Im Vorgarten steht ein Reh aus Ton

Israel Fast 500.000 Israelis leben in der Westbank und in Ost-Jerusalem. Sie beharren auf dem Recht des „natürlichen Wachstums“ und wollen das Land behalten

Die Yellow-Tankstelle von Ofra leuchtet im Abendrot wie ein Hopper-Gemälde. Dahinter reiht sich über eine Hügelkette hinweg ein rotes Spitzdach an das andere. Mitten im ausgedorrten, staubtrockenen Land blühen Kreisverkehrsinseln, denn Ofra ist eine Siedlung und liegt mitten in der Westbank – mitten in palästinensischem Kernland.

Ein gelber Schlagbaum trennt hier Welten und Schicksale. Hinter der Barriere wartet Alicia Herbst, um die fremden Besucher mit einem sterilen Lächeln und einem blitzenden silbernen Davidstern an der Bluse zu begrüßen. Sie stamme aus Texas, erzählt sie im Plauderton, lebe aber seit Jahren mit ihrer Familie in dieser Gegend. „Wir dachten anfangs, dass hier alle verrückt sein müssten, bis wir herausfanden, dass die Leute eigentlich ganz normal sind.“ Heute wird Alicia für verrückt gehalten, weil sie ausgerechnet im Westjordanland leben will und ausgerechnet hier an eine Zukunft glaubt.

Spirituelle Liebe zum Land

Alicia bemüht sich, als PR-Managerin ein sympathisches Bild ihrer Nachbarn zu zeichnen, die nicht ins hässliche Raster militanter Siedler passen wollen, von denen Palästinenser mit der Waffe bedroht und Olivenhaine zerstört werden wie anderswo im Westjordanland. Die Siedler, die Alicia Herbst präsentiert, sind freundliche Menschen wie Ruchie Diner.

Die 56-jährige Sekretärin und Mutter dreier Kinder gehört zu den Pionieren von Ofra. 1979 zog sie mit ihrem Mann hierher. Den Weg durch ihren Vorgarten säumen Margariten, ein Reh aus Ton grast friedlich unter einem Zitronenbaum. Es war der Glaube, der die Familie Diners nach „Samaria“ ziehen ließ, wie die Siedler das nördliche Westjordanland mit Bezug auf das Alte Testament noch immer nennen. Gott habe ihnen das Land versprochen, deshalb sei es ihre Pflicht, diese Erde zu besiedeln. „Die Araber“, findet Ruchie Diner, „haben mit dem Sechs-Tage-Krieg das Recht verloren, hier zu leben.“

Fast 480.000 Siedler konzentrieren sich heute im Westjordanland und in Ost-Jerusalem. Auf den Landkarten der UNO sind ihre Siedlungen dunkelbraun schraffiert wie zerstreuter Kaffeesatz. Erste Camps entstanden im Jahr 1967 bald nach dem Ende des Sechs-Tage-Krieges, als die israelische Armee mit ihrem Vormarsch die Westbank, den Gaza-Streifen, die Golan-Höhen und die Sinai-Halbinsel eroberte und besetzte. Damals begann eine Siedlungspolitik (s. Übersicht), wie sie seither von allen Regierungen vorangetrieben wurde. Auch die Diners erfasste dieser Taumel, beflügelt von einer „spirituellen Liebe zum Land“, wie Ruchie Diner es zu erklären versucht. „Es ist wohl in meiner DNA“, sagt sie und zuckt verlegen mit den Schultern.

Doch das Land, das Ruchie Diner so magisch anzieht, gehört nicht ihr, sondern zu 85 Prozent Palästinensern, wie die israelische Nichtregierungsorganisation (NGO) Shalom Achshaw anhand von Dokumenten der zivilen Militärverwaltung zum Fall Ofra kürzlich aufdeckte. Wer davon anfängt, ist in der Siedlung kein willkommener Gast mehr. „Die Gegend war kaum besiedelt. Rundherum gab es nur Natur, sonst nichts“, rechtfertigt sich Ruchie Diner und bedient den Mythos vom Land ohne Volk, an den er glaubt.

