Im sternenbesetzten Umkreis des Albtraums

Gegen-Beruf Die Dichterin Etel Adnan wechselt von Beirut nach Paris und Kalifornien und zurück. Zu Hause in der weltweiten Gemeinschaft der Dichter

Diese Städte waren ob ihrer Schönheit legendär, damals, als Etel Adnan in ihnen aufwuchs. Beirut, die Perle am Mittelmeer, ahnte noch nicht die bevorstehende Zerstörung. Der orientalische Zauber von Damaskus, der zweiten Stadt ihrer Kindheit, war noch nicht in Isolation und Überlebenskampf zerschlissen. Ihre Mutter war eine Griechin aus Smyrna, der Vater ein Araber, der wiederum im Dienst des Osmanischen Reichs gestanden hatte. Sie mussten Smyrna verlassen, als es zum türkischen Izmir wurde. Die Welt ihrer Kindheit war gerade erst vom Gift des Nationalismus berührt, aber noch nicht von ihm durchtränkt. Man sprach Türkisch, Griechisch, Arabisch. Etel lernte die Sprachen der Eltern und der Umgebung, in der Schule sprach sie Französisch. Das war ein gewisser Zwang, Arabisch war den Kindern nicht erlaubt. Doch sie habe von all dem, von den Sprachen und den Traditionen, etwas in sich, sagt Etel Adnan.

In Beirut hatte sie das Glück, zum ersten Studiengang einer neu gegründeten Hochschule, der École Supérieure des Lettres, zu gehören. Sie erlebte ein großes Experiment mit. Da war ein Lehrer, der nicht einen akademischen Unterricht gab, sondern dessen Kurse "eine Initiierung in das Leben des Geistes" waren, so beschreibt sie es. "Damals und dort gewann ich die Überzeugung, dass Dichtung Lebenszweck ist, Dichtung als ein Gegen-Beruf, als Ausdruck persönlicher und geistiger Freiheit, als beständige Rebellion. Dichtung wurde zu einer Revolution, einer unaufhörlichen Reise."

Als sie später in Berkeley an der Universität Philosophie lehrte, geschah mit ihr eine erstaunliche Wendung. Sie wurde ausgerechnet dort, in der ganz anderen Welt, zur Araberin: Eine Studentin aus Jerusalem eröffnete ihr die Dimensionen der arabischen Welt, die sie in ihrem bisherigen Werdegang kaum beachtet hatte. "So änderte sich schlicht mein Leben". Das war Mitte der fünfziger Jahre. Was war hinzugekommen? Ein tieferes Wissen über das Leiden der arabischen Völker an der Armut und die Identifikation mit ihnen. Die Verantwortung von Intellektuellen drang als Motiv in ihr Bewusstsein. Neue Menschen wurden ihr wichtig, und neue Freundschaften eröffneten sich. Ihr erstes Poem hatte sie als junge Frau in Beirut geschrieben, es handelte vom Meer.

Nun begann sie, wieder Gedichte zu schreiben, getragen von der Poetry-Bewegung in den USA während des Vietnam-Kriegs und später inspiriert von Geschehnissen im Libanon und in Palästina. Sie begann, englisch zu schreiben. Englisch sei weniger von Regeln bestimmt als das Französische und flexibler, erklärt sie. Man könne das Englische wie ein Werkzeug benutzen, auch wenn jede Sprache immer ein ganzes Universum sei. "Ich mag die französische Sprache, aber ich fühlte immer, dass sie uns auferlegt worden war. Im Englischen war ich frei, es war für mich unschuldig." Dass sie seither mit ihren Gedichten auf aktuelle Geschehnisse antwortet, sie benennt und schmerzhaft einstreut, hindert nicht den Fluss ihres lyrischen Sprechens. Ihr scheint keinerlei Gefahr zu drohen, das Poetische im Politischen zu verlieren oder verkümmern zu lassen.

... ich habe andere Freunde - es stimmt, sie leben
entfernt von der Bay -, die ihre Gedichte
verschlüsselt auf ihre Hirnhaut notieren.
Sie leben an Orten, die so überfüllt sind, daß
sie sich abwechseln und nur
zwei Stunden am Stück schlafen.
Da der Belagerungszustand sie fernhält
von Tinte und Papier, träumen sie davon,
sich die Adern eines Morgens
aufzuschneiden für einen Brief
an die Mutter.
Majakowski, die Zwillingsbrüder,
Blut und Tod, führten dich in ihre
dunklen Räume, abgeschlossen und leer,
aber deine geheimen Traumbilder reisen
von Land zu Land, sie logieren
in verschiedenen Köpfen und verschiedenen
Häusern.
(aus: Majakowski 2003)

