Im Wattenmeer der Utopie

AUTOR NACHLAUFENDER BEDEUTUNG Wie zufällig mir Günter Grass begegnete

    Was ist Westen, was ist Osten?Bestimmen wir diese Begriffe geographisch, historisch oder tagesaktuell? Oder nach Stimmungslage? Eine Frage, die auch Schriftsteller umtreibt. Ein Barometer dieser Definition ist der Literaturnobelpreisträger Günter Grass, der immer "in beide Himmelsrichtungen" schrieb. Antworten auf die genannte Frage geben die beiden Schreibenden Kathrin Schmidt (Ost) und (West), der gerade in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis 2000 erhalten hat. Sie berichten dabei auch über Spannungsverhältnis zu dem Danziger Autor, der dieser Tage seine Textheimat Langfuhr (heute Wrzeszcz) besuchte.

In früher Schulzeit sangen wir, als Junge Pioniere, hingebungsvoll und lauthals (falsch) ein Lied, das uns auf eines der hingehämmerten Ideale einzuschwören hatte. Mit unseren noch nicht brüchigen Stimmchen gelobten wir,"wie Ernst Thälmann - treu und kühn!" unseren vielfältigen Pflichten nachzukommen. Nun verhielt es sich aber so, dass wir Ernst Thälmann nicht kannten, dafür aber Frau Kühn, die Lehrerin der Parallelklasse, und eines Tages war es so weit: Rainer sang zur Leistungskontrolle einen eigenen Text, einen, den er verstand: " ... wie Ernst Thälmann und Frau Kühn!" Unser Gelächter trieb den Jungen ins Weinen, mir ist beim Erinnern daran noch heute etwas mulmig zumute ... Frau Kühn wurde kurze Zeit später berentet und verzog aus Thüringen ins westliche Coburg, von wo aus sie an die ehemaligen Kolleginnen und Kollegen hin und wieder Briefe schrieb und auch gelegentlich zu Besuch kam.

Eine dieser Kolleginnen war meine Mutter, die die späteren Begegnungen der mehr und mehr ins Rentenalter wechselnden Lehrerschaft mit der Übergesiedelten in der Veranda unserer thüringischen Wohnung ausrichtete, kochte, buk und sich in den diesbezüglichen Lobgesängen aalte. Hin und wieder wurde jenes Pionierlied angestimmt und in Rainers Variante unter Lachtränen abgesungen. Ich verstand nicht recht, was Frau Kühn, immerhin in einem Atemzug genannt mit Ernst Thälmann, im Westen zu tun haben sollte. Darüber klärten ihre Briefe nur wenig auf. Ich las sie heimlich, nachdem ich sie aus dem Briefständer im Wohnzimmer gezogen hatte. Meine erste Begegnung mit Günter Grass erfolgte in einem dieser Kühnschen Briefe: Frau Kühn hatte eine Lesung besucht, sich angetan geradezu, eines ganz und gar ekelhaften Romanes: Günter Grass´ Blechtrommel habe ihr Brechreiz verursacht, eine wahre Brechtrommel also, so etwas sei in der DDR nicht denkbar gewesen, und sie überlege sich schon, ob das nicht ein Vorteil gewesen sei. Ich war stolz auf die DDR, dass sie keine ekelhaften Sachen machte/mochte. Beruhigt schob ich den Brief ins Kuvert zurück.

Mit Verzug auf dem Butt in die Triple Entente und wieder zurück zur Literatur

Immerhin: Meine Neugier war gereizt worden ... Es gab im Haushalt meiner Eltern die üblichen verbotenen Bücher, Dr. Schnabels Ehebuch zum Beispiel oder eine in edles Leinen gebundene Ausgabe der Geschichten aus 1001 Nacht. Es gab auch unübliche verbotene Bücher: Walter Kempowskis Romane über seine Haftzeit in der DDR. Ich ahnte nicht, was das mit meiner Familie zu tun haben könnte, ich musste erst erwachsen werden, um zu erfahren, dass mein Vater ein langjähriger Mithäftling Walter Kempowskis gewesen war und dass seine Bücher auf sehr heimlichen Wegen über westliche Verwandte zu uns gelangt waren. Als Kind liebte ich jedoch die üblichen und unüblichen verbotenen Bücher mehr als andere, das heißt, ich nutzte jede Gelegenheit, sie hinter den nicht verbotenen Büchern hervorzuziehen. So lange ich auch wartete: Ein Buch von Günter Grass kam niemals zum Vorschein, auch in der Schule schien man ihn nicht zu kennen. Dort wurden ohnehin nur zwei Sorten Ekelkategorien vermittelt: Die "politische" und die "sexuelle". Welcher Flasche der Dshinn Grass also entwichen sein mochte, blieb für mich lange Zeit offen.

