Im Tunnel der Intoleranz

Zwickmühle Am gesellschaftlichen Umgang mit Homosexualität erweist sich der Reifegrad einer Demokratie. Das Beispiel Polen

Bei Übergriffen auf Homosexuelle fragt man sich, ob sie allgemein zur Kondition von heteronormativen Gesellschaften oder speziell zu deren patriarchalem Charakter gehören. Sie treten nämlich sowohl in den alten als auch in den neuen europäischen Demokratien auf, nur ihre Formen unterscheiden sich, je nach dem Bewusstseinstand der Bevölkerung und der rechtlichen Lage im jeweiligen Staat. Spätestens seit 1991 Homosexualität von der WHO-Liste der Krankheiten gestrichen wurde, wird für ihre Akzeptanz vor allem in Kunst und Medien viel getan. Sie ist Thema von Dokumentationen, Spielfilmen, Artikeln und Büchern. Damit sich ihre negative Etikettierung eines Tages jedoch völlig auflöst, müsste sich die Einstellung zu ihr als einer sexuellen Orientierung im Alltag ändern.

Dies wollten unlängst Berliner Schulen erreichen, als sie Schüler zu einer persönlichen und individuellen Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität einluden. Als Grundlage galt der Unterrichtstoff für die 9. Klasse, der Rollenspiele für 15-Jährige umfasst, mittels derer sie Empathie für Schwule im Alltag entwickeln können. Darüber erregte sich FDP-Bildungsexpertin Mieke Senftleben, da eine der Übungssituationen eine Szene in einer Bar darstellte: Schüler sollten für einen Augenblick in die Rolle der Homosexuellen schlüpfen, um zu erfahren, wie schwierig es ist, in einer heteronormativen Gesellschaft homosexuelle Bekanntschaften zu schließen. Senftleben forderte den Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) auf, das Schulmaterial zu hinterfragen. Dieser versprach, die Rollenspiele auf die "saloppe Wortwahl" hin zu prüfen.

In Polen, wo jeder Versuch, Homosexuelle in Schutz zu nehmen, als Popularisierung der Homosexualität oder "sexuelle Propaganda" ausgelegt wird, hätte eine sehr viel härtere Reaktion der Behörden niemanden überrascht. In Berlin dagegen, der Stadt, in der sich selbst der Bürgermeister offen zu seiner Homosexualität bekennt und die Zurschaustellung homosexueller Lebensart in einer Vielzahl von Paraden Tradition geworden ist, wundert man sich. Es zeigt sich, dass auch in dieser "Stadt der Toleranz" Empathie für Schwule erst eingeübt werden muss. Dafür sprechen auch Erfahrungen der Organisation MENEO, die in Berlin ein "schwules Überfalltelephon und Opferhilfe" sowie ein Schwules Anti-Gewalt-Projekt betreut. Erst kürzlich erstattete sie wegen eines homophoben Gewaltaufrufs Strafanzeige gegen das Internetvideoportal YouTube.

Die Beispiele verdeutlichen, dass die Sorge um sexuelle Minderheiten - deren Relevanz die jungen Demokratien noch kaum anerkannt haben -, auch in gut entwickelten Demokratien wichtig bleibt.

In der Wahrnehmung wie im Umgang mit Homosexualität jedoch besteht zwischen West- und Ostmitteleuropa eine tiefe Kluft. Wie ist sie zu erklären? Leicht nachvollziehen lässt sie sich am Beispiel Polens, da polnische NGOs EU-Institutionen und andere internationale Foren über dessen restriktive Geschlechterpolitik seit Jahren umfassend informieren. Die Arbeit der NGOs einerseits zeugt von einer sich artikulierenden Zivilgesellschaft. Andererseits belegt sie Repressionen; und der "Umweg" über die EU zeigt, dass die Kommunikationskanäle zwischen der civil society und der ultra-rechten Regierung seit den Wahlen 2005 fast gänzlich abgebrochen sind.

Proteste und Bürgerinitiativen zum Thema Toleranz oder Geschlechtergleichheit stoßen auf Ignoranz, Proteste und offene Briefe bleiben ohne Antwort, Initiativen werden unterbunden. Dies ist im großen Kontext zu sehen - denn die Kommunikation zwischen Regierung und Gesellschaft ist in jüngster Zeit in vielen Bereichen gestört. Seit einem Monat zum Beispiel ist das ganze polnische Gesundheitswesen nahezu gelähmt, weil die Regierung nicht adäquat auf Proteste und Forderungen von Ärzten und Krankenschwestern reagiert. Obwohl durch Streiks, Hungerstreiks und Kündigungen des medizinischen Personals lebensbedrohliche Situationen für Patienten entstehen, versucht die Regierung, den Konflikt auszusitzen und die Protestierenden durch verschwörungstheoretische Anschuldigungen zu desavouieren.

