Im Unwohnlichen zu Hause

Randgänge Vom Gendarmenmarkt bis Neukölln: In unserer Kurzrezensions-Kolumne "Randgänge" liest Erhard Schütz diesmal neue Berlin-Bücher

Am 2. Oktober 1990 wurde hier feierlich das Fest der Einheit begangen. Kurt Masur dirigierte die 9. Symphonie von Beethoven. Wer wollte, konnte im Fernsehen das Fest im Schauspielhaus mitverfolgen. Berlins schönster Platz und darauf dieses Schmuckstück, Schinkels Theaterbau. Eine lange, wechselvolle Geschichte, vom Theater- zum Konzertbau. Umfangreich, opulent bebildert, liegt sie hier in ihren vielfältigen Facetten vor. Eine oft mühsame Rekonstruktion, denn das Archiv ging in der Zerstörung durch den Zweiten Weltkriegs verloren. Fakten- aber auch anekdotenreich, eine Pracht für die Kunstfreunde der Stadt. Don Carlos kam hier nicht an, aber immerhin wurde 1859 der Grundstein für Schillers Denkmal gelegt. Dagegen wurde Mozart, auch wenn die Geiger falsch spielten, „äußerst günstig aufgenommen“. Und erst der Freischütz! Franz List wurde frenetisch gefeiert. Von den zeitgenössischen Sprechstücken spricht man lieber nicht. Musik- und Sprechtheater teilten sich das Haus. Auch später noch, wenn zum Beispiel 1926 Richard Strauss dort dirigierte und darauf Piscator die Räuber inszenierte. Dann die Nazi-, die Gründgens-Zeit. Dann Trümmer. Bis 1984 dauerte es, ehe das Schauspielhaus nun als zentrales Konzerthaus der DDR aus den Ruinen wiederauferstand. Was nach 1989 kam, wirkt hier zwar etwas unfrisch, aber alles in allem: Ein geschichtsträchtiges Gebäude in einem geschichtenprächtigen Band!
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„Jetzt denk’ ich mich in meine Vaterstadt, Berlin, wieder zurückzubegeben, mich also gleichsam vom Leben zum Tode zu bringen.“ Das schrieb 1832 der junge Karl Gutzkow aus Stuttgart. Die preußische Hauptstadt war für einen Freisinnigen damals nicht eben attraktiv. Doch tröstete er sich damit, daß er aus Berlin in den Südwesten berichtete, für den Freiburger Freisinnigen (der allerdings auch nur kurze Zeit die liberaleren Pressegesetze nutzen konnte) und die Deutsche allgemeine Zeitung. Gutzkow ist sein Leben lang, bis hinein in die Gründerzeit, ein getreuer publizistischer Begleiter Berlins geblieben. Ein wackerer "Ritter vom Geiste". Was hier nun gesammelt, detektivisch wieder ans Licht gebracht, vorliegt, das sind Skizzen und Korrespondenzen aus den Jahren 1832 bis 1834. Man erfährt über gut 100 Seiten viel über die Berliner Kulturszene zwischen Musiktheater (Robert der Teufel) und Universitätsvorlesungen (Konkurrenz von Gans und Ranke). Dass alle die Namen und Titel nicht Böhmisch Rixdorf bleiben, dafür sorgt ein ausladender Kommentar in stupender, gelegentlich auch selbstbespiegelnder Gelehrsamkeit. So kulturgeschichtlich interessant das ist, Gutzkow zeigt wenig Heinesche Brillanz kommt. „Nach einer Durchschnittsrechnung wohnen auf der rechten Seite [Berlins] die Stände, denen das Genießen ihre Arbeit, auf der linken meist die, denen das Arbeiten Genuß ist.“ Solche Sottisen sind selten.
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„Wohnen wollte man nicht da, aber als Bildschirmschoner für die Windschutzscheibe kam Hohenschönhausen nicht schlecht.“ René Hamann war über einen längeren Zeitraum für die taz - auch für den Freitag - in Berlin unterwegs. Sein Berliner Alphabet von Adlershof bis Zehlendorf, aufgemischt mit anderweitigen Stadt-, Leute- und Selbstbeobachtungen, hält auch in Buch- genauer: Büchlein-Form der nachlesenden Neugier stand. Selbst wenn er nur einfach notiert, aufzählt, was in den Blick fällt, bleibt man gerne dabei. „Im Bad lief der Wasserhahn, in der Küche ein Transistorradio, im Wohnzimmer die Stereoanlage.“ Man fühlt sich in der Unwohnlichkeit zu Hause. „Im Norden des Bezirks sah es aus, als ob Silvester erst gestern gewesen wäre. ... Aus einem offenen Fenster kamen Stimmen, die laut und auf Türkisch den eigenen Fernseher überschrieen.“ Ja, Neukölln. „In Tegelort heißen die Straßen nach verflossenen Liebschaften.“ Und dann auch das noch: „Eigentlich war ja immer Popkomm in dieser Stadt“. Dazwischen aber laufen Unerkannte mit Notizblöcken, die sich wechselseitig beobachten. Nicht alle produzieren so lesenswerte Texte.

Apollos Tempel in Berlin. Vom Nationaltheater zum Konzerthaus am Gendarmenmarkt, Gerhard Müller, Dieter Götze u. Ariane Handrick, Prestel, München 2008, 339 S., 39, 95

Briefe und Skizzen aus Berlin (1832 - 1834), Gerhard Müller, Dieter Götze u. Ariane Handrick, Hg. von Wolfgang Rasch, Aisthesis, Berlin 2008, 210 S., 24, 80

Das Alphabet der Stadt, René Hamann, Verbrecher, Berlin 2008, 119 S., 13, 00

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17:30 19.02.2009

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