Im ungezügelten Galopp

Zeitenwende China macht sich als Hegemonialmacht auf den Weltmärkten bemerkbar

In Deutschland steigen die Milchpreise. Wieder sind die Chinesen schuld. Im Reich der Mitte steige der Milchkonsum rasant, heißt es, aber die Volksrepublik exportiert Milch - die deutsche Preistreiberei ist hausgemacht. Wieder einmal zeigt sich bei diesem Beispiel, der Aufstieg der Chinesen in die Topliga der Weltwirtschaftsmächte weckt irrationale Ängste, von der politischen Klasse eifrig geschürt. 2005 hat das Reich der Mitte Japan vom Platz drei im globalen Ranking der Exportnationen verdrängt - jetzt macht es Deutschland den ersten Platz streitig (im zweiten Quartal 2007 wurden bereits die USA als Exporteur überholt).

Trotzdem gibt es wenig Grund zu Panik und Hysterie, wie sie zuweilen von gnadenlosen Populisten verbreitet wird. Die wirkliche Billiglohnkonkurrenz findet nicht zwischen EU-Europa und der Volksrepublik China statt, sondern innerhalb Asiens. Zuvörderst gilt das für den Wettbewerb zwischen China und den asiatischen Tigerstaaten der ersten - Südkorea, Taiwan, Singapur - und der zweiten Generation - Thailand, Malaysia, Indonesien, den Philippinen, Vietnam. Der dritte Pol der weltwirtschaftlichen Triade - die asiatisch-pazifische Großregion - wird neu geordnet. Nicht mehr Japan, China ist als Hegemonialmacht unterwegs, der sich alle übrigen Länder anzupassen haben. Nirgendwo wächst der intraregionale Handel schneller und kräftiger als im asiatischen Großraum - und China beansprucht dabei den Löwenanteil. Seit Ende der achtziger Jahre sind dessen Aus- und Einfuhren um durchschnittlich 15 Prozent pro Jahr und damit doppelt so schnell wie das Welthandelsvolumen im gleichen Zeitraum gewachsen.

Dennoch leben die 1,3 Milliarden Chinesen immer noch in einem armen Land, das in weiten Teilen Entwicklungsland bleibt, auch wenn es zugleich als Paradebeispiel für ein erfolgreiches "Schwellenland" gelten darf. Exportieren doch chinesische Unternehmen heute sehr viel stärker Industrie- als Agrarprodukte, darunter immer mehr High-Tech-Erzeugnisse wie Autos, Nutzfahrzeuge und Elektronika (14 Prozent der Exporte waren das 2001 - heute sind es über 30 Prozent). Gleichzeitig rangiert China nach den USA und der EU als der drittgrößte Importeur von Rohstoffen und Agrarprodukten aus den Entwicklungsländern und schickt sich zwischenzeitlich sogar an, die Rohstoffmärkte für Kupfer und Stahl, für Eisenerz, Kohle und Erdöl zu dominieren.

Seit Öffnung der ersten vier Sonderwirtschaftszonen 1979/80 hat China zudem Unmengen von ausländischem Kapital absorbiert, sich zur verlängerten Werkbank der industriellen Welt entwickelt, die aufstrebenden Industrien der Entwicklungsländer verdrängt und die der Schwellenländer abgehängt. Etwa zwei Drittel aller Direktinvestitionen, die aus OECD-Ländern in Nicht-OECD-Länder fließen, werden derzeit nach China gelenkt - in den vergangenen fünf Jahren betraf das eine Rekordsumme von mehr als 250 Milliarden Dollar. Von Auslandschinesen oder aus der Volksrepublik selbst stammt ein Teil dieser Kapitalien, die auf dem Umweg über Taiwan oder Hongkong ins Land zurück strömen. Dabei bleiben die südöstlichen Küstenprovinzen der Magnet für das Gros aller Anlageinvestitionen, bei denen deutsche Konzerne mehr denn je exponiert sind.

In jüngster Zeit engagieren sich chinesische Banken zunehmend selbst als Exporteure von Kapital, die vorzugsweise in Afrika Flagge zeigen wollen, doch scheinen vier Milliarden Dollar im Jahr 2002 wie auch prognostizierte sieben Milliarden Dollar 2007 erst ein Anfang.

Wie auch immer, chinesische Staatsfonds sind nicht zu unterschätzen, mit Hunderten Milliarden Dollar präsentieren sie sich längst als Global Player in Übernahme- und Fusionsgeschäften auf dem nordamerikanischen wie dem europäischen Kapitalmarkt. Chinesische Staatsfirmen stehen in der ersten Reihe, wenn es gilt, Beteiligungen an den großen Ölförderfirmen dieser Welt aufzukaufen.

Die Zentralbank in Peking verfügt gegenwärtig über Devisenreserven von 1,3 Billionen Dollar, hat damit das vergleichbare japanische Depot übertroffen und gibt sich einem Kaufrausch hin, der besonders auf US-Staatspapiere gerichtet ist. Defacto wird damit das amerikanische Zahlungsbilanzdefizit von außen (zwischen-)finanziert und vor dem Kollaps bewahrt. Nicht zufällig tobt seit Jahren ein heftiger Wechselkursstreit zwischen den USA und der Volksrepublik: Die USA wie auch die G 8 verlangen eine rasche Aufwertung des Renminbi um mindestens 25 Prozent. China hat im Juli 2005 die feste Kopplung seiner Währung an den US-Dollar gelöst und durch die Bindung an einen Währungskorb mit Euro, Yen, Won, Pfund und Dollar ersetzt. Nur schrittweise gibt die Regierung in Peking dem Druck nach, will sie doch einen Einbruch ihres florierenden Exports vermeiden - und kann sich diese Verzögerungstaktik allein dank der Hegemonie im asiatisch-pazifischen Raum leisten. China braucht die US-Märkte, den amerikanischen Konsum auf Pump, um die expandierenden Kapazitäten seiner Exportindustrien auszulasten. Andererseits könnte der nach wie vor wachsende Privatkonsum in den USA nicht bestehen, ohne dass die chinesische Zentralbank fortlaufend Milliarden Dollar in die Vereinigten Staaten leitet, sprich: der Regierung Bush und US-Unternehmen Kredite gewährt. Die Amerikaner leisten sich heute die größte Defizitökonomie der Welt, ohne China und Japan wären sie bankrott.


Chinas Volkswirtschaft

Bevölkerung
1,301 Milliarden (2006)

Wachstum Bruttoinlandsprodukt (BIP)
2005: 10,4 Prozent 2006: 11,1 Prozent

Wachstum Konsum
2005: 9,4 Prozent 2006: 10,3 Prozent

Kaufkraft pro Kopf und Jahr
2005: 1.740 Dollar 2006: 2.010 Dollar

Handelsbilanz
2005: 124,8 Mrd. Dollar 2006: 209,0 Mrd. Dollar

Quellen: Weltbank / chin. Zahlungsbilanzstatistiken


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