Heute gehört Etel Adnan zu den Dichtern, deren welthaltige Biografien bestechend sind: Da ist ein Kosmos an Erfahrung, ein immenser Speicher an Erlebtem und Gelesenem. Sie bringt das Verstreute in Zusammenhänge. Und dieses Wissen ist in jeder Zeile anwesend. Ihre Poeme sind ein Strom von klaren, auch vertrauten Wörtern, assoziativ verbunden, sie werden zu geschichteten Bildern. Etel Adnan hatte die Zerstörung und Selbstzerstörung des verdorbenen, wunderschönen Beiruts vorausgeahnt und schrieb ein langes Gedicht, von dem sie hoffte, es würde eine Warnung sein. Denn damals habe in ihr immer noch etwas, sagt sie, an die Macht der Poesie geglaubt. So entstand das Poem Der Expreß Beirut-Hölle, auf französisch.

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Die Fahne der Prophezeiung weht von den Schiffen
Feuer frei! soll der Hurrikan in
die Löcher fahren und wie ein kochender Fluß
entführen die erschreckten Engel auf den
Gipfel der Sannine!
vorwärts schmieriges Volk
soll dein Zitronensirup ins Meer fließen
soll dein Kasino zusammenstürzen
sollen deine Rennpferde ihre Besitzer
in die Unterwelt tragen
wo einst Babylon seine Gifte kochte
die Befreiung wie ein Frühling noch
unter der Erde läßt wachsen offene Hände scheinbar
auf Höhe der Oberfläche es gib kein Gras
auf der Erde.
(aus: Der Expreß-Zug Beirut-Hölle, 1970)

1977 schrieb sie den Roman Sitt Marie-Rose. Sie erzählt darin von einer Christin im Libanon, die begann, sich mit den feindlichen Muslimen zu verständigen, und dafür von christlichen Milizen umgebracht wurde. Er wurde in sieben Sprachen übersetzt. Diesen Roman und das Gedicht über Beirut nahm die Stadt als Kampfansage. Libanon wurde für einige Jahre lang zu einem gefährlichen Ort für sie.


Das zweite Feld von Etel Adnan ist die Malerei. Eines Tages entdeckt sie bei dem Straßenmaler Rick Barton in San Francisco das Prinzip der Papierrollen und Leporellos und erkannte, dass Zeichnen auch Schreiben ist. Sie entwickelte ihr eigenes Verfahren, das von ihr höchste Aufmerksamkeit und zugleich meditative Selbstvergessenheit fordert: auf den drei bis sechs Meter langen Papieren muss sie in einem Gestus, einem Geist, ganz ohne Unterbrechung schreiben, zeichnen oder aquarellieren. Dazu passt die arabische Schrift, und sie erinnerte sich an ihren frühen Unterricht in ihr. Aber es gibt Texte in verschiedenen Sprachen oder auch Zeichnungen, oft entfalten sich serielle Abfolgen von Motiven. Diese Zeichnungen-Schriften entstehen wie "ein Trip. Kein Fehler ist erlaubt. Der Rhythmus ist von Anfang bis Ende durchzuhalten, ein Abenteuer, eine Wanderung. Wie der Eintritt in eine Religion oder die Besteigung eines Berges, ein geistiger und physischer Kampf."

Auf ihren kleinen Ölbildern liegen sehr reine Farben in feinen Abstufungen nebeneinander: Hügel - Meer - Himmel - Weite. Es sind Landschaften, sie können Libanon sein oder Kalifornien. Beide Länder liegen am Meer. Sie vergisst nie, dass das Meer die Orte ihrer Wanderungen und Asyle verbindet. Ein Vergnügen, eine helle Freude an ihren Farben ist unverkennbar.


Etel Adnan gehört zur Internationale der Dichter und Künstler, die vertrieben wurden, und nun behaust sind in der Kunst und unter den Menschen, die sich kennen und schätzen. Sie ist in vielen Ländern veröffentlicht, in manchen ist sie eine Art Geheimtipp. Eines Tages ist ihr Heiner Müller begegnet. Robert Wilson hat beide beim französischen Projekt CIVIL warS für die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles zusammen gebracht. Sie las Müllers Stück Philoktet und erkannte darin den radikalen Pessimismus Müllers, wie sie später schrieb. Sie meinte, dass beide von einem ähnlichen Zorn erfüllt waren: dem über Zerstörung und Selbstzerstörung, über das Ende von Hoffnungen. Sie korrespondierten und suchten die Punkte, an denen es eine Überschneidung ihres Schreibens gab.

