man Freunde

Solidarität Wie aus Fremden Verbündete werden können, hat unsere Kolumnistin an ihrem Nachwuchs beobachtet
Im Sommer findet man Freunde
„Ist Ihnen klar, dass die Kinder nass werden?“

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Sommer, heiß. Die Innenstadt einer deutschen Großstadt, ein Brunnen. Zwei Jungs, die ihre Schuhe abwerfen, die Socken daneben, und ins Wasser stampfen, als würden sie das Rote Meer durchqueren. Lachen, ein dritter Junge, der danebensteht, weil er das dreckige Wasser nicht mag. Das ist Kindheit, das ist Sommer, die Mutter genießt inzwischen einen Kaffee. Die Mutter bin ich.

Ich kann die Kinder über einen Bauzaun hinweg nicht sehen, aber die Kinder wissen, in welchem Café ich sitze, ich habe es ihnen gezeigt. Ich kann das Lachen hören und das Klirren von Eiswürfeln im Kaffee und die Gespräche am Nachbartisch auch. Eins geht so: Dass „die da“ nicht zu „unserem“ Stadtbild passen. „Die da“ sitzen auch am Brunnen, „Syrer wahrscheinlich“, sagen sie am Nachbartisch, drei Jungs und ein Mädchen (im Kopftuch, das muss ich an dieser Stelle bemerken, obwohl ich es gerne weglassen würde, weil das auch etwas ist, was die Damen am Nachbartisch stört).

Sie sind Anfang zwanzig wahrscheinlich, sie lachen, und einer der Jungs, der mit den kurzen Haaren, zieht sein T-Shirt aus, es ist heute so heiß.

Einmal wird mein Zuhören (und innerliches Empören) von einer Frau, die ihr Kind an der Hand zu mir zerrt, unterbrochen: Ob das meine Kinder seien, fragt sie. Ob mir bewusst sei, dass sie im Wasser seien. Dass sie sich nass spritzten. Dass sie demzufolge nass seien. Dass ihre Klamotten nass seien. Ich nicke, auf jede einzelne Frage, dann zieht sie, sichtlich entnervt, ab.

Irgendwann stehe ich auf. Ein Kind im Wasser, eines, das danebensteht und eine Plastikflasche als Schiffchen schwimmen lässt. Wo der Dritte sei, erstaunte Kindergesichter, ups, wir haben gar nicht gesehen, dass er gegangen ist. Ich ziehe die Vokale in die Länge, als ich seinen Namen rufe, und ich laufe, weil ich nicht weiß, wohin er gegangen sein könnte, immer im Kreis und immer nervöser – und weiterhin im sinnlosen Kreis. „Hätten Sie halt aufgepasst“, sagt die Mutter, die mich vorhin ermahnte und die ihrem Kind mit Taschentuch Eisreste aus dem Gesicht wischt. Aber ich kann nicht stehen bleiben, um ihr etwas über Solidarität und Empathie zu erzählen, ich laufe im Kreis. „Ist es der mit dem blauen T-Shirt?“, fragt mich einer der jungen Männer, der, der nicht ins Stadtbild passt, der ohne Hemd. Aber er hat ihn auch nicht weglaufen sehen. Es sind sehr lange Minuten, bis mein Handy klingelt.

Das Kind hat zwar keins, aber weiß meine Nummer und hat einen Verkäufer gebeten, mich anzurufen, es hat mich im falschen Café gesucht. Das Kind ist ruhiger als ich, ich bedanke mich beim Verkäufer und drehe mich um, zurück zum Brunnen, wo hoffentlich die beiden anderen warten.

Vor mir: der junge Mann. Er wollte nur sehen, ob alles in Ordnung sei, er sei so froh, und er streichelt dem Jungen durch die Haare. „Schöne Haare hast du.“ Es sind sehr kurze Minuten, bis die zwei und dann die anderen und das Mädchen im Kopftuch, bis die sieben, wie die Kinder sagen, „Freunde werden“, bis die großen Jungs die Kleinen auf die Schultern nehmen, bis sie sich alle mit Wasser bespritzen und das Mädchen Kinderschokolade holt und eines der Kinder mich anbettelt, ob die „nicht mal babysitten“ könnten. Das ist nur eine kleine Geschichte, sie ist mir vor ein paar Tagen passiert.

Die, vor denen so viele Angst haben, dass sie „unser“ Stadtbild verändern, sie können die Stadt in Wirklichkeit zu einem besseren, kinder- und menschenfreundlicheren Ort machen.

Die deutsch-russische Autorin Lena Gorelik schreibt als Die Kosmopolitin über interkulturelle Begebenheiten für den Freitag

06:00 27.07.2019
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