Felsenfest in Reih und Glied

In den umliegenden palästinensischen Dörfern sieht man das naturgemäß anders. Fünf Familien der Nachbargemeinde Ein Yabrud klagen zur Zeit gemeinsam mit dem israelischen Hilfsverband Yesh Din vor dem Obersten Gericht. Allein 2008 sollen neun Häuser auf privatem palästinensischen Gelände gebaut worden seien. Beileibe keine Einzelfälle. 186 Abrissbefehle wegen illegalen Bauens hat die zivile Militäradministration der Westbank bereits gegen Siedler in Ofra erteilt, doch wird ein solcher Bescheid zumeist ignoriert – die betreffenden Häuser stehen weiter felsenfest in Reih und Glied. „Das Land wurde rechtmäßig erworben“, erklärt Merav Gold, die Gemeindekoordinatorin von Ofra, mit ruhiger Stimme an ihrem Schreibtisch. „Die Araber waren glücklich, es zu verkaufen“. Die Transaktionen seien im Stillen abgelaufen, um die Palästinenser vor dem Zorn ihrer eigenen Leute zu schützen. Das sei auch der Grund, weshalb die Käufe nirgends registriert seien.

Merav Gold, eine runde Frau mit milden Gesichtszügen, die ihren geflochtenen Zopf unter einem grauen Schlapphut versteckt, hat einen Studienabschluss in israelisch-arabischer Literatur. Sie kam nach ihrem Armeedienst 1978 nach Ofra, zog hier acht Kinder groß. Merav Gold ist nicht militant oder aggressiv, sie träumt aber wie alle anderen in Ofra den Traum vom Leben auf biblischem Boden. „Wir werden nicht zulassen, dass die Araber uns kontrollieren“, lächelt sie mild. „Wir wollen keinen Palästinenserstaat in unserem kleinen Land.“ Auch wenn man es in Ofra nicht so recht zugeben will: Die jüngsten Klagen vor dem Obersten Gericht beunruhigen die Gemeinde. Ofra gilt als ein Flaggschiff der Siedlerbewegung. Niemand spricht es aus, aber sollte es irgendwann einen palästinensischen Staat geben, müsste Ofra geräumt werden. Etwa zehn Kilometer hinter Ramallah liegt diese Siedlung viel zu weit östlich der Grünen Linie, die als künftige Staatsgrenze denkbar wäre.

Zudem bringt Ofra wenig Masse auf die Verhandlungswaage, verglichen mit den großen Siedlungsblöcken, in denen vier Fünftel aller Westbank-Israelis leben. Gegen die ist Ofra nur ein winziger Sprengel im großen Glaubens- und Beharrungskrieg.

Ein Steuerparadies

Ein paar Sportplätze, Werkstätten, Geschäfte, eine Weinkelterei: Auf den ersten Blick hat Ofra auch ökonomisch wenig zu bieten. Zwischen den jüdischen Feiertagen wirkt die Siedlung wie ausgestorben. „Natürlich kommen einige Siedler auch aus ideologischen Motiven“, erklärt Mosi Raz von der NGO Shalom Achshaw. „Andere zieht der höhere Lebensstandard besonders an.“ Nicht nur beim Kauf von Grundstücken schießt die Regierung Netanjahu zu, auch Dienstleistungen für die Siedlungen, die Wasser- und Stromversorgung etwa, werden vom Staat subventioniert. Außerdem empfehlen sich Orte wie Ofra als kleines Steuerparadies. Prämien und günstige Kredite tun ein Übriges, immer mehr Israelis ins Gelobte Siedlunsgsland zu locken.

Ofra zählt im Herbst 2009 etwa 3.000 Einwohner. Wenn es nach Merav Gold geht, sind das nicht genug. Seit zwei Jahren – klagt sie – würden für Ofra keine Baugenehmigungen mehr erteilt. Daher führe man Wartelisten, aber schließlich werde Benjamin Netanjahu Wort halten und Ofra ein Wachstum bescheren, das es verdient habe. Mehr als 50 Familien stehen derzeit auf Golds Liste, lediglich zwölf sind Nachkommen von Israelis, die bereits in der Westbank leben. Die anderen stammen aus dem israelischen Kernland.

Den Traum vom eigenen Haus und eigenen Land in „Samaria“ träumen auch Simcha Simchon und seine Frau Liron. Gemeinsam mit ihren kleinen Töchtern Schira und Halal leben sie vorübergehend in einer ehemaligen jordanischen Militärbaracke, drei Zimmer auf 54 Quadratmetern. Entbehrungen nehmen die Simchons gern in Kauf. „Ich liebe die Ruhe hier und die Nachbarschaft“, erzählt Liron. Früher hätten sie in der Nähe von Tel Aviv gewohnt, doch nach ihrem Studienabschluss wollten sie nach Ofra zurück. Bald würden sie aus der Baracke in ein Haus umziehen – für umgerechnet 200 Euro Monatsmiete. „Irgendwann müssen wir uns entscheiden, wo wir leben wollen“, räumt Simcha ein. Liron widerspricht vehement. Nur hier in Ofra. Nur hier habe man doch eine Zukunft. Wo sonst?

