Im Verwirrspiel gleichgeschaltet

Identitätskrisen Viele Journalisten wissen, dass sie zu Handlangern einer Kriegspropaganda werden. Aber sie sagen nicht, was sie merken

Wir schreiben das Ende der siebziger Jahre. Die nüchterne, technokratische Ordnungspolitik Helmut Schmidts hat den Ruf nach "mehr Demokratie wagen" verstummen lassen. Die soziale Aufbruchstimmung unter Willy Brandt ist passé. Da melden sich eines Tages bei mir zwei politische Redakteure eines deutschen Senders. Sie sind durch den Klimawechsel beunruhigt und wollen wissen, ob es ihren journalistischen Kolleginnen und Kollegen ähnlich ergehe. Sie suchen mich in meiner Klinik auf. Ob ich nicht Lust hätte, diesem Problem eine empirische Untersuchung zu widmen. Sie würden behilflich sein, mir die Adressen aller infrage kommenden Redakteure zu besorgen. Es war ein mehrfaches Wagnis. Hauptfrage: Würden die zu befragenden Journalisten mitmachen? Zumindest aber sollte sich ein Versuch lohnen.

Gemeinsam entwickelten wir damals einen ausführlichen Fragebogen zur Arbeitssituation und zum Befinden, den wir allen Redakteuren des politischen Programmteils des Bayrischen und des Norddeutschen Rundfunks übermittelten, die keine höhere Position als die eines Redaktions- beziehungsweise Abteilungsleiters innehatten. 101 von 191 angefragten Redakteuren schickten den Bogen ausgefüllt zurück - eine befriedigende Beteiligung angesichts des heiklen Themas. 69 Prozent der Befragten stellten fest, das Publikum werde von den Sendern politisch bevormundet. Die Journalisten des Bayrischen Rundfunks schätzten diesen Einfluss noch höher ein als ihre NDR-Kollegen. Journalisten, die sich auf einer Skala eher als links orientiert einstuften (63 Prozent), empfanden sich gegenüber früher als stärker von oben kontrolliert und eingeschränkt.

Der Spiegel veröffentlichte die Resultate. Es gab darüber keine besondere Aufregung außer beim Intendanten des Bayrischen Rundfunks. Wo steckten die Verräter, die Nestbeschmutzer, die sich hinter dieser Recherche verbargen? Alle internen Verhöre blieben erfolglos. Einen der Gesuchten habe ich später gelegentlich auf dem Bildschirm wiedergesehen - mit zunehmend brav affirmativen Kommentaren.

Es war die Zeit, als sich der Reformgeist, der von unten aus überall die hierarchischen Strukturen erschüttert hatte, langsam wieder zurückzog. Die antiautoritäre Strömung, die zuvor vielen Mut gemacht hatte, eine traditionelle Anpassungshaltung zugunsten unabhängiger kritischer Stellungnahme aufzugeben, ebbte ab.

Zahlreiche Journalisten erlebten diese Veränderung an sich selbst, als Einschränkung ihrer Unabhängigkeit und als Schwanken zwischen Anpassungsbereitschaft und Angst vor Selbstverrat. Viele erlebten den Wandel als persönliche Identitätskrise. Sie wollten besser verstehen, was mit ihnen gemacht wurde und was zugleich in ihnen selbst vorging. So kam die Anfrage an uns, die wir als Suche zur Unterstützung einer Art von gemeinsamer Selbsthilfe verstanden. Es ging um die Klärung ihrer Situation, ihrer Befindlichkeit. Wie erging es den anderen? War man mit den eigenen Problemen in der Mitte eines gemeinsamen Trends, war man eher am Rande, vielleicht sogar draußen? Dass so viele Journalisten von sich aus und ohne Vorbehalt Einblicke in ihre Einstellungen und ihre persönlichen Erfahrungen gaben, erscheint von heute aus erstaunlich und ist bezeichnend für das damalige Aufklärungsbedürfnis und das Vertrauen in die Diskretion der Untersucher.

Es ist kaum vorstellbar, dass Journalisten gegenwärtig eine ähnlich heikle Studie über sich selbst initiieren würden. Die meisten sind in der Selbstoffenbarung zweifellos vorsichtiger geworden. Viele leben unter größerem Anpassungsdruck. Das hatte bereits Anfang der achtziger Jahre begonnen, als sich die westlichen Medien mehrheitlich verpflichtet glaubten, die atomare Abschreckung zu unterstützen, das heißt die Bedrohungsgefühle von den Atomwaffen auf die Russen umzulenken.

Als 1991 Golfkrieg Nummer zwei bevorstand, eilten die deutschen Medien mit ihrer Unterdrückung von Kriegskritik den Amerikanern noch voraus. Ein Beispiel aus der eigenen Erfahrung: Wenige Wochen vor Kriegsausbruch flog ich mit einem selbstverfassten Friedensappell, den 450 deutsche Professorinnen und Professoren unterschrieben hatten, nach Washington. Andreas Flitner und ich diskutierten den Appell mit Politikern in beiden Häusern des amerikanischen Kongresses und konnten den Text sogar ungekürzt in der Washington Post unterbringen. Gleichzeitig erläuterte Andreas Buro den Appell auf einer stark besuchten Pressekonferenz in Bonn. Aber keine deutsche Zeitung traute sich, den Appell zu drucken oder auch nur als Notiz bekannt zu machen. Den Amerikanern sollte verschwiegen werden, was eines ihrer angesehensten eigenen Blätter dem Publikum bedenkenlos offenbarte.