In dem Text In einer Kriegszeit leben schrieb sie 1994: "An Beirut denken, von Palästina träumen, Bagdad vermissen, sich daran erinnern, wie unmöglich es ist, jemals vollkommen dort zu sein, wo man ist. Die Geschichte, wie sie gelehrt wird, verachten, Griechenland aber trotzdem für immer lieben. ... Von Engeln reden, so wie es einem selbst und wie es Rilke gemäß ist."

Sie ist jetzt 80. Als sie nach einer Lesung gefragt wurde, ob sie ihr Lebenswerk als abgeschlossen betrachte, wurde sie, die Freundliche, schroff: Der Gedanke sei Quatsch, sie fühle nicht anders als vor 30 Jahren, da sei kein Ende, sie lebe, schreibe und male jetzt und hier.

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Wir leben im sternenbesetzten Umkreis
des Albtraums, der die Schönheit dieses Frühling erbittert,
eines Frühlings, von blühenden Bäumen bewohnt,
von feuchten Bergen, gekrönt mit durchscheinenden Wolken,
und von der Brise, die sich selbst wach hält, wenn unsere
Augen ihren Weg von West nach Ost verlieren in
den rosafarbenen Hügeln.
Hier herrscht die Sorge der Menschen, die von Panzern
umringt sind und eingekerkert in den Blick von
Mördern, die sich durch Grenzen bewegten, Grenzen,
nichts anderes als die ersten Umrisse ihrer
vielfachen Gefängnisse ...
(aus: Dschenin, 2002)

Ihre Bilder waren vor einigen Wochen in der Griechischen Kulturstiftung Berlin zu besichtigen, und zwischen den entzückten Besuchern ihrer Ausstellung bewegte sich Etel Adnan als die wohl kleinste Person jenes Abends. In Hose und kariertem Hemd stand sie da, lächelte von unten in die Gesichter und gab Auskunft über ihre Arbeit. Irgendwann wurde eine Frage zum Rückzug der Syrer aus dem Libanon dazwischen geschoben, sie wich ihr nicht aus. "Ja, es ist ein legitimer Wunsch der Libanesen, total frei die eigene Zukunft zu bestimmen", sagte sie und wollte doch nicht darauf verzichten, auf die historischen Fäden zwischen Syrien und dem Libanon hinzuweisen. Sie begrüßt die Entwicklung und fühlt zugleich Skepsis, eine nicht unbekannte Konstellation: "Warum hat die Opposition diesen Moment gewählt? Wo es den Druck von Seiten der USA auf Syrien gibt? Wenn es einen militärischen Angriff seitens der USA auf Syrien geben sollte, könnte das Land zerbrechen und geteilt werden zwischen den Drusen, Alaviten und Sunniten. Es ist nicht wahrscheinlich, aber möglich, wenn man nicht aufpasst. Wie in Jugoslawien. Die Zerstörung Syriens wäre keine gute Nachricht für den Libanon - wegen der Geschichte, wegen des Handels, wegen der Stabilität in der Region."

Dann lächelt Etel Adnan wieder und fügt die Bemerkung an: falls es zur Teilung käme, würden diese Teile doch irgendwann erkennen, dass sie einander brauchen und sie würden sich erneut verbinden. "Aber", wendet sie wiederum ein, "sie verlieren ein halbes Jahrhundert, und viele Menschen verlieren ihr Leben." Sie will jedoch mit einem positiven Gedanken enden: "Gut ist in der jetzigen Bewegung, die Opposition setzt sich aus allen religiösen Gruppen des Libanon zusammen. Die Syrer haben den Libanon verlassen und die Libanesen niemanden mehr, dem sie die Schuld für ihre Probleme zuschieben können. Sie müssen sich den eigenen Problemen stellen, den ökologischen, den sozialen."

Bücher von Etel Adnan:

Die Sonne zergeht auf der Zunge. Englisch-Deutsch und Französisch-Deutsch. Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Müller-Schwete und aus dem Englischen von Claudia Ruschkowski und Rainer G. Schmitt. Internationale Heiner Müller Gesellschaft, Drucksache N.F.7, hrsg. von Wolfgang Storch. Edition Nautilus Hamburg 2004, 127 S., 14,90 EUR

Im Herzen des Herzens eines anderen Landes. Aus dem Englischen von Christel Dormagen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, 148 S., 16,80 EUR

Sitt Marie-Rose. Eine libanesische Geschichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, 117 S., 6 EUR


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00:00 10.06.2005

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