1992 oder 1993 müsse es gewesen sein, während des Oslo-Prozesses, da hätten ihre Eltern überlegt, ob es sich noch lohne, die Küche zu renovieren, erinnert sich Liron. „Und dann haben sie es irgendwann einfach getan.“ – „Es ist unser Land, historisch und biblisch. Wir stehen hier an der vordersten Front“, ist Simcha, ihr Mann, überzeugt

Auf den Landkarten der Vereinten Nationen sind zur Zeit 121 Siedlungen sowie mehr als 100 so genannter illegaler „Outposts“ im Westjordanland verzeichnet. Seit den neunziger Jahren hat sich ihre Zahl verdreifacht; das Bevölkerungswachstum in den Siedlungen gerät fast dreimal so hoch wie im Staat Israel selbst. Wird man die Siedlungen jemals räumen können? Mosi Raz von Shalom Achshaw ist skeptisch. Mehrere hunderttausend Siedler für einen Umzug zurück ins israelische Kernland zu entschädigen, glaubt er, sei volkswirtschaftlich nicht zu verkraften. So sind die Siedlungen mittlerweile nicht nur aus ideologischen Gründen ein unüberwindbares Hindernis, sollte es wirklich einmal soweit sein, dass sich die Konturen eines palästinensischen Staates abzeichnen, der mehr ist als ein Homeland von Israels Gnaden.

In Ofra dämmert der Abend, es rauscht in der Luft, der Wind weht die Klänge der Muezzine von den umliegenden arabischen Dörfern über die Veranda und erinnert die Siedler daran, in ihrem Idyll nicht allein zu sein. Alicia Herbst und Ruchie Diner, Merav Gold und die Simchons sind gastfreundliche, aufgeschlossene Menschen, die jedoch niemals freiwillig weichen werden. Soviel steht fest.


Aus der Chronik der israelischen Landnahme

Nullpunkt Hebron
Kurz nach dem Sechs-Tage-Krieg vom Juni 1967 trifft eine Gruppe streng religiöser Israelis in der palästinensischen Stadt Hebron ein, in der sich das Grab des Patriarchen Abraham befindet (den die Muslime als Ibrahim verehren). Anführer der Gruppe in der besetzten Westbank ist der Rabbiner Levinger. Er erklärt, man wolle nur das jüdische Osterfest am Grab Abrahams feiern. Tatsächlich gründet er unter dem Schutz der Armee ein Kibbuz auf fremder Erde und bleibt. Diese allererste Siedlung existiert als Kiriat Arba bis heute.
Schirmherr Armee
Der damalige Verteidigungsminister Moshe Dayan setzt sich ab 1968 für den Schutz der schnell wachsenden Siedlungen durch die Armee ein. Auch nicht-religiöse Israelis wandern in die Westbank aus. Offiziell argumentiert die Regierung, der beste Schutz Israels vor feindlichen Palästinensern seien militärisch gesicherte Camps außerhalb der palästinensischen Bevölkerungszentren. So nimmt das auch 40 Jahre später noch praktizierte Modell Gestalt an: die Siedlungen werden Vorposten der Besatzungspolitik.
Expansionsopfer Recht
Ab 1970 entstehen immer häufiger Siedlungspunkte ohne staatliche Planung. Die in der Regel aus Zelten bestehenden Camps, werden von der israelischen Regierung im Unterschied zu den aus strategischem Kalkül errichten legalen Siedlungen als illegal bezeichnet. Laut Völkerrecht sind jedoch alle Siedlungen illegal, die auf besetztem Land errichtet werden. Das Argument, die Westbank sei bis 1967 nicht Teil eines souveränen Staates gewesen, sondern nur von Jordanien verwaltet worden, weist die UNO zurück.
Brennpunkt Jerusalem
Auch an der Peripherie Jerusalems wird nach 1967 mit Siedlungsbau begonnen, um vollendete Tatsachen zu schaffen. So wird 1980 entschieden, das mehrheitlich von Palästinensern bewohnte Ost-Jerusalem zu annektieren und durch Zuzug von Israelis dafür zu sorgen, dass eine Wiederaufteilung der Stadt in einem jüdischen und arabischen Teil unmöglich wird. Auch dies ein Verstoß gegen das Völkerrecht. Was allein zählt: Ein entarabisiertes Ost-Jerusalem kann nie Hauptstadt eines Palästinenserstaates sein.

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05:00 08.10.2009

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