Im Vorbeiflug

Nomade In seinem neuen Buch erinnert sich Galsan Tschinag an seine frühen Jahre in Leipzig
Im Vorbeiflug
„Es ist ein gewaltiges Land, das mehr aus Beton, Eisen, Glas und Dampf zusammengesetzt ist als aus Gestein, Holz, Wasser und Luft“ – Leipzig 1963

Foto: Marco Bertram/Imago

Literatur war wichtig im Leseland DDR. Staatstragend wichtig sogar. Deswegen meißelten die SED-Literaturfunktionäre auf der berühmten Bitterfelder Konferenz im April 1959 auch noch einmal in ihre landauf, landab verbreiteten Reden, wer deren Protagonisten sein sollten: die Helden des sozialistischen Aufbaus. Gestählte, gebildete, tatkräftige und selbstlose Menschen. Drei Jahre später, also 1962, landete ein junger Mann aus der Mongolei, aufgewachsen als Sprössling der Tuwa-Nomaden im Altai-Gebirge, fünfunddreißig Kilometer südlich von Bitterfeld, in Leipzig. Galsan Tschinag hatte ein Stipendium erhalten, um im sozialistischen Bruderstaat Deutsch zu lernen. 1968 kehrt er als Diplom-Germanist in die Mongolei zurück.

Von diesen sechs Leipziger Lehrjahren erzählt Tschinag in seinem autobiografischen Band Kennst du das Land. Was nach dieser Zeit kommt, ist seinen Anhängern weithin bekannt: Tschinag, eigentlich Irgit Schynykbaj-oglu Dshurukuwaa, hat rund 40 Bücher mit deutschsprachiger Prosa und Gedichten gefüllt, als Schamane Sinn- und Heilsuchende begleitet, als Stammesoberhaupt eine Karawane der Tuwa aus Sibirien in die mongolische Heimat geführt. Für sein Werk hat er viele Literaturpreise gewonnen, für sein Wirken als Kulturmittler das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Als Tschinag 18-jährig nach Leipzig kommt, ist er beeindruckt. „Es ist ein gewaltiges Land, das mehr aus Beton, Eisen, Glas und Dampf zusammengesetzt ist als aus Gestein, Holz, Wasser und Luft“, heißt es zu Beginn. Die Sprache ist für ihn ebenso neu wie die lateinischen Buchstaben und die Alltagskultur. Für seine Mitstipendiaten, die der sozialistisch-großstädtischen Elite entstammen, ist er, der Nomade aus dem Altai, ein Hintersteppler, der mit seiner Kulturlosigkeit „den guten Ruf unseres Vaterlandes“ besudelt. Das trifft Tschinag. Und zwar so sehr, dass er seine „plumpe nomadische Hülle“ ablegen möchte. Mitunter hilft ihm auf dem Weg zum neuen Menschen auch der Zufall: Das f kann er erst aussprechen, nachdem sein Mitbewohner ihm, dem „Stinkmund“, die Lippe blutig geschlagen hat.

Tschinag wird der erste Diplom-Germanist aus der Mongolei. Schon die Titel-Referenz auf Wilhelm Meisters Lehrjahre vom Großmeister Goethe weist darauf hin: Kennst du das Land ist buchstäblich ein Entwicklungsroman. Und zwar einer, dessen Oberfläche geglättet und mit reichlich Schmierfett bestrichen ist, damit er vor Folgerichtigkeit nur so flutscht.

Er schleckt Augen aus

Ab und zu hakt es aber trotzdem. So montiert der Autor zum Beispiel seitenlange Liebesbriefe an eine „Verena“ in den Text, von denen es aber abschließend heißt, er habe sie alle verbrannt. „Dauernd glaubte ich“, heißt es in einem der Briefe, „deine quellvollen, himmelklaren Augen und deine blütenzarten, kindskleinen Händchen vor mir zu sehen, und wünschte mir so sehr, die Ersteren ausschlecken und die Letzteren anwärmen zu dürfen.“

Die Augen schleckt er dann nur einem Freund aus, einem Leipziger Tibetologen, nachdem eine Fliege dort im Vorbeiflug Maden abgelegt hat. Bei ihm und seiner Frau, im Text unter den Pseudonymen Matthias und Esther Schwan firmierend, kommt Tschinag unter. Mit Esther reist er in seine Heimat, wo er sich (und sie ihn) davon überzeugt, dass sein Volk alles andere als kulturlos ist. Der Nachruhm dafür, dass die beiden im Altai das Erzählgut der schriftlosen Tuwiner sammeln, wird anschließend allerdings etwas ungleich zugunsten von Esther verteilt. Jahre später zerbricht die Freundschaft der beiden.

Leipzig bleibt dem Autor aber trotzdem in guter Erinnerung. Es ist seine Mutterstadt, in der er neu geboren wurde. Allerdings taugt der Text nicht als Liebeserklärung, als die er sich mitunter verkaufen möchte. Denn Leipzig bleibt Kulisse. Politik und Zeitgeschichte spielen keine Rolle. Über die germanistische Fakultät an der Karl-Marx-Universität, in der nach dem Weggang Hans Mayers 1963 ein scharfer Wind wehte, erfährt man kein Wort.

Nein, Tschinag hat keine Memoiren geschrieben. Eine Liebeserklärung ist es trotzdem. An sich selbst.

Info

Kennst du das Land – Leipziger Lehrjahre Galsan Tschinag Unionsverlag 2018, 320 S., 19,99 €

06:00 28.04.2018

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