Inzwischen vermitteln die westlichen Medien ohne besondere nationale Unterschiede im wesentlichen das amerikanische Weltbild. Das ist das Ergebnis einer schwedischen Studie, die das dortige "Amt für psychologische Verteidigung" veröffentlicht hat, das eigentlich mit der Beeinflussung der Bevölkerung im Sinne des Staatsinteresses beauftragt ist. Die schwedischen Untersucher haben speziell die Informationspolitik zu Zeiten des Kosovo-Krieges erforscht. Ausgewertet haben sie vor allem Produkte der schwedischen und zum Teil der britischen Medien. Aber in weiten Teilen dürften die Resultate auch für das übrige Europa gelten. Als Fazit zitiert Reinhard Wolff, der die Studie in der taz bekannt gemacht hat: "Die Unabhängigkeit und die Integrität der Medien in der westlichen Welt sind in der neuen Weltordnung immer mehr zurückgegangen." Im Kosovo-Krieg habe die Nato mit ihrer Propagandakampagne Presse und Fernsehen vollkommen beherrscht: "Die Medien der kriegführenden Länder verwandelten sich von einem kritischen Kontrolleur der Staatsmacht in eine vierte Waffengattung neben Heer, Luftwaffe und Marine." Die Meinung der UÇK sei unkritisch wiedergegeben, abweichende Auffassungen seien marginalisiert worden. Im Kosovo-Krieg habe die Nato "den Kampf um die kommunikative Herrschaft" eindeutig gewonnen. Die Journalistinnen und Journalisten seien im Pressezentrum pausenlos zur Füllung ihrer Fernsehprogramme bedient worden, sodass für sie keine Zeit zu eigenen Recherchen übrig geblieben sei. Aber die Tendenz zu einer regelrechten freiwilligen Gleichschaltung sei eindeutig gewesen.

Bemerkenswert ist indessen noch ein Ergebnis in Schweden, das sich auch aus eigenen Erhebungen (zusammen mit Elmar Brähler) ablesen lässt: Zwischen dem Bild der Medien und den durch Umfragen ermittelten Meinungen der Bevölkerung herrschte oft eine erhebliche Differenz. Das Publikum habe, so die schwedischen Untersucher, dem Dauerbeschuss der Nato-Propaganda deutlicher widerstanden als die Medienprofis. Die Bevölkerung habe zu großen Teilen ihre Bedenken gegen die Legitimität des Nato-Einsatzes aufrechterhalten, was immer die "Informations-Kriegsführung" ihnen einzureden versucht habe.

Ähnlich skeptisch bis misstrauisch beobachtet nun ein Großteil der europäischen Bevölkerungen die Entwicklung des amerikanischen Dauerkrieges nach dem 11. September. Das gilt unter anderem für die Franzosen, die Deutschen, aber auch die Briten. Bei einer repräsentativen Untersuchung in Deutschland, von Brähler und mir im Juni 2002 vorgestellt, hielten sich Ablehnung und Zustimmung zu deutscher Beteiligung an den ausländischen Kriegseinsätzen noch etwa die Waage. Deutliche Ablehnung signalisierten die Frauen und die Ostdeutschen. Als dann aber die amerikanische Propaganda-Offensive einen Angriff auf den Irak wahrscheinlich machte, wuchs der Widerwille gegen diesen Krieg und erst recht gegen eine etwaige deutsche Beteiligung rasch an.

September 2002 bot sich dann für die Bundesdeutschen die ganz seltene Gelegenheit, ihre kriegsablehnende Haltung wenigstens innenpolitisch unmittelbar wirksam zu machen. Sie belohnten Kanzler Schröder mit einem kaum noch erhofften Wahlsieg dafür, dass er den vorbereiteten Irak-Krieg einen Fehler nannte und eine deutsche Beteiligung unter einer von ihm geführten Regierung kategorisch ausschloss.

