Im toten Winkel

Großbritannien Dem Finanzzentrum London hat der Brexit strategische Geschäftsfelder entzogen
Im toten Winkel
Der Londoner Bankendistrikt Canary Wharf

Foto: Dan Kitwood/Getty Images

Seit dem Big Bang 1986 gab es kein so einschneidendes Ereignis, doch nun hat die City of London, bisher zweitgrößter internationaler Finanzplatz, mit dem Brexit den Zugang zu ihrem wichtigsten Markt verloren. Im Ausstiegsvertrag mit der EU ist für die Finanzbranche so gut wie nichts geregelt. Prompt sind Billionen an Finanzvermögen und Milliarden an Umsätzen Richtung Kontinent abgeflossen, quasi über Nacht hat sich der Handel mit europäischen Aktien größtenteils nach Kerneuropa verlagert. Schon zu Jahresanfang wurden in Amsterdam täglich mehr Aktiengeschäfte getätigt. Die durchschnittliche Tagesbilanz seither – 9,2 Milliarden Euro Umsatz in Amsterdam gegen 8,6 Milliarden in London. Eine auf den Verkehr mit europäischen Aktien spezialisierte Börse wie Aquis Exchange hat mittlerweile mehr als drei Viertel der Umsätze eingebüßt, die nunmehr in der EU von ihrem kontinentaleuropäischen Ableger abgewickelt werden.

Der Trend ist eindeutig: Die City wird weiter und noch weit mehr verlieren. Es ist insofern nur eine Frage der Zeit, bis London weitere Geschäftsfelder aufgeben muss. Wer weiter in der EU mitspielen will, muss sich Dependancen auf dem Kontinent zulegen. Tradition und klingende Namen zählen wenig, wenn die britischen Geldhäuser, Finanzanwälte, Steuer- und Anlageberater ihre Dienste nicht mehr in der EU anbieten dürfen, wie es derzeit der Fall ist.

Für Großbritannien ist das keine Kleinigkeit, die Finanzbranche erbringt mit einem Jahresumsatz von über 150 Milliarden Euro über 7,5 Prozent der Wirtschaftsleistung des Vereinigten Königreiches. Sie beschäftigt über eine Million Menschen, mehr als 400.000 davon in London, gut elf Prozent der Steuereinnahmen für die Staatskasse stammen aus diesem Sektor. Über 40 Prozent ihrer Geschäfte haben britische Finanzdienstleister bisher mit Kunden aus der EU abgewickelt und dabei einen Exportüberschuss erzielt, zuletzt über 71 Milliarden Euro pro Jahr.

Warum quittiert das die Tory-Regierung recht ungerührt? Weshalb ist vertraglich so gut wie nichts geregelt? Die City-Bosse können nur darauf hoffen, dass die EU-Kommission auf Vorschlag der europäischen Finanzaufsicht die britischen Regularien als mehr oder minder gleichwertig anerkennt. Oder auch nicht. Brüssel hat keine Eile, bisher sind zwei Ausnahmen für die Zeit von 18 Monaten beschlossen, darunter für die britischen Clearing-Häuser, die rund 90 Prozent des europäischen Derivatehandels abwickeln.

Bliebe noch Asien

Gewinner sind die Finanzplätze der EU in Frankfurt, Paris, Amsterdam, Dublin. Sie können von der Beschäftigung her aufstocken und einige Tausend gut bezahlte Jobs für hoch qualifizierte Finanzspezialisten vergeben. Auch vom „Brexodus“, der Abwanderung meist junger, gut ausgebildeter EU-Bürger aus Großbritannien, profitieren die EU-Finanzplätze, zahlreiche Start-ups des Finanztech-Metiers hatten gute Gründe, sich eher für Berlin als London zu entscheiden.

Absehbar wird das Finanzzentrum London seine Aufmerksamkeit stärker auf Asien richten, obwohl man sich dort relevanter Rivalen wie Singapur, Hongkong, Schanghai und Tokio zu erwehren hat. Ausnahmslos Finanzplätze, die mindestens die gleiche Expertise, die gleiche Vernetzung, die gleiche Spezialisierung vorzuweisen haben wie der Wettbewerber City. Überdies arbeiten die Asiaten mit weniger fantastischen Gehältern und Boni, als sie die Briten gewohnt sind.

Es gehört zu Boris Johnsons populistischem Habitus, sich um die Belange der Geldelite ostentativ wenig zu scheren. Zudem hatte er in der City Brexit-Freunde, die glaubten, ihr Gewerbe lasse der EU-Ausstieg ungeschoren, weil die Kontinentaleuropäer dem Finanzplatz London nichts entgegensetzen könnten. Seit sich das Gegenteil als richtig erwies, bleiben der City, die seit Jahrhunderten eine selbstständige politische Einheit im Königreich ist, drei Optionen: Sie kann versuchen, sich mit der EU zu arrangieren, um auf die Äquivalenz ihrer Regularien zu drängen. Oder man setzt auf weitere Deregulierung und geht so auf Konfrontation zur EU-Zentrale. Als Variante drei bliebe die Forderung an Boris Johnson, er solle mit Brüssel nachverhandeln – eher eine illusorische als realistische Möglichkeit.

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06:00 12.04.2021

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