Im Tosen der Stadt

Barcelona Abend Kolumne

In meinem Berliner Zimmer noch, ich denke: Es wäre gut, die Reise schon gemacht, ohne die Reise je angetreten zu haben.

Am selben Tag noch: Barcelona. Pension Marmo. Zwischen den Pflanzen auf dem Balkon halte ich Siesta. Vom Nachbarbalkon gestikuliert ein Mann herüber. Er will sagen, dass es gut ist, jetzt zu essen, da der Himmel noch blau ist. Er ist mit dem Verlauf vertraut. Wenn eine halbe Stunde später die ersten Tropfen fallen, räume ich Tisch und Stuhl ins Zimmer. Der Abendregen gießt die Pflanzen und wäscht die verstaubten Blätter.

Die Tür zum Balkon ist eine einfache Doppelkonstruktion: Zwei Flügel mit Glas und eine Blendtüre. So kann man das Zimmer mit Hilfe der Blendflügel abdunkeln oder es mit mattem Licht füllen. Das Geländer des Balkons ist kunstvoll schmiedeeisern. Jeder Balkon liegt im Kreuzpunkt von vier Balkonen der gegenüberliegenden Häuserfront. So sieht man von seinem Balkon durch zwei Balkontüren niederer gelegener Zimmer, jene, die zwei von vier möglichen Kreuzpunkten gegenüberliegen.

Draußen hat der Regen die staubige Straße verschmiert. Sie ist eng, und doch herrscht ein rechter Verkehr.

Um 21 Uhr traue ich mich immer noch nicht hinaus. Ich fürchte im Tosen der Stadt stimmlos zu sein. Die Welt duldet das nicht und verengt sich auf das Zimmer.

Die Geschäftsleute schließen die Rollläden ihrer Geschäfte. Der Strom der Nacht reißt sie mit und treibt sie wer weiß wo herum. Die Barbesitzer kommen und öffnen die Rollläden der Bars und Kneipen. Die Zeit der Rollläden: Blechernes Rauschen und ein feines Klicken des Vorhangschlosses. Oder umgekehrt, das Klicken zuerst und dann das Rauschen.

Schnell wird mir klar, den Unterschied zwischen drinnen und draußen gibt es hier nicht. Wenn die Türe zum Balkon offen steht, bin ich drinnen und draußen zugleich. Ich bin auf der Straße im Bett. Die lachenden Menschen und die knatternden Motorräder sind in meinem Zimmer. Wenn der Müllwagen kommt, hält er in meinem Zimmer und leert da die Tonnen. Das ändert sich nicht bei Regen und nicht die nächsten Tage, vermutlich nie.

Ich beobachte den Hund auf dem Balkon schräg unter mir. Mehrere Tage entdeckt er mich nicht. Manchmal sucht er einen Durchblick im schmiedeeisernen Geflecht und starrt auf die Straße. Ich schaue nicht nach dem, was er sieht. Sehe nur, dass er mich nicht sieht.

Wenn ich nach meinen Spaziergängen heim komme, sehe ich zuerst nach dem Hund. Am vierten Tag sieht er mich plötzlich, starrt herüber, dann wird er abgelenkt. Auf der Straße ein anderer Hund. Einer bellt herauf, der andere hinunter. Hunde bellen in meinem Zimmer. Dann verschwindet der Balkonhund durch die halboffene Tür ins Innere der Wohnung. Nimmt er die Treppe nach unten? Ich beuge mich über das Geländer. Der Hund kommt unten nicht an.

Nach fünf Tagen bin ich von meinen stundenlangen einsamen Spaziergängen so erschöpft, dass ich einen ganzen Tag im Zimmer bleibe.

Ich denke, ich frage meinen Wirt, ob ich einen Singvogel, den ich auf den Ramblas kaufen würde, auf mein Zimmer mitnehmen darf. Während meines Aufenthaltes in der Stadt wäre er mein Freund. Vor der Abreise brächte ich ihn mit der Bitte zum Vogelhändler zurück, den Vogel bis zu meiner Wiederkehr aufzubewahren. Ich würde ihn dann erneut kaufen, zum selben Preis wie beim ersten Mal. Sollte es in der Zwischenzeit zu einer Preisanhebung im Vogelhandel kommen, würde ich selbstverständlich auch den neuen Preis bezahlen. Er müsste mir nur versprechen, dass es wirklich derselbe Vogel ist. Aber wenn der Wirt sagt: Nein? Ich würde ihn trotzdem kaufen. Wenn ich es schaffe, mit dem Vogel die Treppen hoch zu schleichen, ohne dass der Wirt es bemerkt, dann würde ich die ganze Zeit mit dem Vogel reden, sodass er selbst zu keinem Pips kommt. Während meiner Zeit außer Haus, würde ich den Käfig abdecken und hoffen, dass der Vogel dann schläft und sich und mich nicht an den Wirt verrät.

Sollte das gelingen, könnte ich den Vogel aber auch durch den Zoll schmuggeln und mit nach Deutschland nehmen, und ich müsste mich nicht von ihm trennen. (Ich wäre nicht auf den vagen Handel mit dem Vogelhändler angewiesen.)

Vom da an habe ich jeden Tag daran gedacht, am Abreisetag nicht abzureisen. Ich bin zu folgendem zwingenden Schluss gekommen: Würde ich auf meine Rückkehr nach Deutschland (und den sicher komplizierten Transfer des Vogels) ganz verzichten, würde ich mit dem restlichen Geld, nachdem ich alle Aufwendungen des täglichen Lebens bezahlt habe, Schuhe kaufen. Für jede Gelegenheit die passenden. Außerdem wäre es notwendig, eine Schuhbürste zu kaufen, um die Schuhe, auch während der Spaziergänge, sauber zu halten. Ich glaube, das erwarten die Bewohner dieser Stadt von einem Fremden, der bleibt. Einen bestimmten Grund dafür kann ich nicht nennen.


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00:00 23.06.2006

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