Aber im Bild der Medien schlug sich die von Schröder unterstützte Anti-Kriegshaltung der Bevölkerung zunächst weniger nieder als die Besorgnis über die in Washington angerichtete Verstimmung, wo die Reaktion tatsächlich eher an persönlich gekränkte Eltern gegenüber unbotmäßigen Kindern erinnerte. - Der amerikanischen Regierung fiel es in der Folgezeit indessen erkennbar schwerer, den Kriegswillen zu begründen. Von den ausgesandten UN-Inspektoren kam kein Signal, dass sie im Irak Massenvernichtungswaffen gefunden hätten. Zu einem neuen Nuklearprogramm führte kein Hinweis. Nur 40 Prozent sind nach Expertenurteil von der militärischen Kampfkraft übriggeblieben, über die der Irak noch vor zwölf Jahren verfügt hatte - von Bedrohung Amerikas und der übrigen Welt also keine Spur. Bleiben die lockenden Ölvorräte, von denen aber mit Bedacht nicht geredet wird. Bleibt Saddam Hussein, einer aus der Reihe der finsteren Militärdiktatoren, von denen Asien und Afrika eine ganze Reihe aufzubieten haben. Hätten ihn nicht die USA erst ähnlich freundschaftlich hochgerüstet und unterstützt wie in Afghanistan bin Laden und hätten ihn die Medien nicht systematisch zum übermächtigen Herrscher der Finsternis mythisiert, wäre er niemals zu der heutigen übergroßen Schreckensfigur avanciert. Auf drei Spiegel-Seiten hatte ihn einst Hans Magnus Enzensberger gar zum Hitler-Wiedergänger erhöht. Jetzt kann Saddam Hussein machen, was er will: sich bei den Kuwaitis entschuldigen, die CIA zur Kontrolle aller vermuteten Geheimressourcen einladen, den UN-Inspektoren willig zuarbeiten - als Ersatz-Hitler, nachdem bin Laden und Milosevic für diese Rolle momentan nicht mehr verfügbar sind, macht er, wie man sieht, alle anderen Kriegsgründe scheinbar psychologisch entbehrlich.

Warum noch über das Für oder Wider der militärischen Invasion streiten, wenn ohnehin alle merken, dass der Wille zum Krieg schon hinreichend eingehämmert wurde? Wohl nicht zufällig bringen nun die New York Times durch George Parker und der Tagesspiegel durch Harald Martenstein eine interessante Meinung tonangebender amerikanischer Intellektueller zur Kenntnis: Demnach gehe es gar nicht primär um die Abwendung einer fiktiven irakischen Bedrohung, sondern um die Gewinnung einer Ausgangsbasis für eine schrittweise Amerikanisierung des gesamten islamischen Mittleren Ostens. Zum Vergleich wird die geglückte Amerikanisierung Europas durch die kriegerische Zerstörung des Nazi-Reiches genannt. Der Irak biete sich jedenfalls momentan am geeignetsten als Brückenkopf an, das heiß als erstes vorläufiges Angriffsziel, um den islamischen Raum für eine kulturelle Entwicklung nach westlichen Maßstäben umzuprägen. Die New York Times hat den Stein ins Wasser geworfen. Harald Martenstein hat das Signal aufgenommen. Wäre nun nicht eine Debatte über diese Idee überfällig? Und warum wird sie bisher vermieden, obwohl doch einsichtig ist, dass die Ingangsetzung der gewaltigen Militärmaschinerie kaum nur zur Niederringung des schwachen Wüstenreiches verständlich ist? Warum merken die Medien nicht, dass sie sich von der unablässig vorgespiegelten irakischen Bedrohung genauso täuschen lassen wie der Stier in der spanischen Corrida, der bis zur Erschöpfung hinter der geschwenkten roten Muleta herhetzt? Aber gewiss ist vielen hellsichtigen Journalisten durchaus klar, dass sie ein Verwirrspiel mitmachen. Sie sagen nur nicht, was sie merken.

Dennoch ist die Debatte über die skizzierte Erweiterung des Kriegsprogramms unerlässlich. Wenn es aus den zitierten amerikanischen Kreisen heißt, die angestrebte Verwestlichung des islamischen Raums könne so etwas wie die Schlussetappe der liberalen kapitalistischen Weltrevolution einleiten, dann wird doch erst der große Zusammenhang deutlich, in welchem der unbedingte Wille zur militärischen Offensive gesehen werden muss.

Die Propagandaoffensive zur Vorbereitung des Irak-Krieges fordert den Journalisten Verrenkungen ab, die nur noch als intellektuelle Korruption zu bezeichnen sind. Jeder sieht doch, dass Bush von vornherein will, was ihm Saddam Hussein angeblich nur aufzwingt. Eine fürchterliche Bedrohung soll glaubhaft gemacht werden, die aber gar nicht existiert. Dass der Irak für ein Atomprogramm, das er allem Anschein gar nicht mehr hat, erneut ins Elend gebombt werden muss, während Nordkorea, das nachweislich an einem solchen Programm arbeitet und UN-Kontrolleure rauswirft, heil davonkommt, soll plausibel gemacht werden. Diese Verdummungskampagne mitzumachen, anstatt kritisch aufzuklären, kann doch nur resignativen Zynismus, psychosomatische Krankheit oder eine moralische Deformierung produzieren. Jedenfalls ist es ein Nährboden für Identitätskrisen neuer Variante. Aber das wird wohl erst spätere Forschung aufdecken, die hoffentlich nicht den Medien erneut bescheinigen wird, sie hätten sich wiederum nur als vierte Waffengattung demaskiert.

Die erwähnte Studie Politische Einstellung in Deutschland von Horst-Eberhard Richter und Elmar Brähler erscheint demnächst in der Zeitschrift psychosozial. Die schwedische Studie Kampf um den kommunikativen Raum war in Teilen in der taz vom 31. 12. 2002 dokumentiert, s.a. www.psycdef.se/bibliotek/report_show

00:00 24.01.2003

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