Dasjenige seiner Bücher, das ich, auf Empfehlung einer anderen Autorin übrigens, dann als erstes las, war Der Butt, und wir hatten unterdessen die Mitte der achtziger Jahre erreicht. Ich war in Verzug geraten, wie mir sehr schnell klar werden musste. Der Text schloss sich umstandslos einem anderen an, den ich gute zehn Jahre zuvor gelesen hatte und verehrte, indem ich ihn stets in vorderster Reihe meines Bücherregals aufbewahrte und regelmäßig durch Nachschlagen entstaubte: Es war der Text einer Frau, nämlich Irmtraud Morgners Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura. Zur deutsch-deutsch-kolumbianischen Triple Entente in meinem Kopf geriet das Zweierbündnis Morgner-Grass durch den Eintritt einer weiteren Autorenperson in meinen Lesezirkel: Gabriel García Márquez brachte sich 1986 mit Hundert Jahre Einsamkeit in Stellung - mehr "Buch" brauchte ich nicht. "Buch" verwandte ich damals synonym für Historienschinken, Abenteuer, Unterhaltung, Krimi. Ich liebte Buch. Aber für Literatur hielt ich es nicht.

Buch hatte seine Wirklichkeit außerhalb der Sprache, in der es geschrieben worden war. Diese Wirklichkeit mochte jene sein, die ich zu teilen glaubte in meiner physischen Existenz, oder aber eine erdachte, eine Kopf-Wirklichkeit - in beiden Fällen war die Sprache nur das von mir benutzte Transportmittel ans Ziel des außerhalb befindlichen Sinns. Wie es mich über die Wellen schaukelte, ob es geradlinig auf sein Ende zuging, machte die Eigenart des Buch-Genusses aus. Buch wurde durch und für mich mit dem Verdikt belegt, nicht Literatur zu sein.

Was aber war Literatur? In Beispielen gesprochen: Wolfgang Hilbigs stimme stimme, sein einziger in der DDR erschienener Band, Lyrik und Prosa. Elke Erbs Vexierbild, die Gedichte Sarah Kirschs in den siebziger, achtziger Jahren. Tja, so war das: Diese Texte, deren Realität sich für mich offenbar nicht einfach außerhalb ihrer Sprache festmachen ließ, sondern die im Zusammenwirken von Sprache und Sinn eine spezifische Text-Wirklichkeit schufen, hatten eine solche Schwingungsamplitude, dass ich ihre Wirkung körperlich spüren konnte, musste, und zu eigenem Textausstoß mißbrauchte. Nach Deutungsmustern zu rufen, wäre mir nicht in den Sinn gekommen, während die schönen Grass'schen Romane (und ihresgleichen) ein Verstehen einforderten jenseits der sinnlichen Wahrnehmbarkeit der Sprache und ihren "Gehalt" freiwillig der Messlatte dieses Rezeptionstopos unterwarfen. Und so war es dem Butt gegeben, meinen Freundeskreis über die Alltagstauglichkeit männlicher Lebensentwürfe diskutieren zu lassen, über die angesichts unseres beschränkten Geschichtsverständnisses fremd anmutende Geschichte deutsch-polnischer Mischküche, über die Zeit vor und nach 68, das wir als Jahr der Deutschen Trennung definierten. Weil nämlich der "Westen" von da an mittels Teilinstallation antiautoritärer Strukturen sich selbst in die Zukunft wenigstens bürgerlichen Rechts beförderte, die für den "Osten" damals, in den achtziger Jahren, einfach jenseits des Erreichbaren lag. Es gab was zu lernen beim Autor Grass, nur über Literatur diskutierten wir an seinem Beispiel eher selten. Ich erinnere mich, dass ich beim Lesen des Butts immer wieder von meiner eigenen Imagination des Autors Grass unterbrochen wurde, den ich mir nicht anders als ausgesprochen versessen auf Verehrungsgesten vorstellen konnte. Das sollte doch Achtung abnötigen, oder?, was er da in steter Fleißarbeit an historischer Detailgenauigkeit beigebracht hatte. Das sollte den künstlerischen Ent-Wurf des Butts doch unangreifbar machen, oder?, so wie der selbst im Wattenmeer der Utopie fest im Allwissensschlick steckte.