Bei Homosexuellen wartet Kaczynskis Regierung nicht ab, bis die Aufregung um deren Ungleichbehandlung sich legt, sondern agiert aktiv gegen sie, ungeachtet des Umstands, dass sich Polen vor dem EU-Beitritt verpflichtet hatte, alle Formen der Diskriminierung zu eliminieren. Sie tut es zum Teil im Rahmen der traditionellen Familienpolitik, indem sie diese mit katholischen Werten legitimiert - ohne dies theologisch zu belegen. Weder kritischen Stimmen der Presse und feministischen und homosexuellen Organisationen noch der Kritik aus dem Ausland schenkt sie Beachtung.

Ihren Anfang nahm diese Politik, als Staatspräsidenten Lech Kaczynski, damals Stadtpräsident (Oberbürgermeister) von Warschau, den Gleichheitsmarsch 2004 verbot. 2005 ließ er den Marsch erneut nicht zu, akzeptierte jedoch einen "Marsch der Normalen", der "Allpolnischen Jugend" - einer ultrarechten Jugendorganisation - mit der Botschaft, Polen sei ein katholisches Land der heterosexuellen Familien, die ihre Kinder zum Patriotismus erziehen.

Dass die Verbote des Bürgermeisters unrechtmäßig waren, wussten die Organisatoren und Organisatorinnen der Gleichheitsmärsche sehr gut. Auch die Presse wusste das, und so fanden beide Demonstrationen statt - den Verboten zum Trotz. Mehr noch, mit jedem neuen Verbot in anderen Städten mehrte sich die Zahl der Gleichheitsmärsche und ergriff sogar Orte, in denen ursprünglich keine geplant worden waren. Am ersten Gleichheitsmarsch im Jahr 2001 nahmen 300 Menschen teil, 2005 gingen bereits 5000 Menschen auf die Straße. Waren die ersten Gleichheitsmärsche vor allem Demonstrationen sogenannter Transformationsverlierer - Arbeitslose, Arme, Feministinnen, und unter anderem von Homosexuelle - wurden die Märsche in den Jahren 2004 und 2005 durch entsprechende Anfeindungen seitens der offiziellen Instanzen eindeutig zum Marsch der Homosexuellen erklärt. So wurde ein Feind der polnischen katholischen Gesellschaft kreiert, ein Störenfried, gegen den diese Gesellschaft zu schützen sei. Schon vor der Wende hatten sich polnische Machteliten in Krisensituationen gern dieser Strategie bedient. Nun konnte man auf gewohnte Feinde nicht mehr verweisen - nicht auf Deutsche, die EU-Mitglied sind, nicht auf Juden, weil Antisemitismus nicht mehr geduldet wird, auch nicht auf die Feministinnen, die Anfang der neunziger Jahre noch eine beliebte Zielscheibe politischer Angriffe waren, weil Polen als EU-Mitglied zur Umsetzung der Gender Mainstreaming-Richtlinien verpflichtet ist. Auch Arbeitslose kamen als Feinde nicht in Frage, denn sie gelten an sich schon als die eigentlichen Opfer der Transformation. So blieben Homosexuelle als ungeschützte Gruppe, die man vor der polnischen Öffentlichkeit leicht diskreditieren konnte.

Mit der radikalen Ablehnung der Homosexualität wurden alte Ressentiments aktiviert: durch den Bildungsminister Roman Giertych und seine ultrarechte Partei Liga der Polnischen Familien, durch den berüchtigten Sender Radio Maria und seinen Gründer, den Priester Rydzyk, und durch die katholische Kirche überhaupt. Sie alle treten offen gegen Sexualaufklärung in Schulen ein, gegen die Liberalisierung des Abtreibungsrechts und gegen die Homosexualität, die als eine Form der Devianz nur demographische Probleme mit sich bringe, weil sie keine Kinder produzieren konnte. Zwar werden Homosexuelle nicht offen wegen ihrer sexuellen Orientierung von ihren Arbeitsstellen entlassen, da dies ein Verstoß gegen das Gleichstellungsgesetz und das Verbot der Diskriminierung wäre. Stattdessen sucht man nach vorgeschobenen Gründen oder fordert homosexuelle Lehrer dazu auf, selbst zu kündigen, um die "gute Atmosphäre" in der Schule nicht weiter stören.

