Im Tollhaus

Berlin quietscht Von den Linden bis zur Havel

Günter de Bruyn, der unermüdliche Sandgräber preußischer Geschichte, ist nun Unter den Linden lang gegangen. Keinem ihrer Besucher können die Berliner eine Besichtigung ihrer Prachtstraße erlassen, bemerkt er, aber die Zeit als sich Unter den Linden sehen zu lassen hieß, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, das ist so vorbei wie die Zeit von Kleist und Hoffmann. Mangel an Ehrfurcht vor dem historisch Überkommenen, ein Zeichen von Kulturlosigkeit, macht de Bruyn für den jetzigen Zustand verantwortlich - und zeigt bei seinem Gang vom Schloss zum Tor, dass er sich dies Urteil erlauben darf. Wie kaum anders zu erwarten, ist daraus ein kundiger Führer geworden, der jedem Gastgeber künftig gut anstünde, zugleich aber auch eine wunderbare, kleine Kulturgeschichte des preußisch-entpreußten Berlin, in dem nun der Boulevard, an dem Berlin sich längst nicht mehr wiedererkennt, gut dialektisch sagt, was Berlin ist.

Günter de Bruyn: Unter den Linden, Siedler, Berlin 2002, 192 S., 22 EUR


In das "Jung-Berlin" der Gründerzeit, in dem anfing, was die Stadt noch immer in ihren Albträumen heimsucht, führt der 1881 erschienene, nun wieder aufgelegte Roman des als Sprachkritiker und Philosoph bekannt gebliebenen Fritz Mauthner. Lokalkolorit wird man außer ein paar groben Strichen zum Tiergarten und der Gegend um die Klosterstraße darin nicht finden. Um so mehr aber vom unseligen Geist der Zeit - ästhetisch in seiner Anlage als unglaubliches Intrigen-Melodram, in dem noch ein vom jüdischen Helden als Geschenk an den adeligen Patriarchen mitgebrachter "Mohr" bei einem Pogrom der von einem antisemitischen "Schmock" aufgehetzten Menge den letzten Stein wirft und damit die Stirn der geliebten christlichen Clemence tödlich zeichnet. Kann man solcher Soap etwas abgewinnen, dann kommt man in den eigentlichen Genuss des Romans, nämlich seines gelegentlich larmoyanten, allermeist aber von abgründigem Sarkasmus getragenen Spiels und Widerspiels des Ungeists, in dem der Antisemitismus zu einer ersten Probe auf den späteren Massenwahn antrat. Ein absurder Höhepunkt, Lehrstück für jede einschlägige Anthologie, ist eine virtuos inszenierte Versammlung der Antisemiten, ein Pandämonium ihrer Vorstellungen, das vollends zum Tollhaus wird, wenn ein Gegner sie narrt, indem er immer aberwitziger für systematische Versklavung der Juden plädiert und frenetischen Beifall erhält.

Fritz Mautner: Der neue Ahasver. Roman aus Jung-Berlin, Philo, Berlin, Wien 2001,
377 S., 24,54 EUR


Mit Blick auf die Ruine des Potsdamer Bahnhofs sagt ein Professor zu einem Studenten: "Berlin ist eine erregende Stadt." Doch in Dieter Meichsners neu aufgelegtem Roman von 1954 über den Weg einer kleinen Schar von Studierenden aus dem Kriegsende in die Humboldt-Universität und von da aus in die von ihnen mitgegründete Freie Universität, bezieht sich das einzig auf die politische Situation: "Es wird so oft von den Welten gesprochen, die hier zusammenstoßen, aber es ist gewiß Wahrheit darin, denn hier reibt es sich, verwebt sich miteinander, stößt und vereinigt sich. Hier werden unzählige Dialoge geführt." Das tut der Roman selbst ausgiebig. Dennoch ist dieser spröde Thesenroman ein unverzichtbares Kompendium für jeden, der die geistige Atmosphäre jener Jahre erfassen möchte - auch wenn im Osten durchweg Doktrinäre oder Verräter, im Westen bloße Karrieristen zu finden sind und nur die Perspektivfigur des Autors sich und dem freiheitlichen Sozialismus treu bleibt.

Dieter Meichsner: Die Studenten von Berlin, Schöffling, Frankfurt am Main 2003, 496 S., 26 EUR


Unter dem herzigen Titel Berlin ist mein Paris hat Carmen-Francesca Banciu netten Nebbich für Touristen geschrieben, deren Orientierungspunkte Café Adler, Sale Tabbachi oder Mc Bride´s heißen, und damit ein neues Genre über die Stadt gebracht: Ethno-endemischer Sirup. Nett, arglos und angestaubt wie Gewerkeltes vom Kirchenbasar. "Berlin ist mein Zwillingsbruder. Mein gespaltener Bruder. Und ich kann ihn nicht verlassen. Ich wittere den Geruch der Mülltonnen im Osten." Oder: "Der Potsdamer Platz quietscht und glänzt wie ein neuer Schuh. Er füllt sich am Tag mit Leben ... In der Nacht ist er eher ruhig." Ach, unruhig ruft man nach Michael Angele oder David Wagner.

Carmen-Francesca Banciu: Berlin ist mein Paris. Geschichten aus der Hauptstadt, Ullstein, München 2002, 191 S., 18 EUR


Berlin im Licht - auch so ein Metropolenstereotyp. Natürlich, damals: Elektrizität, Reklame, Kino - Gratisillumination, die jene Züge pointierte, die tagsüber vom hektischen Zucken überlagert wurden, deren nachtschwarze Rahmung den "Moloch" hervorkitzelte. So haben wir sofort das Schlüsselbild im Kopf: Leuchtschrift, sich spiegelnd im regenglänzenden Asphalt. Der vorliegende Band, von subtilen Kennern zusammengestellt, enthält reichlich davon. Aber zwischen die historischen Aufnahmen, von den Zwanzigern bis zu den Sechzigern des letzten Jahrhunderts reichend, tritt zunehmend Irritierenderes, Licht-Bilder der Zerstörung, changierend zwischen propagandistischer und trümmerfilmender Inszenierung, um dann wie für menschenfreie Architekturzonen arrangiert erscheinenden, statischen Bildern, vor allem des Westens, zu weichen und mit einem magischen Blick über die Havel zu enden.

Janos Frecot/Klaus-Jürgen Sembach: Berlin im Licht. Photographien der nächtlichen Stadt, Nicolai, Berlin 2002, 165 S., 24,90 EUR

00:00 15.08.2003

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