Immerhin fanden wir in den Büchern des Günter Grass einen weiteren Beleg dafür, dass die Flakhelfergeneration im Herbst 1949 nicht etwa zum Sammeltransport in die Bundesrepublik aufgebrochen war, wie zu glauben man uns nahegelegt hatte. Nein, wir stellten sie nunmehr, selbstredend mit gewohnter Verspätung, in den Körpern unserer östlichen Väter, und die antworteten auf unsere bescheidene Verwirrung mit wenig effektiven Linksauslegern aus den Armlöchern der spröden Leibpanzer. Tja, bei uns hat eben alles seine Zeit gedauert. Als westdeutsche Frauen schon längst den Spung auf die andere Seite der Kinder- und Herdbarrikade geprobt hatten, stand ich im Osten seltsam blass in der Windelküche und wußte nicht recht, wohin ich in meiner zumindest im Bezugssystem DDR nachweislichen ökonomischen Unabhängigkeit hätte aufbrechen können. Eine Zeitlang trug ich mich mit dem Wunsch, mich in Kasachstan niederzulassen. Ich schämte mich wenig später dafür, dass ich von den dort seit Jahrzehnten lebenden Deutschen nichts wußte, und beinahe noch mehr schämte ich mich dafür, dass sie Kasachstan offenbar verließen, um in die Bundesrepublik zu gehen. Mit dem Ende der DDR wollte ich erst einmal ein paar Jahre lang den Mund halten und nachsitzen dürfen. Dabei erwies sich Günter Grass für mich als einer der besten denkbaren Pauker.

Literatur? Ohne nachlaufende Bedeutung ...

Wie gesagt, hatte ich in meiner naiven Neigung zur lyrischen Sprache schon früh begriffen, was mir den besonderen Literatur-Genuß zu verschaffen vermochte: Die Herstellung eines besonderen Zusammenhanges zwischen Sinn und Form nicht als Mittel, sondern als Ziel jedes literarischen Prozesses aufzufassen. Die beim Autor Grass fest gefügte, quasi vorab definierte Bildlichkeit seines Mediums, die Benutzung der Sprache als eines Ausdrucksmittels für ein außerhalb des Wortes befindlichen Zusammenhang, paßte mir nicht in den Kanon. Während des Auf-Schreibens von Gedichten, die meist in meinem Kopfe fertig werden, ehe sie über die Tastatur auf den Bildschirm geschickt werden, kann ich mich niemals zu einer "Thematik" dieser Texte äußern, obwohl sie, wenn ich sie später lese, keineswegs ohne das auskommen, was man ein Thema nennt. Aber während des Schreibens geht es darum nicht. Den an dieser Stelle zu erwartenden Einwand, dass Lyrik eine spezielle literarische Gattung der Synästhesie und vom Sinntransportunternehmen Prosa eben deutlich zu unterscheiden sei, würde kaum eine/r der mir liebsten Autorinnen und Autoren gelten lassen.

Wie mich die Bedeutung dennoch einholte

Ich muss zugeben, dass mich dann doch der Wunsch überkam, etwas mitteilen zu wollen. Literatur hatte ich nicht vor. Es war ganz wie früher, ich wollte alles in einem: Historienschinken, Abenteuer, Unterhaltung, Krimi. Es wollte ein Buch werden und einen Sinn haben, und es schrieb sich sehr leicht aus einer mir bis dahin unbekannten Vertiefung in Nabelhöhe. (Dort jedenfalls spürte ich nach jeder Seite der Gunnar-Lennefsen-Expedition einen spannenden Frieden.) Am Ende war etwas herausgekommen, dem man eine Nähe zu Günter Grass entweder vorhielt, nachsah oder mit Freuden abnahm, ganz nach Gusto. Wie übrigens auch den Bezug auf Irmtraud Morgner oder gar, Verzeihung, auf Garcia Marquez. Ich hatte davon keine Ahnung, und ich lehne es ab, darüber viel wissen zu wollen. Ich beschäftige mich jetzt mit Literatur? Ich schreibe Gedichte? Ich kann mich nicht einfach in den Zustand der Unschuld zurückversetzen, den ich mit dem Sündenfall eines Debütromans wissentlich verließ, auch wenn das zuweilen ziemlich deutlich als Aufgabe in den Raum gestellt wird. Aber mit Günter Grass hat, was ich vorhabe, so viel und so wenig zu tun wie immer.

Es gelingt Günter Grass auch als Nobel-Preisträger, umkämpft und umstritten zu erscheinen. Kampf und Streit vollziehen sich, wie früher, deutlich außerhalb des Feldes der Literatur, der Kampfgeist entweicht heute, anders als früher, häufiger der "politischen" Flasche als jener mit dem Etikett "sexuell". Wie gesagt, das sollte man alles nicht so literarisch nehmen, schimpft es sich doch ganz angenehm kühl im Schatten nachlaufender Bedeutung.

Kathrin Schmidt, geb. 1958, lebt in Berlin. 1993 erhielt sie führ ihren Gedichtband Flussbild mit Engel den "Leonce-und-Lena-Preis". 1998 erschien ihr Roman Die Gunnar-Lennefsen-Expedition, demnächst kommt bei Kiepenheuer und Witsch ihr Gedichtband Wenn wieder die Weibsmauser naht heraus.

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00:00 07.07.2000

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