Zeitgleich aber mehren sich die öffentlichen Bekenntnisse zur Homosexualität. So findet neben dem Gleichheitsmarsch seit 2004 jährlich ein Gay´s und Lesbian´s Festival in Krakau statt. Filmvorführungen, Diskussionen, Performances und Ausstellungen nehmen sich des Themas an. Die homosexuelle Thematik verlässt die akademischen Konferenzräume und erreicht die Krakauer Klubs und Cafés. Ein ähnliches Festival fand 2007 auch in Warschau statt. Dies zeugt - jenseits der staatlichen Repression - von wachsender ziviler Toleranz. Im gleichen Licht ist die Evolution der Gleichheitsmärsche zu sehen - wobei die Angriffe der Regierung zu ihrem Erstarken beigetragen haben. Ein aktueller Bericht der Organisationen, "Kampagne gegen die Homophobie" und "Lambda" über die Diskriminierung der sexuellen Minderheiten zeigt, dass 20 Prozent Schwule und Lesben sich bereits am Arbeitsplatz zu ihrer sexuellen Orientierung bekennen und 80 Prozent von 1.002 interviewten Personen sich vor ihren Müttern outen.

Wann eine Gesellschaft reif ist, im Alltag Homosexualität zu tolerieren, ist nicht an Daten gebunden - wie die Abschaffung der Strafe für den homosexuellen Verkehr. In Polen geschah dies 1932, in Holland beispielsweise erst 1971. Dennoch ist Political Correctness Homosexuellen gegenüber in Holland nahezu eine Selbstverständlichkeit - in Polen nicht. Immerhin - Licht am Ende des Tunnels sieht die Studie der "Kampagne gegen die Homophobie" und "Lambda": Heute werden "nur" noch ein Viertel der Befragten am Arbeitsplatz schikaniert, wenn sie sich zur Homosexualität bekennen. Das ist ein Fortschritt, vor fünf Jahren erlitten noch die Hälfte Repressionen.

Diese Ergebnisse sind noch immer erschreckend, aber sie lassen hoffen. Paradoxerweise spielt der Sache der Homosexuellen die zunehmende Abneigung der polnischen Gesellschaft gegen die Kaczynski-Regierung in die Hände. Der Umgang dieser Regierung mit Homosexuellen erinnert an die Anfänge der zweiten Frauenbewegung in Polen. Anfang der neunziger Jahre bezeugten die Abgeordneten ihre antikommunistische Haltung, indem sie für die traditionelle Rolle der Frau in der Familie eintraten und für ein restriktives Abtreibungsgesetz stimmten. Heute ist es das Verhältnis zu Homosexuellen, mit dem man sich politisch für oder gegen die rechte Regierung positionieren kann. Politische Konflikte werden gern über die Geschlechterpolitik ausgetragen, weil sie am stärksten an Wertsysteme gebunden sind, die in Krisensituationen für die letzte Bastion der Sicherheit gehalten werden. Machtkonstellationen, in denen im Falle mangelnder Stabilität zum Kampf um Symbole gegriffen wird, können sich über die Kontrolle der Sexualität und der Geschlechterverhältnisse leicht etablieren, indem sie sich auf Werte berufen, die in der Bevölkerung als Tradition lagern und schnell zu mobilisieren sind.

In besonderer Weise gilt das für die Homosexualität, denn sie steht im krassen Widerspruch zum heteronormativen Männlichkeits- und Weiblichkeitsbild. Solange die Sexualität in dieser Zwickmühle der Macht bleibt, wird der Unterschied zwischen homo- und heterosexuellen Menschen politisch sichtbar sein. Da die Geschlechterdifferenz immer noch für eine natürliche Differenz gehalten wird, sieht man in ihr eine letzte Sicherheit, eine Konstante menschlicher Identität. Die Umgangsformen ihr wandeln sich. An ihnen kann der Zustand der Demokratie gemessen werden.


Bozena Choluj ist Literaturwissenschaftlerin am Institut für Germanistik der Universität Warschau. Zur Zeit lehrt sie als Professorin für deutsch-polnische Kultur- und Literaturbeziehungen und Gender Studies an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).


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00:00 17.08.2007

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